HEAVY METAL


VON DAVID J. RANFTL

 

 

 

Der zur Prunkterrine gehörige, ovale Untersatz mit profiliertem Rand steht auf vier Füßen mit Akanthusblattbesatz. Die Wandung ziert ein umlaufender Fries aus Palmetten, Blattwerk und Blüten. In den Untersatz ist eine glatte Sockelplatte eingesetzt, auf welche vier sitzende, nach oben blickende Drachen montiert sind. Diese bilden den Fuß der wohlproportionierten Terrine, deren Formgebung einem antiken Kantharos entspricht. Die obere Hälfte des konkav godronierten Korpus umzieht ein Fries mit gegenständigen Greifen, Vasen und Akanthusblattranken3 sowie ein schmales Band mit flach reliefiertem Blattdekor. Als seitliche Handhaben dienen zwei Satyrmasken, aus denen sich Henkel in Gestalt je zweier Schlangen entwickeln. Der eingezogene, konkav godronierte Deckel endet in einem Akanthusblattkranz, auf dem der Knauf sitzt. Dieser ist wiederum als klassizistische Vase ausgeformt. Im Inneren befinden sich ein oben geschlossenes, glattes Einsatzgefäß mit drei Handhaben.


TERRINE MIT PRÉSENTOIRE
AUGSBURG, 1806/1807, GUSTAV FRIEDRICH GERICH

 

Silber, getrieben, gegossen, ziseliert, graviert und punziert
2 Meister 1769, stirbt 1808
1 Terrine: 48 × 60 × 40 cm
 Présentoire: 12 × 50 × 40 cm

AUKTION 408 // LOT 560
SCHÄTZPREIS € 40.000  – 60.000

 

Provenienz: Ehemals Herzoglich Württemberger Besitz/Schloss Carlsruhe, Schlesien

 

Bei der Terrine handelt es sich um ein Werk des renommierten Augsburger Silberschmiedes Gustav Friedrich Gerich. Er wurde um 1726 in Barfusdorf (Pommern) geboren. 1769 erhielt er den Meistertitel und heiratete im gleichen Jahr zum ersten Mal, nochmals 1776 und ein letztes Mal im Jahr 1795. Gerich verstarb 1808 in Augsburg; seine Witwe Elisabetha Jakobina Mayr führte die Werkstatt fort. 

Gustav Friedrich Gerichs Werke, vor allem repräsentatives Tafelsilber, erfreuten sich an den europäischen Höfen großer Beliebtheit, wie zahlreiche Stücke mit entsprechenden Provenienzen belegen. Der Silberschmied adaptierte mit großer Könnerschaft die aktuellen Stilentwicklungen seiner Zeit, welche im Zeitalter des Klassizismus zweifelsohne ihren Höhepunkt bezüglich der Qualität der technischen Umsetzung sowie ihrer formalen Ausgewogenheit fanden.

 

Charles-Nicolas I. Cochin (1688–1754) nach Jean-Bernard Turreau, gen. Toro (1672–1731), Kupferstich aus der Serie Desseins arabesques à plusieurs usages inventés par J. B. Toro, 1716, New York, The Metropolitan Museum of Art, Harris Brisbane Dick Fund (1938), Inv. Nr. 38.69.3 (24)

„Silber-Arbeiten der Herren Seethaler und Sohn in Augsburg“, No. 19, Wolfenbüttel, Herzog August Bibliothek, Inv. Nr. Graph. C: 344

 

VERGLEICHSSTÜCKE:
Louis XVI-Deckelterrine, Augsburg, 1779  – 81, München, Auktionshaus NEUMEISTER, Auktion vom 7./8. Dezember 2022, Los 30. Terrine mit Untersatz und andere Teile aus einem Silberservice für Fürstin Therese von Thurn und Taxis, Augsburg, 1799  – 1800, Regensburg, Thurn und Taxis Museum (publ. in: Helmut Seling, Die Augsburger Gold- und Silberschmiede 1529 –1868. Meister · Marken · Werke, München 1980, Bd. 2, Abb. 778). Ein Paar klassizistische Terrinen mit ein - graviertem Wappen des Herzogtums Savoyen, Augsburg, 1800, Mailand, Sotheby’s, Auktion vom 21.Juni 2006, Los 150

1 Vgl. Helmut Seling, Die Augsburger Gold- und Silberschmiede 1529–1868. Meister · Marken · Werke, überarb. Neuaufl. München 2007, Bd. 3, S. 652f., Meister Nr. 2524.

2 Vgl. ebd., S. 54, Beschauzeichen Nr. 2920.

3 Der Greifenfries geht in Grundzügen auf den Tempel des Antonius Pius und der Faustina in Rom zurück und findet sich in verschiedenen Abwandlungen auch in klassizistischen Innenraumdekorationen sowie kunsthandwerklichen Erzeugnissen wieder.

4 Vgl. etwa eine Rokoko-Deckelterrine von Gerich mit Présentoire von Dammann, 1769 – 1771 aus dem Kunsthandel (publ. in: Helmut Seling, Die Augsburger Gold- und Silberschmiede 1529–1868. Meister · Marken · Werke, München 1980, Bd. 2, Abb. 741).

5 Vgl. eine Deckelterrine von Gerich, Augsburg, 1779 – 81, Auktionshaus NEUMEISTER München, Auktion vom 7./8. Dezember 2022, Los 30.

6 Vgl. eine Terrine mit Untersatz und andere Teile aus einem Silberservice für Fürstin Therese von Thurn und Taxis, 1799 – 1800, Regensburg, Thurn und Taxis Museum (publ. in: Helmut Seling, Die Augsburger Gold- und Silberschmiede 1529 – 1868. Meister · Marken · Werke, München 1980, Bd. 2, Abb. 778).

7 Das Motiv des schlangenförmigen Henkels findet sich nahezu identisch auch an einer Terrine aus den Entwurfszeichnungen des Augsburger Silberschmiedes Seethaler wieder, die zeitgleich zu vorzustellender Terrine entstanden sind („Silber-Arbeiten der Herren Seethaler und Sohn in Augsburg“, No. 19, Wolfenbüttel, Herzog August Bibliothek, Inv. Nr. Graph. C: 344).

8 Diese finden sich als dominierendes Motiv des französischen style Régence und style Louis XV z.B. an Wandkonsolen, Spiegeln, Appliken oder Kaminböcken wieder. Auch in den Druckgraphiken jener Zeit finden sie zahlreich Niederschlag (z. B. Charles-Nicolas I. Cochin nach Jean-Bernard Turreau, gen. Toro, Kupferstich aus der Serie Desseins arabesques à plusieurs usages inventés par J. B. Toro, 1716, New York, The Metropolitan Museum of Art, Inv. Nr. 38.69.3 (24) oder Johann Gottfried Thelott nach Carl Püer, aus Blattwerk gebildete Vase und Putti mit Attributen des Feuers, Radierung, verlegt von Martin Engelbrecht, Augsburg, Mitte 18. Jh., Braunschweig, Herzog Anton Ulrich-Museum, Inv. Nr. JohGThelott AB 3.16).


DAVID J. RANFTL:

Magisterstudium der Kunstgeschichte, Byzantinistik sowie der Bayerischen Geschichte in München. Langjährige Tätigkeit im Auktionswesen und internationalen Kunsthandel, Spezialisierung auf Möbel, objets d’art und vergoldete Bronze. Kurator des Deutschen Fächermuseums (Stiftung Barisch) in Bielefeld. Zu Jahresbeginn Gründung der trias Art Experts GmbH. www.trias-art.com.


 

 

HIGHLIGHTS NOBLE SALE

AM 29. MÄRZ AB 16 UHR