"ES GIBT IMMER EINE NEUE EROBERUNG“


EIN GESPRÄCH MIT BRUCE LIVIE ÜBER FÜNF JAHRZEHNTE VOLLER KUNST

 

 

Bruce Livie und Angelika Arnoldi-Livie

 

Beim Gespräch mit Katja Kraft bei ihm daheim in Altbogenhausen erinnert sich Kunsthändler Bruce Livie an fünf Jahrzehnte voller Kunst, stets mit sympathischem Lächeln. Man merkt: Auch nach so langer Zeit im Kunsthandel hat den gebürtigen US-Amerikaner die Faszination für Zeichnungen, Malerei und angewandte Kunst nicht losgelassen. Der Yale- und Harvard-Absolvent teilt die Leidenschaft mit seiner Frau Angelika Arnoldi, die er 1968 bei Auslandssemestern in München kennen und lieben lernte. Seit 1972 betreiben sie gemeinsam eine Galerie, zunächst in der Münchner Maximilianstraße, heute in der Galeriestraße am Hofgarten. 

 

 

EIGENTLICH HAT SIE ALS JUNGER MANN DER KUNSTHANDEL GAR NICHT SO SEHR GEREIZT. WIE KAM ES, DASS SIE SICH DOCH FÜR DIE GALERIEGRÜNDUNG ENTSCHIEDEN, DAMALS IN DEN SIEBZIGERN?

Stimmt, ich war zunächst dagegen, ich wollte ja Museumsmann werden. Doch meine Frau hatte seit einem Volontariat in einer New Yorker Galerie im Sinn, Kunsthandel zu machen. Und ich dachte: Na ja, der Spuk wird bald vorbei sein. Doch der Spuk ging immer weiter (lacht). Man kann nicht aufhören, wenn man etwas ordentlich angefangen hat.

 

ES GING ALSO VON BEGINN AN GUT LOS?

Ja, dank meiner Frau, sie hatte sehr gute Verbindungen zu einigen Granden des New Yorker Kunsthandels und deren Sammlern. Wir fingen an mit einer Ausstellung von Klimt-Zeichnungen. Nicht schlecht, oder? Dann ging es weiter mit einer gemischten Gruppe exzellenter Expressionisten. Das ist eine süße Geschichte: Eine Gruppe von Unterstützern des Museum of Modern Art in New York war während unserer zweiten Ausstellung auf Europareise und machte Halt in München. Sie wollten sich Galerien anschauen – und unsere wunderbare Münchner Kollegin Margret Biedermann hat die Herrschaften zu uns geschickt. Margret und wir waren praktisch Nachbarn in der Maximilianstraße. Und die haben die Wände leer gekauft. Wir waren so erstaunt! In der Gruppe war auch die große US-amerikanische Sammlerin Gertrude Mellon. Sie wollte etwas kaufen, mit Scheck. Meine Frau bat sie, ob es auch auf andere Weise ginge, weil man für einen amerikanischen Scheck ja eine Bestätigung der Bank für die Deckung braucht. Darauf Mrs. Mellon: „Don’t worry, my Dear, it’s our own Bank.“ (Lacht.)

 

DAS KLINGT TATSÄCHLICH NACH EINEM SEHR ORDENTLICHEN START!

In der Tat. Und wir dachten: Ach, wenn’s so einfach ist! War es natürlich nicht immer.

 

TROTZDEM HABEN SIE ÜBER GUTE UND SCHLECHTE ZEITEN HINWEG IMMER WEITERGEMACHT. SEIT 52 JAHREN – WIE SCHAFFT MAN ES, SICH IN DIESEM GESCHÄFT, DAS JA KEIN LEICHTES IST, ZU HALTEN?

Dafür gibt es eine gewisse Formel: Man hat eine realistisch denkende Frau, die auch enorm kompetent in Sachen Steuern und Finanzen ist. Und dann hat man einen flatterhaften Mann, der immer wieder meint, etwas Besonders auf dem Markt gefunden zu haben – und damit hin und wieder richtig liegt.

IHR ERFOLGSREZEPT ALSO: DASS SIE ES GEMEINSAM GEMACHT HABEN? Oh, ja. UND DIESEN „BESONDEREN BLICK“, DEN SIE FÜR KUNSTWERKE HABEN: KANN MAN DEN LERNEN ODER HAT MAN IHN EINFACH – ODER EBEN NICHT?

Das ist einer der wenigen Vorteile des Älterwerdens: Das Auge wird besser. Durch die SehErfahrung. Aber eine gewisse Grundbegabung braucht man schon, man muss ein visueller Mensch sein.

 

GLEICHZEITIG MUSS MAN JA NICHT NUR DEM EIGENEN GESCHMACK ODER ALLGEMEINEN TRENDS FOLGEN, SONDERN DIE KUNDEN IM BLICK HABEN. GAR NICHT SO EINFACH, ODER?

Da war es vorteilhaft, dass wir viele Museen als Kunden hatten. Das ist verlässlich in dem Sinne, dass sie gewisse Dinge brauchen für eine vollständige Sammlung, unabhängig vom Geschmack des wechselnden Personals. Während das Kaufverhalten bei Privatleuten von Lust und Laune abhängt – und davon, was ihr Portemonnaie gerade hergibt. Das war ein großer Vorteil der Messe in Maastricht: Dort waren auch bedeutende Juweliere vertreten – und wenn der Mann unbedingt ein Bild haben wollte, das seiner Frau nicht gefiel, wurde sie von ihm mit Schmuck vertröstet. So kamen dann doch manche Verkäufe zustande, die wir schon abgeschrieben hatten.

 

STICHWORT MUSEEN: WIE LÄUFT DAS? SIE SCHAUEN SICH DIE GESAMTE SAMMLUNG AN, STELLEN LÜCKEN FEST UND ZIEHEN LOS, DIESE LÜCKEN ZU SCHLIESSEN?

Genau. Oder wir haben sofort auf dem Markt verfügbare Werke im Kopf, die passend wären. Wir sind sehr dankbar, dass es in München eine kleine Gruppe von hervorragenden Auktionshäusern wie NEUMEISTER gibt, denn die ziehen die Kunstwerke an. Und sorgen für eine realistische Preisfindung. Das ist letztlich eine Zusammenarbeit, von der beide Seiten profitieren.

 

IHRE HAUPTKUNDSCHAFT WAREN MUSEEN. SO SIND SIE AM ENDE JA DOCH NOCH MUSEUMSMANN GEWORDEN, IRGENDWIE.

Das stimmt. Das war eine wunderbare Art der Ergänzung. Es war wirklich eine interessante Zeit. Zumal der Kunsthandel früher allgemein bunter war. Es wurde einfach eine Reihe von Gattungen angeboten, die es heute nicht mehr gibt. Der Handel mit Möbeln etwa – was es allein an Schränken gab, mein Gott! Interessante, wunderbare Sachen aus dem Fränkischen zum Beispiel. Ich fürchte, das ist vorbei.

 

WEIL DIE LEUTE GLOBALER UND ÖRTLICH FLEXIBLER SEIN WOLLEN – UND SICH ZU HAUSE DESHALB EHER MINIMALISTISCH EINRICHTEN?

Das ist bestimmt ein Grund. Und dann fehlt hierzulande oft das Verständnis für angewandte Kunst. Da mache ich der deutschen Kultur einen Vorwurf. Die Amerikaner sind viel besser im Mischen der Gattungen. Da werden Möbel, Standuhren, Designobjekte, Malerei, Tapisserien, Graphiken ganz selbstverständlich gemeinsam museal präsentiert. Das schult das Auge auch eines Privatmanns in anderer Weise.

 

SIE GELTEN ALS EINER DER GROSSEN PERSÖNLICHKEITEN DES DEUTSCHEN KUNSTHANDELS UND MESSE-GESCHEHENS IM BEREICH DER ALTEN KUNST. WAS FASZINIERT SIE AN ALTER KUNST. UND INWIEFERN IST ALTE KUNST MODERN BZW. ZEITGEMÄSS? …

Kunst wird nicht alt – sie begleitet uns, lehrt uns und macht uns geistig reicher.

 

SIE HABEN SICH IN VIELERLEI HINSICHT UM DIE MÜNCHNER KULTUR VERDIENT GEMACHT UND UNTER ANDEREM DEN FÖRDERVEREIN CONIVNCTA FLORESCIT MITBEGRÜNDET. WAS MACHT DIESER VEREIN UND IN WELCHEN BEREICHEN ENGAGIEREN SIE SICH GRUNDSÄTZLICH?

Ich gründete vor 40 Jahren mit dem damaligen Direktor Prof. Willibald Sauerländer die Conjuncta Florescit. Er war zu meiner Überraschung von der Idee, mit mir als Amerikaner einen Förderkreis zu gründen, sehr angetan. Einerseits, um eine alte amerikanische Tradition fortzusetzen, aber man sollte auch nicht vergessen, dass das Zentralinstitut 1945/46 aus dem „Central Collecting Point“ hervorging, dessen Direktor der amerikanische Kunsthistoriker Amerikaner Craig Hugh Smyth (1915-2006) war. Die Nachwuchsförderung in der Kunstgeschichte war eines meiner Hauptanliegen. Aber ich wollte dieser für mich so wichtigen Institution auch in anderen Bereichen helfen – etwa durch Ankäufe von Büchern, die Einrichtung einer Cafeteria zur Anregung des persönlichen Austauschs, Reisen, etc. – und sie womöglich festigen. Ich bin stolz, dass der Verein unter meinem Nachfolger Marcus Marschall und dem jetzigen Direktor Prof. Ulrich Pfisterer großartig weitergedeiht.

UND WIE IST IHR WEITERER PLAN FÜR IHRE GALERIE IN MÜNCHEN? DENKEN IHRE FRAU UND SIE SCHON ANS AUFHÖREN – UND WORAUF FREUEN SIE SICH FÜR DIE ZEIT DANACH?

Ein Kunsthändler setzt sich nie richtig zur Ruhe! Die Galerie besteht weiter, allerdings haben wir die Messetätigkeit eingeschränkt.

 

WIE SIND SIE SELBST EIGENTLICH EINST FÜR KUNST ENTBRANNT?

Im Grunde habe ich das wohl meinen Tanten zu verdanken. Die lebten in Cleveland. Und wenn mein Vater dort geschäftlich zu tun hatte, passten sie auf mich auf. Sehr früh haben sie gemerkt, dass ich mich, wenn sie mich ins Museum brachten, dort stundenlang aufhalten konnte und niemanden störte. Also haben sie das jedes Mal gemacht (lacht.) Tatsächlich war ich ungeheuer fasziniert von allem, was ich dort sah. Das Mittelalter hat mich am meisten interessiert. Und Tapisserien. Alles dreidimensionale, angewandte Kunst. Marie Antoinettes Juwelenkasten. Oder Glas – überhaupt alles, was glitzerte.

 

UND SO SIND SIE DANN SCHON ALS JUNGER MANN IMMER WIEDER ALLEIN INS MUSEUM GEGANGEN?

Genau. Ich fand es unverständlich, dass wir das nie mit der Schule machten. Da war Football immer wichtiger. Deshalb habe ich mit 14 oder 15 einen Artikel in der Schülerzeitung veröffentlicht, in dem ich kritisierte, dass die Lehrer nicht mit uns ins Museum gingen. Da wurde ich gleich zum Direktor gerufen und getadelt. Ich habe daraufhin die Schule gewechselt…

 

UND SIND IHRER LIEBE ZUR KUNST TREU GEBLIEBEN. WIE SCHWER FÄLLT ES IHNEN EIGENTLICH, SICH VON ERWORBENEN WERKEN FÜR DEN WEITERVERKAUF WIEDER ZU TRENNEN?

Da tröste ich mich wie Don Giovanni: Es gibt immer eine neue Eroberung. Das lenkt vom Trennungsschmerz ab.

 

UND DIE WERKE, DIE AN MUSEEN GINGEN, KÖNNEN SIE JA ERFREULICHERWEISE STETS BESUCHEN.

Oh ja, es ist immer wieder aufregend, alte Freunde zu sehen. Es sind alte Freunde. Dürer natürlich. Oder Rubens. Und wenn ich in Madrid bin: Goya. Wenn ich in Paris bin: Manet. Die Freundschaften werden wiederbelebt durch das Sehen. Da geht mir jedes Mal erneut das Herz auf.

„Kunst wird nicht alt – sie begleitet uns, lehrt uns und macht uns geistig reicher.“