BONBONS FÜR DIE DAMEN. ZIGARREN FÜR DIE HERREN.


ALBERT FIGDOR GILT ALS EINER DER LETZTEN PRIVATEN KUNSTSAMMLER ALTEN SCHLAGES. IN DER JUNI-AUKTION VERSTEIGERT NEUMEISTER 21 OBJEKTE AUS DER LEGENDÄREN KOLLEKTION DES WIENER GRANDSEIGNEURS.

VON Dr. Helga Puhlmann

 

 

 

PRIVATIER MIT 33 JAHREN.

Albert Figdor (16. Mai 1843 —22. Februar 1927) entstammte einer jüdischen Unternehmerfamilie mit ungarischen Wurzeln. Seine Vorfahren ließen sich Ende des 18. Jahrhunderts als Wollhändler in Wien nieder und betrieben von dort ihre interna - tio nalen Geschäfte. Und zwar mit so großem Erfolg, dass sie nach einigen Jahren zur Oberschicht der Stadt gehörten und in den höchsten Kreisen verkehrten. Albert begann bereits als junger Mann Skulpturen, Möbel und kleine Kunstobjekte zu sammeln. Er studierte in Wien Jura, promovierte und trat anschließend in das Bankgeschäft seiner Familie ein, wo er sich unter anderem an der Finanzierung des Baus der Gotthartbahn beteiligte. 1876 starb sein Vater, der Unternehmer und Bankier Ferdinand Joachim Figdor (geboren 1805) und vererbte seinen drei Kindern ein großes Vermögen. Im Alter von nur 33 Jahren konnte Albert seine Tätigkeit in der Bank aufgeben, um sich völlig seiner Sammelleidenschaft zu widmen. 

EIN LIEBENSWÜRDIGER GASTGEBER

Verschiedene Autoren haben in ihren Schriften von Besuchen bei Albert Figdor berichtet, darunter berühmte Kunsthistoriker wie der Berliner Museums mann Wilhelm von Bode oder Gustav Glück und Ernst Buschbeck, die beide später Direktoren des Kunsthistorischen Museums in Wien wurden. Sie beschreiben ihn als gebildeten, inter - essierten und humorvollen Gesprächspartner, der seinen Kollegen gern seine Schätze zeigte und sie an seinen Kenntnissen teilhaben ließ. Er scheint ein elegant gekleideter Grandseigneur gewesen zu sein, ein liebenswürdiger und zugewandter Gast - geber, der für die Damen feine Bonbons und für die Herren die teuersten Zigarren vorrätig hielt. Was für ein beneidenswerter Tageslauf: Den Vor - mittag pflegte Albert Figdor „zur inneren Ordnung der Sammlung (…) sowie zum Empfang der häufigen Besucher und nicht zuletzt der kleinen Agenten“ 1 zu verwenden, während er am Nach - mittag die Neuzugänge der Wiener Antiquitätenund Kunsthandlungen sichtete. Für Abwechslung sorgten Reisen durch ganz Europa, die Figdor unternahm, um interessante Objekte selbst aufzuspüren. Außerdem stand er im In- und Ausland mit zahlreichen Händlern in Kontakt, die ihm Angebote zur Ergänzung seines Kunstbesitzes unterbreiteten.

12 ZIMMER. VOLLGESTAPELT MIT KUNST.

Durch den Tod seines Onkels Gustav, dem Bruder seines Vaters, gelangte Albert 1879 in den Besitz des durch den Architekten Viktor Rumpelmayer errichteten fünfgeschossigen Stadtpalais Figdor in der Löwelstraße 8 in Wien. Figdor bezog dort eine in der dritten Etage liegende 12-ZimmerWohnung, die er vollständig mit den Objekten seiner Sammlung ausstattete. Dabei folgte er keiner besonderen Systematik, ordnete die Stücke nicht nach Materialien, inhaltlichen oder chronologischen Gesichtspunkten, sondern arrangierte alles nach seinem persönlichen Geschmack. 

EUROPAS GRÖSSTE PRIVATSAMMLUNG.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts galt Albert Figdors Kunstbesitz als die größte Privatsammlung Europas. Sie umfasste Gemälde, Miniaturen, Skulpturen, Elfenbeinschnitzereien, Wandteppiche, Uhren, Gold- und Silberschmiedearbeiten vom Altar bis zum Schmuckstück sowie Reliquien und rund 300 Möbel aller Art. Da Figdor eine besondere Vorliebe für Gegenstände des häuslichen und handwerklichen Gebrauchs hegte, kamen Leuchter, Öfen, Metallgefäße, Kacheln, Fayencen, Steinzeug, Gläser, Spiele, Spielzeug, Medaillen, Textilien, Werkzeuge und viele andere Objektgruppen hinzu, die das Spektrum ihrer jeweiligen Gattung in großer Breite vor Augen führten. Der tatsächliche Umfang der enzyklopädisch angelegten Kollektion scheint zahlmäßig nie ermittelt worden zu sein, geschätzt wurde sie auf 5.000 bis 6.000 Artefakte. 

Albert Figdors Wiener Wohnung glich einem Museum. Über dem Schreibtisch ist die Heilige Sippe zu erkennen (Lot 126).

KUNSTWERKE ALS LEBENDIGE ZEUGEN DER GESCHICHTE

Die Auswahl der Kunstwerke aus dem Mittelalter und der Renaissance entsprach dem Geschmack der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, der besonders von Interesse an vergangenen „Stilen“ und kulturhistorischen Zusammenhängen geprägt war. Als authentische Geschichtsszeugnisse dienten Figdor die einzelnen Objekte zur Veranschaulichung des Lebens in früheren Zeiten. Er wählte die Stücke für seine Sammlung mit außergewöhnlichem Sinn für Qualität und stellte höchste Anforderungen an künstlerische Gestaltung, Ausführung und Erhaltungszustand der von ihm erworbenen Objekte. Unter den Bildern und Skulpturen befanden sich einige herausragende Kunstwerke, etwa der „Verlorene Sohn“ von Hieronymus Bosch, die „Kreuztragung“ aus Lorch oder zwei Reliefs, die heute zu den Hauptwerken der ottonischen Elfenbeinplastik gerechnet werden. Figdor erwarb sie jedoch weniger als Meisterwerke der Kunst, sondern vor allem wegen ihrer kulturgeschichtlichen Aussagekraft.

 

ALLES HAT SEINE ORDNUNG

Josephine Hildebrand berichtet, dass Figdor gern kleine Arrangements nach thematischen Gesichtspunkten zusammenstellte. So ordnete er einem Altarflügel des Meisters der MagdalenenLegende mit der Darstellung eines Ausritts zur Falkenjagd „…verschiedene originale lederne Falkenkappen, ein goldenes Schmuckstück in feinstem Email mit der Darstellung einer Falknerin, einen hölzernen Falken, der als Lockvogel bei der Jagd gedient haben mag…“2 und andere Objekte zu. Auf differenzierte Weise wurden so verschiedene Aspekte der vor allem im Mittelalter als Zeitvertreib an den Fürstenhöfen beliebten Falkenjagd anschaulich gemacht.

1891 versuchte Albert Figdor, seine Schätze in die Obhut des Kunsthistorischen Museums zu geben, doch der seinerzeit zuständige Oberstkämmerer Graf Trauttmansdorff lehnte das Angebot einer Stiftung ab. Einige Jahre später fasste der Sammler den Entschluss, seine in Heidelberg ansässige Nichte Margarethe Becker-Walz als Universalerbin einzusetzen. Nach seinem Tod 1927 ergab sich allerdings eine schwierige Situation: Die Bemühungen von Becker-Walz, die Sammlung in Einzelteilen außer Landes zu bringen, scheiterten am österreichischen Denkmalschutzgesetz, das den Erhalt als Gesamtensemble vorschrieb. Sie entschied sich daher 1928, ihr Erbe an ein Konsortium zu verkaufen, das der Wiener Kunsthändler Gustav Nebehay initiiert hatte. Gegen Stiftung eines Teils der Objekte an die Republik Österreich (heute Kunsthistorisches Museum und Museum für angewandte Kunst in Wien) konnte die Genehmigung zur Ausfuhr des anderen Teils ausgehandelt werden. Anschließend wurden die Kunstwerke in fünf großformatigen Bänden von bedeutenden Kunsthistorikern katalogisiert, um dann vom 11. bis 13. Juni 1930 durch die Auktionshäuser Artaria und Glückselig in Wien versteigert zu werden. Eine zweite Auktion am 29. und 30. September 1930 bei Paul Cassirer in Berlin besiegelte endgültig das Ende der wohl bedeutendsten und originellsten Privatsammlungen ihrer Zeit.

Viele der einst von Albert Figdor erworbenen Kunstschätze finden sich heute weltweit in bedeutenden Museen. Es ist ein besonderer Glücksfall für NEUMEISTER, nun 21 aus Privatbesitz stammende Stücke dieser bedeutenden Sammlung anbieten zu können. Die Objekte waren 1930 von Nachfahren Figdors erworben worden und blieben bis heute im Besitz der Familie des Sammlers. Bei der Juni-Auktion wird nun ein besonders spannendes Kapitel der Kunst- und Familiengeschichte fortgeschrieben.

 

FRANZ VON LENBACH
1836 Schrobenhausen – 1904 München

ALBERT FIGDOR

Öl auf Karton. 56,5 × 49 cm

AUKTION 413 // LOT 131
SCHÄTZPREIS € 3.000-4.000

 


Literaturhinweise 1 Gustav Glück, Dr. Albert Figdor und seine Sammlung. In: Zeitschrift für bildende Kunst, 1928, Jg. 61, S. 252) 2 Josephine Hildebrand, Albert Figdor, Wien (1843 – 1927) Sammler aus Berufung. In: Julius-Lessing-Gesellschaft (Hg.), Glück, Leidenschaft und Verantwortung. Das Kunstgewerbemuseum und seine Sammler, Ausst.-Kat. Berlin 1996, S. 27 – 31 3 Ernst Buschbeck in „Belvedere. Monatsschrift für Sammler und Kunstfreude“, Nr. 11, 1927, S. 3 – 5 FRANZ VON LENBACH 1836 Schrobenhausen – 1904 München 

 

SAKRISTEISCHRANK
BODENSEEREGION (LINDAU), UM 1457

Eiche. 128 × 213 × 50 cm

AUKTION 413 // LOT 119
SCHÄTZPREIS € 20.000-30.000

 


 "ICH SAMMLE WARME SACHEN"


von Dr. Bettina Schwick

„Wenn heute ein Fachmann nur die Sammlungen des europäischen Kontinents auf ihren Rang zusammenstellen wollte, würde er die Sammlung Figdor in Wien in die allererste Reihe stellen, auch wenn er sie nicht einmal persönlich gesehen hätte“, so begeisterte sich 1907 der Kunsthistoriker und spätere Direktor des Königlichen Bayerischen Nationalmuseums Hans Stegmann anlässlich seines ausführlichen Beitrags über die Holzmöbel der Sammlung Figdor.

Die Gattung Möbel stellte innerhalb der Sammlung einen Schwerpunkt dar: Dies ergibt sich nicht nur aus der Anzahl (rund 300) der im Juni 1930 in Wien versteigerten Möbel-Lose, sondern auch aus historischen Fotos der Wiener Wohnräume Figdors, die selbst Stegmann nicht anders als „gestopft voll“ bezeichnen konnte.

Vor allem Möbel des Spätmittelalters und der Spätrenaissance standen im Fokus seiner Sammeltätigkeit. Damit entsprach Figdor ganz dem Zeitgeschmack des ausgehenden 19. Jahrhunderts, als der Rückbezug auf historische Stile private wie institutionelle Sammlungen prägte. So erwarb etwa das heutige Bayerische Nationalmuseum ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts schwerpunktmäßig süddeutsche Möbel der Spätgotik; in Berlin etablierte Wilhelm von Bode um 1900 die Sammlung italienischer Renaissancemöbel für das Kaiser-Friedrich Museum. Hiermit sollte nicht nur kulturelles Erbe bewahrt und ausgestellt, sondern auch das zeitgenössische Handwerk im Sinne von Vorlagen angeregt werden.

„… daß kaum eine Sammlung so rein von Fälschungen dastehen dürfte als die Figdorsche“ hob Stegmann hervor – bereits damals in dem Bewusstsein, dass die große Nachfrage nach frühen Möbeln die Herstellung von Plagiaten und Umarbeitungen beförderte. Auch mithilfe moderner technologischer Untersuchungsmöglichkeiten wird heute die Authentizität von Möbeln des Spätmittelalters und der Renaissance in Museumssammlungen kritisch hinterfragt und differenziert betrachtet. Dabei stellt sich immer wieder das eine oder andere Möbel als Werk des 19. oder des frühen 20. Jahrhunderts heraus.

 

 

Die „Innsbrucker Nachrichten berichten am 13. Juni 1930 über die Auktion. Dort heißt es: „Als Sensation des Tages in der Möbelauktion wurde der Lindauer Sakristeischrank aus dem Jahre 1457, ein Prachtstück, nach schärfstem Wettbewerb um 150.000 S losgeschlagen.“ Eben dieser Sakristeischrank wird nun bei NEUMEISTER versteigert.

9. oder des frühen 20. Jahrhunderts heraus. Sitzmöbel dominierten Figdors Sammlung in typologischer Hinsicht – die Bandbreite reichte vom spätgotischen Scherenstuhl bis hin zur Schweizer Armlehnstabelle des 18. Jahrhunderts (LOT 124, siehe Seite 20 und 39). Zweifelsohne auch heute noch am berühmtesten ist hiervon der sog. Strozzi-Sgabello. Albert Figdor hatte den Brettstuhl in den 1870er Jahren in Florenz von der Adelsfamilie Strozzi erworben, heute wird das weltweit meistpublizierte Sitzmöbel im Metropolitan Museum in New York präsentiert. An Behältnismöbeln finden sich in der Sammlung vor allem Truhen und einige Schränke. Einer der frühesten Vertreter ist dabei der sog. Lindauer Sakristeischrank (Lot 119), dessen reliefierte Inschrift angibt, dass ein „Dischmacher“ namens Ortolf diesen 1457 stiftete oder herstellte. Nur acht Jahre früher ist der bislang älteste bekannte Sakristeischrank aus Wertheim im Badischen Landesmuseum Karlsruhe datiert, der ehemals der Aufbewahrung liturgischer Gewänder diente.

 

 

 

 


KLEINE TRUHE
VENETO, 15. JH.

Zypressenholz (?). 39 × 55 × 28 cm

AUKTION 413 // LOT 120
SCHÄTZPREIS € 10.000 - 12.000

 

Innerhalb der sechs hier angebotenen Möbel der Sammlung Figdor besonders hervorzuheben ist außerdem eine reizvolle, außerordentlich detailreich gearbeitete spätgotische kleine Truhe (Lot 120). In Bau und Dekor ist sie einer Gruppe von Truhen des 15. Jahrhunderts eng verwandt, die sich heute in Museen in London oder St. Petersburg befinden, und die in der Region des Veneto entstanden. Ihre Front ist jeweils flächenfüllend und in symmetrischer Anordnung mit höfischen Gesellschaften aus dem Kontext der Minne oder – wie hier – sakralen Darstellungen in der Technik des sog. Flachschnitts auf punziertem Grund dekoriert. Deckel und Kanten betonen dabei häufig kleinste Ornamente in Rollprägung. Wie ihre Verwandten, die deutlich größeren Cassoni, entstanden diese Truhen wohl anlässlich von Hochzeiten, nahmen aber nicht die bräutliche Aussteuer auf, sondern dienten eher der Aufbewahrung von Preziosen.

„Ich sammle warme Sachen“ – so charakterisierte Albert Figdor seine Sammlung Hans Stegmann gegenüber. Die Möbel der Sammlung Figdor strahlen Wärme aus mit ihren historisch gealterten Oberflächen; sie sind rare Zeugnisse einer lang zurückliegenden Ausstattungs- und Wohnkultur, ebenso wie der Sammelleidenschaft eines der bedeutendsten Connaisseure an der Wende zum 20. Jahrhundert.


Literatur: – Charles, Corinne, Iconographie courtoise. Amour charnel et marriage. Les coffres du Veneto, in: L’image en questions. Pour Jean Wirth. Genf 2013, S. 183–188 – Grebe, Anja, Mikroarchitektur und Möbel – Ornament, Form, Konzept, in: Kratzke, Christine/Albrecht, Uwe, Mikroarchitektur im Mittelalter. Leipzig 2008, S. 519–533 – Koeppe, Wolfram, French and Italian renaissance furniture at The Metropolitan Museum of Art, in: Apollo 139 (1994), S. 24–32 – Schubring, Paul, Cassoni: Truhen und Truhenbilder der italienischen Frührenaissance. Leipzig 1923 – Stegmann, H(ans), Die Holzmöbel der Sammlung Figdor, in: Kunst und Kunsthandwerk × (1907), S. 121–170 sowie S. 559–630 

Die im Juni zum Aufruf kommende Truhe zierte Albert Figdors Wohnung ebenfalls (Lot 121)

 

CASSONE
OBERITALIEN, UM 1500 U. SPÄTER

Nadelholz, Nussbaum u. a. Hölzer.
53 × 184 × 65 cm

AUKTION 413 // LOT 121
SCHÄTZPREIS € 6.000-8.000

 

Einfach nur schön: Das kunstvolle Relief der kleinen Truhe aus dem 15. Jahrhundert.
(LOT 120)

ARMLEHNSTABELLE
NORDOSTSCHWEIZ, DAT. 1716

Nussbaum. Reliefdekor mit Volutenranken.
Lehnenbekrönung mit Wappen, Datierung „1716“ sowie Bez. „ANTONIE ZWEILER“.

AUKTION 413 // LOT 124
SCHÄTZPREIS € 1.000–1.400

 

SCHRANK
FRANKREICH, 17./19. JH.

Nussbaum, schwarz-weißer Marmor. Dekor mit Relieftafeln (Personifikationen, Schwäne, Chimären) und Marmorplaketten.
217 × 176 × 45 cm

AUKTION 413 // LOT 123
SCHÄTZPREIS € 6.000 – 8.000

 

 

 

 

MADONNA MIT NÄHKORB
UTRECHT, UM 1480/90

Eichenholzrelief. 30,5 × 36 cm

AUKTION 413 // LOT 115

SCHÄTZPREIS € 8.000-12.000

 

SEGNENDES CHRISTUSKIND
ITALIEN, 18. JH.

Holz, vollrund geschnitzt.
H. (mit Sockel) 34 cm

AUKTION 413 // LOT 118
SCHÄTZPREIS € 800-1.200

 

SEGNENDES CHRISTUSKIND
SÜDDEUTSCH, 1. HÄLFTE 17. JH.

Holz, vollrund geschnitzt. H. 43,5 cm

AUKTION 413 // LOT 117
SSCHÄTZPREIS € 5.000-7.000

 

 

SIEGEL DER BUCHBINDER

HEIDELBERG, DATIERT 1666

Bronze.
D. 3,3 cm H. 2,5 cm

AUKTION 413 // LOT 111
SCHÄTZPREIS € 600 - 800

 

 

SCHNABELKANNE
DEUTSCH, 14. JH.

Messing.
H. 28,5 cm

AUKTION 413 // LOT 112
SCHÄTZPREIS € 800 - 1.000

 

 

GRAPEN
DEUTSCH, ENDE 15. JH.

Bronze. H. 31 cm D. 14,5 cm

AUKTION 413 // LOT 113
SCHÄTZPREIS € 1.200 - 1.500

 

 

KÄSTCHEN
SCHWEIZ, 6. JH. UND SPÄTER

Nussbaum und Buche. 12,5 × 24 × 10,5 cm

AUKTION 413 // LOT 114
SCHÄTZPREIS € 1.400-1.600

 

TISCH
FRANKREICH, 16. JH. UND SPÄTER

Nussbaum. 73,5 × 99 × 72 cm

AUKTION 413 // LOT 122
SCHÄTZPREIS € 3.000 – 5.000

 

 

 

 


HL. DOROTHEA
Sog. Meister von Osnabrück

(tätig 1. Drittel 16. Jh. in Osnabrück u. Umgebung), um 1510/20

Linde, rückseitig gehöhlt,

AUKTION 413 // LOT 116
SCHÄTZPREIS € 4.000-6.000

 


TAFELFREUDE


 von Dr. Rainer Schuster

Jan Polack war der dominierende Maler der Spätgotik in München. Er war als Tafelmaler und Freskant tätig. Geburtsort und -jahr sind nicht überliefert, sein erstes ihm zuschreibbares Werk ist 1479 datiert. Ob sein Familienname auf seine Herkunft deutet, ist nicht geklärt, im Gegenteil, es ist nicht auszuschließen, dass Polack in Bayern geboren wurde. Alleinstellungsmerkmal der Kunst Jan Polacks ist der ausgeprägte Pathos und die Erzählfreude seiner Gemälde. Polack und seinen Mitarbeitern war die Dramatik der Darstellung, die schnelle "Lesbarkeit" einer Darstellung deutlich wichtiger als malerische Brillanz und die korrekte Zeichnung der Anatomien. Vor allem bei der Gestaltung der Gesichter steht das emotionale Moment im Vordergrund, oft kommt es zu einer fratzenhaften Überzeichnung der Physiognomien.

Jan Polack gelang es, in der wirtschaftlichen Blütezeit der Stadt München in den Jahrzehnten um 1500 fast alle großen Aufträge an sich zu binden. Für die Wittelsbacher Herzöge entstand eine Folge bedeutender Arbeiten, beginnend mit drei Retabeln in der Schlosskapelle der Blutenburg, die sich noch heute an Ort und Stelle befinden. Es folgten das Hochaltarretabel für die Münchner Franziskanerkirche (Bayerisches National - museum, München) sowie das ehemals über sechs Meter hohe Hochaltarretabel der Peterskirche, der ältesten Pfarrkirche Münchens. Hiervon haben sich fünf Tafeln erhalten (Diözesanmuseum Freising). Es liegt in der Natur der Sache, dass Jan Polack zur Ausführung seiner Aufträge einer großen Werkstatt bedurfte. Bei den von ihm geschaffenen Retabeln arbeitete Polack zudem mit den führenden Bildhauern seiner Zeit zusammen, zuerst mit dem Meister der Blutenburger Apostel, dann mit Erasmus Grasser.

 

Offensichtlich als Predella eines ehemaligen Retabels entstand das vorliegende Werk. Eine Predella ist ein nicht allzu hoher Sockel, der auf dem Altartisch (Mensa) steht und den eigentlichen Altaraufsatz, das Retabel, trägt. Ein diesen Sockel schmückendes Gemälde wird ebenfalls als Predella bezeichnet.

Dargestellt ist die Heilige Sippe. Darunter ist ein "Stammbaum" der Heiligen Familie zu verstehen, ein Thema das in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts größte Verbreitung fand. Mit der Heiligen Sippe sollte die leibliche und lückenlose Abkommenschaft der Heiligen Familie dokumentiert werden, in Zeiten heftiger und kontroverser Diskussion des Dogmas der "Immaculata Conceptio", der "Unbefleckten Empfängnis" Mariens, ein wichtiges Anliegen. Konkret geht es bei diesem Bildthema um das "Trinubium", die dreimalige Verheiratung der Hl. Anna. Diese war mit Joachim, Cleophas und Salomas verheiratet. Auch die Nachkommen aus dieser Verbindung bleiben bei der bildlichen Darstellung der Heiligen Sippe nicht unberücksichtigt. In rhythmisch wechselnder Reihung werden die Frauen in einer vorderen Ebene, die Männer in einer weiteren, dahinterliegenden Ebene als Halbfiguren angeordnet. Dargestellt sind von links nach rechts, zu Familien gruppiert und jeweils mit ihren Namen benannt: Memelia mit Servatius und Enim - Maria Salome mit Johannes d. Ev., Jakobus d. Ä.und Zebedäus - Maria und Joseph mit Jesus Christus - Anna mit ihren Männern Joachim und Salomas - Maria Cleopas mit vier Kindern, darunter ihren Söhnen Jakobus d. J. und Simon Zelotes - Cleophas (Annas dritter Gemahl) - Alphäus, daneben und Elisabeth mit Johannes d. T. und Zacharias. Beeindruckend auch an diesem Werk Polacks und seiner Werkstatt ist der Reichtum an Kleidungstypen und an phantastischen, bisweilen orientalisch anmutenden Kopfbedeckungen. Mit den Händen wird sprechend gestikuliert. Die Gesichter sind individualisiert, dem Bildthema entsprechend jedoch nicht karikierend überzeichnet. Einzig Zacharias, der die Komposition rechts beschließt, zeigt die für Polack sonst so typische Physiognomie mit einem expressiv überzeichneten Profil. Für die Kreativität und den Humor des Künstlers spricht ein Detail der Benennung der Dargestellten: Der Name des Alphäus fand auch aufgrund der bewegten Komposition keinen Platz mehr direkt neben oder über seinem Kopf. Kurzerhand arbeitet Polack mit dem Mittel einer "Sprechblase", die sich vom Knopf auf Alphäus' markantem Hut über den Kopf Elisabeths hinweg erstreckt.

Am oberen Rand des Gemäldes sind Reste einer ornamentalen Bemalung erhalten. Diese muss man sich ursprünglich deutlich breiter vorstellen, als Vergleichsbeispiel sei hier das Altarbild "Der Hl. Petrus lehrt die Christenheit" der Münchner Peterskirche herangezogen. Das vorliegende Gemälde maß ehemals, als es 1872 in der Auktion der nachgelassenen Sammlung Gesell angeboten wurde, in der Höhe noch 59 Zentimeter. Als es 1905 von Theodor Frimmel publiziert wurde, war die Tafel in der Höhe bereits reduziert.  

 

JAN POLACK UND WERKSTATT
um 1450 – 1519 München

DIE HEILIGE SIPPE (TRINUBIUM)

Mischtechnik auf Nadelholz. 34,5 × 188 cm (Tafel), 33 × 186 cm (Darstellung)

AUKTION 413 // LOT 126
SCHÄTZPREIS € 25.000 – 30.000

 


EHRENMANN


  BERNHARD STRIGEL
1460 Memmingen – 1528 ebenda

BILDNIS EINES HERRN MIT SCHWARZEM BARETT

Mischtechnik auf Holz (Linde?). 32,5 × 32,5 cm

AUKTION 413 // LOT 128
SCHÄTZPREIS € 5.000 – 7.000


EIN SEGEN


OBERITALIEN UM 1500

SEGNENDER CHRISTUS

Mischtechnik auf Holz. 58,5 × 40 cm

AUKTION 413 // LOT 125
SCHÄTZPREIS € 15.000 – 20.000

 

NIEDERLANDE
2. Drittel 16. Jh.

DER VERLORENE SOHN WIRD AUS DEM GASTHAUS GEJAGT

Öl auf Holz. D. 20,5 cm

AUKTION 413 // LOT 130
SCHÄTZPREIS € 2.000-3.000

 

WESTFALEN
1. Viertel 16. Jh.

 DIE HLL. KATHARINA VON SIENA UND AGNES

Öl auf Holz. 31,8 × 25,3 cm

AUKTION 413 // LOT 129
SCHÄTZPREIS € 4.000-6.000

 


MAXIMALE MACHT


Maximilian von Österreich (1459 Wiener Neustadt  – 1519 Burg Wels) ist bereits als Kaiser dargestellt, somit ist die Szene nach der Tridentiner Proklamation vom 4. Februar 1508 zu datieren. Dem Kaiser, in Begleitung seines Gefolges, werden die Stadtschlüssel und das Schwert als Symbole der auf den Kaiser übertragenen Hoheitsrechte überreicht. Rechts knieen die Bürger der Stadt, angeführt von Bürgermeister und Stadtkommandant, zwischen beiden tritt der Bischof dem Kaiser entgegen. Die Bürger verlassen über eine Brücke die Stadt. Im Hintergrund sind die lagernden Landsknechthaufen Maximilians dargestellt.

 

An die Ernennung zum Kaiser schloss sich für Maximilian I. der Große Venezianische Krieg an (1508  – 1516). Mit französischer Waffenhilfe konnte Maximilian I. im Juni 1509 u. a. Verona, Padua und Vicenza, anschließend das Friaul besetzen. Die Unterwerfung der oberitalienischen Städte, die unter venezianischer Herrschaft standen, hatte für die Politik Kaiser Maximilians I. große Bedeutung. Auch künstlerisch fand diese ihren Niederschlag, prominentestes Beispiel hier - für ist ein Marmorrelief des Kenotaphs Maximilians I. in der Innsbrucker Hofkirche. Auf Szene 17 ist dort die Übergabe Paduas, Veronas und Vicenzas und großer Teile Friauls an Maximilian im Jahr 1509 dargestellt. Noch zu Zeiten Kaiser Ferdinands I., der die Tumba des prächtigen Grabmales für seinen Großvater mit ihren Illustrationen der wichtigsten Lebensereignisse des „letzten Ritters“ versehen ließ, waren die oberitalienischen Ereignisse von 1509 noch von großer Bedeutung

Ereignisse von 1509 noch von großer Bedeutung. Im Katalog der Auktion Figdor 1930 wird vermutet, dass es sich bei unserer Szene um die Übergabe der Stadt Görz (Gorizia), ebenfalls 1509, handelt. Die im Hintergrund dargestellte Stadt ist jedoch mit großer Wahrscheinlichkeit als Verona zu identifizieren, die doppeltürmige Kirche sollte San Zeno sein, der um die Stadt verlaufende Fluss wäre die Etsch. Zum groben Vergleich kann der 1493 in Hartmann Schedels Weltchronik publizierte Holzschnitt mit der Ansicht Veronas herangezogen werden. Im Katalogtext des Auktionskataloges wird auf ein stilistisch verwandtes Gemälde „Kaiser Max reitet zum Turnier“ verwiesen, das sich damals im Vestibül des Beamtenhauses von Schloss Konopitsch bei Prag befand. Es wird auch auf ein bereits 1930 größtenteils zerstörtes Fresko in Görz (Gorizia) verwiesen, das die vorliegende Szene dargestellt haben soll. 

Vergleicht man den Malstil mit den Werken der in Tirol tätigen Künstler dieser Zeit, findet man stilistische Parallelen zum Schaffen des in Osttirol tätigen Simon von Taisten, eigtl. Simon Marenkl (um 1450/55  – um 1515), der 1507/09 mit Kaiser Maximilian in Verbindung stand.

RS


GOLDENER REITER


ÖSTERREICH (TIROL)
nach 1509

ÜBERGABE EINER BEFESTIGTEN STADT (VERONA) AN KAISER MAXIMILIAN I.

Öl auf Nadelholz. 92 × 117,5 cm

AUKTION 413 // LOT 127

SCHÄTZPREIS € 12.000 – 15.000

DIE GESAMTE SAMMLUNG AUF EINEN BLICK

Siegel der Buchbinder
Heidelberg, datiert 1666

Auktion 413, Kat.-Nr. 111

Schätzpreis € 600 bis € 800
Ergebnis € 1.170 (inkl. 30 % Käuferaufgeld)

Schnabelkanne
Deutsch, 14. Jh.

Auktion 413, Kat.-Nr. 112

Schätzpreis € 800 bis € 1.000
Ergebnis € 13.000 (inkl. 30 % Käuferaufgeld)

Grapen
Deutsch, Ende 15. Jh.

Auktion 413, Kat.-Nr. 113

Schätzpreis € 1.200 bis € 1.500
Ergebnis € 10.400 (inkl. 30 % Käuferaufgeld)

Kästchen
Schweiz, 16. Jh. und später

Auktion 413, Kat.-Nr. 114

Schätzpreis € 1.400 bis € 1.600
Ergebnis € 3.120 (inkl. 30 % Käuferaufgeld)

Madonna mit Nähkorb
Utrecht, um 1480/90

Auktion 413, Kat.-Nr. 115

Schätzpreis € 8.000 bis € 12.000
Ergebnis € 28.600 (inkl. 30 % Käuferaufgeld)

Hl. Dorothea
Sog. Meister von Osnabrück (tätig 1. Drittel 16. Jh. in Osnabrück u. Umgebung), um 1510/20

Auktion 413, Kat.-Nr. 116

Schätzpreis € 4.000 bis € 6.000
Ergebnis € 27.300 (inkl. 30 % Käuferaufgeld)

Segnendes Christuskind
Süddeutsch, 1. Hälfte 17. Jh.

Auktion 413, Kat.-Nr. 117

Schätzpreis € 5.000 bis € 7.000
Ergebnis € 16.900 (inkl. 30 % Käuferaufgeld)

Segnendes Christuskind
Italien, 18. Jh.

Auktion 413, Kat.-Nr. 118

Schätzpreis € 800 bis € 1.200
Ergebnis € 1.690 (inkl. 30 % Käuferaufgeld)

Sakristeischrank
Bodenseeregion (Lindau), um 1457

Auktion 413, Kat.-Nr. 119

Schätzpreis € 20.000 bis € 30.000
Ergebnis € 101.400 (inkl. 30 % Käuferaufgeld)

Kleine Truhe
Veneto, 15. Jh.

Auktion 413, Kat.-Nr. 120

Schätzpreis € 10.000 bis € 12.000
Ergebnis € 16.900 (inkl. 30 % Käuferaufgeld)

Cassone
Oberitalien, um 1500 u. später

Auktion 413, Kat.-Nr. 121

Schätzpreis € 6.000 bis € 8.000
Ergebnis € 8.450 (inkl. 30 % Käuferaufgeld)

Tisch
Frankreich, 16. Jh. u. später

Auktion 413, Kat.-Nr. 122

Schätzpreis € 3.000 bis € 3.500
Ergebnis € 2.600 (inkl. 30 % Käuferaufgeld)

Schrank
Frankreich, 17./19. Jh.

Auktion 413, Kat.-Nr. 123

Schätzpreis € 6.000 bis € 8.000
Ergebnis € 3.900 (inkl. 30 % Käuferaufgeld)

Armlehnstabelle
Nordostschweiz, dat. 1716

Auktion 413, Kat.-Nr. 124

Schätzpreis € 1.000 bis € 1.400
Ergebnis € 3.380 (inkl. 30 % Käuferaufgeld)

Oberitalien um 1500
Segnender Christus

Auktion 413, Kat.-Nr. 125

Schätzpreis € 15.000 bis € 20.000
Ergebnis € 46.800 (inkl. 30 % Käuferaufgeld)

Jan Polack und Werkstatt
um 1450 - 1519 München
Die Heilige Sippe (Trinubium)

Auktion 413, Kat.-Nr. 126

Schätzpreis € 25.000 bis € 30.000
Ergebnis € 84.500 (inkl. 30 % Käuferaufgeld)

Österreich (Tirol) nach 1509
Übergabe einer befestigten Stadt (Verona) an Kaiser Maximilian I.

Auktion 413, Kat.-Nr. 127

Schätzpreis € 12.000 bis € 15.000
Ergebnis € 54.600 (inkl. 30 % Käuferaufgeld)

Bernhard Strigel
1460 Memmingen - 1528 ebenda
Bildnis eines Herrn mit schwarzem Barett

Auktion 413, Kat.-Nr. 128

Schätzpreis € 5.000 bis € 7.000
Ergebnis € 11.700 (inkl. 30 % Käuferaufgeld)

Westfalen 1. Viertel 16. Jh.
Die Hll. Katharina von Siena und Agnes

Auktion 413, Kat.-Nr. 129

Schätzpreis € 4.000 bis € 6.000
Ergebnis € 7.150 (inkl. 30 % Käuferaufgeld)

Antwerpen 2. Drittel 16. Jh.
Der Verlorene Sohn wird aus dem Gasthaus gejagt

Auktion 413, Kat.-Nr. 130

Schätzpreis € 2.000 bis € 3.000
Ergebnis € 2.600 (inkl. 30 % Käuferaufgeld)

Franz von Lenbach
1836 Schrobenhausen - 1904 München
Albert Figdor

Auktion 413, Kat.-Nr. 131

Schätzpreis € 3.000 bis € 4.000
Ergebnis € 33.800 (inkl. 30 % Käuferaufgeld)

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LOSE 1 - 26, AB 14 UHR
LOSE 50 - 124, AB CA. 14:30 UHR
LOSE 125 - 228, AB CA. 15:30 UHR
LOSE 300 - 338, AB CA. 17 UHR

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GRAPHIK UND GEMÄLDE 16. - 20. JH.
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