Constantin Gerhardinger, 1888 in München als unehelicher Sohn einer Wäscherin geboren, durchlebt eine harte und traurige Jugend. Der Weg zum Künstler ist ihm insofern keineswegs vorbestimmt. Umso bemerkenswerter, dass ihm 1911 die erfolgreiche Bewerbung an der Akademie der Bildenden Künste München gelingt. Wissen eignet er sich aber nicht nur dort an, sondern auch durch Selbststudium. Carl Schuch (1846 – 1903) wird zum künstlerischen Vorbild – und er ist nicht der Einzige, der sich seinerzeit für den bedeutenden österreichischen Maler erwärmt. Kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs kommt es in München zu einem regelrechten „Schuch-Hype“, von dem auch Gerhardinger erfasst wird. Aber im Gegensatz zu anderen Künstlern wird dessen Enthusiasmus dauerhaft bleiben: Schuch beeinflusst ihn ein Leben lang, so wie auch Wilhelm Leibl (1844 – 1900). Gerhardingers Werke sind jedoch weit mehr als bloße Anlehnungen an die beiden Idole. Bis zu einem gewissen Grad löst er sich mit der Zeit von ihnen. Seine Farbpalette wird breiter, der Pinselduktus freier. Und am Ende sind seine Werke denen seiner Vorbilder qualitativ fast ebenbürtig. Das wird besonders bei Stillleben deutlich, mit denen Gerhardinger wohl am häufigsten in Verbindung gebracht wird. Dieser Gattung bleibt er über all die Jahre treu.

Doch nicht nur Stillleben zählen zum Motivkanon des Künstlers, auch Landschaften sind für Gerhardinger ein immer wiederkehrendes Thema. Das Spektrum reicht hier von Bildern aus der Großstadt München über Chiemgau-Ansichten bis hin zu Gemälden des oberpfälzischen Marktes Kallmünz, in den es Gerhardinger immer wieder für längere Aufenthalte zieht. Bei seinen Münchner Werken ragen vor allem die Motive der Auer Dult heraus, die er in verschiedenen Ansichten bei unterschiedlichen Wetter- und Lichtsituationen auf die Leinwand bringt. Ein Thema für sich sind Gerhardingers figürliche Szenen. Porträts und Aktbilder wie „Meine Modelle“, das Hauptwerk dieser Motivgruppe (siehe Seite 94/95), werden hochgeschätzt.

Als Künstler durchlebt Constantin Gerhardinger eine erstaunliche Karriere. 1920 gründet er mit Thomas Baumgartner (der ihn 1919 auch porträtiert) und Hiasl Maier-Erding die Künstlergruppe „Frauenwörther“. Überhaupt ist der Mann recht gesellig. Er kann charmant sein und besitzt das Talent, den Nachwuchs zu begeistern. So findet er in Erich Martin Müller schon in den 1920er Jahren einen Schüler, der die Bildessenz seines Lehrers fast 1:1 einfängt. 

Bereits seit 1914 nimmt Gerhardinger mit wachsendem Erfolg und steigendem Kurswert an Ausstellungen teil. In den 1920er und 1930er Jahren feiert er dann viele Verkäufe, die ihn berühmt machen und ihm ein Vermögen einbringen. Erfolgreich, verheiratet mit einer Tengelmann-Tochter und in einer stattlichen Villa residierend, mag es ihm leichtfallen, selbstbescheiden zu sagen: „Wissen S’, wenn ich einen Tizian, Rubens oder Rembrandt betrachte, dann bin i nix, ein ganz g’wöhnlicher Hosenbrunzer – Entschuldigung – jawohl, so kloa, wia a Ameisn.“

Constantin Gerhardinger mit Modell auf
Bärenfell.

Von 1937 bis 1942 nimmt Constantin Gerhardinger in München im eigens dafür errichteten Haus der Kunst an den „Großen Deutschen Kunstausstellungen“ teil, in denen Werke gezeigt werden, die repräsentativ für die Kunst des Nationalsozialismus sind. Gerhardinger gehört zu den Großverdienern dieser Schauen, einige seiner Gemälde werden von Hitler und Goebbels gekauft. Gerhardinger macht im Kunstbetrieb des NS-Regimes Karriere, wird 1939 zum Professor an der Münchner Akademie ernannt, fällt aber 1943 in Ungnade, weil er sich aus Furcht vor Luftangriffen weigert, weiter im Haus der Kunst auszustellen. Er wird fortan als Defätist beschimpft und mit Berufsverbot belegt. 

Gerhardinger profitiert als Künstler von der NS-Zeit, eine klare Haltung für oder gegen das System lässt sich aus seiner Malerei – mit Ausnahme eines Auftragswerkes – jedoch kaum ableiten. So bleibt der Maler seinem Stil der 1920er Jahre auch während des Nationalsozialismus weitestgehend treu. Für Ausstellungen in der NS-Zeit steuert er jedoch mehrere Arbeiten bei, die als Systemkunst bezeichnet werden können. Nach Ende des Zweiten Weltkrieges nimmt Gerhardinger schnell wieder am künstlerischen Leben teil. So zählt er zu den Neubegründern der Münchner Künstlergenossenschaft und wird bis 1965 deren erster Präsident. 1968 erhält er von der Stadt Rosenheim zum 80. Geburtstag die Ehrenbürgerschaft. Dazu Gerhardinger: „Übertreibt’s net a so, i woaß scho, wos i kon, i woaß aber a, wos i net ko.“ LS/AL

CONSTANTIN GERHARDINGER NIMMT IN DER SAMMLUNG FAUSSNER EINE BESONDERE STELLUNG EIN, DENN ER WAR MIT FAMILIE FAUSSNER GUT BEFREUNDET SOWIE TAUFPATE UND NAMENSPATRON FÜR DEN SAMMLER HANS CONSTANTIN FAUSSNER. DIESER WIEDERUM VERFASSTE GEMEINSAM MIT BERNHARD HAUSER, DEM EHEMALIGEN PRÄSIDENTEN DER MÜNCHNER KÜNSTLERGENOSSENSCHAFT, DAS WERKSVERZEICHNIS ZUM MALER.


DER MALER UND SEINE MODELLE


IM SCHAFFEN CONSTANTIN GERHARDINGERS BILDEN FRAUENAKTE EINE EIGENE WERKGRUPPE. GERNE DRAPIERT ER SEINE MODELLE ZWISCHEN BETTLAKEN ODER IM FREIEN AN EINEM SEE. UNSER GEMÄLDE „MEINE MODELLE“ IST IM HINBLICK AUF FORMAT, MOTIV UND GESCHICHTE DAS HAUPTWERK UNTER GERHARDINGERS AKTBILDERN. 

 

 

 

CONSTANTIN GERHARDINGER
1892 München – 1962 Kreuth/Tegernsee

„MEINE MODELLE“. 1926

Öl auf Leinwand. 176 × 227 cm

LOT 146
SCHÄTZPREIS € 10.000 – 12.000

 

Provenienz

Nachlass des Künstlers. – Städtische Galerie Rosenheim – Nach Überlieferung durch ein Tauschgeschäft an die Sammlung Hans Constantin Faußner übereignet. – Sammlung Hans Constantin Faußner, München. 

Literatur

Meister, Jochen, Ein Blick für das Volk. Die Kunst für Alle. Katalog der Gemälde. Publikation zur gleichnamigen Ausstellung im Haus der Kunst, 14. Juni – 3. September 2006 (Online-Publikation Arthistoricum.com), München 2006, S. 16, Kat.-Nr. 15. – Wolf, Georg Jakob, Allgemeine Kunstausstellung im Münchener Glaspalast 1926, in: Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur, Heft 11, August 1926, S. 340–345. – Faußner, Hans Constantin/Hauser, Bernhard, Der Maler Constantin Gerhardinger – Der Versuch einer Dokumentation. München 1988, S. 34–45: Dort mit ausführlichen Berichten über das mediale Echo zu dem Gemälde.

Ausstellungen

Galerie Heinemann München, Einzelausstellung Constantin Gerhardinger, 1926, Kat.-Nr. 1. – Kunsthandlung Schneider, Frankfurt (Main) 1927. – Städtische Galerie Rosenheim, Gedächtnisausstellung Constantin Gerhardinger, 1988, Kat.-Nr. 43. – Haus der Kunst München, Ausstellung „Die Kunst für Alle“, 2006, Kat.-Nr. 15. 

 

 

CONSTANTIN GERHARDINGER
1892 München – 1962 Kreuth/Tegernsee

STILLLEBEN MIT FRUCHTSCHALE. 1919

Öl auf Leinwand. 54 × 55 cm

LOT 134
SCHÄTZPREIS € 1.000 – 1.200

 

 

CONSTANTIN GERHARDINGER
1892 München – 1962 Kreuth/Tegernsee

ROSEN. 1923

Öl auf Leinwand. 47 × 56 cm

LOT 139
SCHÄTZPREIS € 800 – 1.000

 

 


CONSTANTIN GERHARDINGER
1892 München – 1962 Kreuth/Tegernsee

STIEFMÜTTERCHEN MIT GLAS. 1925

Öl auf Leinwand. 60 × 82 cm

LOT 143
SCHÄTZPREIS € 2.000 – 2.500

 

 


CONSTANTIN GERHARDINGER
1892 München – 1962 Kreuth/Tegernsee

IM LAMPENSCHEIN. 1925

Öl auf Leinwand. 50 × 35 cm

LOT 144
SCHÄTZPREIS € 1.500 – 2.000

 


LIEBLINGSORTE


 

 

 

CONSTANTIN GERHARDINGER
1892 München – 1962 Kreuth/Tegernsee

AUF DER FRAUENINSEL. 1922

Öl auf Karton. 35 × 50 cm

LOT 137
SCHÄTZPREIS € 1.500 – 1.800

 

 

CONSTANTIN GERHARDINGER
1892 München – 1962 Kreuth/Tegernsee

STRASSENZEILE IN GIESING (?). 1925

Öl auf Leinwand. 37 × 48 cm

LOT 145
SCHÄTZPREIS € 1.000 – 1.500

 

 


CONSTANTIN GERHARDINGER
1892 München – 1962 Kreuth/Tegernsee

BEI KALLMÜNZ. 1930

LOT 150
SCHÄTZPREIS € 1.000 – 1.500

 

Kallmünz, 15 Kilometer nördlich von Regensburg in der Oberpfalz gelegen, war Constantin Gerhardingers beliebtester Rückzugsort. „Kleines Nest“ nannte er den Flecken liebevoll. Kallmünz wurde durch seine Bilder bekannt, weshalb man ihn dort 1969 zum Ehrenbürger machte. In jeder Schaffensperiode Constantin Gerhardingers finden sich Kallmünzer Ansichten mit dem idyllischen Ensemble aus Burgruine, Felsen und dem Flüsschen Naab. Dank realistischer Lichtstimmung wirkt alles lebendig und nahbar. Auch finden sich in solchen Gemälden keine Anzeichen technischen Fortschritts – so auch in vorliegendem Werk, das den Blick von Holzheim am Forst aus südöstlicher Richtung kommend auf Burg und Ortseingang zeigt. Kallmünz als Gegenentwurf zur Metropole. 

 

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