Die Blaue REITERIN

GABRIELE MÜNTER schenkte dem Lenbachhaus 1957 über 100 Werke, ihre eigenen sowie Arbeiten von Wassily Kandinsky und anderen Blauer Reiter-Protagonisten. Noch heute ist man der Künstlerin dankbar.


 

 

„Malen ohne Umschweife“ hieß eine 2017 im Lenbachhaus gezeigte, höchst sehenswerte Ausstellung über das Schaffen von Gabriele Münter. Der Titel kann als programmatisch für das Leben und das Selbstverständnis einer Künstlerin betrachtet werden, deren Großzügigkeit, Bescheidenheit und Zurückhaltung eine absolute Ausnahme im ansonsten an Eitelkeiten reichen Kunstbetrieb darstellen. Eine Ausnahme war die Malerin allerdings unter vielen Aspekten. Weibliche Protagonistinnen waren Anfang des 20. Jahrhunderts in der deutschen und internationalen Kunstszene eine Rarität, und auch als Diva wollte sich die junge, 1877 in Berlin geborene und im Rheinland aufgewachsene Frau aus Berlin nicht inszenieren.

Sie hatte nicht einmal ein eigenes Atelier. „Das war ihr zu akademisch. Es zog sie direkt zu den Objekten, in die Natur“, so erklärt es Matthias Mühling, seit 2014 Direktor der Städtischen Galerie im Lenbachhaus, das dank einer einzigartigen Schenkung Gabriele Münters im Jahr 1957 die weltweit größte Sammlung zur Kunst des Blauen Reiter besitzt. Aber warum fiel Münters Wahl gerade auf dieses seinerzeit recht unbedeutende Haus, das fast ausschließlich die Kunst Münchner Maler sammelte? „Die plausibelste Erklärung ist, dass der damalige Direktor Hans Konrad Röthel Antifaschist war, während andere deutsche Museen noch von Direktoren geleitet wurden, die mit den Nationalsozialisten kollaboriert hatten – also jenen Leuten, die Werke des Blauen Reiter als, entartete Kunst‘ diskreditierten“, so Mühling.

Mit Münters großzügiger Gabe gewann das Haus an Bedeutung, durch die Räume wehte fortan ein kosmopolitischer Geist, der Malerei, Musik, Theater, Tanz und Bewegung miteinander verband. Mühling: „Durch die Schenkung hatte man plötzlich eine internationale und interdisziplinäre Verpflichtung.“ Das passt zu Gabriele Münter, die selbst nach heutigen Maßstäben eine moderne Frau war: Bevor sie 1901 nach München zog, reiste sie, durch eine Erbschaft finanziell unabhängig, gemeinsam mit ihrer Schwester durch die USA, was sie mit einer Filmkamera dokumentierte. Ihrer Selbstständigkeit und Kreativität wurden jedoch noch enge Grenzen gesetzt, so durfte sie als Frau in München nicht an der Kunstakademie studieren, sondern ging an die Damenakademie des Künstlerinnen-Vereins. Später wechselte sie in das Atelier der Grafiker Heinrich Wolff und Ernst Neumann.

In einer Malklasse begegnet sie Wassily Kandinsky, russischer Jurist, Künstler sowie Kunstlehrer, sie 25 Jahre alt, er 36, ein unkonventionelles, modernes Paar, Seelenverwandte und zwei Künstler, die wenig später, jeder für sich, aber gerade aus der Entwicklung der gemeinsamen Schaffenszeit heraus, Kunstgeschichte schrieben. Zunächst, und beinahe 15 Jahre lang, wurde Gabriele Münter lediglich als dessen Lebens- und Weggefährtin wahrgenommen – „aus Mangel an Selbstsicherheit und dem damaligen weiblichen Rollenverständnis“, wie man auf der Homepage der Tourist Information Murnau mutmaßt. Heute ist Gabriele Münter als eigenständige Vertreterin des Expressionismus und Wegbereiterin der Moderne anerkannt – wofür sie lange kämpfen musste.

GABRIELE MÜNTER
1877 Berlin - 1962 Murnau/Oberbayern

Tigerlilie. 1932

Öl auf Leinwand
70 × 50 cm
AUKTION 406 // LOT 
ERGEBNIS: € 91.000 (inkl. 30 % Käuferaufgeld)

 

 

Provenienz: Kunsthandel Wittrock, Düsseldorf. Norddeutscher Privatbesitz Gabriele Münter. Ausstellungskatalog Städtische Galerie Bietigheim Bissingen, 1999. S. 161.

Nach Jahren des Reisens lassen sich Münter und Kandinsky 1909 in Murnau nieder. Münter kauft dort ein Haus, in dem das Paar vor allem in den Sommermonaten wohnt, und dessen Umgebung beide begeistert. „… nirgends hatte ich eine solche Fülle von Ansichten vereint gesehen, wie hier … , zwischen See und Hochgebirge, zwischen Hügelland und Moos“, schreibt Münter fast 50 Jahre später. Sie richten das Haus, das seinerzeit von den Murnauern „Russen-Haus“ genannt wird, gemeinsam ein, legen den Garten an und bemalen die Möbel nach eigenen Entwürfen. Oft malen sie den Blick aus dem Fenster zur Kirche und zum Schloss sowie zur Bergkette. Franz Marc, der in dem nahe gelegenen Sindelsdorf wohnt, Alexej von Jawlensky, Marianne von Werefkin, August Macke und Arnold Schönberg kommen oft zu Besuch. Im Oktober 1911 finden auf dem idyllischen Anwesen die Arbeitssitzungen zur Vorbereitung des Almanachs „Der Blaue Reiter“ statt.

Zwei Tage nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs setzen sich Münter und Kandinsky in die Schweiz ab, wo sich ihre Wege kurze Zeit später trennen. Ihn zieht es in seine Heimat Russland, Gabriele Münter lebt von 1915 bis 1920 in Schweden und Dänemark. In Skandinavien treffen sich die beiden 1916 ein letztes Mal, dann kappt Kandinsky, der in Russland eine neue Liebe gefunden hat, den Kontakt. 1920 kehrt Gabriele Münter nach Deutschland zurück und durchlebt eine lange Schaffenskrise, findet aber auch ihren eigenen künstlerischen Weg. „Gerade in den 1920er-Jahren hat sie einen besonderen Beitrag zur Neuen Sachlichkeit geleistet und sich vom Blauen Reiter emanzipiert“, betont Lenbachhaus-Chef Matthias Mühling. „Als sie nach Skandinavien ging, feierte sie große Erfolge, zum Beispiel mit einer riesigen Retrospektive in Kopenhagen.“

Nach unruhigen Jahren lässt sich Gabriele Münter 1931 dauerhaft in Murnau nieder. Mit dem Kunsthistoriker Johannes Eichner (1886  – 1958), den sie 1927 in Berlin kennengelernt hatte und mit dem sie seit 1936 in Murnau zusammenlebt, gelingt ihr ein privater Neuanfang. Ihr neuer Lebensgefährte – und Agent – unterstützt sie bei ihrem künstlerischen Comeback. Wie zu Zeiten des Blauen Reiter konzentriert sich Gabriele Münters Malerei in dieser Zeit auf Motive aus dem häuslichen und landschaftlichen Umfeld. Vielfach dienen die Blumen aus dem Garten als Inspiration für Stillleben.

Ihr 1932 zu Beginn dieser zweiten großen Schaffensphase entstandenes Ölgemälde „Tigerlilie“, das im September bei NEUMEISTER versteigert wird, zeigt ein typisches Stillleben dieser späten Jahre. Die Lilien sind in einer kleinen blauen Vase auf einem Tisch arrangiert. Blüten und Zweige bilden die Komposition im Vordergrund. Sie heben sich durch Form und Farbe leuchtend von der Murnauer Landschaft im Hintergrund ab. Mit der an die frühen Jahre anknüpfenden Vereinfachung und der fast arabesken Stilisierung verdeutlicht das vorliegende Gemälde Gabriele Münters künstlerische Neuorientierung.

AUSZEIT im Outback

 


Wilde Natur, spezielles Licht, unverkopfte Einheimische: Begeistert vom ursprünglichen Leben fern der Stadt, zieht es an der Wende des 19./20. Jahrhunderts in Europa scharenweise Maler an entlegene Orte. Weltferne Provinznester wie MURNAU und WORPSWEDE in Deutschland oder PONT-AVEN in der Bretagne machten Schule, erreichten als Geburtsstätten neuer Kunstströmungen internationalen Ruhm. 

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