Die Uhr tickt


Ein Stück Zeitgeschichte: NEUMEISTER versteigert eine Armbanduhr des Literaturnobelpreisträgers Thomas Mann aus den 1930er Jahren.


 

 

Thomas Mann und Ehefrau Katia mit Enkeln Frido (Mitte rechts) und dessen um zwei Jahre jüngeren Bruder Toni im Garten des Anwesens im kalifornischen Pacific Palisades.
Foto: Privatarchiv Frido Mann

"Fahrt bei freundlichem Wetter nach Innsbruck, Hotel Maria Theresia. Dort im Café Begegnung mit Gret und Frido..... Gret mit Frido an den Wolfgangsee zurück... Gab Gret die goldne Armbanduhr für ihn, falls ich ihn so bald oder überhaupt nicht wiedersehe."

 

Diese Zeilen lässt Thomas Mann am 12. August 1950 in sein Tagebuch einfließen, kurz vor seiner Abreise aus der Schweiz am 17. August 1950 zurück in die USA, wo er während des Exils 1941 ein Haus im kalifornischen Pacific Palisades errichtet hatte, in dem er bis 1952 mit der Familie lebte. Mit der von ihm erwähnten Gret ist seine Schwiegertochter – Frido Manns Mutter – gemeint.

 


Herrenarmbanduhr aus dem Besitz von Thomas Mann

Schweiz, 1930er Jahre


 

Rechteckiges Gehäuse. Silber, vergoldet. Handaufzug. Rotbraunes Lederarmband. Eine typische Herrenarmbanduhr der 1930er Jahre. Schlicht und reduziert. Es wäre eine ganz normale Uhr – hätte sie sich Deutschlands berühmtester Schriftsteller Thomas Mann nicht um den Arm gebunden. Bei der Dezember-Auktion tickt die Uhr dann für alle, die noch auf der Suche nach einem ganz besonderen Weihnachtsgeschenk sind.

Der nicht alltägliche Zeitmesser stammt aus dem Besitz von Thomas Manns "Lieblingsenkel" Frido Mann. Der Erlös geht auf dessen persönlichen Wunsch an den Trägerverein des Interfaith Network "Weltkloster e.V."
Die Taxe liegt bei 1.200-2.200 Euro, dürfte aber deutlich übertroffen werden.

 

 

Frido Mann, dem Thomas Mann in seinem Roman "Dr. Faustus" in Gestalt des "Nepomuk Schneidewein" ein literarisches Denkmal setzte, erinnert sich: "Mein Großvater ist vor seiner bevorstehenden Rückkehr nach Kalifornien extra von Zürich nach Innsbruck gereist, um sich von mir zu verabschieden. Bei diesem Treffen hat er seine Armbanduhr dann meiner Mutter zur Aufbewahrung für mich gegeben, für den Fall, dass wir uns nie wieder sehen würden. Offenbar hat sie die Uhr dann meiner Großmutter – also Thomas Manns Frau Katia Mann, geborene Pringsheim – zur Aufbewahrung überlassen. Nach Thomas Manns Tod am 12. August 1955 in Zürich erhielt ich die Uhr schließlich – entweder von meiner Mutter oder von der Großmutter, ich erinnere mich nicht mehr so genau."

 

 

Frido Mann hat die Uhr seines Großvaters stets in Ehren gehalten, sich nun aber entschlossen, sie bei NEUMEISTER versteigern zu lassen. "Das gab vielleicht einen Aufschrei", schmunzelt der Professor: Die Uhr sei doch ein unbezahlbares persönliches Erinnerungsstück. Was für ein Sakrileg, diesen, mit der Aura eines Nobelpreisträgers geradezu physisch spürbar aufgeladenen Zeitmesser des schnöden Mammons wegen öffentlich zu versteigern, wurde in der Szene gepoltert. Wenn man die Uhr nun unbedingt hergeben wolle, dann gehöre sie zumindest als individuelle Ehrengabe an dem Arm eines verdienten Thomas Mann-Jüngers.

 

Der Psychologe und Schriftsteller Frido Mann sieht es gelassen. "Ja, ich trenne mich wirklich schweren Herzens von der Uhr. Aber es geht hier ja nicht um persönliche Bereicherung, vielmehr verfolge ich mit der Versteigerung ein spirituelles und im weiteren Sinne auch politisches Motiv, denn der Erlös geht komplett an den Verein 'Interfaith Network Trägerverein Weltkloster e.V.' Dieses 'Weltkloster' ist kein Gebäude, sondern ein wachsendes interreligiöses, weltumgreifendes Netzwerk christlicher Ordensgemeinschaften und Institutionen verschiedener Glaubensrichtungen, die sich am friedensfördernden intermonastischen Dialog beteiligen."

 

 

Mit Glaubensfragen hat sich Thomas Mann ein Leben lang beschäftigt, im Exil war er vor allem der Unitarischen Kirche Kaliforniens zugewandt. "Selten, wenn überhaupt je, habe ich ein so lebhaftes und militantes Interesse an irgendeiner religiösen Gruppe genommen", schreibt er 1951. 

Wer die Sache vertiefen möchte: Die Geschichte von Thomas Manns bisher kaum erforschten Beziehung zur Unitarischen Kirche in Kalifornien beschreibt der Literaturwissenschaftler Heinrich Detering in seinem exzellent recherchierten Buch "Thomas Manns amerikanische Religion". Der bewährte Thomas Mann-Experte weist darin nach, dass der weltberühmte Autor der Buddenbrooks und des Zauberbergs (… einem Zeitroman) "im US-Exil zu einem aktiven Mitglied der Glaubensgemeinschaft der Unitarier wurde und schildert, wie er Geschmack fand an dieser zutiefst amerikanischen, undogmatischen und humanistischen Religionsform. "Mein Großvater sorgte sogar dafür, dass alle vier Enkel unitarisch getauft worden sind. Angelica und ich 1942 und mein Bruder Toni und unsere jüngere Kusine Dominica 1944", erinnert sich Frido Mann. "Mein Großvater sorgte sogar dafür, dass ich und seine Enkelin Angelica 1942 nach unitarischem Ritus getauft wurden, er selbst war Pate", erinnert sich Frido Mann. Thomas Mann selbst bezeichnete die Taufzeremonie in seinem Tagebuch als die „die angenehmste kirchliche Erfahrung, die ich gemacht habe."

Mit ihrem pluralistischen Ansatz stehen sich Unitarische Kirche und Weltkloster nahe. "Es gibt deutliche Ähnlichkeiten zwischen dem weltoffen toleranten, dialogzentrierten Geist der Unitarischen Religionsgemeinschaft und dem des pluralistisch interreligiösen Netzwerks Weltkloster", erläutert Frido Mann. Grundsätzlich richtet sich das Augenmerk des Weltklosters nach eigenen Angaben "auf die friedensstiftende Kraft des Dialogs zwischen Religionen und Kulturen auf der Ebene gemeinsamer innerer Erfahrung. Klösterliche Tugenden wie ernsthaftes Studium, Achtsamkeit, Mitgefühl und Gastfreundschaft sollen hierbei leiten und als Brücke zwischen den spirituellen Traditionen dienen." Und weiter: "Als eine pluralistisch orientierte Institution für interreligiösen Erfahrungs- und Wissensaustausch bieten wir ein Forum, in welchem der Einblick in die eigenen religiösen Wurzeln vertieft und in Begegnung mit Geistlichen und Praktizierenden anderer Traditionen in Wertschätzung füreinander unterstützt und ausgebaut werden soll."

 

Und wie steht Frido Mann – der sich intensiv mit theologischen Fragen beschäftigt – zum Weltkloster? "Der spirituelle Ansatz gefällt mir. Deshalb gebe ich die Uhr Thomas Manns auch guten Gewissens in die Auktion, denn der Erlös dient einem guten Zweck". Das hätte wohl auch dem Großvater gefallen.

Ziele des Netzwerkes Weltkloster

  • Die Förderung von friedlichen und nachhaltigen internationalen Beziehungen zwischen Menschen verschiedener Religionen und Kulturen.
  • als Voraussetzung hierfür insbesondere die Vernetzung von Geistlichen und Ordinierten sowie Klöstern, religiösen Stätten und Initiativen der interreligiösen und intermonastischen Begegnung und Zusammenarbeit.
  • Die Bewusstmachung friedensfördernder Impulse seitens traditionell geistlicher Schulung für ein religionsübergreifendes, konstruktives Zusammenwirken in Gesellschaft und Politik auf der Basis ethisch und humanistisch geprägter Grundwerte. 

Infos
weltkloster.de

Lese-Tipp

Heinrich Detering

Thomas Manns amerikanische Religion

Heinrich Deterings entdeckungsreiches Buch führt in zentrale Bereiche von Thomas Manns Denken und Schreiben im Exil. Es wird ergänzt durch einen Essay von Frido Mann.
2012, S. Fischer, 352 Seiten, 18,99 Euro

HIGHLIGHTS AUKTION SCHMUCK 

7. DEZEMBER, ca. 15.30 UHR


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