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Von Horst Kessler

Die Objekte der Sammlung Gutmann aus der AUGSBURGER Karl und Magdalene Haberstock Stiftung

EINES IHRER UMFANGREICHSTEN GEMEINSAMEN GESCHÄFTE konnten die beiden Kunsthändler Julius Böhler (1907  – 1979), München und Karl Haberstock (1878  – 1956), Berlin zwischen 1941 und 1943 tätigen. Es handelte sich dabei um die Sammlung der jüdischen Familie Gutmann aus Heemstede in Holland.

Der Bankier Eugen Gutmann (1840  – 1925) gründete 1872 die Dresdner Bank, die unter seiner Führung schnell zu einer der größten deutschen Geldinstitute aufstieg und bald auch international eine große Rolle spielte. Gutmann hatte Deutschland bereits 1914 verlassen und stand als Direktor der Niederlassung der Dresdner Bank in London vor. 1918 kam er in die Niederlande und nahm 1924 die niederländische Staatsbürgerschaft an. Eugen Gutmann war ein bedeutender Kunstsammler. Im Laufe seines Lebens erwarb er eine große Sammlung in erster Linie deutscher Gold- und Silberschmiedearbeiten des 16./ 17. Jahrhunderts, die bei seinem Tod 1925 mehrere hundert Werke umfasste. Nach seinem Tod erbte sein Sohn Friedrich (Fritz) Gutmann dessen berühmte Kunstsammlung und brachte sie in sein Anwesen nach Heemstede, Holland. Nach dem Einmarsch der Deutschen Wehrmacht im Sommer 1940 wurden Fritz Gutmann und seine Ehefrau Louise (geb. Landau) wegen ihrer jüdischen Herkunft verfolgt, verloren ihr Vermögen und waren gezwungen, die Sammlung des Vaters sowie ihre eigenen Kunstgegen - stände zu verkaufen. Ab 1941 bereitete das Ehepaar Gutmann seine Flucht vor. 1942 übergab Fritz Gutmann dann seine Sammlung den Kunsthändlern Karl Haberstock und Julius Böhler in Kommission. Die Sammlung wurde daraufhin nach München gebracht und dort deponiert. Das Ehepaar Gutmann wurde 1943 deportiert und kam 1944 in Theresienstadt bzw. Auschwitz ums Leben.

 

Der Fall der Gutmann-Sammlung wurde durch die Alliierten kurz nach Ende des 2. Weltkriegs aufgedeckt und weiterverfolgt. Die rechtmäßigen Eigentümer sollten ihre Objekte, die zum größten Teil aus den Lagerbeständen der Kunsthandlung Böhler in den Central Collecting Point (CCP) München verbracht wurden, zurückerhalten. Trotz der relativ guten Aktenlage bei Böhler und Haberstock – im Augsburger Haberstock Archiv und im Münchner Wirtschaftsarchiv sind in den Geschäftsunterlagen und Korrespondenzen der beiden Kunsthändler die Gutmann-Objekte auch aus dem Hausinventar aufgeführt und trotz der schnellen Erkenntnis der Alliierten, dass es sich bei diesen Objekten um Raubgut handelte, konnten einige Objekte aus den Sammlungsbeständen erst zu Beginn der 2000er Jahre zum Teil an die Erben zurückgegeben werden. Einen Großteil ihrer Wertgegenstände erhielten die Gutmann-Erben im April 2002 durch den niederländichen Staat zurück. Vor allem die Korrespondenz zwischen Böhler und Haberstock aus den Jahren 1941 bis 1944 liefert entscheidende Hinweise und Einblicke in den Verlauf dieses Geschäfts. Dabei ging es beim Ankauf der Sammlung weniger um Antisemitismus als eher um die Aufrechterhaltung des Geschäfts. Der gemeinsame Ankauf der Gutmann-Sammlung zu jeweils gleichen Anteilen gibt wieder, wie komplex die Geschäftsabläufe waren. Über mehrere Jahre hinweg war die Beziehung der beiden Kunsthändler vom Erwerb der Gutmann-Sammlung geprägt. Der Ankaufsprozess selbst, die Lagerung der vielen Kunstgegenstände sowie die Korrespondenzen zu interessierten Kunden samt Fotoaufträgen zu den einzelnen Objekten mussten neben dem üblichen Geschäft abgewickelt werden. Die meisten der von Karl Haberstock und Julius Böhler erworbenen Kunstobjekte waren für den Weiterverkauf vorgesehen. Einige davon behielten die Kunsthändler, zumindest Haberstock, selbst. Er verleibte sie in sein häusliches Inventar ein. Bezüglich der Gutmann-Sammlung und des gesamten Hausrats erscheint es deshalb nicht verwunderlich, dass sich noch bis vor kurzem Objekte des ehemaligen Inventars des Anwesens Huise Bosbek in Heemstede, noch im Besitz der Augsburger Haberstockstiftung befanden. Der Grund hierfür war, dass nach dem Tod von Magdalene Haberstock 1983 nahezu das gesamte Wohnungsinventar als Nachlass an die Stadt Augsburg ging. Insbesondere die Provenienzen der kunsthandwerklichen Objekte aus dem Nachlass der Witwe Haberstock, die erst Mitte der 1980er Jahre aus ihrer Münchner Wohnung nach Augsburg verbracht wurden, waren noch weitgehend ungeklärt. Erst in den vergangenen Jahren konnte ein Teil der Provenienzen unter anderem durch die Hinweise und Recherchen von Simon Goodman, dem Urenkel Fritz Gutmanns, sowie durch hauseigene Recherchen im Archiv der Kunstsammlungen und Museen und in auswärtigen Archiven eindeutig geklärt werden.

Mit der 2008 erschienenen Publikation „Karl Haberstock – Umstrittener Kunsthändler und Mäzen“ beabsichtigten die Kunstsammlungen und Museen Augsburg sämtliche im ehemaligen Besitz des Ehepaars Haberstock befindlichen Objekte, die zum einen nach und nach über die 1956 ins Leben gerufene Karl und Magdalene Haberstock Stiftung, zum anderen aus dem Nachlass der Witwe des Kunsthändlers in die Stiftung und somit in den Besitz der Kunstsammlungen und Museen Augsburg kamen, einem breiten Publikum zugänglich zu machen. Ziel der Publikation war es unter anderem potentiellen Anspruchsberechtigten die Möglichkeit zu geben, Objekte aus ihren Sammlungen bzw. der Sammlungen ihrer Vorfahren in der Publikation wiederzuerkennen und sich bei Verdachtsmomenten an die Kunstsammlungen und Museen zu wenden.

Simon Goodman erforscht seit den 1990er Jahren das Schicksal der Familiensammlung. Mehrere Objekte waren allerdings nicht mehr auffindbar. Erst spät konnte er etliche Stücke ausfindig machen und auch wieder in Empfang nehmen. So einigte sich die Gutmann Familie unter anderem mit den Erben eines amerikanischen Sammlers über einen Nautiluspokal, der nach dem Krieg mehrere Besitzer hatte. Zwei der bislang nicht auffindbaren Objekte konnten im Landesmuseum Württemberg identifiziert werden, nachdem Simon Goodman, im Mai 2011 Kontakt mit dem Museum aufgenommen hatte. Bei den Objekten handelt es sich um zwei Tischuhren der Renaissance von höchster Qualität. Diese wurden im Juli 2012 an die Erben restituiert. Nun wendete sich Simon Goodman aufgrund der oben erwähnten Publikation über Karl Haberstock auch an die Stadt Augsburg, da er unter den dort aufgeführten Objekten, die sich in der Stiftung befinden, einige vermutete, die aus dem Besitz seiner Familie stammen konnten. Nach aufwändigen Recherchen konnten nun die hier in dieser Auktion angebotenen Kunstgegenstände als eindeutig aus dem ehemaligen Besitz Fritz Gutmanns identifiziert und eine faire und gerechte Lösung mit den Gutmann-Erben im Sinne der Washingtoner Prinzipien vom Dezember 19981 getroffen werden.

1 Siehe Deutsches Zentrum Kulturgutverluste – Washingtoner Prinzipien


BUCHTIPPS


 

HORST KESSLER: KARL HABERSTOCK. UMSTRITTENER KUNSTHÄNDLER UND MÄZEN

Karl Haberstock (1878 – 1956) war einer der bedeutendsten Kunsthändler im „Dritten Reich“. Das Buch des Historikers Horst Keßler schildert seinen Werdegang vom Banklehrling in Augsburg über den Aufstieg zum Kunsthändler am Beginn des 20. Jahrhunderts in Berlin bis hin zu einem der wichtigsten Lieferanten für das von Hitler geplante „Führermuseum“ in Linz. Nach Karls Haberstocks Tod wurde auf dessen Wunsch hin der gesamte private und geschäftliche Nachlass der Stadt Augsburg in eine Stiftung überstellt.

Keßlers Buch behandelt vor allem Fragen der Provenienzforschung. So werden die Objekte der Haberstock-Stiftung, die ca. 40 hochwertige Gemälde und Grafiken umfasst, sowie die von der Stadt Augsburg aus Haberstocks Nachlass übernommenen kunsthandwerklichen Objekte und Möbel In einem umfangreichen Katalogteil vorgestellt. Überdies werden die Geschäftsbücher der Galerie Haberstock aus den Jahren 1933 – 1944 mit etwa 500 Abbildungen vollständig veröffentlicht.

Am Ende war es dieses Buch, das Simon Goodman auf die Objekte im Schaetzlerpalais aufmerksam machte, die nun in der Sommerauktion bei NEUMEISTER versteigert werden.

 

SIMON GOODMAN: THE ORPHEUS CLOCK

In seinem Buch erzählt Simon Goodman, wie er zielstrebig versucht, das zurückzuerobern, was die Nazis seiner Familie gestohlen haben – ihre geliebte Kunstsammlung – und ihr Erbe wiederherzustellen.

Simon Goodmans Großeltern stammten aus einer deutsch-jüdischen Bankendynastie und kamen in Konzentrationslagern ums Leben. Das war fast alles, was er über sie wusste – sein Vater sprach selten über ihre Familiengeschichte oder ihr Erbe. Doch als er verstarb und Simon die alten Papiere seines Vaters erhielt, begann sich eine Geschichte zu entwickeln.

Die Gutmanns stiegen von einem kleinen böhmischen Dorf zu einer der mächtigsten deutschen Bankiersfamilien auf. Sie legten auch eine großartige Kunstsammlung von Weltrang an, die Werke von Degas, Renoir, Botticelli, Guardi und vielen, vielen anderen enthielt. Doch das Naziregime raubte ihnen alles, was sie sich aufgebaut hatten: ihre bemerkenswerte Kunst, ihren immensen Reichtum, ihre herausragende gesellschaftliche Stellung und ihr Leben.

Simon Goodman wuchs in London auf und wusste nichts von den Bemühungen seines Vaters, die wertvollen Besitztümer der Familie zurückzuholen. Erst nach dem Tod seines Vaters begann er, die Hinweise auf das geraubte Erbe der Gutmanns und die Plünderungsmaschinerie der Nazis zusammenzufügen. Durch mühsame Detektivarbeit auf zwei Kontinenten konnte er nachweisen, dass viele Werke seiner Familie gehörten, und ihre Rückgabe erfolgreich durchsetzen.

 

Goodmans dramatische Geschichte, die mit viel Herz erzählt wird, offenbart eine reiche Familiengeschichte, die von den Nazis fast ausgelöscht wurde. Es ist nicht nur der Bericht über eine über 20 Jahre währende Suche nach einem Familienschatz, sondern auch eine unvergessliche Geschichte von Erlösung und Wiederherstellung.

 

 

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