ANDERS. NUR NICHT KONVENTIONELL.


Über das Maß aller Dinge: Katja Kraft im Gespräch mit Modeschöpferin Natascha Müllerschön und Kunsthistorikerin Mon Müllerschön. 

In der Tradition der „Poupées de Mode“ erstellt Natascha Müllerschön Modisches im kleinen Format: DIE Hingucker in ihrem Atelier in der Münchner Siegesstraße.

Natürlich könnte Natascha Müllerschön auch einfach alle Fünfe gerade sein lassen. Ob die Naht im Unterstoff des Rocks jetzt zu 100 Prozent gerade ist, merkt doch der Kunde nicht. Aber Natascha Müllerschön merkt’s. Und macht bei einem nicht tadellos gesetzten Stich alle Nähte nochmal auf. Perfektionistin durch und durch. Ihre ehemalige Schwägerin und enge Freundin Mon Müllerschön nennt’s: Künstlerin. Und tatsächlich kann man sich kaum sattsehen an den fantastischen Werken, die Modedesignerin Natascha Müllerschön in ihrem Atelier am Englischen Garten ausstellt. Diese Schnitte! Diese Stoffe! Und, mein Gott, diese Stickereien. Sämtlich von der Inhaberin persönlich per Hand gefertigt. Da flattern Schmetterlinge ein Brautkleid empor als flögen sie geradewegs aus dem Bauch der verliebten Trägerin; oder es zieren perfekt synchrone Ornamente die Ärmel eines eleganten Blazers.

 

Natascha (re.) und Mon Müllerschön.

Auch nach all den Jahren, die die beiden Frauen sich schon kennen, ist Mon Müllerschön voller Euphorie angesichts dieser Schätze. Als Kunsthistorikerin, die mit ihrer Firma MM-Artmanagement exquisite Sammlungen überall auf der Welt aufbaut, hat sie ein geschultes Auge für Kunst. „Das müssen Sie sich anschauen!“, ruft sie begeistert, als wir uns zu dritt im Atelier zum Gespräch treffen. „Dieser Stoff – wunderbarer italienischer Kaschmir. Und was macht Nana damit?“ Trockener Einwurf der Modeschöpferin: „Ich steck den bei 60 Grad in die Waschmaschine.“ Irritierte Nachfrage: erst ein kleines Probestück? Mon Müllerschön, lachend: „Nee, komplett. Die ist brutal!“ Weil die Designerin keine Lust hat auf konventionell. Kaschmir, wahnsinnig schön – aber in ihren Augen eben auch: wahnsinnig konservativ und langweilig. Ihr Mut wird belohnt, durch das heiße Wasser in der Waschmaschine ist ein aufregender neuer Stoff entstanden, noch immer weich wie Kaschmir, aber dafür von viel interessanterer Struktur, dicker, reizvoller. Anders.

Natascha Müllerschön liebt das Spiel mit den Materialien. So war das schon immer. Damals, in den Achtzigern, als München zwar gesellschaftlich so viel bunter und spannender war als heute – in Sachen Mode aber eine Wüste. „Es gab kaum Boutiquen, in denen du schicke Sachen bekommen hast. Und so haben wir improvisiert. Wer gut aussehen wollte, musste kreativ sein“, erinnert sich Natascha Müllerschön. Sie war’s, schneiderte sich selbst die wildesten Kreationen – und hörte bald immer wieder: „Wo hast du das her? Kannst du mir das auch machen?“ Da dachte sie sich: „Sieh an, da kann man ja Geld mit verdienen.“ Und so fing’s an. 

1984 gründete sie ihr eigenes Atelier, in der Rambergstraße, um die Ecke vom Arri Kino. Durch ihre Familie eng verbunden mit der Filmbranche, war Natascha Müllerschön bald auch beruflich mittendrin. Alle kamen sie schon damals zu ihr, um sich einzukleiden. Iris Berben, Senta Berger, Fanny Ardant, Gudrun Landgrebe. „Unser Geschäft wuchs und wuchs, in High Times hatte ich 14, 15 Mitarbeiterinnen. Wir haben auch ausgebildet.“ 1988 zog sie in einen größeren Laden um, in die Franz-Joseph-Straße. Mon Müllerschön erinnert sich gut an das Riesenschaufenster, das ihre Ex-Schwägerin voller Sorgfalt und Liebe dekorierte: „Die Leute haben davor in zweiter Reihe geparkt, um sich das anzuschauen.“ Puppen in Miniatur zogen hinter den großen Scheiben die Aufmerksamkeit auf sich. Umschmeichelt von den schönsten, fantastischsten Kleidern. 

Mit diesen Poupées de Mode führt Natascha Müllerschön eine jahrhundertealte Tradition fort. Zwei Mal gewann sie mit den hübschen Püppchen, von denen heute einige in ihrem Atelier in der Siegesstraße hängen, den „AZ-Stern“. Jene begehrte Auszeichnung, mit der die Kulturredaktion der Münchner Abendzeitung alljährlich besondere künstlerische Leistungen und kulturelle Höhepunkte des zurückliegenden Jahres ehrt. Mon Müllerschön deutet auf eine der Puppen, auf deren perfektes kleines Kleid, bei dessen Anblick man sich wünschte, für einen Moment auf 50 Zentimeter zu schrumpfen, um hineinschlüpfen zu können. „Nana ist eine ganz große Künstlerin im Bereich der Mode.“ Die winkt bescheiden ab. Mode – ist das Kunst? Wer regelmäßig die Auktionen bei NEUMEISTER verfolgt, der kennt die Antwort: aber ja. Immer wieder werden kostbare Vintage-Stücke versteigert, zeitlos schön. Und höchste Design- und Handwerkskunst. In den vergangenen 40 Jahren hat Natascha Müllerschön ihr Können immer weiter verfeinert, ist immer NOCH besser geworden. Wie bildende Künstler lässt sie sich in ihren Entwürfen von kleinen Inspirationsfunken elektrisieren: „Du bist irgendwo, siehst irgendwas, einen Schachtelhalm zum Beispiel – und beim genaueren Betrachten kommen dir neue Ideen. Ein wichtiger roter Faden dabei ist für mich die eigene Vergangenheit. Oft entstehen Kreationen, die auf einer früheren beruhen, die ich vor 20 Jahren gemacht und sehr geliebt habe – es reizt mich, an solchen Entwürfen mit meiner heutigen Sicht auf die Welt noch einmal nachzuschrauben.“ Mon Müllerschön muss lächeln: „Ganz viele Künstler schauen an einem bestimmten Punkt ihres Lebens zurück auf ihr Werk und übersetzen dann die Arbeiten, die ihnen wichtig sind, ins Jetzt. Warhols ,Retrospective‘ oder Baselitz’ ,Remix‘ beispielsweise. Kunst fängt nie bei Null an.“

Dabei heißt ein frischer Blick aus heutiger Sicht bei Natascha Müllerschön nicht bemühtes Umschwenken auf Nachhaltigkeit. Was für andere ein kalkuliertes Aufspringen auf den Zeitgeist-Zug ist, hat sie von Anfang an betrieben. „Wir haben schon immer nur hochwertige Naturmaterialien verwendet.“ Auch dem übrigen Modezirkus hat sie sich nie untergeordnet, sich nicht von jeweiligen „Trends“ beeindrucken lassen. „Wenn mich eine Kundin fragt: ,Was ist denn heute in?‘, antworte ich: ,Das interessiert mich überhaupt nicht. Mich interessiert: Was ist gut für Sie?‘“ Ein Erfolgsrezept. Etliche Stammkundinnen hat sie, die auf ihr Auge vertrauen. Denn auch das zählt ja zum Modemachen – die Menschen, die man einkleidet, zu SEHEN. Sie so anzuziehen, dass sie sich nicht verkleidet fühlen; dass nicht das Kleid im Vordergrund steht, sondern dessen Trägerin. 

NATASCHA MÜLLERSCHÖN

Studierte Grafikdesign in München. Nach Auslandsjahren in Paris, New York und Los Angeles gründete sie Mitte der 1980er-Jahre ihr Label „Natascha Müllerschön Couture“. In ihrem Atelier entstehen aufwendige Cocktailkleider, Abendroben und Brautkleider, Röcke, Hosen, Jacken und Mäntel in individueller Anfertigung. Mehrmals jährlich kreiert sie kleine Serien, zu deren Präsentation sie ins Atelier einlädt.

nmc-couture.com

Poupées de Mode

Schon im 14. Jahrhundert wurde der Adel durch elegant ausstaffierte Püppchen über die neuen Trends aus Paris, der Hauptstadt der Mode, informiert. Damals ließen sich die wohlhabenden Herrschaften aus Holz oder Pappmaché gefertigte Poupées de Mode zuschicken, gekleidet in den aktuellen Kreationen. Der Hofschneider hatte dadurch perfektes Anschauungsmaterial zum Nachnähen. Auf diese Weise verbreitete sich die französische Couture in der Welt. Immer edler wurden die Mannequins herausgeputzt, die zierlichen Köpfchen aus Porzellan, darauf frisierte Perücken aus Echthaar. Die Französische Revolution bereitete den hölzernen Pionierinnen der Mode-Globalisierung ein Ende. Über Nacht waren mit dem finanzstarken Adel die größten Abnehmer verschwunden. Nach dem Zweiten Weltkrieg besann man sich wieder auf die zierlichen Puppen. Die französische Modeindustrie lag darnieder, der Pariser Modeverband Chambre Syndicale de la Haute Couture setzte ein entzückendes Werbemittel ein: Er schickte die hübschen kleinen Damen um die Welt, als eine Art Wanderausstellung unter dem Titel „Théatre de la Mode“. Bis in die Vereinigten Staaten reisten die Miniatur-Mannequins. Das entpuppte sich als gute Idee: Die kleinen Puppen sind wieder das Maß der Dinge.

Nichts von der Stange: Jede Kreation von Natascha Müllerschön ist ein kleines Kunstwerk für sich.
Natascha Müllerschön hat auch Otto von Bismarck virtuell eingekleidet. Sie war es, die speziell für das Foto seiner Statue auf dem Titelbild dieses Magazins das bunte Outfit gestrickt hat – eine Spezialanfertigung nach Maß!

Mon Müllerschön hatte schon häufiger die Freude, sich auf Maß von ihrer Freundin etwas schneidern zu lassen. „Dann stehst du vorm Spiegel und die Nana drapiert die Stoffe um dich – und du siehst, wie ein Kunstwerk entsteht. Allein die Anproben, diese Aufmerksamkeit, diese Zeit nur für dich, das ist ein solches Wohlgefühl!“ Und dann der Moment, wenn die Kreation fertig ist, man darin das erste Mal hinausschreitet in die Welt. „Wie eine Rüstung, die einen umschmeichelt, in der man sich sicher fühlt. Dieses Handwerk gibt es nicht von der Stange.“ Mon Müllerschöns Credo: „Lieber weniger kaufen, aber dafür etwas, was einen wirklich über Jahre begleitet, was einen Wert hat.“

Ob mit der Kunst, mit der man sich umgibt oder mit der Kleidung, die man trägt: Beide sind eine Form von Sprache. Erzählen von Vorlieben, Persönlichkeit, Sehnsüchten, auch: Status. Da ähneln sich die Berufe der zwei Frauen. „Wir kommen unseren Kunden beide sehr nah, wenn wir fragen: What makes you tick? Ob ich jetzt eine Kunstsammlung aufbaue oder wie Natascha ein Kleid entwerfen möchte, das der Persönlichkeit der Trägerin entspricht: Das ist eine sehr persönliche Auseinandersetzung. Sehr ehrlich“, betont Mon Müllerschön. 

Jede ist auf ihre Weise eine Psychologin. Die sich freut, wenn die Menschen, die zu ihr kommen, danach ein bisschen glücklicher nach Hause gehen. Und doch fragt sich Natascha Müllerschön in diesen Zeiten manchmal: „Was mache ich hier eigentlich? Da brennt die Welt und ich kreiere Kleider.“ Doch wenn sie dann wieder einmal sieht, wie eine Frau, die wider Willen für die anste - hende Hochzeit ihrer Tochter kam, unzufrieden mit sich und ihrem Körper – und dann in einem für sie geschneiderten Kleid hinausgeht, strahlend, ein bisschen zufriedener mit sich und der Welt, dann wird ihr wieder klar, wie wichtig es gerade in solchen Zeiten ist, den Menschen Schönheit zu geben. „Weil es einfach guttut, sich mit Schönheit zu umgeben, weil es gesund ist. Weil es zufrieden macht.“ Und damit ein bisschen Frieden im Kleinen schafft. Denn wer zufrieden ist, der ist auch nett zu anderen. Das steht uns allen gut. 

 

MON MÜLLERSCHÖN

Vor 30 Jahren gründete Mon Müllerschön MM-Artmanagement. Seitdem baut die Kunsthistorikerin bedeutende Sammlungen mit auf – für Privatpersonen, aber auch Konzerne wie das Medienhaus Hubert Burda Media oder die Unternehmensberatung Roland Berger. Einige ihrer Kunden wird man auch in der Illustrierten finden, für die Mon Müllerschön seit Jahren tätig ist: Ihre wöchentliche Kolumne in der BUNTE ist legendär. Woche für Woche gibt Müllerschön dort einen Überblick zur internationalen Kunstszene. Besonders am Herzen liegt Mon Müllerschön die Förderung junger Künstlerinnen und Künstler. Deshalb gründete sie die Online-Galerie „Wunderkunst“ und gibt dem Nachwuchs damit eine Plattform, um sich zu präsentieren – und um zu verkaufen. Mon Müllerschön bringt sich in vielen Bereichen gesellschaftlich ein, etwa im Netzwerk „Frauen verbinden“ und im Club europäischer Unternehmerinnen e.V.. „Wir Frauen halten heute viel mehr zusammen als zu meinen Berufsanfängen. Wir fördern uns gegenseitig, wir öffnen uns die Türen. Wir werden ganz anders gesehen, sehen uns selbst auch anders. Das empfinde ich als extrem angenehm", so Müllerschön. Auch im Vorstand der Fritz-und-Maria-Koenig-Stiftung engagiert sich Mon Müllerschön. „Ich habe Fritz Koenig schon immer bewundert, weil er sich nie verbiegen ließ und seine Träume lebte. Ein einzigartiger Mensch, der einzigartige Kunst schuf“, findet Mon Müllerschön. Das passt, denn NEUMEISTER versteigert im März Skulpturen von Fritz Koenig.

mm-artmanagement.de
wunderkunst.de


HIGHLIGHTS


KUNSTHANDWERK
SCHMUCK
ALTE KUNST
MODERNE
VINTAGE FASHION AND PEOPLE