Ikonen: Bilder für die Seele


 Ikonen sind bei NEUMEISTER seit jeher gefragt. Mit etwa 50 Positionen aus einer süddeutschen Privatsammlung, sämtlich aus dem 18. und 19. Jahrhundert,  ist das Angebot der Andachtsbilder in der September-Auktion diesmal außergewöhnlich groß.

Die Hl. Vierzig Märtyrer von Sebaste
Rußland, 19. Jh.
Einzug Christi in Jerusalem
Rußland, um 1800

Jesus und Maria, Apostel und Heilige in leuchtenden Farben. Im Hintergrund schillert ein Himmel aus Blattgold. Die Bildsprache reduziert, die Motive flächig aufgetragen. Ikonen dienen vorwiegend für orthodoxe Christen als Mittler zwischen Irdischem und Göttlichem. Zumeist in kleinem Format auf Holz gemalt, sind die abgebildeten Heiligen für Gläubige anfassbar und damit  unmittelbar erfahrbar. Auch die überwiegend frontale Ansicht der Protagonisten stellt eine direkte Beziehung von Betrachter und Betrachtetem her. So verstanden, sind Ikonen Bilder für die Seele, die zur metaphysischen Zwiesprache einladen.

Die Enthauptung Johannes des Vorläufers
Rußland, 18. Jh., Schule von Palech
Ikone mit der Erscheinung der Gottesmutter Pokrow und die Legende des Hl. Romanos
Rußland (Palech), 18. Jh.

 Das Wort „Ikone“ kommt aus dem altgriechischen eikṓn und bedeutet „Bild" oder "Abbildung". Auch "Icon" und "Emoticon" entstammen diesem Wortursprung. Die Ikone entwickelte sich aus der Tradition antiker Kultbilder, die Tote, Kaiser oder Götter zeigten. Im 6. Jahrhundert wurden sie in Byzanz zu Ehrfurcht gebietenden Symbolen staatlicher Macht. Und zusehends begriff sich der Ost-Kaiser selbst als Gegenstand ritueller, gottgleicher Verehrung. Aber war es überhaupt angemessen, sich ein Bildnis des Göttlichen zu machen? Um diese Frage tobte im 8. und 9. Jahrhundert der Bilderstreit zwischen byzantinischem Kaiser und christlichen Kirchen. Für Klärung sorgte das 2. Konzil von Nicäa 787 n. Chr., das die Ikonenverehrung legitimierte. Fortan wurden die Heiligenbilder integraler Bestandteil östlicher Orthodoxie. Die Nachfrage stieg enorm, ein reger Handel mit den Heiligenbildern setzte ein. Gefragt war alles – von meterhohen Großformaten bis hin zu kleinen, teils mit Gold, Edelsteinen und Elfenbein besetzten Stücken für die private Andacht. 

Festtagsikone mit der Höllenfahrt Christi und zwölf Randbildern
Rußland, 18. Jh.
Kreuzigung Christi umringt von 12 Passionsszenen
Rußland, 18. Jh.

Eine erste Blütezeit erlebte die Ikonenmalerei im 6. und 7. Jahrhundert im byzantinischen Raum. Und nachdem sich Großfürst Wladimir I. 988 von griechischen Priestern taufen ließ, entwickelte sie sich in Russland zu einer eigenständigen Kunst. Westeuropa wurde Anfang des 18. Jahrhunderts auf Heiligenbilder aus dem Osten aufmerksam, aber erst zwischen den beiden Weltkriegen gelangten sie im 20. Jahrhundert nach und nach in den Westen. In der frühen Bundesrepublik ließen sich dann immer mehr Kunstinteressente auf die handbemalten Holzbildchen ein, bis die Nachfrage in den 1970er und 1980er Jahren ihren vorläufigen Höhepunkt erreichte.

Verkündigung der Hl. Gottesmutter
Rußland, 17. Jh.
Vierfelderikone - Geburt des Hl. Johannes, Mariä Verkündigung, Darbringung im Tempel, Gottesmutter Pokrow
Rußland, 19. Jh.

Heute ist es ein wenig stiller um die Andachtsbilder geworden, doch ihrer zeitlosen Schönheit und dem meditativen Charakter kann man sich kaum entziehen. Kunstinteressierte fasziniert die reizvolle Ästhetik mit gleichsam vertraut und fremd wirkender Bildsprache mehr als der religiöse Kontext – zumal sich die zeitlosen Schönheiten gleichsam in klassische und moderne Wohnkonzepte einfügen. Nicht zuletzt sind Ikonen auch als Wertanlage interessant. Die Andachtsbilder haben sich auf dem Kunstmarkt als lohnende Sammelobjekte etabliert und erzielen auf Auktionen Höchstpreise.

Die sieben Tage der Woche (Sedmiza)
Rußland, 19. Jh.