UND WARUM SOLL DER KUNSTHANDEL DIESE FRAGE BEANTWORTEN?

von Katrin Stoll

In den Kontext der Faußner-Sammlung gehört das weite Feld der Provenienzforschung. Hier stand am Anfang eine wunderbare Idee: Durch die Wiederherstellung von Eigentumsverhältnissen an Kunstwerken, basierend auf der „Washingtoner Erklärung“ vom Dezember 1998, wollte man auf internationaler Ebene versuchen, verfolgungsbedingt entzogene Kulturgüter („Raubkunst“) aus der NS-Zeit zu restituieren. Alles Nötige sollte unternommen werden, um die entsprechende Kunst an die rechtmäßigen Eigentümer oder deren Erben zurückzugeben oder sie zu entschädigen. Dies fand bei der „Washington Conference on Holocaust-Era Assets“ die Zustimmung von 44 Staaten und zwölf nichtstaatlichen Organisationen, darunter vor allem jüdische Opferverbände. Auch wenn das Reglement unverbindlich war: Wie nie zuvor brachte die Washingtoner Erklärung den Willen zum Ausdruck, Raubkunst in der ganzen Welt aufzuspüren, und so konnten im Laufe der Jahre Hunderte Kunstwerke restituiert werden. In Deutschland folgte man der Washingtoner Vereinbarung zunächst mit der „Erklärung der Bundesregierung, der Länder und der kommunalen Spitzenverbände zur Auffindung und zur Rückgabe NS-verfolgungsbedingt entzogenen Kulturgutes, insbesondere aus jüdischem Besitz“ vom 9. Dezember 1999 sowie einer „Handreichung zur Umsetzung der Washingtoner Erklärung“. Dann passierte 15 Jahre – nichts. Obwohl das Bewusstsein vorhanden war, verhedderte man sich in Bürokratie. Die Forschung kam nur schleppend in Gang, statt Lehrstühlen gab es leere Stühle. Heute sieht das glücklicherweise anders aus. Die Provenienzforschung hat sich als wissenschaftliche Disziplin etabliert. Den Kunsthandel lässt man allerdings weiter im Regen stehen. 

 

15 Jahre bei NEUMEISTER eingelagert und versichert: Franz Franckens „Bergpredigt“ ist ein Beispiel für die Restitutionsproblematik, mit der der Kunsthandel von den Verantwortlichen allein gelassen wird.

Franz von Lenbachs Mädchenbildnis
der Katia Pringsheim.

Es ist bedauernswert, dass es in der Bundesrepublik Deutschland (dem Nachfolgestaat des NS-Unrechtsstaates) bis heute keine Anlaufstelle gibt, die privaten Eigentümern oder dem Kunsthandel – als zentralem Bindeglied in der Aufarbeitung – unentgeltlich und ohne Junktim Hilfe und Lösungen bei der Recherche von Provenienzen anbietet. Hier macht es unser Föderalismus staatlichen Akteuren zu einfach, Verantwortlichkeiten auf den Ebenen von Bund, Ländern und Kommunen hin- und herzuschieben – oder an Privatpersonen bzw. den Handel zu delegieren, ohne diese zu unterstützen. Für uns als Auktionshaus hat das praktische Konsequenzen. So müssen wir teils aufwändige und kostenintensive Recherchen betreiben, um Provenienzen zu klären. Bis dies geschehen ist, vergehen manchmal Jahre. Ein nahezu absurdes Beispiel dafür ist die „Bergpredigt“ von Franz Francken d. J. (1581 – 1642). Hier mussten wir 15 Jahre forschen (nebenbei bemerkt: ohne eindeutige Ergebnisse erzielen zu können), das Gemälde in dieser Zeit einlagern und versichern, ehe wir es im letzten Jahr an einen Sammler weiterreichen konnten. Bei Franz von Lenbachs Bildnis der Katia Pringsheim verhielt es sich ähnlich. Erst nach intensiver Recherche und Dank der Anstrengungen unseres Auktionshauses sowie größter Fairness des Einlieferers konnte das Gemälde dem Thomas Mann House in Pacific Palisades in Kalifornien als Schenkung zugewendet werden. Am Ende steht die Frage: Ist es – wie im Fall der „Bergpredigt“ – fair, über 400 Jahre Geschichte auszublenden und solch ein bedeutsames Kunstwerk wegen ungeklärter Provenienz in zwölf Jahren NS-Zeit so lange aus dem Verkehr zu ziehen und der Öffentlichkeit vorzuenthalten?

 

Um es noch einmal zu unterstreichen: Der Kunsthandel in Deutschland kommt seiner Verpflichtung hinsichtlich Provenienzforschung und Restitution vorbildlich nach: Wir engagieren uns in vielfältiger Hinsicht und bringen Licht ins Dunkel, um in Restitutionsfällen zu fairen und gerechten Lösungen zu kommen. Nur wird es uns dabei nicht immer leicht gemacht. Aufgrund mangelnden Supports verantwortlicher Stellen und ungeklärter Zuständigkeiten in Politik und Verwaltung fühlen wir uns hier im Stich gelassen. Trotz der geschilderten Widrigkeiten war, ist und bleibt Provenienzforschung für NEUMEISTER essentieller Teil des Selbstverständnisses. Dies haben wir nicht nur hinsichtlich der Versteigerungsobjekte, sondern auch durch die Aufarbeitung unserer eigenen Unternehmensgeschichte in der NS-Zeit immer wieder unter Beweis gestellt.

Auch im Hinblick auf die Faußner-Sammlung haben wir genau hingeschaut und die Provenienzen sorgfältig geprüft – mittels eigener Expertise, aber auch unter Einbeziehung externer Datenbanken wie des Art Loss Registers. Wenn es geboten war, wurden angemessene Maßnahmen ergriffen. Sowie im Falle des Gemäldes von Wilhelm Trübner, dem Bildnis der Mrs. Crawley (S. 59), dessen anteiliger Auktionserlös gemäß Umsetzung der Washington Principles „just and fair“ an die Erben des vormaligen Gemälde-Eigentümers geht.

Zudem haben wir drei Fragmente des Gemäldes „NS.-Gemeinderatssitzung“ von Constantin Gerhardinger ausjuriert. Hier befinden wir uns im Einvernehmen mit dem Einlieferer aktuell noch im Prozess der direkten Vermittlung der Fragmente des Werkes an eine öffentliche, wissenschaftliche Einrichtung.

Abbildung 1

Das ursprüngliche, sehr große Gemälde (260 × 430 cm) wurde 1941 in der Großen Deutschen Kunstausstel lung als „unverkäuflich“ präsentiert. Abgebildet sind zwölf Männer (teils mit Haken - kreuzbinde am Arm), die an der letzten Obermenziger Gemeinderatssitzung vor der Zwangseingemeindung nach München im Jahr 1938 teil- nehmen. Gerhardinger soll das Gemälde, das sich nach der Großen Deutschen Kunstausstellung von 1941 in seiner Werkstatt in der Akademie befand, nach einem Luftangriff 1943 zerschnitten haben. Er selbst äußerte sich in seinem Spruchkammerverfahren 1945 dazu: „Da kam ein Angriff auf München, der die Akademie sehr schwer traf. Mein Bild blieb dabei nahezu völlig heil. Nun bot sich mir die erwünschte Gelegenheit, der Stadt München mitzuteilen, das Bild sei total zerstört. Ich nahm es mit nach Törwang in mein Haus und zerschnitt es.“ 1 Einen Hinweis zum Motiv der Zerstörung des Gemäldes gibt auch ein auf den Dezember 1945 datierter Brief, in dem Gerhardinger schreibt, dass dieses Gemälde ihm „keinen guten Dienst geleistet“ und ihm den Ruf eines „Nazifreundes“ und Nutznießers der Partei eingebracht habe. 2 Belegbar ist also, dass der Künstler sein Gemälde in der Retrospektive definitiv problematisch wahrgenommen hat. Insofern könnte das Zerschneiden der Leinwand als Akt der „Selbst-entnazifizierung“ gedeutet werden. Und es geht noch weiter: 1947 hat Gerhardinger auf zwei Fragmente der „NS.-Gemeinderatssitzung“ Porträts gemalt (Abb. 1), auf deren Rückseite Reste des ursprünglichen Werkes zu sehen sind (Abb. 2). Womöglich geschah dies schlichtweg aus pragmatischen Gründen: In der Nachkriegszeit mangelte es an Leinwänden, und viele Künstler benutzten für neue Arbeiten daher alte Werke, um Material zu sparen.

Mit meinen Ausführungen wollte ich einmal grundsätzlich auf die Restitutionsproblematik hinweisen und dabei auch zeigen, welche großen Anstrengungen NEUMEISTER bei jeder Auktion – und auch in den Zeiten dazwischen – hinsichtlich einer kritischen Aufarbeitung der Kunst, die bei uns eingeliefert wird, unternimmt. NEUMEISTER ist bekannt für seine wegweisende Provenienzforschung. Unsere herausragenden Expertinnen und Experten erarbeiten den kohärenten Kontext jeder Sammlung, die NEUMEISTER anvertraut wird. Es freut mich, dass wir im Rahmen solcher Recherchen immer wieder zu Erkenntnissen gelangen, die kunstwissenschaftlicher Forschung (hoffentlich!) neue Impulse geben – und dies ist dann auch die passende Stelle, um mich einmal bei allen Kolleginnen und Kollegen interdisziplinärer Archive zu bedanken, die uns seit vielen Jahren engagiert unterstützen und ihr Wissen im Rahmen unserer Recherchen mit uns teilen. Nur so können Wissenschaft und Forschung dynamisch vorangetrieben werden. 

Abbildung 2

Die Darstellung von Gemälden aus der Zeit des Nationalsozialismus samt der entsprechenden Symbolik aus der NS-Zeit dient ausschließlich dem Zweck der Kunst, Forschung, Wissenschaft und Lehre.

1 StA München, Spk-Akten K 3870: Gerhardinger, K, nicht foliiert, Schreiben Gerhardingers vom Dezember 1945. Zitiert nach: Elena Velichko, Constantin Gerhardinger. Studien zu seinem Werk „NS.-Gemeinderatssitzung“ (1941). Unpublizierte Bachelorarbeit LMU München, Dezember 2015, S. 19.

2 StA München, Spk-Akten K 3870: Gerhardinger, K., nicht foliiert, Schreiben Gerhardingers vom Dezember 1945. Zitiert nach Elena Velichko, Constantin Gerhardinger, in: Christian Fuhrmeister/Monika Hauser-Mair/Felix Steffan (Hrsg.): Vermacht – Verfallen – Verdrängt. Kunst und Nationalsozialismus. Die Sammlung der Städtischen Galerie Rosenheim in der Zeit des Nationalsozialismus und in den Nachkriegsjahren, Michael Imhof Verlag Petersberg 2017, S. 154–161, hier S. 159.

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