AUGEN AUF UND TRÄUMEN


Von Parish Kostümbibliothek: Hier wird im schönen Villen-Ambiente zusammengetragen, was man trug und trägt

VON Katja Kraft

 

 

Mode – eine oberflächliche Spielerei? Von wegen. „Es ist wirklich interessant, wie das, was man trägt, Einfluss darauf nehmen kann, wer man ist“, hat es die britische Designerin Stella McCartney einmal formuliert. Die Kleider, die wir tragen, zeigen, wer wir sind – oder gerne sein würden. Und so ist das, was Menschen Tag für Tag als zweite Haut überstreifen, immer auch ein Indikator für die Stimmung im Land. Mode ist Kultur. An ihr lässt sich ablesen, wie eine Gesellschaft tickt. Und wer das tun möchte, der begibt sich dafür am besten in eins der bezauberndsten Archive, die München zu bieten hat: in die Von Parish Kostümbibliothek.

Sie liegt ein wenig versteckt im mit Villen reich ausgestatteten Nymphenburg. Doch wer die Kemnatenstraße offenen Blickes entlangspaziert, der wird sich gleich vergucken in das prächtige Anwesen mit der Hausnummer 50. Darin: eine der weltweit bedeutendsten Spezialbibliotheken für Kostümgeschichte. Die Von Parish Kostümbibliothek ist Teil der Sammlungen des Münchner Stadtmuseums. Und ein Paradies für Modebegeisterte. Solche wie Hermine von Parish (1907-1998) und ihre gleichnamige Mutter (1881-1966), die ab 1906 den Grundstein für diese erstaunliche Sammlung legte. Bilder und Texte zur Bekleidung und Mode aus allen Epochen und Ländern werden in der Jugendstilvilla seither zusammengetragen – angefangen von steinzeitlichen Fertigungsverfahren bis zur aktuellen Laufsteg- oder Alltagsmode. Auch angrenzende Gebiete deckt die wissenschaftliche Spezialbibliothek ab, Textilkunde etwa oder Hygiene, Kosmetik, Etikette.

Die Fassade der 1901 errichteten Jugendstilvilla

10.000 Bücher, 1500 verschiedene Zeitschriftentitel in 2000 Bänden und mehr als 40.000 Einzelheften, 43.000 Grafiken und Handzeichnungen, 32.000 Fotografien und rund 1,5 Millionen Einzelblätter in der Dokumentation (Bildarchiv) – es ist ein Schatz, der in Nymphenburg lagert. Und stetig wächst.

Eine funkelnde Fundgrube für Soziologen, Anthropologen, für Historiker und Geschlechterforscher; auch Kostümbildner und Requisiteure für Filmsets kommen häufiger vorbei. 

Dr. Esther Sophia Sünderhauf 

Oder fragen beim Team um Museumsleiterin Esther Sophia Sünderhauf an, in der Sammlung nach Frisuren, Kleiderschnitten, Schuhen im Stil einer bestimmten Epoche oder eines speziellen Jahres zu fahnden, in dem der jeweilige Film spielen soll. Und weil der alte Spruch „In der Mode kommt alles wieder“ nach wie vor gilt, lassen sich auch Designer hier gern für neue Kollektionen inspirieren. Blättern durch alte Ausgaben der Vogue, studieren Burda-Schnittmuster von anno dazumal oder schauen, was es in den Archivschachteln mit Material aus fernen Ländern Spannendes zu entdecken gibt. Was trug der Postkutscher im 19. Jahrhundert? Was Goethe während seiner Italienischen Reise? Wenn selbst das Internet keine Antwort hat, helfen die authentischen historischen Quellen, die Esther Sophia Sünderhauf und ihr Team sammeln und bewahren, in den allermeisten Fällen weiter.

„Es ist unsere Aufgabe, weiter zu sammeln, um den Bestand aktuell zu halten, das materielle Erbe für zukünftige Generationen zu bewahren, zu erschließen und zu vermitteln“, betont die Museumsleiterin. Die sich, wie ihre festen und ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, auch in der Verantwortung sieht, dass der Wert dieses kulturgeschichtlich bedeutsamen Erbes nicht vergessen wird. Regelmäßig bieten sie deshalb Führungen an. Wer teilnimmt, ist womöglich für einen klitzekleinen Moment enttäuscht: Kostümbibliothek – aber da hängen ja gar keine Kleider! Stimmt. Und doch taucht jeder, der die alte Treppe der Villa hinunter in den Keller und hinauf bis auf den Dachboden klettert, tief ein in die faszinierende Welt der Mode. Vorsichtig öffnen die Mitarbeiterinnen auf Wunsch Archivschachteln und Mappen mit neugierig machenden Titeln wie „Spitze“, „Tennis“ oder „Schuluniformen“. Darin alles, was die Sammlerinnen seit Beginn zu Mode mit Spitze, zu Sport-Dresses für den Center Court oder über die Einheitskleidung an den Schulen überall auf der Welt finden konnten und weiterhin finden.

Im Lesesaal erhält man die dazu passende Literatur. Um im Thema zu bleiben: Diese Bibliothek ist alles andere als von der Stange. Hier geht das Herz jedes Modeinteressierten auf. Ein mit überbordend gefüllten Bücherregalen ausstaffiertes Kammerl im Zwischengeschoss lädt dazu ein, die Außenwelt gedanklich auszuknipsen und stundenlang in Bildbändern zu blättern, beim Bestaunen von all den Kreationen von Vivienne Westwood, Yves Saint Laurent oder Coco Chanel die Zeit zu vergessen.

Ein Höhepunkt jeder Führung ist der Salon, in dem nun wieder regelmäßig Gesellschaftsabende stattfinden. Ganz so wie früher beim Haus-Erbauer Friedrich Wilhelm von Schirach (1870-1924), der vor den von Parishs in dem Gebäude lebte. Ein engagierter Tonkünstler, künstlerisch bestens vernetzt, befreundet etwa mit Richard Strauss. Regelmäßig lud von Schirach zu Hauskonzerten in den Musiksalon seiner Villa. Eine Tradition, welche die Von Parish Gesellschaft zur Förderung der Kostümforschung – der Freundeskreis des Hauses – wieder aufleben lassen möchte. Wer bei einem dieser herrlichen Salonabende dabei ist und während der Vorträge und späterhin Konzerte seinen Blick durch den Raum und hinaus in den Garten schweifen lässt, der sieht sie förmlich vor sich, die Festgesellschaften und die vielen, auch prominenten Gäste, die hier über all die Jahre hinweg schon ein- und ausgegangen sind.

Und wenn man dann wieder heimspaziert, ganz beseelt von diesem schönen, geschichtsträchtigen Kleinod, dann freut man sich auf die nächste Vintage-Auktion bei NEUMEISTER. Wo Designer-Taschen, -Schuhe, -Kleider zum Aufruf kommen. Wie hat es Christian Dior einst formuliert? „Mode kommt aus einer Traumwelt und Träume sind eine Rettung vor der Wirklichkeit.“ Augen auf. Und träumen.

INFOS

Von Parish Kostümbibliothek
Kemnatenstraße 50
 80639 München 
T 089.177717

 

FÜHRUNGEN

Führungen zur Besichtigung der Räume können online unter
muenchner-stadtmuseum.de/vpk
gebucht werden.

 

MITGLIED WERDEN

Neue Mitglieder sind herzlich willkommen. Anfragen unter:
gesellschaft(at)von-parish.de

 

FÖRDERER GESUCHT

Ein aktuelles Projekt der Von Parish Kostümbibliothek ist die Restaurierung eines Steinway-Flügels aus dem Jahr 1874 für künftige Hauskonzerte. Wer dies unterstützen möchte: Man freut sich über jede Spende.