WOHIN MIT KUNST AUS DER NS-ZEIT?


HOCHRANGIGE EXPERTEN SUCHEN BEI EINER PODIUMSDISKUSSION IN DER BARER STRASSE ANTWORTEN

 

 

Podiumsdiskussion

Padua, Gerhardinger, Baumgartner: Zahlreiche Künstler, deren Arbeiten bei der Faußner-Sonderauktion versteigert wurden, waren Nutznießer des NS-Regimes. Auch wenn die meisten ihrer zum Aufruf gekommenen Werke vor 1933 geschaffen wurden, lenkte NEUMEISTER im Vorfeld der Auktion den Blick auf die Frage, wie Handel, Museen und Forschung mit Kunstwerken und Künstlern aus der Zeit des Nationalsozialismus umgehen. Die Problematik wurde bereits in dem zur Auktion veröffentlichten Spezialmagazin ausführlich thematisiert. Überdies veranstaltete NEUMEISTER am 30. April 2024 ein Podiumsgespräch mit dem Titel „Verdrängen, deponieren, ausstellen, verkaufen? Zum Umgang mit Kunst aus der Zeit des Nationalsozialismus". Etwa 80 Besucher erlebten dabei, wie die im Hinblick auf dieses Thema im bundesdeutschen Raum versiertesten Experten Stellung bezogen. Souverän moderiert wurde der Gedankenaustausch von Prof. Dr. Christian Fuhrmeister vom Zentralinstitut für Kunstgeschichte/LMU München.

Prof. Dr. Bernhard Maaz, Generaldirektor der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen, erläuterte, dass man nichts verdrängen dürfe, sondern sich vielmehr mit Kunst aus der NS-Zeit auseinandersetzen müsse. Nicht nur in historischen Museen, auch in Kunstmuseen sollte sie – kritisch kommentiert und eingeordnet – gezeigt werden. Er stehe insofern dazu, dass Adolf Zieglers Triptychon "Die Vier Elemente", das in der NS-Zeit millionenfach reproduziert wurde und zu den bekanntesten Werken nationalsozialistischer Kunstproduktion zählt, in der Pinakothek der Moderne zu sehen ist – was zuletzt heftige Diskussionen weit über München hinaus ausgelöst hatte. Die Ausstellung solcher Werke sei nötig, um eine überfällige Diskussion über Künstler und Kunst in der NS-Zeit anzustoßen, wobei ausdrücklich nicht martialische NS-Propagandakunst gemeint sei. Viel zum Thema zu sagen hatte auch Kunsthistoriker Felix Steffan, immerhin sind Kunst und Kulturpolitik in der NS-Zeit sein Forschungsschwerpunkt. Er verdeutlichte, wie schwierig Recherche in diesem Gebiet sei und wünschte sich vor allem die Digitalisierung wichtiger Quellen, denn dies würde die wissenschaftliche Arbeit maßgeblich erleichtern. Dr. Karin Althaus, stellvertretende Direktorin der Städtischen Galerie im Lenbachhaus/Kunstbau München und Leiterin Sammlungen,Ausstellunen und Forschung), verdeutlichte, dass sie sich persönlich lieber mit der Kunst von Verfolgten des NS-Regimes beschäftige als mit Werken von Nutznießern und Mitläufern. Sie würde das Thema lieber in Sonderausstellungen problematisieren und keine NS-Künstler in die ständige Ausstellung integrieren.



Bereits vor Beginn der Podiumsdiskussion hatte NEUMEISTER-Chefin Katrin Stoll ihre Position verdeutlicht: "Ich habe mich dem Thema stets mit allergrößter Verantwortung und viel Mut vorbildlich gestellt, im eigenen Haus vor allem durch die wissenschaftliche Aufarbeitung der Firmengeschichte während des Nationalsozialismus – und zwar als einziges Auktionshaus in Deutschland." Mit Hinblick auf die Fragestellung der Podiumsdiskussion führte sie weiter aus: "Gerade in Krisenzeiten ist ein transparenter und offener Umgang mit dem düstersten Kapitel deutscher Geschichte wichtig. Daher hat sich NEUMEISTER insbesondere mit der Faußner-Auktion, die Einblicke in die Zeit und ihren Kunstgeschmack gab, und der Podiumsdiskussion aktiv am offenen Diskurs und der kritischen Aufarbeitung der Rolle von Künstlern in der NS-Zeit beteiligt. Leider wird das Thema – im Gegensatz zum Ausland – in deutschen Museen meist verdrängt und auch von den Medien kaum oder nur sehr verkürzt aufgegriffen. Bei unserer Podiumsdiskussion war trotz gesonderter Einladung kein Vertreter der Presse dabei, was mich enttäuscht hat. Offensichtlich ist das Thema in den Medien ein Tabu. Und das ist kaum zu glauben. Ich bin knapp 20 Jahre nach Kriegsende geboren, meine Kinder zwischen 21 und 41 Jahre alt, meine Enkel 7 und 9. Wie lange sollen wir warten, bis wir uns auch mit diesem Teil der Kunstgeschichte im 20. Jahrhundert proaktiv auseinandersetzen dürfen?"

Im Nachgang der Podiumsdiskussion kommentierte auch Prof. Dr. Christian Fuhrmeister, der sich seit drei Jahrezehnten mit Kunst im Nationalsozialismus beschäftigt, das Zaudern der Medien: „Die in einem Artikel der Tagespresse geäußerte Auffassung, man könne – ja müsse – Debatten und Diskurse einhegen, halte ich für falsch. Es gibt keine Garantien, was Diskussionsprozesse betrifft; ebenso gehört es zum Wesen ergebnisoffener Grundlagenforschung, dass man zu Beginn nicht weiß, was am Ende herauskommt. Alle Nuancierungen im Hinblick auf den Nationalsozialismus sind Folge intensiver Aushandlungsprozesse, vom Historikerstreit über die Debatten zum Berliner Holocaust-Mahnmal bis zum Streit über die Ausstellung zur Wehrmacht, um nur einige ältere Phänomene aus der Zeit vor der Jahrtausendwende zu nennen. Es gehört für mich jedenfalls in fundamentaler Weise zum Konzept einer ‚offenen Gesellschaft‘, dass sie selbst aushandelt, was überzeugend und konsensfähig ist, und was nicht. Die ‚Leave-it-and-don‘t-touch-it‘-Perspektive stellt insofern einen späten Nachhall der großen Tabuisierungsbewegung der Nachkriegszeit dar – ich meine das bewusst im Freud’schen Sinne (in dieser Logik rügt Baselitz die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen für den Tabubruch und fordert die Aufrechterhaltung des Tabus ein). Noch einmal: Alle Perspektiven, alle Meinungen, alle Objekte gehören auf den Tisch, bedürfen der kritischen Erörterung. Nur so wird Vielfalt greifbar, nur dann kann die – permanent erforderliche – Re-Evaluierung des Status quo vonstattengehen, nur dann erreichen wir den Grad an Differenziertheit, den wir brauchen."


MONUMENTS WOMAN


EINE FURCHTLOSE FRAU DES FRANZÖSISCHEN WIDERSTANDS IN DER NS-ZEIT: WIE ROSE VALLAND 60.000 KUNSTWERKE VOR DEM VERLUST RETTETE.

Die begeisterte und unterschätzte Kunstexpertin Rose Valland im Musée Jeu de Paume in Paris, Anfang der 1930er Jahre.

 

Zigtausende Kunstschätze wurden von den Nationalsozialisten während des Zweiten Weltkrieges in den von ihnen besetzten Länder geraubt. Wie man sie wieder aufspürt, erfuhr die breite Öffentlichkeit spätestens im Jahr 2014, als „Monuments Men“ mit George Clooney ins Kino kam. Cate Blanchett spielt dabei die Filmfigur der Claire Simone, die Rose Valland (1898 – 1980) nachempfunden ist. Wer war diese Frau, die unter Einsatz ihres Lebens 60.000 Kunstwerke rettete? Antworten gibt das neue Buch „Rose Valland und die Liebe zur Kunst“. 

Berühmte Gemälde und Drucke, kostbare Skulpturen, Möbel, und Musikinstrumente, dazu Bücher und ganze Bibliotheken: Im Auftrag des Einsatzstabs Reichsleiter Rosenberg (ERR) wurden während der deutschen Okkupation Frankreichs zwischen 1940 und 1944 Kulturgüter unschätzbaren Werts aus Museen, Galerien und privaten, meist aus jüdischem Besitz Sammlungen geraubt. Dass etwa 10.000 Personen für den ERR, der auch in anderen besetzten Ländern rücksichtslos plünderte, tätig waren, verdeutlicht die Dimension dieses nie dagewesenen und mit deutscher Gründlichkeit geplanten Kunstraubs.

Die in Frankreich von den Besatzern zusammengerafften Werke wurden im Pariser Museum Jeu de Paume zwischengelagert. Das Gebäude war 1861 unter Napoleon III. nördlich des Tuileriengartens als Sporthalle für das Ballspiel Jeu de Paume, einem Vorläufer des Tennis, errichtet worden. Ab 1909 dienten die Räumlichkeiten der Sammlung von Kunst. Das Jeu de Paume gibt es noch, heute finden dort Fotografie- und Videokunst-Ausstellungen statt.

Während des Zweiten Weltkriegs wurden die in Frankreich geraubten Schätze im Jeu de Paume inventarisiert und katalogisiert, um anschließend auf verschiedene Orte in Deutschland verteilt oder an hochrangige NS-Funktionäre überreicht zu werden – allen voran an Reichsmarschall Hermann Göring. In seiner Gier trug der Mann, der auch als Kunstsammler berühmt-berüchtigt war, über 4.000 Kunstobjekte zusammen, mit denen er seinen Landsitz Carinhall bei Berlin in ein Museum umwandeln wollte. ERR-Mitarbeiter Bruno Lohse machte speziell für Göring Kunstwerke ausfindig, um sie ihm bei dessen Paris-Aufenthalten in Ausstellungen zu präsentieren. Und der zweitmächtigste Mann des NS-Staates schaute oft in Frankreich vorbei.

1941 und 1942 reiste Göring in seinem Sonderzug etwa 20 Mal nach Paris – und nahm die geraubte Ware in angehängten Waggons gleich mit. Von April 1941 bis Juli 1944 brachten insgesamt 29 Transporte beschlagnahmte Kunstwerke aus Paris nach Deutschland, wo der ERR im Schloss Neuschwanstein sein Hauptdepot unterhielt. 

Während der Besatzungszeit arbeitet eine junge Kuratorin im Jeu de Paume: Rose Valland. Sie erlebt den Beutezug der Nationalsozialisten mithin aus nächster Nähe mit. Was keiner ahnt: Die mutige Kuratorin hat Verbindungen zur Résistance, und unter den Augen der Nazis macht sie sich ohne zu zögern in feiner Handschrift Notizen zu den Stücken, die Jeu de Paume durchlaufen – nicht irgendwelche und nicht wenige, sondern entscheidende und sehr viele. Gewissenhaft führt Rose Valland insgeheim Buch darüber, woher die Werke kommen, wohin sie transportiert werden und für welchen NS-Würdenträger sie bestimmt sind. Dazu holt sie auch weggeworfene Notizen aus Mülleimern und hört Unterredungen von Amtspersonen ab. Einmal ist Rose Valland sogar dabei, als Göring Kunstwerke für sich auswählt. Auf einem Foto ist auch zu sehen, wie sie ihren Blick nicht senkt, als sie im Jeu de Paume zu ersten Mal Bruno Lohse begegnet, jenem skrupellosen Kunsthändler von Görings Gnaden, der sie abschätzig mustert.

Nach dem Krieg reist Rose Valland im Rang eines Hauptmanns immer wieder in das zerstörte Deutschland, nach Berlin, Köln, Wiesbaden, Füssen, Sigmaringen, zunächst in die französischen Besatzungszonen, dann auch in alle weiteren, um Kunst aufzuspüren, zu sichten, zuzuordnen. Und bei den Nürnberger Prozessen 1946 bezieht sie Stellung zum systematischen Kunstraub unter Hermann Göring. Wie muss es für sie gewesen sein nach der Kapitulation Deutschlands auf die Nazi-Kunsthändler oder andere Profiteure zu treffen und zu erleben, wie selten diese Verbrecher bestraft wurden?

Rose Valland reiste ab Mai 1945 immer wieder nach Deutschland, um Gemälde aufzuspüren und zuordnen zu können. Diese Aufnahme entstand in Köln, vermutlich um 1950.

Die von ihr zusammengetragenen Informationen übermittelt Rose Valland an die Résistance und riskiert dabei ihr Leben. Sie informiert den Widerstand auch über Züge, mit denen Raubkunst aus Frankreich abtransportiert werden soll. So kann durch Sabotage verhindert werden, dass im Sommer 1944 die letzten ERR-Züge mit Raubgut nach Deutschland gelangen. Wer tiefer eintauchen möchte: An die Geschehnisse erinnert Rose Valland in ihrem 1961 erschienenen Buch Le Front de l’art, auf dem auch der sehenswerte Film The Train (1964) mit Jeanne Moreau und Burt Lancaster beruht.

Es dauerte Jahrzehnte, bis Rose Valland von ihren französischen Landsleuten als Heldin entdeckt und geehrt wird. In Deutschland ist sie bis heute weitgehend unbekannt. Dabei rettete sie mehr als 60.000 Kunstwerke vor dem Verlust und schuf in zahllosen Fällen die Voraussetzungen für Restitutionen. Rose Valland, die ihre Mission der Gerechtigkeit bis zu ihrem Tod verfolgte, wurde vielfach ausgezeichnet und doch auch vergessen. Das nun erschienene Buch der französischen Journalistin Jennifer Lesieur „Rose Valland und die Liebe zur Kunst“ gibt ihr endlich ihren Platz als furchtlose Frau des Widerstands in der Geschichte zurück. "Rose Valland ist die Monuments Woman, ohne die es den Erfolg der Monuments Men nie gegeben hätte. Ganz einfach, weil sie wusste, was sonst niemand wissen konnte. Es hätte einen Film nur über sie geben sollen, aber was nicht ist, kann ja noch werden, findet die Münchner Verlegerin Elisabeth Sandmann. Ihr ist es zu verdanken ist, dass Jennifer Lesieurs 2023 in Frankreich erschienenes Buch nun auch in deutscher Sprache erhältlich ist. Sandmann: 

„Das passt ins Programm meines Verlages, das sich immer wieder mit Themen von jüdischer Verfolgung, Kunstraub und Restitution befasst.“ Und hier ist dann auch der Link zum Auktionshaus NEUMEISTER, das sich durch seine vorbildliche Provenienzforschung, auch und insbesondere im Hinblick auf die NS-Zeit, einen Namen gemacht hat. AL

Jennifer Lesieur Rose Valland und die Liebe zur Kunst. Die Frau, die 60.000 Kunstwerke rettete
Elisabeth Sandmann Verlag, 25 Euro

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