Die Raubkunst der Nazis in deutschen Wohnzimmern

Eine Sensation und ein mutiger Schritt: Die Geschäftsbücher des Kunsthändlers Adolf Weinmüller werden online veröffentlicht [...]

FAZ, 28.5.2014 | Julia Voss

Provenienz braucht mehr als gute Worte

„Provenienzforschung und damit die Herstellung von Rechtssicherheit für unsere Kunden ist heute Teil der NEUMEISTER DNA. Dieses Thema hatte ich ja bereits vor zehn Jahren nach Übernahme der Firma von meinem Vater angestossen – als bislang einziges deutsches Auktionshaus. Gibt es nur den geringsten Anlass eines Zweifels, bestehe ich auf profunder und sorgfältiger Prüfung.“

Im Auktionssaal hängen noch die Werke der letzten NEUMEISTER-Auktion „Klassische Moderne, Post War, Contemporary Art“. Auf einer Staffelei steht ein großes, goldgerahmtes Gemälde von Lesser Ury, dem Berliner Impressionisten. Es zeigt eine Ziegelei. Vor zwei Jahren wurde das Werk in dem Münchner Traditions-Auktionshaus eingeliefert. Es besteht der begründete Verdacht, dass es sich um ein Bild handelt, das Lucie Meyerheim vor ihrer Flucht aus Nazi-Deutschland nach Shanghai zurücklassen oder verkaufen musste. Bis zur endgültigen Klärung des Falls ist eine Versteigerung ausgeschlossen. Geschäftsführerin Katrin Stoll hat Dr. Alfred Grimm, den Gründungsvorsitzenden des seit 2015 bestehenden Forschungsverbundes Provenienzforschung Bayern, zu einem Gespräch gebeten.

 

Es geht um Verantwortung – um staatliche wie private – beim Auffinden NS-verfolgungsbedingt entzogenen Kulturguts, sogenannter NS-Raubkunst. Es geht um schwierige Erbensuche und um Rückgaben, „faire und gerechte Lösungen“. 21 Jahre nach der Unterzeichnung der „Washingtoner Prinzipien“, zwanzig Jahre nach der gemeinsamen „Erklärung der Bundesregierung, der Länder und der kommunalen Spitzenverbände“ entrüsten sich der Kurator und die Auktionatorin gleichermaßen über staatliche Versäumnisse und entwerfen eine Agenda für die Zukunft …

 

 

KATRIN STOLL

Ich bin schon froh, dass meine Einlieferer so geduldig und wohlwollend sind, wenn sie mit NS-Raubkunst-Verdacht konfrontiert werden. Wenn sie die Objekte nicht sofort wieder zurückziehen. Zwei Jahre haben wir jetzt in Sachen Lesser Ury, „Alte Ziegelei“, recherchiert. Ich bin nach New York gereist, habe mit den Erben gesprochen und mit dem in diesem Fall zuständigen Holocaust Claims Processing Office (HCPO). Jetzt zeichnet sich endlich eine Einigung ab, und wir werden das Bild wohl in die Auktion nehmen können. Der Erlös wird dann nach einem festgelegten Schlüssel zwischen Erben und Einlieferer geteilt. Nachdem der Staat keine Anlaufstelle für den Kunsthandel bietet, muss ich mich selbst darum kümmern. Ich muss ja meiner Sorgfaltspflicht genügen. Seit Inkrafttreten des Kulturgutschutzgesetzes am 6. August 2016 hat der Kunsthandel mit strafrechtlichen Konsequenzen zu rechnen, wenn er die Provenienzen nicht prüft und NS-verfolgungsbedingt entzogenes Kulturgut in den Verkehr bringt.

 ALFRED GRIMM

Dabei gilt nach § 44 für jedes Kulturgut, bei dem „nachgewiesen oder anzunehmen ist, dass es zwischen dem 30. Januar 1933 und dem 8. Mai 1945 aufgrund der Verfolgung durch den Nationalsozialismus entzogen worden ist“, eine „erhöhte Sorgfaltspflicht“. Das heißt, es muss unabhängig vom Wert recherchiert werden, ob das nun ein Silberlöffel ist oder ein Lesser Ury. Das gilt genauso für die öffentlichen Institutionen. Provenienzforschung ermittelt ohne Berücksichtigung des materiellen Werts.

 Aber jetzt komme ich zu einem ganz entscheidenden Punkt: Seit Inkrafttreten des Kulturgutschutzgesetzes sind Sie, das heißt der Handel, aber auch private Anbieter, durch eine gesetzliche Richtlinie verpflichtet, während Staat, Länder und Kommunen weiterhin in einem rechtlich „unverbindlichen Bereich“ agieren, wie Sophie Schönberger, Professorin für öffentliches Recht in Düsseldorf, festgestellt hat. Die öffentliche Hand macht ihr Handeln weiterhin von vorhandenen finanziellen Spielräumen abhängig

 

KATRIN STOLL

Es wird in letzter Zeit wieder viel über ein Restitutionsgesetz gesprochen …

 ALFRED GRIMM

… das aber nach Aussage der Staatsministerin für Kultur und Medien schwer umzusetzen wäre. Es bleibt bei Appellen, dass auch Private NS-Raubkunst zurückgeben sollten.

 KATRIN STOLL

Gleichzeitig wird diskutiert, ob an NS-verfolgungsbedingt entzogenem Kulturgut überhaupt Eigentum erworben werden kann. Dann frage ich mich aber, warum gibt es keinen Staatsfond? Der Staat muss sich doch in der Rechtsnachfolge des Unrechtstaates verantwortlich zeigen. Wenn die Bundesrepublik Deutschland nach Unterzeichnung der „Washingtoner Erklärung“ 1998 jährlich eine Rückstellung gemacht hätte, wie das jeder Unternehmer machen muss, der einen Prozess mit Forderungen unbekannten Ausmaßes laufen hat, dann gäbe es heute genügend Mittel für die Forschung und für „faire und gerechte Lösungen“ auch im privaten Bereich, im Handel.

 ALFRED GRIMM

Ich habe mir einmal angeschaut, welche Projektmittel der Bund über das Deutsche Zentrum Kulturgutverluste seit 2015 bereitgestellt hat. Beginnend mit einem Etat von 0,5 Millionen Euro bis zu den 7,5 Millionen, die in diesem Jahr für insgesamt 25 Projekte bereit gestellt wurden, kommen wir auf Haushaltsmittel von knapp 20 Millionen Euro – soviel wie die Instandsetzung der vierzig Meter hohen Masten des Segelschulschiffs Gorch Fock kostet.

 KATRIN STOLL

Das ist ein super Vergleich!

 ALFRED GRIMM

Wir hören immer dieselben Absichtserklärungen – Staatsministerin Monika Grütters hat im November noch einmal im Bundestag betont: „Die rückhaltlose Aufklärung und Aufarbeitung des NS-Kunstraubs in Deutschland hat deshalb auch in Zukunft höchste Priorität in der Kulturpolitik“. Der Bayerische Staatsminister für Wissenschaft und Kunst, Bernd Sibler, beteuerte im Bayerischen Landtag „die Aufarbeitung des Unrechts der NS-Zeit ist eine fortdauernde ethische Verpflichtung, der der Freistaat Bayern mit Überzeugung gerecht werden möchte und muss.“ Die Politik kann sich nicht auf solche unverbindlichen Absichtserklärungen und auf rhetorische Superlative des politischen Willens beschränken, sie ist in der Pflicht, diese durch die Bereitstellung der erforderlichen Ressourcen auch einzulösen.

  KATRIN STOLL

Man sieht an der Schaffung eines neuen Digitalministeriums, dass die Politik durchaus in der Lage ist, auf Entwicklungen zu reagieren. Nur in der Kultur offenbar nicht.

 ALFRED GRIMM

Die bayerische Staatsregierung hat gerade Haushaltsmittel in Höhe von 2 Milliarden Euro für die Digitalisierung bereitgestellt. Da hat man eine Summe, mit der man etwas bewirken kann.

 KATRIN STOLL

Was ich in Deutschland vermisse, sind klare Strukturen. Die Digitalisierung muss vorangebracht werden. Wir brauchen Datenbanken, die auch kontinuierlich gepflegt werden und verlässlich sind. Die bisher geleistete Grundlagenforschung – und da ist ja in den Ländern schon viel gemacht worden – und die Ergebnisse der Provenienzrecherchen müssten zentral recherchierbar sein. Die Begründungen für Rückgaben auch. Man müsste alles miteinander vernetzen. Das ist Aufgabe des Staats.

 ALFRED GRIMM

Wir bräuchten dringend ein Zentralreferat Provenienzforschung, getragen vom Bund – oder, unserer föderalen Verfasstheit entsprechend, getragen von Bund, Ländern, kommunalen Verbänden. Dieses Referat hätte die Aufgabe, alle Recherchen durchzuführen. Dort müssten Provenienzforscher, Historiker und Juristen zusammenarbeiten, die fachlich legitimiert sind, die Aufarbeitung zu leisten und Dossiers zu erstellen. Im Prinzip geht es um das Modell der österreichischen Kommission für Provenienzforschung, die beim Bundeskanzleramt angesiedelt ist. Es geht um ein unabhängiges Gremium, das der Legislative Empfehlungen gibt. Die Dossiers und die Entscheidung sind in aller Ausführlichkeit öffentlich zu machen. Es braucht eine Normierung des Procedere und eine stete aktualisierte Anpassung an getroffene Fallentscheidungen.

 KATRIN STOLL

Das klingt sehr solide. Wir brauchen da aber auch eine Anlaufstelle für die Unsicheren, die Erben, den Kunsthandel. Wir brauchen eine Vermittlungsstelle, wo wir überhaupt gehört werden. Wir sind nicht nur „Kollaborateure“ und „Profiteure“. Wir haben als Vermittler eine wichtige Rolle. In Berlin muss man erkennen, dass wir zusammenwirken müssen und nicht gegeneinander agieren.

 ALFRED GRIMM

In jedem den „Washingtoner Prinzipien“ verpflichteten Staat gibt es unterschiedliche Institutionen, die sich dem Thema Provenienzforschung und Restitution widmen – und die Aufgaben wachsen. Im Moment reden wir noch vorwiegend über Kunst, nicht über Naturalien-Sammlungen, technisches oder wissenschaftliches Gerät. Gerade wächst die Sensibilität für Unrechtshandlungen während der Kolonialzeit. Europa ist ein gemeinsamer Kultur- und Rechtsraum. Für alles gibt es in Europa Regeln, warum nicht auch gemeinsame Richtlinien und ein gemeinsames Procedere bei der verbindlichen Lösung von NS-Raubkunstfällen?

 

 

 

 

 

 

am Bayerischen Nationalmuseum und von 2015 bis 2019 Gründungsvorsitzender des Forschungsverbundes Provenienzforschung Bayern; seit 2019 ist er dessen Ehrenvorsitzender.

Als sie das Unternehmen von ihrem Vater übernahm, ließ sie die Geschichte der Vorgängerinstitution, des Auktionshauses Adolf Weinmüller, in der Zeit des Nationalsozialismus wissenschaftlich unabhängig untersuchen. 

Der spätere Quellenfund nahezu aller annotierten Weinmüller Auktionskataloge führte in Kooperation mit dem Zentralinstitut für Kunstgeschichte, gefördert mit Mitteln der Koordinierungsstelle für Kulturgutverluste Magdeburg, zur Erstellung einer Datenbank, die zu den meistgenutzten Hilfsmitteln der Provenienzforschung zählt.

 

 

PROVENIENZEN: Fallbeispiel

Das Gemälde des Münchner Malers überzeugt gleich mehrfach: durch die nur wenig verhohlene Kritik an den restaurierten politischen Verhältnissen nach dem Revolutionsjahr 1848, durch eine hochinteressante, sehr wechselhafte Provenienz sowie nicht zuletzt durch seine herausragende künstlerische Qualität (weitere Informationen zu diesem Werk bitte über Goldmann PR, München: sfischer(at)goldmannpr.de)

Provenienz:

  • Nachlass des Künstlers 
  • Sammlung Adalbert Freiherr von Lanna, Prag (um 1906)
  • Sammlung Leo Bendel (1868-1940), Berlin
  • Galerie Heinemann, München (1937).
  • Von Maria Almas Dietrich für das geplante Führermuseum in Linz erworben (1938).
  • Central Collecting Point, München (1945)
  • Bayerischer Ministerpräsident (1949)
  • Treuhandverwaltung von Kulturgut, München (1952)
  • Bundespräsidialamt (seit 1961)
  • 2019 Restitution an die Erben nach Leo Bendel

PROVENIENZEN: Fallbeispiel

 Zu einem weiteren Auktions-Highlight mauserte sich der „Koboldspuk“ von Carl Spitzweg mit gut 82.000 Euro (Schätzpreis 50.000 Euro)

 

 

Provenienz: Major Karl Loreck, München (um 1913). - Privatsammlung München. - Zwangsverkauf und von der Galerie Almas Dietrich dem "Sonderauftrag Linz" vermittelt. - 1945 Central Collecting Point, München, 1949 Central Collecting Point Wiesbaden. - 1950 an die Familie des ehemaligen Eigentümers restituiert. - Süddeutsche Privatsammlung.

PROVENIENZEN: Fallbeispiel

Wie professioneller Umgang mit schwierigen Provenienzen für alle Beteiligten Rechtssicherheit schafft, bewies NEUMEISTER Anfang des Jahres (2019) bei der Versteigerung von einem Paar Meissener Vasen des 18. Jahrhunderts.

Diese Datenbank des Deutschen Zentrums für Kulturgutverluste in Magdeburg dient der Erfassung von Kulturgütern, die infolge der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft und der Ereignisse des Zweiten Weltkriegs verbracht, verlagert oder – insbesondere jüdischen Eigentümern – verfolgungsbedingt entzogen wurden. In diesem Fall hatten Nachfahren der Berliner Porzellansammlerin Hermine Feist (1855-1933), aus deren Besitz die Vasen stammten, die Suchmeldung initiiert. Die Porzellansammlung galt als eine der größten in Europa und repräsentierte nahezu geschlossen das Spektrum deutscher Porzellanerzeugnisse. Durch Inflation verlor Hermine Feist in den 1920er Jahren einen Großteil ihres Vermögens. Ab 1926 gehörte ihr nur noch ein Teil der Sammlung. Nach ihrem Tod übernahm die Gläubigerbank partiell ihren Nachlass und verkaufte etliche Teile gegen den Willen der Erben an das Schlossmuseum in Berlin. Der Rest der Sammlung galt als zerstört oder verschollen.

 

 

In Form und Dekor orientieren sie sich an asiatischen Vorbildern und waren bereits zu ihrer Entstehungszeit um 1730/1735 kostbare Repräsentationsstücke. Nach Bekanntwerden der Suchmeldung setzte sich NEUMEISTER sofort mit den Anwälten der Erben in Verbindung. Ziel der Verhandlungen war, einen Vergleich zu schließen, um Rechtssicherheit für potentielle Käufer herzustellen und eine Löschung des Verlusteintrags bei Lost Art zu bewirken. Dies wurde kurz vor Auktionsbeginn erreicht.

sorgte dann in der Versteigerung für ein hartes Bietgefecht zwischen zahlreichen internationalen Telefonbietern, das ein Sammler mit einem sensationellen Gebot für sich entschied.

PROVENIENZEN: Fallbeispiel

Zwei Augsburger Unterschalen mit Emailmalerei des frühen 18. Jahrhunderts erzielten ein herausragendes Ergebnis von 80.000 Euro (unter Vorbehalt ohne Aufgeld und Mehrwertsteuer).

 

 

Erst einen Tag vor der Auktion „Sammlung Rudolf Neumeister“ erfuhr NEUMEISTER, trotz intensiver, weit über den Rahmen des Üblichen hinausgehender Provenienzforschung, von der Stiftung Schloss Friedenstein in Gotha, dass man dort vermute, die aus dem Nachlass Rudolf Neumeister offerierten Unterschalen seien der Sammlung 1945 kriegsbedingt verloren gegangen. Zur Untermauerung diente eine Publikation mit dem Schwarzweißfoto einer sehr ähnlichen, aber nicht identischen Unterschale mit der allgemeinen Bezeichnung „Mythologische Szene“. Dieses Foto fand sich sechs Mal in der Datenbank „Lost Art“. Aus Kulanz und um der Stiftung Schloss Friedenstein einen späteren Ankauf einräumen zu können, entschied Auktionatorin Katrin Stoll gemeinsam mit ihren Schwestern, die beiden Unterschalen zunächst unter Vorbehalt zuzuschlagen. Die Verhandlungen laufen unter Beteiligung des zuständigen Thüringer Ministeriums, der Ernst-von-Siemens-Stiftung und der Kulturstiftung der Länder.

Lost Art-Datenbank des Deutschen Zentrums für Kulturgutverluste, Datenbank des Art Loss Registers, „Central Collecting Point München“, „Sammlung des Sonderauftrages Linz“, „German Sales 1930–1945“, „Kunstpreis-Verzeichnis 1939–1942“, Preisberichte aus der ‚Weltkunst‘ (1930–1944)“, „Provenienzdatenbank Bund – Fold3 – The Holocaust Collection“, „The Nazi Era Provenance International Portal“, „Database of Art Objects at the Jeu de Paume“, „Galerie Heinemann online“, „Bureau Herkomst Gezocht“, „Rekonstruktion des ‚Führerbau- Diebstahls‘ Ende April 1945 und Recherchen zum Verbleib der Objekte“, „Frits Lugt. Les marques de Collections de Dessin & d‘Estampes“.