GUSTAV KLIMT

NACKTE WAHRHEIT


In der Juni-Auktion versteigert NEUMEISTER eine Vorzeichnung zu „Medizin“, ein nicht mehr existierendes Gemälde von Gustav Klimt. Es ist eines seiner drei skandalumwitterten Fakultätsbilder, die Allegorien der Philosophie, Jurisprudenz und Medizin zeigen. Die Werke haben in der Vergangenheit hitzige Diskussionen entfacht. Ihre Geschichte bietet Stoff für einen Kunstkrimi, den Künstliche Intelligenz bis in die Gegenwart fortgeschrieben hat.

 


KUNSTVOLL 


Die zur Versteigerung kommende Vorzeichnung zur „Medizin“.

KÜNSTLICH


Klimts „Medizin“, von künstlicher Intelligenz koloriert.
Wir danken dem renommierten Wiener Kunstmuseum „Österreichische Galerie Belvedere“ für die freundliche Unterstützung.

 

 GUSTAV KLIMT
1862 Baumgarten bei Wien – 1918 Wien

KOPF UND SCHULTER EINES MANNES VOM RÜCKEN GESEHEN, FRAUENARM. 1897/98

Schwarze Kreide und Rötel. 42 × 31,5 cm

AUKTION 413 // LOT 300 
SCHÄTZPREIS € 30.000 – 50.000

 

Und so fängt alles an: 1894 erteilt das k. u. k. Unterrichtsministerium den Auftrag zur Ausschmückung des Großen Festsaals der neuen Universität Wien. Gustav Klimt und Franz Matsch erhalten den Zuschlag. Für die beiden Künstler Grund zum Jubeln, denn die lukrative Auftragsarbeit umfasst neben zehn kleineren Werken fünf große Deckengemälde, von denen jeweils eines den vier großen Fakultäten der Wiener Universität gewidmet sein soll (Theologie, Philosophie, Medizin und Jurisprudenz), während für das zentrale Mittelbild das Thema „Der Sieg des Lichts“ vorgesehen war.

Entwürfe von Klimt und Matsch werden eingereicht und abgenickt, dann machen sich die Künstler an die Arbeit. Es dauert einige Jahre, bis Klimt seine drei Gemälde vorlegt – und seine Auftraggeber schockt. Der Stil des Künstlers hat sich radikal geändert. Statt zu idealisieren, zeigt Klimt nun die nackte Wahrheit in neuartiger symbolistischer Manier: Leben, Krankheit, Tod. Alles ungeschönt. Betrachten wir die asymmetrische Komposition der Allegorie der „Medizin“ etwas genauer: Da zeigt Gustav Klimt in der rechten Bildhälfte einen endlos wirkenden Menschenstrom, der uns in verschiedenen Phasen der Lebendigkeit, Verletzlichkeit und Krankheit darstellt. Eine nackte Frau schwebt in der linken Bildhälfte im hellen Nebel, ihr linker Arm reicht bis in den Menschenstrom. Dort ist auch der Rücken eines Mannes zu erkennen, den linken Arm ebenfalls ausgestreckt, hier in Richtung der bleichen Dame: Verbindungspunkte im symbolischen Lebenszyklus, Verkörperung der fortwährenden Erneuerung des Menschengeschlechts. Und noch ein kurzer Exkurs: Die vorliegende Skizze diente als Vorstudie dieser Szene. Der aus dem Menschenstrom ragende Männerakt ist in Ansätzen skizziert. In festen Strichen sind der nach links geneigte Kopf und die muskulöse Nackenpartie erkennbar. Über dem Kopf ein ausgestreckter Arm, wohl der Frau zugehörig. In Rötel ist im Bereich der Rückenansicht schemenhaft eine Handstudie zu erkennen, die der endgültigen Übertragungsskizze aber nicht eindeutig zuzuordnen ist.

Zurück zum Skandal: Klimts Präsentation wird als Affront empfunden. Es folgt ein wilder Streit, und am Ende ist der Künstler dermaßen erbost, dass er seine drei Fakultätsbilder zurückholt, das bereits erhaltene Honorar retourniert und beschließt, nie wieder einen öffentlichen Auftrag anzunehmen.

Nach Klimts Tod im Jahr 1918 geht die Geschichte weiter. In der NS-Zeit werden seine Fakultätsbilder konfisziert und "arisiert". In den letzten Kriegstagen, Mai 1945, gehen die Gemälde schließlich in Flammen auf – mitsamt dem österreichischen Schloss Immendorf, wo sie nebst anderer Kunst lagerten. Lange ließ sich nur anhand von Schwarz-Weiß-Fotografien aus den frühen 1900er erahnen, wie Klimts Gemälde einmal aussahen. Damit hätte die Story nun ein Ende, wäre etwa 75 Jahre nach der Zerstörung der Werke nicht Künstliche Intelligenz ins Spiel gekommen.

Vor einigen Jahren hob die Österreichische Galerie Belvedere, eines der führenden Wiener Museen und Heimstätte der weltweit größten Sammlung von Klimt-Gemälden, zusammen mit dem Arts and Culture Department von Google die digitale Plattform „Klimt versus Klimt“ aus der Taufe. Im Rahmen des Projekts, gelang es dank der Rechenpower des Tech-Giganten auch, die ursprüngliche Farbgebung der Fakultätsbilder wieder erlebbar zu machen. Für die hochkomplexe Kolorierung setzte man Machine Learning ein und fütterte Computer mit Unmengen von Daten, die Hinweise auf die Farbgebung der Kunst zu Zeiten Klimts gaben. Unter anderem flossen Informationen von rund 90.000 Kunstwerken ein. Nach vierjähriger Puzzle-Tätigkeit erstrahlten Klimts Fakultätsbilder dann wieder in alter Farbenpracht. So ähnlich müssen sie ausgesehen haben, als Klimt sie schuf.

Am Ende ist alles Geschmackssache. Und vielleicht wird man sich dann doch eher für unsere Vorzeichnung erwärmen, da sie aus Klimts Händen stammt und als wertvolles Zeugnis der Werkserie und der Arbeitsweise des Künstlers für die Nachwelt erhalten blieb. EB, AL