Gelbe Felder. Grüne Wälder. Blaue Reiter.
Modersohn und Münter: Wie Künstler*innen in Gruppen und Kolonien Schule machen

Wilde Natur, spezielles Licht, unverkopfte Einheimische: Begeistert vom ursprünglichen Leben fern der Stadt, zieht es an der Wende des 19./20. Jahrhunderts scharenweise Maler an entlegene Orte. Einige Provinznester machen Schule, erreichen als Geburtsstätten neuer Kunstströmungen internationalen Ruhm. So auch Worpswede und Murnau.

 


Worpsweder Wunderland


In der Provinz erfüllt sich für zivilisationsmüde Künstler damals die Sehnsucht nach einem einfachen und naturnahen Leben weitab der Metropolen, außerdem kann man da günstig wohnen. Und so schließen sich Künstler mit gemeinsamen Zielen an vielen Orten Europas in immer neuen Kolonien und Gruppen zusammen. In Frankreich ist der lichtdurchflutete Süden angesagt, in Deutschland die Ursprünglichkeit gottverlassener Landstriche an Küste und Gebirge.

Als Muster-Künstlerkolonie gilt Worpswede. Otto Modersohn gehört zu den ersten Künstlern, die sich in diesem Dorf bei Bremen niederlassen. Über seine Ankunft berichtet er: „Mittwoch, 3. Juli 1889 kam ich mit F. Mackensen voller Erwartung hier an. Ich sah fast gleich, dass meine Erwartungen nicht getäuscht waren. Ich fand ein höchst originelles Dorf, das auf mich einen durchaus fremdartigen Eindruck machte; der hügelige sandige Boden im Dorf selbst, die großen bemoosten Strohdächer und nach allen Seiten, soweit man sehen konnte, alles so weit und so groß wie am Meer."

Otto Modersohn, der sich zugunsten einer vereinfachten impressionistischen Landschaftsmalerei bereits früh von der klassisch-idealistischen Akademie-Kunst seiner Zeit abgewendet hatte, siedelt nach Worpswede um und bildet mit Fritz Mackensen, Hans am Ende, Heinrich Vogeler und Fritz Overbeck eine Gruppe gleichgesinnter Künstler. Kreative Kraft schöpft der Kreis aus geistiger Versenkung in die Natur. Unter freiem Himmel entstehen Landschaftsbilder, inspiriert von der einsamen Landschaft mit dem geheimnisvollen Teufelsmoor, vom hohen Himmel und dem besonderen Farbenspiel. Und das kommt an: Nach dem eher holprigen Start bei der ersten gemeinsamen Ausstellung in der Bremer Kunsthalle 1895 feiern die Worpsweder bei der anschließenden Ausstellung im Münchener Glaspalast den Durchbruch.

1901 heiratet der kurz zuvor verwitwete Otto Modersohn die damals 25-jährige Paula Becker. Sie selbst hatte Worpswede im Sommer 1897 erstmals besucht und schwärmt, von der Landschaft und dem Zauber des Ortes offenbar tief beeindruckt: "Worpswede – das ist ein Wunderland". Auch die dortige Künstlergemeinschaft gefällt ihr und bald gehört sie dazu. Doch der selbstbewussten und hochbegabten Malerin wird es in der Provinz zu eng. Immer wieder zieht es Paula nach Paris, wo sie der Moderne auf der Spur ist und sich an Künstlern wie an Cézanne und Gauguin orientiert.

Otto Modersohn ist es, der damals als einer von wenigen bemerkt, dass seine Frau kein Worpsweder "Malweib" ist, sondern eine wirklich große Künstlerin. Er selbst – bodenständig, erdverwachsen, den Traditionen des 19. Jahrhunderts verbunden – bleibt als Maler hinter ihr zurück. 

1906 verlässt Paula ihren Mann und geht nach Paris, wo richtungsweisende Werke entstehen. Diese expressionistischen Bildnisse, in denen sie ihren nackten Körper wie selbstverständlich zum Thema macht, gelten als die ersten Akt-Selbstdarstellungen der Kunstgeschichte, manch eine(r) liest in ihnen den Beginn der Selbstbefreiung moderner Frauen.

1907 kehrt Paula nach Worpswede zurück und versöhnt sich mit ihrem Mann. Nach der Geburt ihrer Tochter Mathilde stirbt die erst 31-jährige Malerin am 20. November. Ihren letzten Worte: "Wie schade".

Und Otto Modersohn? Der siedelt nach Paulas Tod ins Nachbardorf Fischerhude um, wo er wenig später die Sängerin und Malerin Luise Breling heiratet. An ihrer Seite folgen 36 Jahre künstlerischer Tätigkeit. Fischerhude wird dabei zum zentralen Ort der – nach Westfalen und Worpswede – dritten Schaffensperiode des Künstlers.

OTTO MODERSOHN
1865 Soest - 1943 Fischerhude

Bauerngarten in Fischerhude / Das Haus der Modersohns. 1911

Einen fast privaten Einblick in Otto Modersohns Fischerhuder Zeit gewährt das im September bei NEUMEISTER zum Aufruf kommende Ölgemälde, das das Haus der Modersohns samt Bauerngarten in Fischerhude zeigt. Zu sehen ist eine expressiv gestaltete Landschaft mit Garten. Das Motiv scheint unspektakulär und skizzenhaft, die Darstellung vereinfacht – und dennoch ist das Gemälde voller Atmosphäre und intimer Stimmung (Schätzpreis: 12.000-15.000 Euro).

Und: In der September-Auktion kommt auch Paula Modersohn-Beckers kleine, 1900 oder 1902 entstandene Radierung "Gänsemagd" zum Aufruf (Schätzpreis: 1.500 Euro).

Mehr als eine Weggefährtin


So tief sich Künstlerpaare menschlich auch immer verbunden sein mögen, so wenig können sie sich gegen die oft kontroverse Rezeption ihres Schaffens wehren. Das zeigt das Beispiel Modersohn-Becker und ­­– sehr viel krasser – Gabriele Münter, die beinahe 15 Jahre im Schatten von Wassily Kandinsky stand und lange Zeit lediglich als Weggefährtin des Genies wahrgenommen wurde – "aus Mangel an Selbstsicherheit und dem damaligen weiblichen Rollenverständnis", wie auf der Homepage der Tourist Information Murnau zu lesen ist. Heute ist Gabriele Münter als eigenständige Vertreterin des Expressionismus und Wegbereiterin der Moderne anerkannt – wofür sie lange kämpfen musste.

Die Geschichte der beiden beginnt 1901. Da lernen sich Gabriele Münter und Wassily Kandinsky in München kennen und lieben. Sie reisen ein paar Jahre durch die Welt, lassen sich schließlich in Murnau am Staffelsee nieder. "… nirgends hatte ich eine solche Fülle von Ansichten vereint gesehen, wie hier … , zwischen See und Hochgebirge, zwischen Hügelland und Moos", wird Gabriele Münter ihre Begeisterung fast 50 Jahre später beschreiben. 1909 kauft sie ein Haus in der Murnauer Kottmüllerallee, um es mit Wassily Kandinsky in den Sommermonaten bis 1914 zu bewohnen. Das von Zeitgenossen "Russenhaus" genannte Anwesen wird Treffpunkt der Avantgarde, insbesondere Künstler aus dem Umfeld des "Blauen Reiters" spinnen hier Ideen fort, die der Kunst eine neue Richtung weisen.

Zwei Tage nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs setzen sich Münter und Kandinsky in die Schweiz ab, wo sich ihre Wege kurze Zeit später trennen. Ihn zieht es in seine Heimat Russland, sie landet in Skandinavien. Dort treffen sich die beiden 1916 ein letztes Mal, dann kappt Kandinsky, der in Russland eine neue Liebe gefunden hat, den Kontakt.

GABRIELE MÜNTER
1877 Berlin - 1962 Murnau/Oberbayern

Tigerlilie. 1932

1920 kehrt Gabriele Münter nach Deutschland zurück, wohnt dort an unterschiedlichen Orten und durchlebt eine lange Schaffenskrise. Nach unruhigen Jahren lässt sich die Künstlerin 1931 dauerhaft in Murnau nieder. Mit dem Kunsthistoriker Johannes Eichner, den sie 1927 in Berlin kennengelernt hatte und mit dem sie seit 1936 in Murnau zusammenlebt, gelingt ihr ein privater Neuanfang. Ihr neuer Lebensgefährte ist es auch, der sie zum künstlerischen Comeback motiviert.

Wie zu Zeiten des Blauen Reiters konzentriert sich Gabriele Münters Malerei in dieser Zeit auf Motive aus dem häuslichen und landschaftlichen Umfeld. Vielfach dienen die Blumen aus dem wunderbaren kleinen Garten als Inspiration für Stillleben. So auch in ihrem 1932 entstandenen, also zu Beginn idieser zweiten großen Schaffensphase datierenden Ölgemälde "Tigerlilie", das im September bei NEUMEISTER versteigert wird. Das Werk zeigt ein typisches Stillleben der späten Jahre. Die Lilien sind in einer kleinen blauen Vase auf einem Tisch arrangiert. Blüten und Zweige bilden die Komposition im Vordergrund. Sie heben sich durch Form und Farbe leuchtend von der Murnauer Landschaft im Hintergrund ab. Mit der an die frühen Jahre anknüpfenden Vereinfachung und der fast arabesken Stilisierung verdeutlicht das vorliegende Gemälde Gabriele Münters künstlerische Neuorientierung. Aufgerufen wird das Blumenbild zu einem Schätzpreis von 30.000 bis 50.000 Euro.


Wege zu Kunst


 Bremen
Paula Modersohn-Becker (1876-1907) ist die erste Malerin der Welt, der ein ganzes Murnau Museum gewidmet wurde. Seit 1927 erinnert das Paula Modersohn-Becker Museum in Bremen an sie.

 


Fischerhude
Das Otto-Modersohn-Museum in Fischerhude hat sich seit seiner Eröffnung im Jahr 1974 vom Nachlassmuseum zum beliebten Ausflugsziel für Kunstinteressierte gemausert. 

 


Worpswede
Große Kunstschau: In einem Baukunstwerk des Expressionismus werden bedeutende Werke der Worpsweder Gründergeneration aber auch nachfolgender Künstlergenerationen gezeigt.

Die Worpsweder Kunsthalle besitzt die wohl bedeutendste Überblickssammlung zur Kunstgeschichte des Ortes. 

Werke des Malers, Grafikers, Designers und Architekten Heinrich Vogeler (1872-1942) werden in einer vielschichtigen Ausstellung im Barkenhoff, dem einstigen Wohn- und Atelierhaus des Mitbegründers der Worpsweder Künstlerkolonie, gezeigt.

Das "Haus im Schluh", ein Hofensemble aus reetgedeckten Niedersachsenhäusern, beherbergt ein Museum mit Werken Heinrich Vogelers und hübsche Ferienwohnungen mit originalen und neu gefertigten Heinrich-Vogeler-Möbeln.

Die "Worpsweder Käseglocke" empfiehlt sich als Museum für Worpsweder Möbel und Kunsthandwerk . 

 


Murnau
Zahlreiche Werke Gabriele Münters sind im Münchner Lenbachhaus zu sehen, im Schlossmuseum Murnau sowie in dem nach ihr benannten Haus in Murnau.

 

UND MORGEN NACH MURNAU! 
AUSFLUGSTIPP:

Meisterwerke von Gabriele Münter und Wassily Kandinsky aus Privatsammlungen
6. Juli bis 9. Oktober 2022
Schlossmuseum Murnau


Das Schloßmuseum Murnau hat das große Glück, das 1909 entstandene Gemälde „Treppe zum Schloß“ von Wassily Kandinsky, das lange Zeit als verschollen galt, präsentieren zu dürfen. Jetzt kehrt es nach mehr als 100 Jahren erstmalig wieder an seinen Entstehungsort zurück.
Daraus ist die Idee geboren worden, eine Ausstellung mit Werken von Gabriele Münter und Wassily Kandinsky zu zeigen, die sich, ähnlich wie „Treppe zum Schloß“, seit langer Zeit in privaten Sammlungen befinden und einen Bezug zur gemeinsamen Murnauer Schaffenszeit des Paares haben.

 

Parallel dazu vermitteln Fotografien aus dieser Zeit neue Eindrücke. So u. a. aus dem ebenfalls wiederentdeckten und 2021 restaurierten Nachlass des Murnauer Fotografen August Pöltl (1881–1958).