Mit wachem Blick für die Schönheit des bayerischen Voralpenlandes zieht es Maler Ende des 18. Jahrhunderts von der Stadt aufs Land, um dort ihre Natureindrücke zu skizzieren. Das Publikum folgt den Künstlern, Ausflüge in die ländliche Umgebung Münchens werden populär. Und der Chiemsee ist bei allen besonders beliebt, auch als Motiv der Maler kommt er in Mode.

Zur ersten Generation der Münchner Landschafter – die eine unakademische Naturauffassung eint – gehört Johann Georg von Dillis (1759 –1841), der 1792 eine Ansicht des Bayerischen Meeres malt.

Ihre erste richtige Blütezeit erlebt die Chiemsee-Malerei dann im 19. Jahrhundert. 1828 entdeckt Max Haushofer (1811 – 1866) die Fraueninsel als Malerparadies. Eine unzerstörte Natur mit See und Bergen, die pittoreske Fraueninsel mit verwunschenem Kloster, Fischerhütten und Bootshäusern und das einfache Leben der Bauern: Hingerissen von der Magie des Ortes gründet Haushofer mit Malerfreunden die „Künstler-Kolonie Frauenchiemsee“. Sie ist damit neben Barbizon in Frankreich eine der ältesten Künstler-Kolonien Europas – und wird etwa hundert Jahre Bestand haben. Für malende Autodidakten wie Haushofer wird der Chiemsee zur neuen Heimat. Hier übt man sich im Zeichnen vor der Natur und tauscht sich aus – am liebsten im Gasthaus „Zur Linde“. Ein wunderbarer Ort, um zu debattieren, zu feiern – oder sich zu verlieben, wie Max Haushofer, der Anna Dumbser, die Tochter des Gastwirtes, heiratet.

Bereits 26 Maler zählt die lose organisierte Gemeinschaft auf der Fraueninsel 1836. Und da es auf dem Mini-Eiland mit der Zeit ein bisschen eng wird, weicht man aus: Um 1900 errichten mehrere Künstler rund um den Chiemsee Villen und funktionieren Bauernanwesen zu Ateliers um. Auch Wegbereiter der Moderne finden am See ihren Malerwinkel. So erwirbt Julius Exter (1863 – 1939) im Jahr 1902 das Bauernhaus „Zum Stricker“ in Feldwies. Sein neuer Künstlersitz wird Standort seiner in ganz Europa bekannten Malschule.

 

 

HIASL (MATHIAS) MAIER-ERDING
1894 Erding – 1933 München

CHIEMSEELANDSCHAFT

Öl auf Karton. 22 × 31,4 cm

LOT 86
SCHÄTZPREIS € 3.000 – 4.000

Der Blick auf Frauenchiemsee gehört zu den beliebtesten Motiven Hiasl Maier-Erdings. Dieses Gemälde, das bisher in der Literatur nicht bekannt ist, zeigt den Blick auf Frauenchiemsee, wobei Teile der Insel von einer Baumgruppe überdeckt werden. 

 

Angesichts der Überzahl an Traditionalisten, die am Chiemsee Bauern und Berge malen, mag es überraschen, dass sich dort auch Nischen für modernistische Tendenzen finden. In der Tat gehen von der lieblichen Provinz künstlerische und gesellschaftliche Impulse aus. So engagiert sich die Dichterin und Malerin Marie Haushofer (1871 – 1940), eine Enkelin Max Haushofers, um 1900 für die moderne, bürgerliche Frauenbewegung Bayerns, die seit 1894 in München Fuß gefasst hat – dabei agiert sie gemeinsam mit ihrer Stiefmutter Emma Haushofer-Merk, die überdies zu den Gründerinnen des ersten Schriftstellerinnenvereins Bayerns zählt. „Es lebe die Freiheit, es lebt wer gewann. Im Kampfe den Sieg, im Siege den Mann! Und ist er besiegt, so ist er uns Knecht, wir schaffen uns selber unser Recht!“, formuliert Marie Haushofer in ihrem Festspiel „Zwölf Culturbilder der Frau“, welches das Wirken der Frau durch die Jahrhunderte vorführt und zeigt, wie sie sich zu Freiheit und Arbeit emporringt. Dabei propagiert sie weder Mutterschaft noch Ehe als Bestimmungen der Frau, sondern (positiv definierte) Arbeit, aktives Mitwirken an der Gesellschaft und Solidarität unter den Frauen. Aber noch haben Männer das Sagen, auch im Kunstbereich. Von 1852 bis 1919/1920 werden an der Münchner Akademie der Bildenden Künste keine Frauen zum Studium zugelassen. Eine künstlerische Ausbildung können sie nur in der 1884 gegründeten „Damenakademie“ erhalten – die ihr Domizil in der Barer Straße 21 hat und deren Landschaftsklasse im Sommer nach Seebruck an den Chiemsee hinauszieht – oder privaten Malschulen wie sie Julius Exter am Chiemsee betreibt. Und so finden am Chiemsee neben Künstlern auch Künstlerinnen ihre Orte der Selbstverwirklichung.

GREAT LAKE

Seit über 200 Jahren zieht die idyllische Voralpenlandschaft rund um den Chiemsee Künstler an. Vor allem im 19. Jahrhundert holen Maler Staffeleien und Paletten aus ihren Ateliers, um dort unter freiem Himmel zu zeichnen. Losgelöst von den Zwängen des Münchner Kunstbetriebs und der akademischen Malerei bilden sie Landschaften und Leute in bester Pleinairmanier ab, gründen Künstler-Kolonien und nehmen an Ausstellungen teil, die den Chiemsee und seine Maler in Europa berühmt machen.

Nach dem Ersten Weltkrieg knüpft die Künstlergruppe „Frauenwörther“ an die Malertradition der „Künstler-Kolonie Frauenchiemsee“ an. Der Chiemsee kommt als Gegenentwurf zur Stadt erneut in Mode, auch bei jungen Künstlern, die München den Rücken zuwenden. Diese zumeist konservativ, teils monarchistisch denkenden Künstler halten die Tradition der Chiemsee-Maler und der Münchner Schule aufrecht, bilden vor allem Landschaften und bäuerliche Sujets ab. Einer von ihnen ist Hiasl Maier-Erding, der die „Frauenwörther“ im Herbst 1920 mit seinen Malerfreunden Constantin Gerhardinger, Thomas Baumgartner und Alfred Haushofer gründet. Der Name wird gewählt, um sich von Ausstellungen, die auf der benachbarten Herreninsel geplant sind, abzusetzen. Ziel der losen Gruppe ist es, ab 1921 sommerliche Verkaufsausstellungen auf der Fraueninsel durchzuführen. Eine Jury entscheidet, wer mitmachen darf – und die Vorgabe ist klar: Man möchte Werke zeigen, die „den Geist des Chiemsees“ beinhalten, also den Chiemsee oder Charaktere des Chiemgaus darstellen. Bezeichnend ist, dass es vor allem „traditionelle“ Arbeiten in der Nachfolge des Leibl-Kreises in die Frauenwörther Ausstellungen schaffen. „Neue Kunstrichtungen“ verweist man nach Herrenchiemsee oder Prien, wo sich Chiemgauer Künstler – fast zeitgleich zu den Frauenwörthern – zur Gruppe „Welle“ zusammenfinden, die sich mit ihrer modernen Bildsprache von der traditionalistischen Malerei der Frauenwörther absetzt.

Nach dem frühen Tod Maier-Erdings im Jahr 1933 wird kein Mitbegründer Frauenwörther zum Nachfolger ernannt, sondern Hermann Groeber, seinerzeit eine der markantesten Persönlichkeiten der Münchner Künstlerschaft, Akademie-Professor und dort unter anderem Lehrer Thomas Baumgartners.

Durch ihre dauerhafte Präsenz vor Ort etablieren sich die Frauenwörther mit der Zeit fest im kulturellen Leben am Chiemsee. In ihren Werken charakterisieren sie nahezu dokumentarisch die Landschaft des Chiemsees und das Leben der Menschen – bis 1960, als die Gruppe ihre letzte Ausstellung veranstaltet.

Bis heute ist die Kunstlandschaft des Chiemgaus ausgesprochen lebendig, wofür auch lokale Initiativen wie der Kulturförderverein Prien am Chiemsee e. V. sorgen. Kunst- und Kulturliebhaber finden rund um den Chiemsee Museen, Galerien und Veranstaltungen, die mit einer spannenden Mixtur alpenländischer Tradition und vibrierender Moderne locken. Dabei reicht das Spektrum von Bauernmuseen bis zu modernen Ausstellungs - zentren wie dem Lokschuppen in Rosenheim. Und nach wie vor suchen und finden Künstler am Chiemsee Inspiration in freier Natur. LS/AL

 


1907, also in jungen Jahren, zieht es Hiasl Maier-Erding von seiner Geburtsstadt Erding nach Prien an den Chiemsee. Dort absolviert der Sohn einer Gastwirtfamilie eine Lehre zum Dekorationsmaler, 1911 geht er an die Kunstgewerbeschule, ein Jahr später an die Akademie in München. Zu Beginn des Ersten Weltkriegs wird Maier-Erding zu den „Schweren Reiter“, einem Kavallerieverband der Bayerischen Armee, eingezogen und dokumentiert in mehreren Gemälden – nicht frei von Ironie – das Soldatenleben. Mit diesen Werken, die schon während des Krieges vervielfältigt werden, macht sich der Künstler über Bayern hinaus einen Namen.

Nach dem Krieg zieht es Maier-Erding zurück an den Chiemsee, diesmal nach Gstadt. Dort wird er unter anderem von Joseph Wopfner (1843  – 1927), einem der letzten Maler der „Künstler-Kolonie Chiemsee“, unterstützt. Nach Wopfners Tod nimmt Hiasl Maier-Erding dessen zentrale Rolle in der Chiemseer Künstlerszene ein. Er ist dort wegen seines kernigen, ehrlichen und lebensfrohen Wesens ausgesprochen beliebt. Zahlreiche Anekdoten sind von dem selbstbewussten Bayern („Meine Buida san Praliné“) überliefert.

Seinen Kunststil beschreibt Maier-Erding selbst prägnant: „Ich kann nur im Dialekt malen“. Das verengt den Blick auf sein Werk ein wenig, trifft es aber dennoch ganz gut, denn Maier-Erdings Schaffen wird durch Motive vom Chiemsee und bäuerliche Szenen geprägt. Seine Charakterköpfe sind aussagekräftig und in seinen farbenfrohen Landschaften lassen sich fast schon impressionistische Züge erkennen.

1933 stirbt Hiasl Maier-Erding im Alter von 38 Jahren an einer Nierenentzündung. Er hinterlässt über 600 Werke. Für seine Arbeit und die Förderung der Kunst wird Hiasl Maier-Erding bereits mit 33 Jahren Ehrenbürger der Gemeinde Frauenchiemsee – kurz nach seinem Tod wird ihm von der Stadt Erding dieselbe Ehre zuteil. L S

 


HIASL (MATHIAS) MAIER-ERDING
1894 Erding – 1933 München

„DER HUBER-BAUER MIT DER PFEIFE“

Öl auf Leinwand. 73 × 65,5 cm

LOT 85
SCHÄTZPREIS € 1.000 – 1.500

 


Hermann Groeber ist wesentlich älter als Hiasl Maier-Erding und andere „Frauenwörther“. Auch in seinem Werdegang unterscheidet er sich von den meisten anderen der Gruppe: 1865 in Wartenberg geboren, ist er ein Kind des Chiemsees. Ein urwüchsiger Bayer, der frei heraus spricht. Relativ früh geht er an die Münchner Akademie und wird dort Schüler von Nikolaus Gysis, Wilhelm von Lindenschmit d. J. und Ludwig von Löfftz. Ausführlich studiert Groeber die Kunst Rembrandts und anderer Niederländer. Zudem ist er als Illustrator für die Zeitschriften „Jugend“ und „Simplicissimus“ tätig. Studienreisen führen ihn nach Holland, Italien und Paris. Ab 1907 ist er an der Akademie Dozent für Aktmalerei, 1911 wird Groeber zum ordentlichen Professor ernannt, einen Posten, den er bis zu seinem Tod 1935 innehat. Seit 1923 nimmt Groeber regelmäßig an Ausstellungen der „Frauenwörther“ teil, 1933 wird er ihr Vorstand.

Künstlerisch steht Groebers Werk im Gegensatz zu fast allen Frauenwörthern nicht nur in der Tradition Wilhelm Leibls. Vielmehr sind seine Arbeiten impressionistisch geprägt, erinnern auch ein bisschen an die Arbeiten Fritz von Uhdes. Grundsätzlich offenbart sich Groebers Talent im Malen von Menschen, ob als Porträt oder in Genreszenen.

Motive und Modelle sucht er sich als begeisterter Anhänger der Pleinairmalerei nicht in der Stadt, sondern auf dem Land in Oberbayern. Insbesondere der Chiemsee, Groebers Heimat, ist für ihn stetige Inspirationsquelle.

Hermann Groeber wird als geselliger Mensch beschrieben. Um die Akademiefeste seiner Klasse ranken sich Legenden. In den 1920er Jahren wird ihm zu Ehren auch immer wieder am Chiemsee gefeiert, so organisiert Maier-Erding dort ein Fest zu Groebers 60. Geburtstag. LS

 

 


HERMANN GROEBER
1865 Wartenberg (Obb.) – 1935 München

OBERBAYRISCHES MÄDCHEN MIT SPIEGEL

Öl auf Holz. 48 × 42 cm

LOT 94
SCHÄTZPREIS € 1.200 – 1.500

 

 


HERMANN GROEBER
1865 Wartenberg (Obb.) – 1935 München

MUTTER MIT IHREN KINDERN

Öl auf Leinwand. 112 × 85 cm

LOT 90
SCHÄTZPREIS € 800 – 1.000

 

 


HERMANN GROEBER
1865 Wartenberg (Obb.) – 1935 München

BEI DER BROTZEIT

Öl auf Leinwand. 53 × 64 cm

LOT 89
SCHÄTZPREIS € 1.000 – 2.000

 

ZURÜCK ZUM MAGAZIN
ZUM ONLINEKATALOG SAMMLUNG FAUßNER