KREATIV, NACHHALTIG UND VISIONÄR: MIT UPCYCLING MACHT DIE PORZELLAN MANUFAKTUR NYMPHENBURG IN DIE JAHRE GEKOMMENES GESCHIRR WIEDER BEGEHRENSWERT. WIE? DAS ERFAHREN WIR BEI EINEM BLICK HINTER DIE KULISSEN DES WELTBERÜHMTEN MÜNCHNER UNTERNEHMENS.

Von Andreas Lück

UNKRAUT ÜBER OMAS STREUBLÜMCHEN

Mit feinem Porzellan ist das so eine Sache. Manch kostbares Erbstück von der Großmutter verstaubt auf dem Dachboden, weil Omas Streublümchenmuster vom neuen Besitzer als unzeitgemäß empfunden wird. Wie holt man ein Service, das schlichtweg vergessen wurde, obwohl es eigentlich noch in TopQualität ist, aus dem Dornröschenschlaf? Eine lässige Variante des Wachküssens hat sich die Porzellan Manufaktur Nymphenburg einfallen lassen: Ihre neue Kollektion „Generation T“ macht vermeintlich altbackene Teller, Tassen und Schalen wieder attraktiv. Der Trick: Mit neuer Bemalung wird Geschirr von gestern neues Leben eingehaucht. 

ALT. HERGEBRACHT.

„Unsere Generation T bringt die alten Schätzchen früherer Generationen dorthin zurück, wo sie ihre eigentliche Bestimmung erfüllen: mitten auf den Tisch, um dort zum Frühstück, Mittag oder Abendessen Freude zu bereiten“, sagt Alexandra von Wangenheim vom Project Development der Porzellan Manufaktur Nymphenburg. Wir befinden uns im Showroom am Schlossrondell. Hier sind die sehr berühmten und sehr kostbaren Kollektionen des Hauses ausgestellt. Alles brandneu und sofort zu kaufen. Bis auf die Generation T. Diese Teile fallen hier völlig aus der Reihe, da sie nicht neu sind und auch nicht einfach so erworben werden können. Es braucht einen kleinen Umweg: Wer aus der Mode gekommenes Nymphenburger Geschirr besitzt, geschenkt, geerbt oder auf dem Second-Hand Markt erworben hat, ob ganzes Service oder einzelner Teller, kann es zur Manufaktur tragen oder schicken, um es dort in neuen Looks upgraden zu lassen. Dazu hat die international ausgezeichnete niederländische Designerin Hella Jongerius auf Anregung von Nymphenburg bislang zwei zeitgenössische Dekore entworfen, mit denen sich „Vintage-Porzellan", vor allem solches mit Blumenmustern, übermalen lässt: das florale „Weeds“ (engl. Unkraut) und das Tropfendekor „Dripping“ (engl. tropfend). Im Falle von „Weed“ wuchern Fantasie-Unkräuter als feine Strichzeichnungen scheinbar unkontrolliert über die Tellerränder hinweg und überdecken die ursprünglichen Streublümchenmuster. Noch radikaler ist das provokante Dekor „Dripping“. Blaue, schwarze oder goldene Tropfen bilden dabei designte Schlieren, unter denen ehemalige Blumendekore fast völlig verschwinden. 

Welches Design auch immer: Alte und neue Malkunst gehen eine wunderbare Symbiose ein. Und genau dafür steht das T im Namen der neuen Kollektion: Sie soll das Erlebnis zeitgemäßer Tischkultur durch Transformation fördern und Tradition neu beleben. Im Showroom ist das Ergebnis solcher Revitalisierung gebrauchten Geschirrs dann zu sehen. Kreationen der neuen Generation werden hier im edlen Interieur in Szene gesetzt. Und zwar spielerisch leicht, denn die Nymphenburger hegen offensichtlich eine Vorliebe für humorige Andeutungen. Klar, dass da auch die moderne Generation T mit einem Augenzwinkern präsentiert wird: Bündel getrockneter Streublumen verzieren das Arrangement und verweisen damit selbstironisch auf eben jenes blumige Dekor, das in Nymphenburg einst der Renner war und nun im Zuge des Redesigns unter Unkraut verschwindet. So etwas soll entkrampfen und vor allem bei jenen Schwellenängste abbauen, die möglicherweise Hemmungen haben, den exklusiven Showroom zu betreten. „Nymphenburg hat einen großen Namen, aber wir möchten nicht, dass die Leute in Ehrfurcht erstarren“, erklärt Alexandra von Wangenheim. Gerade die Generation T ist dabei prädestiniert als Türöffner für jüngere und jung gebliebene Zielgruppen, dockt sie mit ihrem avantgardistischen Ansatz doch an die tiefgreifenden Veränderungen unserer disruptiven Zeit an. Und so geht es bei der Gen T nicht nur um ästhetische Aufwertung. Vielmehr versteht die Porzellan Manufaktur Nymphenburg die neue Kollektion auch als nachhaltiges Statement des Hauses: gegen die Verschwendung wertvoller natürlicher Ressourcen, die immer knapper werden, auch und insbesondere bei der Herstellung von Manufakturporzellan. Dieser Re-Use-Gedanke steht über allem, daher nimmt man fürs Upcycling auch nur Stücke an, die im aktuellen Sortiment von Nymphenburg nicht mehr nachgefragt werden.

Blumiges Arrangement: Im Showroom werden Kreationen der neuen Generation durch warmes Licht in Szene gesetzt. Bündel getrockneter Blumen verzieren das Arrangement

HANDARBEIT UND WASSERKRAFT

„Mit der neuen Kollektion möchten wir der Porzellanmalerei zu neuer Wertschätzung verhelfen“, erzählt Alexandra von Wangenheim auf dem kurzen Spaziergang vom Showroom durch den Park der Manufaktur. Es geht es in Richtung Werkstätten, womit wir uns sozusagen einem Heiligtum nähern. Dort wird klar, was „Manufactum“ in einem Unternehmen, in dem die hohe Kunst der Porzellanherstellung seit 1747 gepflegt wird, bis zum heutigen Tage bedeutet: Alles wird komplett von Hand gemacht, in Techniken, die von Generation zu Generation weitergegeben und bewahrt werden. Wie im 18. Jahrhundert werden die mechanischen Geräte der Manufaktur noch heute durch Wasserkraft aus dem Schlossbach gespeist, der idyllisch um die historischen Gebäude plätschert. Eine friedliche Stimmung liegt über allem, das Setting wirkt angenehm aus der Zeit gefallen. Tradition wird in der letzten Reinmanufaktur ihrer Art liebevoll gepflegt und manifestiert sich auch in kleinen Dingen: Wo sonst öffnen sich Türen heute noch durch Seilzüge! Auch die „Malerei“ ist eine kleine Welt für sich, in der man sich auch als Besucher sofort wohlfühlt. Dort duftet es angenehm, fast wie im Spa. Nelken? Lavendel? Alle sitzen hier in einem hohen, weitem Werkstattraum. Licht beleuchtet gleichmäßig die Reiche, die sich die zehn Malerinnen und Maler hier geschaffen haben: Holztischchen, auf denen sich allerlei branchentypische Utensilien gruppieren. Pinsel, Federn, Palettmesser, Malspachtel, Farbschalen, Flaschen mit Terpentin und natürlich Porzellan. Und nirgends ein Staubkörnchen, das die Dreistigkeit besäße, sich in den so fein austarierten Produktionsprozess einzumischen. Sehr konzentriert geht hier jeder seiner Arbeit nach. Es ist still, fast wie in einem mittelalterlichen Skriptorium.

Dazu braucht es viel Erfahrung und künstlerisches Talent: Manufakturporzellanmalerin Eileen Laubinger verschönert eine altbackene Blümchentasse im neuen Design. Oben: Fertig bemalte Tassen, bereit für den Brennofen.

Auch die Handys geben keinen Laut von sich. Und da hier vieles noch so ist, wie es immer war, braucht man wenig Fantasie, um sich in jene goldene Zeit an der Wende zum 19. Jahrhundert zurückzuversetzen, in der zunächst Anton Auer, dann Christian Matthias Adler und später Auers Sohn Maximilian Joseph als hochangesehene Maler in der Nymphenburger Manufaktur wirkten und Kostbarkeiten schufen, die bis heute zu den Meisterwerken europäischer Porzellanmalerei zählen. Einige ihrer berühmten Kreationen lassen sich in der Münchner Residenz bewundern – für andere, nicht minder museale Stücke, muss man sich bloß umdrehen. „Wir haben hier gerade sehr schöne Aufträge“, freut sich Alexandra von Wangenheim und hält vorsichtig einen prächtigen Teller hoch. Nicht irgendeinen Teller, sondern einen, an dem ein Maler bis zu drei Wochen arbeitet, um Rosen, Päonien, Tulpen, Astern, Blumenbuketts, Blattranken und Zweige sowie Schmetterlinge und Glückskäfer aufzutragen. Es ist schon ein Privileg, mitzuerleben, wie das legendäre Speise- und Teeservice „Cumberland“ entsteht. Legendär, weil es das weltweit aufwändigste Blumendekor trägt, dass noch heute auf Porzellan realisiert wird – im vorliegenden Fall für einen Stammkunden. Legendär auch, weil sich das seit 1912 gefertigte Service an das ikonische „Churfürstliche Hofservice“ anlehnt, das Josef Zächenberger, der 1760–1770 als Blumenmaler an der Nymphenburger Manufaktur tätig war, für die Wittelsbacher Regenten bemalte. 

Goldener Tropfen: Manufakturporzellanmalerin Eileen Laubinger mit einem Teller, den sie gerade mit dem Dekor „Dripping“ verziert hat.

„OHNE BRÜCHE WIRD'S LANGWEILIG“

Auch auf die Gefahr hin, dass wir uns noch weiter in illustre Geschichten, für die Nymphenburg Stoff ohne Ende liefert, verlieren, lohnt es, sich dennoch, sich ein bisschen weiter in die Sache hineinzudenken und in der Malerei umzuschauen. Beim Stöbern und im Gespräch wird dann deutlich, dass kaum eine Manufaktur so viel Opulenz und Motivreichtum in ihren Dekoren bietet wie Nymphenburg. Vor allem die Blumenmalerei hat eine lange Tradition, oft bildet Florales sogar das Hauptmotiv. Bestes Beispiel dafür ist das vorhin bewunderte CumberlandService, dessen üppiges Blumendekor Porzellanliebhabern damals wie heute Freudentränen in die Augen treibt. Als allergische Reaktion dürfte dies wohl nur dann gedeutet werden, wenn sich Weeds- oder Dripping Dekore über einen Cumberland-Teller legten – was wohl niemals geschehen wird, weil er zu kostbar ist und mit seinem üppigen Blumendekor zudem keinerlei Weißflächen für Neubemalungen bietet. Viel besser fürs Upcycling geeignet ist Geschirr mit Blumendekoren aus den 1970er und 1980er Jahren. Da aber auch jedes dieser Objekte eine Geschichte erzählt und mit Blumenmustern versehen ist, die seinerzeit mit Liebe und Können minutiös aufgetragen wurden, regte sich nach dem Launch der Generation T in der Szene moderater Widerstand. „Da erhielten wir schon einige Briefe, in denen die Übermalung hinterfragt wurde. Aber wir stehen zu solchen Brüchen, denn ohne sie wird es langweilig“, äußert sich Alexandra von Wangenheim ganz offen. Die Kunden werden es verkraften. Und selbst Verfechter der reinen Porzellanlehre, die das kostbare und höchst repräsentative Nymphenburger Porzellan als Inbegriff gesellschaftlicher Kultiviertheit pflegen, es verehren wie eine Reliquie und jedwede Innovation als Sakrileg betrachten, dürften mittlerweile abgehärtet sein. Denn immer wieder werden sie von der experimentierfreudigen Manufaktur in Schockstarre versetzt. Man denke nur an Kate Moss als geflügelten Engel in Kreuzigungspose, die Lenden mit einem Tuch bedeckt, und eine Dornenkrone auf dem Haupt der gefallenen und wiederauferstandenen Stilikone. „Wir blicken halt gerne über den Tellerrand und arbeiten dazu immer wieder mit namhaften Künstlern und Designern zusammen. Die überwiegend positive Resonanz und die Verkaufszahlen zeigen, dass dies der richtige Weg ist. Gut, manchmal gibt es auch einen Aufschrei, wenn bei uns mal wieder die Moderne ins Spiel kommt. Aber meist glätten sich die Wogen schnell, auch weil wir Kritikern vermitteln können, nicht mit der Tradition des Hauses brechen zu wollen, sondern diese – wie auch im Falle der Generation T – lediglich neu beleben und interpretieren“, sagt Alexandra von Wangenheim. Und spätestens jetzt ist klar, mit wie viel Begeisterung man sich in Nymphenburg neuen Sichtweisen öffnet und wie groß der kreative Ehrgeiz sein muss, die Grenzen des Machbaren im Dialog mit Künstlern und Designern zu verschieben. 

KULTUR. KUNST. DESIGN.

Seit 1747 werden in den Meisterwerkstätten von Nymphenburg stilprägende Service, Artefakte und Architektur-Lösungen nach Entwürfen von zeitgenössischen Designern und Künstlern gefertigt, die weltweit zu den anerkanntesten ihres Genres zählen. Namhafte Designer wie Konstantin Grcic, Hella Jongerius, Reed Kram und Clemens Weisshaar; Fashion Designer wie Christian Lacroix, Vivienne Westwood und Gareth Pugh, sowie bildende Künstler wie Carsten Höller, Olaf Nicolai und Wim Delvoye beschäftigen sich intensiv mit dem historischen und kulturellen Kontext von Nymphenburg und lassen einzigartige künstlerische Visionen in Porzellan von höchster Qualität entstehen. Als kulturschaffende Institution mit einer nunmehr 275-jährigen Geschichte lanciert Nymphenburg immer neue überraschende Designobjekte und herausragende Kunstwerke von zeitlosem Wert. It-Pieces der Manufaktur wurden mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet und befinden sich in den weltweit bedeutendsten Designsammlungen wie dem MoMA und dem Cooper Hewitt National Design Museum in New York, dem Stedelijk Museum Amsterdam, der Fondation Nationale in Paris, dem Kunsthistorischen Museum Wien oder der Neuen Sammlung in der Pinakothek der Moderne in München –wo auch die Generation T vor einem Jahr ihren ersten großen Auftritt hatte. 

 

Hella Jongerius

Hella Jongerius, 1963 bei Utrecht geboren, gründete nach dem Studium an der Design Academy in Eindhoven 1993 ihr Studio Jongeriuslab. Seither forscht und entwickelt sie Produkte, Kollektionen und Interiors für internationale Firmen wie Maharam, KLM, Vitra und Danskina. Seit 2009 lebt und arbeitet sie in Berlin. Jongerius sieht ihre Arbeit als einen niemals endenden Prozess. Ihre Entwürfe verbinden neueste technologische Errungenschaften mit teilweise Jahrhunderte alten Handwerkstechniken. Ein Beispiel dafür sind unter anderem die berühmten Tierschalen, die Hella Jongerius für die Porzellan Manufaktur Nymphenburg entwarf; sie sind bis heute in den berühmtesten Designmuseen der Welt zu sehen. Für Hellas Jongerius liegt die Zukunft von gutem, sozial verantwortungsvollem Design in einer inhaltlichen Entwicklung, etwa in der Verbesserung von Werkzeugen, der Vereinfachung von Tätigkeiten oder auch der Erhöhung der Lebensqualität; weg von einem neuen zu einem weiterentwickelten Produkt. Wie sich diese Zukunft auf Porzellan ausgestalten kann, zeigt die niederländische Designerin mit der „Generation T“ – eine neue Geschirr-Generation mit minimalem energetischen Fußabdruck. 

700 SHADES OF GREEN

Wie sehr Tradition und Moderne in der Manufaktur verzahnt sind, wird an Ort und Stelle in der Nymphenburger Malerei-Werkstatt deutlich und findet auch im gewandelten Selbstverständnis der Berufsbilder seinen Ausdruck. Noch bis vor wenigen Jahrzehnten hatten die Maler in den Manufakturen und Porzellanfabriken wegen ihrer künstlerischen Arbeitsweise eine Sonderstellung – und waren allesamt Männer. „Da hat sich einiges geändert“, sagt Eileen Laubinger und lächelt verschmitzt. Sie ist „Manufakturporzellanmalerin“ und legt Wert auf die genaue Bezeichnung, denn das ist in Deutschland der korrekte Terminus dieses anspruchsvollen Ausbildungsberufes. Wer sich am Ende der dreijährigen Ausbildung Manufakturporzellanmaler nennen darf, hat bewiesen, dass er sämtliche Skills besitzt, die zur Ausübung dieses wunderbaren Berufes Voraussetzung sind, allen voran Perfektion, Leidenschaft, und künstlerisches Talent. Gerade diejenigen, die einen der begehrten Arbeitsplätze in der Porzellan Manufaktur Nymphenburg ergattert haben, stehen vor echten Herausforderungen. Denn dort wird ohne Schablonen gearbeitet, und so kann es bis zu 15 Jahre dauern, bis ein „Anfänger“ komplexe Dekore übernehmen darf. Zeit braucht es auch, um sich Spezialwissen anzueignen, das zum Großteil noch mündlich an die nachrückende Generation weitergegeben wird. Etliche Farben verändern sich beim Brand zum Beispiel sehr stark. Es erfordert deshalb höchste Könnerschaft, bis ein Maler weiß, wie er Farben mischt und aufträgt bzw. wie sich diese beim Brennen entwickeln. Und wie lange wird es erst dauern, bis jemand in der Lage ist, aus dem im hauseigenen Labor hergestellten Farbpulver mit Terpentin, Nelken und Lavendelöl genau diejenigen Farben zu mischen, die man benötigt! Allein rund 700 Grüntöne lagern in den Regalen der Nymphenburger Farbbibliothek, versehen mit teils illustren Namen wie „Kasperlgrün“. 

 

 

Next Generation: Alexandra von Wangenheim erläuert im Showroom der Porzellan Manufaktur Nymphenburg die Idee hinter der neuen Kollektion „Generation T"

DER ENTSCHEIDENDE MEHRWERT

Eileen Laubinger ist eine, die sich auskennt. Sie leitet die Ausbildung der angehenden Porzellanmanufakturmaler. Zudem ist die junge, selbstbewusste Frau maßgeblich an der künstlerischen Umsetzung der Generation T beteiligt. „Das ist für uns alle ein spannendes Projekt, erfordert aber auch Feingefühl. Es ist schon so eine Sache, ursprüngliche Dekore – vor allem ja Blumen –, die von unseren Vorgängern akribisch aufgetragen wurden, einfach so zu übermalen. Anfangs hatten wir daher etwas Scheu, am Ende hat uns die Sache aber überzeugt, vor allem weil das Porzellan durch unsere Veredelung eine neue Wertschätzung erhält und wieder benutzt wird, statt vergessen zu werden. Das ist der entscheidende Mehrwert.“

Zunächst probierte Eileen Laubinger im Team unterschiedliche Maltechniken für die Umsetzung der Aufglasurdekore aus. Seitdem der beste Weg gefunden wurde, liegt die „Federführung“ der Neubemalung nun allein in ihren Händen. Heute stapelt sich an ihrem Arbeitsplatz altes Geschirr, das auf Veredelung wartet. Grundsätzlich bestimmt der Kunde dabei selbst, welches Teil wie bemalt werden soll. Dazu hat Hella Jongerius für die beiden Dekore Dripping und Weeds einen Katalog mit jeweils zwölf Motiven ausgearbeitet. „In diesem Rahmen kann man seiner Fantasie freien Lauf lassen“, sagt Eileen Laubinger und zeigt uns dann Teile, die von ihr bereits redesignt wurden: Hier ein fein mit der Feder bemalter Weeds-Teller, dort charakterstarke Stücke, auf die sie mit dem Pinsel das markante Dripping aufgebracht hat. Nun ist alles bereit für den Brennofen. Good to know: Es werden nur Stücke veredelt, die in Nymphenburg gefertigt wurden, da man bei diesen die Brennkurven und die Farbzusammensetzungen kennt. Ansonsten lässt sich prinzipiell jedes Nymphenburg-Stück „re-usen“ – außer es trägt eine Goldbemalung, denn diese könnte beim erneuten Brennen Schaden nehmen. Auch Stücke, die Risse haben oder beschädigt sind, sind ungeeignet. Tassen und Teller mit kleinen Chips werden aber angenommen – und mit dem Dripping-Dekor lassen sich kleine Fehlstellen sogar wunderbar kaschieren. 

JEDES TEIL EIN UNIKAT

Zurück im Showroom erscheint das, was wir dort vor der Werkstatt-Tour in Augenschein genommen haben, nun in anderem Licht, denn auch potentiellen Zweiflern ist in der letzten Stunde klargeworden, dass es sich bei der Generation T nicht um einen kurzlebigen Marketing-Spleen handelt, sondern um ein durchdachtes Konzept – und zwar eins, das ankommt, denn seit dem Launch der Re-Use-Kollektion klopfen in der Manufaktur immer mehr Leute an, um ihre alten Schätzchen bemalen zu lassen, womit dann auch eines der gesetzten Ziele, nämlich Hemmschwellen abzubauen, ereicht werden konnte. Die breite Akzeptanz überrascht aber kaum, denn das chillige Upcycling ist nicht nur in ästhetischer, sondern auch in materieller Sicht verlockend. So starten die Preise für die Übermalung eines Tellers bei 120 Euro – für Nymphenburger Verhältnisse fast ein Schnäppchen. Zumal jedes Stück durch die Neubemalung zum KünstlerUnikat wird, das neben dem Nymphenburg-Logo auch die Signatur von Hella Jongerius trägt.

STOFF FÜRS TISCHGESPRÄCH

Am Ende macht Alexandra von Wangenheim am Tisch noch einmal kurz vor, wie schön sich Einzelstücke mit unterschiedlichen Dekoren nach Lust und Laune kombinieren lassen, schiebt dazu Teller und Tässchen hin- und her, bis sich ein sehr cooles Set gebildet hat, das durchs neue Design optisch zur Einheit wird. Manch einer, sagt sie, trägt auch ein komplettes Service, das zwecks Übermalung günstig bei einer Auktion erstanden wurde, zum Schlossrondell – hier könnte es sich dann wirklich lohnen, die NEUMEISTERVersteigerungen im Blick zu behalten, denn an der Barer Straße wird blumiges Porzellan aus Nymphenburg immer wieder aufgerufen. Einzelteil oder Service: Das in Nymphenburg mit großer Könnerschaft aufgefrischte Porzellan der Generation T bietet Stoff fürs Tischgespräch. Schöner als je zuvor, durchweg nachhaltig und (wie praktisch!) spülmaschinengeeignet ist dieses Geschirr wieder bereit, seinen ureigenen Zweck zu erfüllen und im Alltag, am besten so oft es nur geht, benutzt zu werden. Es lebt. 

Beispiele für die beiden Dekore der Designerin Hella Jongerius, mit denen altes Blumen-Porzellan bei Nymphenburg neu bemalt wird: ein Teller mit dem radikalen Tropfendekor „Dripping“ (unten rechts), umgeben von redesignten Geschirr im floralen Dekor „Weeds“.

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