NEUMEISTER MAGAZIN FEBRUAR 2021

 

SONDERAUKTION: KUNST IM EXIL


Die Wittelsbacher in Sárvár, dem letzten Aufenthaltsort von König Ludwig III. von Bayern (1845 München - 1921 Schloss Nádasdy)

 

Auktion am 15. März, 16 Uhr

ACHTUNG: AUFRUFZEITPUNKT DER LOSE 3 - 6 ERFOLGT
NACH LOS 67

 

Vorbesichtigung: 8. bis 14. März
Mo bis Fr von 10 bis 17 Uhr
Sa und So von 10 bis 15 Uhr
Gemäß aktueller Bestimmungen Einlass nach vorheriger Terminvereinbarung

ONLINEKATALOG

 

Bilder einer vergangenen Zeit

Auf Kutschfahrt durch eine grüne Landschaft, die Schloss Nádasdy umgibt. Nach 1875 wird das Anwesen von den Wittelsbachern zum Mustergut ausgebaut. Es umfasst etwa 9.000 Hektar Land und beschäftigt 1.000 Personen mit ihren Familien. Zum Besitz zählen Rinder, Schweine und 40 Pferdestuten zur Halbblutzucht. Eine große Rolle spielt die Milchwirtschaft. So wurde der in Sárvár produzierte Käse bis in die Schweiz exportiert.

Tonnengewölbe, frühbarocker Stuck, opulente Gemälde und ein prachtvoller Kachelofen

Der Prunksaal ist der schönste Raum des Schlosses. Die Darstellungen an der Decke zeigen sieben Schlachten gegen die Türken, die Malereien an den Seitenwänden Szenen aus dem Alten Testament.

Picknick und Prunk

Auf dem Schlossgut lässt es sich aushalten. Mitglieder der Wittelsbacher Familie schätzen den naturnahen, puritanischen Lebensstil – ohne auf repräsentative Pracht verzichten zu müssen.

Kleine Stadt, große Geschichte

Herzstück und Wahrzeichen von Sárvár ist Schloss Nádasdy. Ansonsten prägt das Nebeneinander klassizistischer und eher nüchterner Fassaden das heutige Antlitz der lebenswerten Stadt im Westen Ungarns.

Sárvár war für die Wittelsbacher Familie kein isolierter Ort

Vielmehr lebte man hier nah an der Natur und war offen für die Sitten und Bräuche der einheimischen Bevölkerung

Bei festlichen Anlässen spielten kleine Orchester auf

Musik erfüllte die Säle des Schlosses und seine Umgebung.

In den Gebäuden spiegelt sich Geschichte

Und da hat Sárvár einiges zu bieten. So war der Ort Zentrum des ungarischen Humanismus. Hiererschienen die ersten Bücher in ungarischer Sprache.

Editorial von Katrin Stoll

Spätestens seit dem „Jäger des verlorenen Schatzes“ wissen wir, wie abenteuerlich die Auseinandersetzung mit Geschichte sein kann. Spannenden Stoff für Hollywood bietet auch der verloren geglaubte „Schatz von Sárvár“, den NEUMEISTER am 15. März 2021 versteigert.

In heutigen, relativ gut „ausgeforschten“ Zeiten ist es ein seltener Glücksfall, dass Kunstgegenstände von dermaßen großer historischer Bedeutung, dazu noch in gesicherter Provenienz, in eine Auktion gelangen – und das hat eine Vorgeschichte: Vor über zehn Jahren erfuhr ich zum ersten Mal von Kunstgegenständen aus Wittelsbacher Familienbesitz, die hinter den mächtigen Mauern von Schloss Nádasdy in der westungarischen Stadt Sárvár verborgen waren und nun wieder aufgetaucht sein sollen. Mehrmals besuchte ich das kleine Schloss mit der großen Geschichte dann in den folgenden Jahren. Dabei begeisterte mich der eigentliche Schatz ebenso wie die Aura des Ortes, der mit der Geschichte des letzten bayerischen Königs Ludwig III. und dessen Familie so eng verwoben ist.

Schloss Nádasdy blickte bereits auf eine bis ins frühe Mittelalter reichende Geschichte zurück, als es 1875 durch Erbfolge in die Hände der Wittelsbacher fiel und von ihnen sodann zum landwirtschaftlichen Mustergut ausgebaut wurde. Nach Ende der Königsherrschaft in Bayern im Jahr 1918 blieb das Schloss im Besitz der Wittelsbacher Familie, der es in unruhigen Zeiten als Exil diente. Für Ludwig III. wurde Sárvár zum bevorzugten, vorwiegend als Jagddomizil genutzten Aufenthaltsort. Ins Licht der Weltöffentlichkeit gelangte der sonst so ruhige Ort am 18. Oktober 1921, als der letzte bayerische König dort bei einem Aufenthalt starb. In der Folgezeit war Sárvár Rückzugsort der Wittelsbacher Familie, bis russische Truppen 1945 Einzug hielten. Auf der Flucht vor der Roten Armee musste die Familie zahlreiche Kunstgegenstände im Schloss zurücklassen. Vieles wurde eingemauert und kam erst 1952 wieder zum Vorschein. Nach dem EU-Beitritt Ungarns 2004 nahmen die rechtmäßigen Erben Restitutionsverhandlungen mit dem ungarischen Staat auf. Nun ist der Schatz von Sárvár frei und NEUMEISTER hat die große Ehre, ihn anlässlich des 100. Todesjahres von Ludwig III. in einer Sonderauktion zu präsentieren. Das einzigartige Konvolut umfasst rund 80 Lose, darunter Silber, Porzellan und Gemälde aus dem Besitz der Wittelsbacher. Besondere Highlights sind die bislang teils unbekannten Porträts, gemalt von Joseph Stieler, dem Hofmaler von König Ludwig I. von Bayern.

 

NEUMEISTER durfte in den letzten Jahren immer wieder Kunstgegenstände mit Wittelsbacher Provenienz präsentieren. Beispiele dafür sind die Sonderauktionen „Das Bayerische Königsservice“, „Aus wittelsbachischen und habsburgischen Nachlässen“ und nunmehr die Kunstwerke aus dem ungarischen Exil. Ohne wohlwollende Unterstützung lassen sich solche Projekte nicht realisieren. Vor allem beim Hause Wittelsbach bedanke ich mich für die abermals sehr gute Zusammenarbeit und das Vertrauen, das NEUMEISTER seit vielen Jahren entgegengebracht wird. Mein Dank gilt auch Herrn Generalkonsul und Doyen Gábor Tordai-Lejkó, der Inventarverwaltung des Wittelsbacher Ausgleichsfonds, dem Bayerischen Hauptstaatsarchiv, Abt. III Geheimes Hausarchiv sowie allen Kunsthistorikern, die sich in Vorbereitung der Sonderauktion wissenschaftlich intensiv mit den Objekten aus Sárvár auseinandergesetzt haben.

Das vorliegende Magazin stellt Ihnen den Schatz von Sárvár in seiner ganzen Pracht vor. Eine vollständige Beschreibung aller Objekte finden Sie im Online-Katalog unter www.neumeister.com. Texte renommierter Autoren ordnen Personen und Ereignisse auf den nächsten Seiten zeitgeschichtlich ein und setzen sich mit herausragenden Kunstgegenständen genauer auseinander. Künstlerisch in Szene gesetzte und teilweise erstmals veröffentlichte Fotografien aus Wittelsbacher Familienbesitz vermitteln überdies einen wunderbaren Eindruck vom Leben auf Schloss Sárvár vor 100 Jahren. Lassen Sie sich einladen zu einer spannenden Reise durch die Zeit.

 

 

Prinz Luitpold von Bayern über Schloss Sárvár

Schloss Sárvár in Ungarn spielte für meine Familie eine wichtige Rolle. Es kam über Königin Marie Therese – aus dem Hause Habsburg-Modena-Este – 1875 in unsere Familie. König Ludwig III. und Königin Marie Therese bauten den ursprünglich etwas heruntergekommenen Besitz zu einem land- und forstwirtschaftlichen Musterbetrieb mit eigener Produktveredelung – wie zum Beispiel einer eigenen Molkerei/Käserei aus – und renovierten das Schloss. Viele Gemälde aus der Hand der Königin vom Schloss und der Region zeigen, mit welcher Freude das Königspaar Sárvár schätzte.

Nach der Revolution in Deutschland besuchte Ludwig III. Sárvár zuletzt 1921 zu einem Jagdaufenthalt; schon durch schwere Krankheit vorbelastet, starb er dort. Nach seinem Tode ging Sárvár an seinen zweiten Sohn Prinz Franz. Dieser war, wie Ludwig III., begeisterter Pferdezüchter und Landwirt.

Zu Beginn des „Dritten Reiches“ zog er mit seiner Familie ganz nach Sárvár, weil sie dort vor der NS-Diktatur einigermaßen sicher waren.

Die Kinder besuchten dort die Schule. Mein Vater, Prinz Ludwig, studierte in Sopron Forstwirtschaft. Alle sprachen perfekt ungarisch. Während der langen Zeit unter Besitz der Wittelsbacher wurden auch entsprechende Einrichtungsgegenstände, Familienbilder und Hausrat wie Familiensilber, nach Sárvár – nunmehr Hauptwohnsitz dieses Familienzweigs – verlegt.

In den letzten Kriegswochen kehrte Prinz Franz mit gefälschten Diplomatenpapieren nach Bayern zurück. Ein Teil der Pferdezucht und der Einrichtung wurde per Bahn zurückgeschickt und entkam durch viel Glück dem Bombenkrieg. Prinz Ludwig blieb bis kurz vor Eintreffen der Roten Armee in Sárvár und machte sich dann mit einem Wagentreck von 16 Gespannen auf den Weg zurück nach Bayern. Da sie nur nachts und über Nebenstraßen der Steiermark fuhren, kamen sie ohne Verluste heim.

Vor der Abreise ließ Prinz Ludwig wertvolle Gemälde und einen Teil der Kunst- und Silbergegenstände in einem Kellerraum des Schlosses Sárvár einmauern, da der Transport zu unsicher erschien. Dadurch überstanden diese Dinge den Einmarsch der Roten Armee. Erst Jahre später wurden diese Schätze entdeckt und seitdem, zum Teil als „Bayerische Sammlung“, im Museum von Schloss Sárvár, ausgestellt.

Die Familie von Prinz Franz konnte Ungarn in der Frühzeit des ungarischen Kommunismus nicht besuchen. Prinz Ludwig konnte erstmals 1983 wieder nach Sárvár. Bei dieser Gelegenheit machte er Ungarn ein beeindruckendes Geschenk: Er stiftete die Hälfte seines reinrassigen Furioso-Gestüts – über 60 Zuchtpferde – an Ungarn, um diese alte Rasse, die er in Leutstetten weiter züchtete, breiter aufzustellen. Bei seinem Besuch konnte Prinz Ludwig das gesamte Schloss besichtigen. Er erinnerte sich an alle Bäume im botanischen Garten des Schlosses und wir konnten die von ihm hinterlassenen Gegenstände besichtigen.

Da die Provenienzen der bayerischen Familienstücke, Portraits mit Wappen, Familiensilber, Nymphenburger Porzellan völlig klar zuordenbar waren, wurde über die Rückgabe verhandelt. Diese endete in einem Gerichtsbeschluss zu Gunsten Prinz Ludwigs und seines Bruders Rasso, den Erben von Prinz Franz. In den Verhandlungen, die sich über weitere 15 Jahre zogen, wurde eruiert, wie nun eine zukunftsweisende Lösung für Sárvár, das Königliche Haus und nicht zuletzt für die Vertiefung der alten Verbindung Ungarns mit Bayern aussehen könnte.

Mit viel Verständnis und Fingerspitzengefühl vermittelte Generalkonsul Gábor Tordai-Lejkó zwischen der ungarischen Staatskanzlei, dem Kulturminister, der Stadt Sárvár und unserer Familie. Der Staat Ungarn erwarb für das Museum Sárvár wichtige Gegenstände mit Bezug zu Ungarn, unsere Familie erhielt die mehr Bayern betreffenden Gegenstände zur freien Verfügung zurück.

In der Zukunft werden wir Sárvár und Ungarn bei musealen und historischen Projekten gerne unterstützen und sind dankbar, dass der Ort an dem unsere Familie in der schweren Zeit Zuflucht gefunden hat, so die gemeinsame Geschichte weiter pflegt.

Gábor Tordai-Lejkó über Schloss Sárvár (Generalkonsul von Ungarn in Bayern, Doyen des Konsularkorps Bayern)

Mir als Generalkonsul von Ungarn in Bayern ist es eine Ehre, die zur Versteigerung angebotenen Kunstschätze des Hauses Wittelsbach vorstellen zu dürfen. Sie haben einen starken Ungarn-Bezug, sodass man sagen kann: Sie sind Symbole der engen, über 1.000 Jahre zurückgehenden Freundschaft zwischen Ungarn und Bayern.

„Die bayerischen Schätze“, wie man sie in Ungarn nennt, haben eine abenteuerliche Geschichte. Sie sind vor kurzem unter aktiver Vermittlung des Generalkonsulats von Ungarn in Bayern in den Besitz der königlichen Familie von Bayern zurückgelangt. Damit wurde eine jahrzehntelange Streitigkeit mit einer flexiblen, beide Seiten zufriedenstellenden Lösung abgeschlossen. Die Schätze entstammen dem Schloss Nádasdy in Sárvár (Westungarn), das bis Ende des Zweiten Weltkrieges im Besitz der Wittelsbacher war, die Ungarn nach dem Eintreffen der Sowjettruppen verlassen mussten. Die verborgenen und eingemauerten Kunstschätze wurden später, 1952, gefunden. Ein Teil dieser Stücke ist in Ungarn geblieben und wird als hochgeschätzte Sehenswürdigkeit im Schloss Sárvár ausgestellt. Der andere, hier zur Versteigerung angebotene Teil wurde vor kurzem nach Bayern gebracht.

Ludwig III., der letzte König von Bayern, musste nach der Ausrufung der Republik 1918 aus seiner Heimat fliehen. Er starb 1921, also vor 100 Jahren, auf ungarischem Boden, in Sárvár.

Die Wittelsbacher hatten seit dem 14. enge Beziehungen zu Ungarn. Dank Eheschließungen zwischen Herrscherfamilien hatte das Königreich Ungarn mehrmals einen bayerischen König auf dem Thron. So herrschte Otto III., Herzog von Niederbayern, von 1305 bis 1307 als Béla V., König von Ungarn. Die als Sisi bekannte Kaiserin Elisabeth war von 1867 bis 1898 Königin von Ungarn.

Nicht nur das Haus Wittelsbach, sondern auch andere Magnatenfamilien hatten rege Beziehungen zu Ungarn. Eine emblematische Persönlichkeit ist Gisela von Bayern (* 985 auf Burg Abbach bei Regensburg; † 1060 in Passau), Tochter des bayerischen Herzogs Heinrich des Zänkers und Schwester des Kaisers Heinrich II. Sie war Gemahlin des ersten ungarischen Königs, Stephan I. Gisela erwarb große Verdienste bei der Christianisierung der Ungarn. Der Kult der Seligen Gisela ist in Ungarn fortdauernd und auch derzeit lebendig. Eine andere ungarische Heilige und Sinnbild tätiger Nächstenliebe, Elisabeth von Ungarn (1207 bis 1231) – oder Elisabeth von Thüringen, wie man sie in Deutschland kennt – war eine ungarische Prinzessin und deutsche Landgräfin. Ihr Vater war der ungarische König Andreas II., ihre Mutter war Gertrud von Andechs, Spross des bayerischen Adelshauses von Andechs- Meranien. Die Beziehungen zwischen der ungarischen und bayerischen Aristokratie gehören aber bei Weitem nicht nur der Vergangenheit an.

Die emblematische und allgemein bekannte Persönlichkeit des bayerischen Adels, Fürstin Gloria von Thurn und Taxis, hat auch ungarische Wurzeln: Ihre Mutter entstammt einer der bedeutendsten ungarischen Magnatenfamilien, den Széchenyis. Alle oben genannten bayerischen Persönlichkeiten sind entweder Teil der ungarischen Geschichte oder unter den Ungarn hoch angesehene und beliebte Persönlichkeiten. Sie sind wichtige Bestandteile der engen Beziehungen zwischen unseren Ländern, die zahlreiche Themengebiete berühren. Eine tragende Rolle nehmen die Handelsbeziehungen ein, die auf das Mittelalter zurückgehen, als ungarische Steppenochsen begehrte Artikel in Bayern waren. Die wirtschaftlichen Kontakte waren immer wechselseitiger Natur: In der Neuzeit fuhren zahlreiche bayerische Handwerker nach Ungarn, um ihre wirtschaftliche Tätigkeit dort auszuüben. 2019 betrug das Handelsvolumen zwischen Ungarn und Bayern 14,76 Mrd. Euro. Der Freistaat ist nicht nur bedeutender Handelspartner Ungarns, er gehört auch zu den wichtigsten Investoren:

So sind 53.000 ungarische Arbeitnehmer bei bayerischen Unternehmen auf ungarischem Boden beschäftigt. Die 100.000 Ungarn wiederum, die derzeit in Bayern leben, leisten als Beschäftigte einen wichtigen Beitrag zum Erfolg der bayerischen Wirtschaft. Auch im Bereich der Politik, der Kultur, des Hochschulwesens, der Bildung, der Religion und der zivilen Gesellschaft sind die Kontakte wunderbar vielfältig und rege.

 

Ich danke meinen Verhandlungspartnern aus dem Hause Wittelsbach für die gute Zusammenarbeit. Es freut mich, dass die beide Seiten zufriedenstellende Vereinbarung über die „bayerischen Schätze“ zwischen dem ungarischen Staat und dem Hause Wittelsbach den Beginn einer neuen Ära markiert. Dementsprechend rechnen wir mit einer noch engeren Kooperation´mit dem Hause Wittelsbach, das Bestandteil der ungarischen Geschichte ist, worauf wir stolz sind. Gleichzeitig danke ich auch Frau Katrin Stoll, geschäftsführende Gesellschafterin des Münchener Kunstauktionshauses NEUMEISTER, für ihr Fachwissen und ihre Hilfe, die sie im Interesse der erfolgreichen Transaktion leistete.

KÖNIGIN MARIE THERESE UND KÖNIG LUDWIG III. VON BAYERN
DIE WITTELSBACHER UND DAS SCHLOSSGUT SÁRVÁR

In Bayern ist der Name Sárvár in der Erinnerung mit König Ludwig III. verbunden, weil er dort am 18. Oktober 1921 fern der bayerischen Heimat verstarb. Der Münchener Erzbischof Michael Kardinal von Faulhaber (1869– 1952) hat diesen Todesfall in seiner Leichenpredigt überhöht und den toten König in die Nähe des im Exil in Salerno verstorbenen Papstes des Investiturstreits Gregor VII. gerückt: „Ich habe die Gerechtigkeit geliebt und das Unrecht gehaßt; darum sterbe ich in der Verbannung. Papst Gregor hat diese Worte gesprochen, als er fern von seiner Residenz, im fernen Salerno, das Zeitliche segnete. König Ludwig III. von Bayern konnte in seiner letzten Stunde, am 18. Oktober 1921, im fernen Sárvár in Ungarn jenes Papstwort wiederholen: „Ich habe die Gerechtigkeit geliebt und das Unrecht gehaßt; darum sterbe ich in der Verbannung.“ Sárvár wurde damit zum Ort des vermeintlichen Exils des bayerischen Königs stilisiert. Das Schlossgut, das er im Herbst 1921 zu seinem letzten Jagdaufenthalt besucht hatte, war aber nur sehr kurz Eigentum Ludwigs III., es gehörte zum Erbbesitz seiner Ehefrau.

KÖNIGIN MARIE THERESE VON BAYERN (1849–1919)

Erzherzogin Marie Therese von Österreich-Este, die spätere Königin von Bayern, Aufnahme aus der Brautzeit, ca. 1868

 

Erzherzogin Marie Therese Henriette Dorothea von Österreich-Este wurde am 2. Juli 1849 in Brünn geboren. Ihre Eltern waren Erzherzog Ferdinand Karl Viktor von Österreich-Este (1821–1849), Prinz von Modena, der noch in ihrem Geburtsjahr an Typhus sterben sollte, und Erzherzogin Elisabeth Franziska Maria (1831–1903) aus der ungarischen Linie des Erzhauses. 1803 war das italienische Haus Este im Mannesstamm mit Ercole III. Rinaldo (1727–1803) ausgestorben, über die Ehe Erzherzog Ferdinand Karls (1754– 1806) mit der Erbtochter Maria Beatrix von Este-Modena (1750–1829) lebte das Geschlecht in weiblicher Linie fort. Die Urenkelin aus dieser Verbindung, Marie Therese, wurde nach dem Tode ihres Onkels, des letzten regierenden Herzogs von Modena, Erzherzog Franz V. von Österreich-Este (1819–1875), der 1859 seinen Thron verloren hatte, zur Erbin des Hauses Este. Durch die Adoption des nachmaligen österreichisch-ungarischen Erzherzog-Thronfolgers Franz Ferdinand (1863–1914) durch Franz V. wurde sie allerdings weitgehend enterbt, sonst wäre das reiche Estensische Familienvermögen ihr zugefallen. Für sie blieben als Erbteil im wesentlichen nur die Güter Eiwanowitz bei Brünn in Mähren und Sárvár in Ungarn. Deshalb hatte Marie Therese auch die ungarische Staatsbürgerschaft, an der sie nach ihrer Vermählung festhielt. Nach dem Tode von Franz’ V. Witwe Adelgunde (1823–1914) im Jahr 1914 übernahm sie noch das Schloss Wildenwart im Chiemgau, in dem die Herzogin, eine Tochter König Ludwigs I., das Wohnrecht gehabt hatte.

Erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts förderten genealogische Forschungen zutage, daß Erzherzogin Marie Therese über die Häuser Orléans, Savoyen und Este von Henriette Anne d’Angleterre (1644–1670), der Tochter König Karls I. von England und Schottland (1600–1649), abstammte. Dadurch wurde sie zur legitimistischen Erbin des Hauses Stuart, das im Mannesstamm 1807 erloschen war. Durch die sogenannte Glorreiche Revolution 1688/89 war die Herrschaft über England und Schottland an das protestantische Königspaar Maria II. (1662–1694) und Wilhelm III. von Oranien (1650–1702) und ab 1714 an das Haus Hannover übergegangen. Die Stuart-Anhänger erkannten dies nicht an, doch waren letzte Chancen auf eine Stuart-Restauration mit der Niederlage von Culloden 1746 gescheitert. Jakobitische Kreise Großbritanniens verehrten in Marie Therese von Bayern trotzdem die legitime Königin von England und Schottland. Da sich aber bereits der letzte männliche Angehörige des Hauses Stuart, Kardinal Heinrich Stuart (1725– 1807), Bischof von Frascati, – seinem legitimistischen Anspruch nach König Heinrich IX. von England, Schottland und Irland – mit König George III. von Großbritannien (1760–1820) weitgehend ausgesöhnt hatte, kam dem keine praktische Bedeutung mehr zu. Ihr ältester Sohn und Erbe des Anspruchs, Kronprinz Rupprecht von Bayern (1869–1955), betrachtete die Stuart-Erbfolge nur als historische Reminiszenz ohne praktische Bedeutung.

 

 

Bei den Trauerfeierlichkeiten für eine gemeinsame Verwandte lernte Erzherzogin Marie Therese 1867 in Wien den wenig älteren bayerischen Prinzen Ludwig kennen. Gegen den anfänglichen Widerstand ihres Vormunds Herzog Franz V., der ja selbst mit einer bayerischen Prinzessin verheiratet war, konnte die junge Erzherzogin die Verlobung mit Prinz Ludwig durchsetzen. Die Hochzeit fand am 20. Februar 1868 in Wien statt, das junge Paar bezog dann seine Wohnung im Wittelsbacher Palais in München. Das Familienleben des Prinzenpaares wurde von christlichen Grundsätzen bestimmt, doch war Ludwig ein Patriarch, der die unbedingte Autorität im Hause forderte. Marie Therese schenkte 13 Kindern das Leben: Prinz Rupprecht war der Älteste, die Prinzessinnen und Prinzen Adelgunde, Maria, Karl, Franz, Mathilde, Wolfgang, Hildegard, Notburga, Wiltrud, Helmtrudis, Dietlinde und Gundelinde folgten.

Prinzessin Marie Therese übernahm bereits lange vor ihrer Thronbesteigung manche Aufgaben einer Königin. Seit 1873, als König Ludwig II. von Bayern (1845–1886) sie zur Großmeisterin des Theresien-Ordens und damit zur Ersten Dame des Hofes, unter Wahrung des Ehrenvorrangs seiner Mutter, gemacht hatte, zeichnete sich immer deutlicher sein Verzicht auf Heiratspläne ab. Auch die Geisteskrankheit seines Bruders Prinz Otto (1848–1916) stand vor dem Durchbruch. Damit war die mögliche Erbfolge für Prinz Ludwig und seine Linie in den Bereich des Wahrscheinlichen gerückt. Seit 1890 war Marie Therese Protektorin des Bayerischen Frauenvereins vom Roten Kreuz. Die 1899 gegründete Maria Theresia-Realschule in der Münchener Au und die Städtische Töchterschule in Augsburg wurden nach ihr benannt.

Die in großen Verhältnissen aufgewachsene Erzherzogin Marie Therese war persönlich anspruchslos, obwohl sie ein vergleichsweise großes Vermögen in die Ehe eingebracht hatte. Ihr Leben war von ihrem tiefen katholischen Glauben geprägt, den sie auch an ihre Kinder weitergab. Neben ihrer umfangreichen Familie widmete sie sich besonders der Botanik. Sie verfasste Artikel für die „Zeitschrift der bayerischen botanischen Gesellschaft“ sowie das „Gartenmagazin“ und fertigte die Abbildungen selbst an. Ihren gärtnerischen Neigungen frönte sie, indem sie einen Blumengarten beim Wittelsbacher Palais in München sowie ein Alpinum in Leutstetten anlegte. Auch bei ihren Klettertouren in den Alpen beschäftigte sie sich mit der Vegetation. Ihr Sohn Rupprecht brachte ihr von seinen Reisen Pflanzen mit. Blumen bildeten ein bevorzugtes Motiv ihrer Malertätigkeit. Das Protektorat über den Münchener Künstlerinnen-Verein entsprach damit ihren Interessen. Außerdem interessierte sie sich für Zoologie und unterhielt einen Geflügelhof. Sie hatte eine gute musikalische Ausbildung erfahren und hatte eine Vorliebe für Hausmusik, für Klavierspiel und für Gesang.

Marie Therese war die erste katholische Königin Bayerns und tief in ihrem Glauben verankert, der ihr Leben prägte. Im Ersten Weltkrieg intensivierte sie ihr sozial-caritatives Wirken. Sie kümmerte sich mit dem Innenminister um die Versorgung von Kriegsversehrten, engagierte sich für den Neubau der Frauenklinik und die Einrichtung einer Hebammenschule in München. Rastlos besuchte sie Lazarette in ganz Bayern, wobei sie von ihren Töchtern unterstützt wurde. In den Nibelungensälen der Residenz richtete sie eine „Kriegsnähstube“ ein. Dazu versammelte sie Damen, um Wäsche und Verbandsmaterial für die Soldaten im Feld zu fertigen, aber auch, um „Liebesgaben“ zu organisieren. Sie betrachtete ihren persönlichen Einsatz wie den ihrer Töchter in der Verwundetenpflege und Fürsorge als Vorbild für die bayerischen Frauen.

Mitten im Krieg setzte Papst Benedikt XV. (1914–1922) auf Bitten des Königspaares 1916 das Fest Patrona Bavariae ein. Nach 50 Ehejahren begingen Marie Therese und Ludwig III. ihre Goldene Hochzeit in der Not des letzten Kriegsjahres, am 20. Februar 1918. Zu dieser Feier kamen Kaiser Karl von Österreich (1887–1922) und der Deutsche Kaiser Wilhelm II. (1859–1941) nach München. Aus diesem Anlass spendeten König Ludwig III. und seine Ehefrau fast zehn Millionen Mark für soziale Zwecke und richteten verschiedene Stiftungen ein.

Die Revolution vertrieb das Königspaar im November 1918 aus München. Die Strapazen der unvorbereiteten Reise nach Wildenwart, Hintersee, Anif bei Salzburg und zurück nach Wildenwart hatten den schwachen Gesundheitszustand der Königin weiter verschlechtert. Königin Marie Therese von Bayern, die seit längerem an einer inoperablen Geschwulst im Bauch litt, erlag am 3. Februar 1919 dieser Krankheit. Zunächst wurde ihr Leichnam provisorisch in der Schlosskapelle Wildenwart beigesetzt.

KÖNIG LUDWIG III. VON BAYERN (1845–1921)

Jugendbild des späteren Königs Ludwig III. von Bayern, Bild des Hofphotographen Joseph Albert, ca. 1868

Prinz Ludwig Leopold Joseph Maria Aloys Alfred von Bayern wurde am 7. Januar 1845 – und damit acht Monate vor seinem Cousin, dem späteren König Ludwig II. – in München geboren. Seine Eltern waren der drittgeborene Sohn König Ludwigs I. Prinz Luitpold von Bayern (1821–1912) und Erzherzogin Auguste Ferdinande von Österreich-Toskana (1825–1864). Der junge Prinz absolvierte die für einen Wittelsbacher seiner Generation typische Ausbildung, er studierte an der Ludwig-Maximilians-Universität in München verschiedene Fachgebiete und wurde Offizier. Dabei interessierten ihn die Wissenschaften wesentlich stärker als seine Militärlaufbahn. Prinz Ludwig konzentrierte sich auf zivile Belange, zumal er seit dem Gefecht von Helmstadt im Westen Würzburgs vom 25. Juli 1866 an den Folgen eines preußischen Steckschusses in seinem Bein litt. Trotzdem avancierte er nominell bis zum Generalobersten und Generalfeldmarschall der Bayerischen Armee. Auf dem Gebiet der Landwirtschaft und auf dem ihrer Interessenvertretung, durch Einflussnahme auf die Politik wie durch die Unterstützung des Genossenschaftswesens, konnte Prinz Ludwig Erfolge aufweisen. 1868 übernahm er die Ehrenpräsidentschaft des bayerischen landwirtschaftlichen Vereins. Auch die Gründung des Bayerischen Kanalvereins zur Förderung des Rhein-Main- Donau-Kanals entsprach seinen Interessen. 1875 konnte Prinz Ludwig das Gut Leutstetten im Würmtal südlich des Starnberger Sees erwerben. Hier baute er ein wirtschaftlich erfolgreiches Mustergut auf, dessen Hauptstütze die Milchwirtschaft war. Außerdem richtete er dort eine Pferdezucht ein.

Sicher litt Prinz Ludwig unter seinem „Kronprinzenschicksal“, das ihm bis zu seinem 68. Lebensjahr eine wirklich selbständige Stellung verwehrte. Politische Stellungnahmen konnte er allenfalls im Reichsrat abgeben, doch durfte er die Regierung seines Vaters Prinzregent Luitpold nicht kritisieren. Das wohl politisch wichtigste Ereignis der Prinzregentenära bildete die Wahlreform von 1906. Nach dem Vorbild des Reichstags wurde für alle Männer das allgemeine, gleiche, geheime und direkte Wahlrecht eingeführt, während in Preußen bis 1918 noch das Dreiklassenwahlrecht galt. Prinz Ludwig hatte sich in der Reichsrätekammer für dieses Reformgesetz ausgesprochen. Die Direktwahl der Abgeordneten sicherte die Erfolge des Bayerischen Zentrums bei den kommenden Landtagswahlen, 1912 errang es erneut die absolute Mehrheit. Prinz Ludwigs Einfluss war die Berufung des Vorsitzenden der Zentrumsfraktion im Reichstag, Georg Friedrich Freiherrn von Hertling (1843–1919), im Februar 1912 zum „Staatsminister des Königlichen Hauses und des Äußeren“ durch Prinzregent Luitpold zu verdanken. Erstmals fielen nun die Zentrumsmehrheit im Landtag und die Regierung zusammen, konnte sich das Kabinett auf das Vertrauen des Parlaments stützen. Diese Entwicklung bedeutete für Bayern einen entscheidenden Schritt auf dem Weg zu einem parlamentarischen System. Prinz Ludwig konnte seine Anschauungen aber nicht öffentlich artikulieren. Als König wollte Ludwig III. dann seine Haltung nicht mehr ändern, zumal er sich eng an die Vorgaben seiner Regierung wie des Kaisers und der Reichsleitung hielt.

Mit dem Tode des Prinzregenten Luitpold am 12. Dezember 1912 ging eine Epoche zu Ende. Das beherrschende politische Problem in Bayern bildete die lange Dauer der Regentschaft ohne einen wirklich regierenden Monarchen. Erneut stellte sich nun die Königsfrage, die tragischen Ereignisse von 1886 lagen nunmehr über ein Vierteljahrhundert zurück. Luitpold hatte zweimal die Annahme des Königstitels abgelehnt. Prinz Ludwig trat die Herrschaft über Bayern zunächst ebenfalls als Prinzregent an. Die nominelle Regierung des kranken Königs Otto in Schloss Fürstenried bildete eine reine Fiktion. Erst im November 1913 gelang es Minister Hertling, über eine Verfassungsänderung das Königsproblem zu lösen, die bei dauernder Regierungsunfähigkeit des legitimen Königs eine Beendigung der Regentschaft nach zehn Jahren vorsah. Der Thronwechsel erfolgte damit formal ohne Zustimmung des Landtags. Prinzregent Ludwig erklärte am 5. November 1913 den Thron für erledigt und nahm als Ludwig III. den Königstitel an. Ihren Höhepunkt fanden die Feierlichkeiten mit einem Pontifikalamt im Liebfrauendom und der Landeshuldigung im Thronsaal der Residenz am 13. November.

 

Prinz Ludwig galt wie sein Vater als Vertreter der katholisch, konservativ und großdeutsch geprägten Richtung, beide waren mit Habsburgerinnen verheiratet. Er exponierte sich sogar soweit, daß er sich mit Genehmigung des Königs bei den Reichstagswahlen 1871 als Kandidat aufstellen ließ, allerdings ohne der Bayerischen Patriotenpartei beizutreten. Dies kann man gleichzeitig als sein Bekenntnis für eine Volksvertretung würdigen. Später galt Ludwig als die Seele der konservativen Hofpartei, welche die Kammer der Reichsräte dominierte. Als entschiedener Vertreter des Föderalismus musste er sich aber ab 1871 auf den Boden der geltenden Reichsverfassung stellen. Sein Unmut über den zunehmenden Unitarismus in der wilhelminischen Ära brach bei den Krönungsfeierlichkeiten für Zar Nikolaus II. (1868–1918) im Juni 1896 durch, an denen er als Angehöriger der deutschen Delegation teilnahm. Bei einem Bankett der deutschen Kolonie in Moskau protestierte er scharf dagegen, die deutschen Bundesfürsten als Vasallen des Kaisers zu bezeichnen. Dies brachte ihm viel Lob in Bayern ein, doch musste er sich später bei Wilhelm II. entschuldigen.

König Ludwig III. musste am 1. August 1914 den Kriegszustand für Bayern erklären, denn auch dieses Vorrecht gehörte zu den bayerischen Reservatrechten. Die ostentativ zur Schau gestellte Reichstreue sollte die Übereinstimmung der Dynastie mit der öffentlichen Meinung demonstrieren und der Gefahr einer stärkeren Zentralisierung des Reiches nach dem Friedensschluss zuvorkommen. Gleichzeitig verlor der König den Oberbefehl über die Bayerische Armee, behielt ihn aber über die immobilen Ersatztruppen in der Heimat. Bald nach Kriegsausbruch formulierte er weitreichende territoriale Kriegsziele, die er nach dem erhofften Sieg durchsetzen wollte. Seine Hauptsorge war dabei, dass die föderalistische Reichsverfassung durch die als unvermeidbar geglaubte preußische Machterweiterung noch weiter ausgehöhlt würde. Das Denken im Königshaus blieb von der Souveränität Bayerns und dem Wunsch, an die Traditionen des 1806 untergegangenen Reiches anzuknüpfen, geprägt. Die Forderung nach der Angliederung des Elsass’ an Bayern erklärt sich aus alten wittelsbachischen Besitzungen und der Nachbarschaft zur bayerischen Pfalz.

Begrüßung des Paares Prinz und Prinzessin Ludwig in Sárvár im Mai 1905 durch den Oberstuhlrichter und Comitatshusaren

Der König besuchte im Weltkrieg häufiger seine Truppen, welche großteils von seinem Sohn Kronprinz Rupprecht und seinem Bruder Prinz Leopold (1846–1930) kommandiert wurden. Allerdings verfügte er kaum über gründlichen militärischen Sachverstand und vertraute den siegesgewissen Verlautbarungen der Obersten Heeresleitung. Die realistische Einschätzung der Kriegslage in den Briefen seines Sohnes Rupprecht schob er beiseite. Der Friedensschluss sollte für ihn eine Kompensation für die menschlichen und materiellen Opfer des Krieges darstellen.

In den Jahren der Herrschaft König Ludwigs III. gab es bereits Entwicklungslinien, die in einer Revolution münden konnten. Dabei dürfen aber die Chancen für die Umwandlung der bayerischen Monarchie von einer konstitutionellen zu einer parlamentarisch geprägten Regierungsform nicht übersehen werden. Früh wurden Forderungen nach Verfassungsänderungen hinsichtlich der Einführung des Verhältniswahlrechts und einer Reform der Kammer der Reichsräte erhoben. Der König hielt sich geradezu ängstlich an die Bestimmungen der bayerischen Verfassung und vermied jede Kompetenzüberschreitung gegen- über seiner Regierung und dem Landtag. Immerhin erreichte er „in Anerkennung

der patriotischen Haltung der gesamten Arbeiterschaft seit Ausbruch des Krieges“ ab dem Herbst 1915 eine Annäherung an die Sozialdemokratie. Ludwig III. kümmerte sich um die zunehmend prekärer werdende Ernährungslage, unterstützte die Einrichtung von Volksküchen und sorgte für die Bereitstellung verbilligter Lebensmittel für Bedürftige, Milch aus Leutstetten wurde an Säuglingsheime verteilt. Freilich konnte dies die Notlage nicht grundsätzlich lösen.

Erst Ende Oktober 1918 war die Regierung bereit, das Verhältniswahlrecht für die Abgeordnetenkammer und das Recht beider Kammern bei der Regierungsbildung mitzuwirken, zuzugestehen. Am 2. November einigten sich Regierung und Landtag auf die Einführung des Verhältnis- und Frauenwahlrechts, die Erweiterung der Reichsratskammer in berufsständischem Sinne, die Ausdehnung des Verhältniswahlrechts auf die Landrats-, Distriktsrats- und Gemeindewahlen, die Überprüfung der Standes- und Geburtsvorrechte sowie Verantwortlichkeit der Minister und Bundesratsgesandten gegenüber der Zweiten Kammer. Der König stimmte der Parlamentarisierung sofort durch Erlass vom 2. November zu und forderte den Vorsitzenden im Ministerrat Otto Ritter von Dandl (1868–1942) zur Umbildung des Ministeriums in diesem Sinne auf. Vertreter der drei großen Fraktionen einschließlich der Sozialdemokraten sollten als Minister berufen werden. Trotz vielfach richtiger Erkenntnisse bei Mitgliedern des Königlichen Hauses wurden die Verfassungsreformen erst unter dem Druck des Krieges und zu spät für eine stabilisierende Wirkung für die monarchische Staatsform durchgeführt.

Nur die Folgen der Münchener Friedenskundgebung vom 7. November 1918, der Marsch Kurt Eisners und seiner Gefolgsleute durch München mit der anschließenden Ausrufung der Republik, kamen für den König und seine Regierung überraschend. Gegen 19 Uhr hatte sich die Residenzwacheaufgelöst, der Kriegsminister war ohne zuverlässige Truppen in München. Ludwig III. erwog verschiedene Möglichkeiten, sich etwa zu vermeintlich treuen Truppen zu begeben, doch er konnte keinen Entschluss fassen. Auf den Rat der Regierung brach das Königspaar mit seinen Angehörigen in den Abendstunden des 7. Novembers nach Schloss Wildenwart im Chiemgau auf, um dort abzuwarten, bis die Ruhe in München wieder hergestellt wäre. Nichts war für eine nächtliche Fahrt vorbereitet, schließlich wurden das Königspaar, drei seiner Töchter, Erbprinz Albrecht (1905–1996) und wenige Begleiter in drei Wagen nach Wildenwart gebracht.

Erst vom 8. November an kann man die Weiterreise des Königspaares, verunsichert durch Nachrichten und Gerüchte aus München über heranziehende Revolutionäre und Soldatenräte, nach Berchtesgaden als Flucht bezeichnen. Zunächst bezog es hier das abgelegene Jagdhaus am Hintersee. Die Regierung Dandl und die Kommandierenden Generäle in Bayern überließen Eisner und seinen Gefolgsleuten ohne Widerstand das Feld. Die ohne Legitimation ausgerufene Republik konnte Bestand haben, weil sich die Beamtenschaft loyal gegenüber dem Staat Bayern unabhängig von der Staatsspitze erwies. König Ludwig III. sanktionierte die Entwicklung des fortbestehenden bayerischen Staates, indem er zwar nicht auf den Thron verzichtete, aber mit der Anifer Erklärung vom 13. November 1918 den Treueid auflöste. Danach kehrte das Königspaar am 18. November aus dem salzburgischen Anif nach Wildenwart zurück. Die nach der Ermordung Kurt Eisners am 21. Februar 1919 ausgebrochenen Unruhen bedrohten auch das Königshaus. Die Angst vor Verfolgung trieb Ludwig III. am 23. Februar ins Exil nach Tirol und weiter nach Liechtenstein und in die Schweiz. Erst im April 1920 kehrte er nach Wildenwart zurück.

Die finanzielle Lage König Ludwigs III. und seiner Familie war nach der Revolution höchst unsicher, sie konnten über kein geregeltes Einkommen mehr verfügen. Die Weiterführung der Zivilliste, deren Verwaltung das Finanzministerium übernommen hatte, wurde eingestellt. Ludwig III. waren neben Leutstetten nur der Privatbesitz seiner Frau, Schloss Wildenwart sowie die Güter Eiwanowitz und Sárvár geblieben, wobei höchst unsicher war, ob die Besitzungen in den habsburgischen Nachfolgestaaten gesichert werden konnten.

DAS SCHLOSSGUT SÁRVÁR

Schloss Nádasdy, Sárvár

Sárvár liegt an der Raab in Westungarn etwa auf halber Strecke zwischen dem Neusiedler See und dem Plattensee, im Osten der Stadt Steinamanger (Szombathely). In der Mitte des 16. Jahrhunderts wurde hier über einer älteren Anlage das später mehrfach umgebaute, kastellartige Renaissanceschloss Nádasdy errichtet, das türkischen Angriffen standgehalten hatte. Im frühen 19. Jahrhundert kam es in den Besitz der Habsburger Nebenlinie von Österreich-Este. Nach dem Tode ihres Onkels Herzog Franz V. von Modena im Jahr 1875 erbte Marie Therese von Bayern das Schlossgut. Es umfasste ca. 9.000 Hektar Land, etwa je zur Hälfte Wald und Felder, die in 17 Meierhöfen organisiert waren. Um die 1.000 Personen mit ihren Familien waren hier beschäftigt. Zum Besitz zählten zahlreiche Rinder, Schweine und 40 Pferdestuten zur Halbblutzucht.

Prinzessin Marie Therese hielt sich öfter in Sárvár auf, wie aus ihrem umfangreichen Briefwechsel mit Familienangehörigen hervorgeht. Prinz Ludwig kümmerte sich, ähnlich wie in Leutstetten, um die Bewirtschaftung des Gutes, förderte die Pferdezucht, aber auch die Milchwirtschaft. Der hier produzierte Käse wurde sogar bis in die Schweiz exportiert. Zahlreiche Photographien dokumentieren die Familienaufenthalte wie das Leben auf dem Gut. König Ludwig III. besuchte Sárvár noch im Juni 1918 im Anschluss an ein Treffen mit Kaiser Karl in Wien. Auf den nachdrücklichen Wunsch ihres Gatten hatte Königin Marie Therese schließlich ihn und nicht ihre Söhne Rupprecht und Franz als Erben ihrer Güter Eiwanowitz und Sárvár eingesetzt.

Prinzessin Wiltrud von Bayern mit Legyel auf der Koppel

Nach der Novemberrevolution in München war ein Aufenthalt in Sárvár allerdings keine Option für die königliche Familie, da im März 1919 auch in Ungarn nach sowjetrussischem Vorbild Räte die Macht übernommen hatten. Erst mit der Wiederherstellung der Ordnung durch den Reichsverweser Admiral Nikolaus von Horthy (1868–1957) waren die Eigentumsverhältnisse der Vorkriegszeit gesichert. Ende September 1921 besuchte König Ludwig III. noch einmal sein Gut, wo er mit königlichen Ehren empfangen wurde. Er inspizierte den Gutsbetrieb und ging auf die Jagd. Allerdings war seine Gesundheit seit längerem schwer angeschlagen, bei einem Besuch der bulgarischen Front gegen Kriegsende hatte er sich die Ruhr zugezogen. Am 18. Oktober 1921 starb er in Sárvár an Magenblutungen und Herzversagen, nachdem ihm der Bischof von Steinamanger Johann Graf von Mikes (1911– 1936) die Sterbesakramente gespendet hatte. Kronprinz Rupprecht traf am Vorabend des Todes ein, um wie seine Geschwister Abschied vom Vater zu nehmen. Die Überführung der Leiche des Königs aus Sárvár nach Bayern wurde durch die politische Entwicklung in Ungarn verzögert, wo gerade Kaiser und König Karl seinen zweiten Restaurationsversuch unternahm. In Folge dieser Umstände konnte der Bahntransport des Leichnams des bayerischen Königs von Ungarn nach Österreich erst am 29. Oktober beginnen. Während der Reichsverweser Horthy seinen eigenen König deportieren ließ, sandte er dem toten König von Bayern eine aus Tannenreis und Blumen gebildete Königskrone nach. Der Leichnam Ludwigs III. wurde mit einem Sonderzug über Wien und Salzburg zunächst nach Wildenwart gebracht. Gemeinsam mit dem Sarg der Königin Marie Therese wurde er am 4. November nach München überführt und am 5. November nach einem großen Trauerkondukt in der Frauenkirche beigesetzt.

Speisesaal, Schloss Nádasdy, Sárvár

Kronprinz Rupprecht und Prinz Franz erbten nun aus dem Privatbesitz ihrer Eltern die Güter Leutstetten, Eiwanowitz und Sárvár. Die Tschechoslowakei hatte Eiwanowitz zunächst unter Zwangsverwaltung gestellt und wollte es als Habsburger-Besitz enteignen. Durch eine Bodenreform – 60% waren entschädigungslos enteignet worden – und den Verkauf des Schlosses war es auf Waldbesitz beschränkt worden. Besser verlief die Entwicklung in Ungarn. Prinz Franz (1875–1957) ging nun dorthin, um persönlich die Verwaltung des Gutes in Sárvár zu übernehmen, wo er sich ab 1933 beständig aufhielt. An seiner Seite stand Prinzessin Isabella von Croy (1890–1982), die er 1912 geheiratet hatte. Ein besonderes Anliegen war ihm die Pferdezucht und die Förderung der ungarischen Halbblut-Rasse Furioso-North Star. Auch sorgte er für die Ausstattung des Schlosses mit Kunstwerken aus Familienbesitz. Kronprinz Rupprecht besuchte seinen Bruder immer wieder zu Jagdaufenthalten.

 

Wegen der unerquicklichen Stimmung in der Heimat nach der nationalsozialistischen Machtergreifung verbrachte Kronprinz Rupprecht den Jahreswechsel 1934/35 bei seinem Bruder Franz in Ungarn. Auf Anraten seiner Umgebung ging er im August 1939 wieder nach Sárvár, um bei einem befürchteten Kriegsausbruch außer Landes zu sein. Bestimmend dafür war die Überlegung, dass der Kronprinz im Falle eines verlorenen Krieges zu den wenigen Persönlichkeiten gehören würde, die den Feindmächten gegenüber eine führende und entscheidende Rolle spielen könnten, weil sie sich nicht in den Nationalsozialismus verstrickt hatten. Einen weiteren Grund bildete die wenige Tage zuvor erfolgte Aufdeckung des monarchistischen Widerstandskreises um Dr. Adolf Freiherrn von Harnier (1903–1945) durch die Gestapo. Die Gestapo versuchte, den Kronprinzen in die „Verschwörung“ des Harnier- Kreises zu verwickeln. Um den latenten Verdacht seiner Mitwirkung auszuräumen, kehrte er doch kurzfristig nach Bayern zurück, um es zum Jahresende Richtung Italien zu verlassen.

 

 

Prinz und Prinzessin Ludwig, das spätere Königspaar, mit Töchtern und ungarischen Gästen in Sárvár

Prinz Franz von Bayern bewirtschaftete weiterhin sein ungarisches Gut, unterstützt von seinen Söhnen, den Prinzen Ludwig (1913–2008), der nach seiner Entlassung aus der Wehrmacht wegen „politischer Unzuverlässigkeit“ gekommen war, und Rasso (1926–2011). Vor dem drohenden Einmarsch der Roten Armee 1945 flüchtete Prinz Franz mit seiner Familie nach Bayern, wo sie in Leutstetten unterkamen. Prinz Ludwig schlug sich im März von Sárvár aus mit ungarischem Gutspersonal auf Pferdefuhrwerken und mit Zuchtvieh in einem dreiwöchigen Treck ebenfalls nach Leutstetten durch. Zuvor waren noch einige Wertgegenstände, Silber und Gemälde eingemauert worden. Eine Sprengung des Schlosses durch die Waffen-SS konnte nach Aussage von Prinz Rasso verhindert werden, es wurde aber von den Sowjets enteignet. In Leutstetten entstand nun eine kleine ungarische Exilkolonie, die Pferdezucht wurde durch Prinz Ludwig von Bayern erfolgreich fortgesetzt.

Im Leutstettener Pferd leben die Sárvárer Pferde weiter. Die andauernde Verbindung der Wittelsbacher mit Ungarn äußerte sich besonders in der Unterstützung für die ungarischen Flüchtlinge 1956 und für das Europäisch- Ungarische Gymnasium in Kloster Kastl (1958–2006).

 

Im Geschichtsdenken in Ungarn sind die Wittelsbacher nicht nur in Kaiserin und Königin Elisabeth von Österreich-Ungarn (1837–1898), einer geborenen Herzogin in Bayern, präsent, sondern die Erinnerungskultur reicht weit in die Vergangenheit zurück. Der erste christliche König Ungarns Stephan der Heilige (969–1038) heiratete um 996 die bayerische Prinzessin Gisela (984/85–1060), die als Selige verehrt wird. Als Ort seiner Taufe und der Eheschließung gilt in der lokalen Tradition Scheyern, wo das wichtigste Hauskloster der Wittelsbacher Dynastie gestiftet und Königin Gisela in die Frühgeschichte der Familie, der Grafen von Scheyern, einbezogen wurde. Somit umspannen die bayerisch-wittelsbachisch-ungarischen Beziehungen über ein Jahrtausend.

 

 

Gutsbesichtigung in Sárvár

Literaturhinweise

  • BECKENBAUER, ALFONS, Ludwig III. von Bayern 1845–1921. Ein König auf der Suche nach seinem Volke, Regensburg 1987.
  • GLASER, HUBERT, Ludwig III. König von Bayern. Skizzen aus seiner Lebensgeschichte, in: Ludwig III. König von Bayern. Ausstellungskatalog zum 150. Geburtstag in Wildenwart, hg. v. Max Oppel, Prien am Chiemsee 1995, S. 11–58.
  • KRAUSS-MEYL, SYLVIA, Porträt der bayerischen Königin Marie Therese. Verfasst von ihrer Tochter Gundelinde, in: Wittelsbacher-Studien. Festgabe für Herzog Franz von Bayern zum 80. Geburtstag, hg. v. Alois Schmid und Hermann Rumschöttel (Schriftenreihe zur bayerischen Landesgeschichte 166), München 2013, S. 929–950.
  • LEUTHEUSSER, ULRIKE UND HERMANN RUMSCHÖTTEL (HG.), König Ludwig III. und das Ende der Monarchie in Bayern (edition monacensia), München 2014.
  • MÄRZ, STEFAN, Das Haus Wittelsbach im Ersten Weltkrieg. Chance und Zusammenbruch monarchischer Herrschaft, Regensburg 2013.
  • SCHAD, MARTHA, Bayerns Königinnen, Regensburg, 4. Au???? age 2006.
  • WEISS, DIETER J., Kronprinz Rupprecht von Bayern (1869–1955). Eine politische Biografie Regensburg 2007

PFERDEZUCHT - DAS GESTÜT SÁRVÁR
ROBUST UND AUSDAUERND

 

Pferde waren auf dem Schlossgut allgegenwärtig. Nóniusz, Araber und Englische Vollblüter bildeten im Gestüt Sárvar die Zuchtbasis für die „Sárvárer“ („Leutstettener“). Diese zeichnen sich als besonders robuste und ausdauernde Pferde aus.

1875 ging das Gestüt Sárvár in den Besitz der späteren bayerischen Königin Marie Therese über. Der Eigentümerwechsel brachte Veränderungen im Zuchtbetrieb mit sich: Fortan finden sich nur noch Englische Vollblüter und ungarische Halbblüter der Rasse Furioso-North Star unter den Deckhengsten der Sárvárer Stutenherde. Die Sárvárer Pferde werden in Ungarn als eine Linie innerhalb der Rasse Furioso-North Star geführt. Im Frühjahr 1945 evakuierte Prinz Ludwig von Bayern eine Mutterstutenherde nach Bayern und brachte sie auf seinem Besitz in Leutstetten unter. 1980 wurden wiederum 50 Pferde (Mutterstuten und zwei Hengste) in das Gestüt Pusztaberény bei Balatonfenyves nach Ungarn zurückgeführt.

Diese den usrsprünglichen Furioso-Typ verkörpernden Nachkommen der Sárvárer Pferde sollten die dortige Furioso-Zucht unterstützen. Auf dem zur Versteigerung kommenden Gemälde aus dem Jahr 1924 ist die Stute Lám mit ihrem Hengstfohlen dargestellt. Sie stammte – laut rückseitiger Bezeichnung – vom Hengst Nóniusz VIII. ab und wurde vom Hengst Furioso XXXI gedeckt.

Nach oben

SCHLOSSGESCHICHTEN

BLUTGRÄFINNEN UND SCHWARZE RITTER

SCHLOSS SÁRVÁR ERLEBTE IM VERLAUF DER JAHRHUNDERTE STÜRME, BELAGERUNGEN, UMBAUTEN UND VERÄNDERUNGEN. EINE CHRONIK.

Sárvár wird in römischen Quellen als Siedlung erwähnt. Der Name (Sár= Schlamm/Lehm und vár=Burg) leitet sich möglicherweise von einer Lehmburg ab, die Árpáden einige hundert Meter von der heutigen Anlage entfernt errichteten.

Mit dem Bau der heutigen Burg wird begonnen. Erste urkundliche Erwähnung 1288.

Eine Belagerung durch die Türken wird erfolglos abgebrochen. Niemals konnte die Burg von Feinden eingenommen werden.

Das Wasserschloss wird im Renaissancestil erbaut, später barock umgestaltet. Berühmte Burgherren sind Tamás III. Nádasdy (1498–1562), einer der bedeutendsten ungarischen Humanisten seiner Zeit, und Ferenc II. Nádasdy (1555 – 1604), der aufgrund seines grausamen Umgangs mit Feinden den Beinamen „Der Schwarze Ritter“ trug. Sagenumwoben ist auch dessen Gattin: Die „Blutgräffin“ soll junge Mädchen auf die Burg gelockt und getötet haben. 1611 wurde sie als Serienmörderin verurteilt und in ein Verlies eingemauert.

Ferenc III. Nádasdy (1622 – 71) lässt das Schloss bis 1650 im Stil des Frühbarocks umbauen. 1671 wird es von den Habsburgern konfisziert. Später erwirbt Ádám Szily das Anwesen. In dieser Zeit wird auch der Festsaal ausgestaltet.

Erzherzog Ferdinand Karl von Österreich-Este (1754 – 1806) und sein Sohn Franz IV. von Modena (1779 – 1846) erwerben das Schloss und führen umfangreiche Umbauarbeiten durch, auch der Wassergraben wird trockengelegt.

Marie Therese von Bayern erbt das Schloss, das bis 1945 im Besitz der Wittelsbacher bleiben wird. König Ludwig III. und Marie Therese renovieren den Besitz und bauen ihn zu einem land- und forstwirtschaftlichen Musterbetrieb aus.

Die Revolution vertreibt das Königspaar aus München. Es folgen Aufenthalte an wechselnden Exilorten. An Besitztümern ist Ludwig III. neben Leutstetten nur der Privatbesitz seiner Frau, Schloss Wildenwart im Chiemgau sowie die Güter Eiwanowitz und Sárvár geblieben. Prinz Franz übernimmt persönlich die Verwaltung des Gutes in Sárvár und kümmert sich insbesondere um die Pferdezucht. Ab 1933 hält er sich mit seiner Familie beständig in Schloss Sárvár auf, das er auch mit Kunstwerken aus Familienbesitz ausstattet.

Königin Marie Therese von Bayern stirbt am 3. Februar.

Ludwig III. (1845 – 1921), der letzte bayerische König, stirbt am 18. Oktober in Sárvár. Kronprinz Rupprecht und Prinz Franz erben die Güter Leutstetten, Eiwanowitz und Sárvár aus dem Privatbesitz ihrer Eltern.

Die Familie zieht unter abenteuerlichen Umständen vor der Roten Armee. Vorher werden hochwertige Kunstgegenstände im Schloss eingemauert. Schloss Sárvár wird verstaatlicht.

Nach der Eröffnung des Ferenc Nádasdy-Museums werden die eingemauerten Truhen gefunden und das Geheimnis der Objekte gelüftet. Einige der wertvollen Kunstgegenstände sowie Alltags- und Dekorationsgegenstände der bayerischen Königsfamilie werden seitdem bei Ausstellungen im Museum präsentiert.

Bei der Ölsuche stößt man bei Probebohrungen auf Thermalwasser. Sárvár wird Kurort.

… präsentiert sich Sárvár als lebendige westungarische Kleinstadt. Größte Touristenattraktion ist Schloss Nádasdy, das als Kulturzentrum genutzt wird. Das Schlossmuseum zeigt Kunstwerke und Alltagsgegenstände aus mehreren Jahrhunderten, darunter kostbare Möbel, Gläser, Bestecke, Porzellan – und einen Bierkrug des Zaren Nikolaus II. Sehenswert ist auch die Husaren-Ausstellung mit Waffen, Rüstungen und Uniformen.

 

SCHLOSS NÁDASDY IN SÁRVÁR WAR EIN GESELLIGER ORT. WITTELSBACHER UND HABSBURGER VERWANDTSCHAFT HIELT SICH HIER GERNE AUF, TEILS LÄNGER, TEILS FÜR EINEN KURZBESUCH.

 

IN FORM VON GEMÄLDEN PRÄSENT WAREN AUCH DIE FÜRSTLICHEN VORFAHREN. MEISTERHAFT IN SZENE GESETZT VOR ALLEM VON JOSEPH STIELER, DER MITGLIEDER DER BAYERISCHEN KÖNIGSFAMILIE HÄUFIG PORTRÄTIERTE. EINIGE DER SCHÖNSTEN UND BEDEUTENDSTEN WERKE WERDEN NUN IM HAUSE NEUMEISTER PRÄSENTIERT.

VIER STIELER PORTRÄTS IN DER AUKTION

Dr. Rainer Schuster über die vier Stieler-Porträts

 

KÖNIGIN KAROLINE FRIEDERIKE VON BAYERN. 1823

Joseph Stieler
1781 Mainz - 1858 München

(1776 Karlsruhe - 1841 München). Hüftbild nach rechts, den Kopf zum Betrachter gewandt. In reich besticktem Kleid mit kunstvoller Halskrause, pelzverbrämtem Mantel und mit federgeschmücktem Hut. L. u. signiert und 1823 datiert. Öl auf Lwd. 72 x 59 cm. Rest. Rahmen.

Gegenstück zu Kat.-Nr. 63.

Provenienz: Aus dem Königlichen Haus. - 1924 nach Sárvár verbracht.
Gutachten Dr. Ulrike von Hase-Schmundt, München, Dezember 2020.

WEITERE DETAILS ZU LOS 64

 

KÖNIG MAXIMILIAN I.
JOSEPH VON BAYERN. 1823

Joseph Stieler
1781 Mainz - 1858 München

(1756 Mannheim - 1825 München). Brustbild nach links. In schwarzem Rock und weißer Weste, auf der Brust die goldene Ordensspange mit den Ordenskleinodien in Miniatur. Öl auf Lwd. 73 x 60,5 cm. Doubliert. Rest. Rahmen.

Gegenstück zu Kat.-Nr. 64.

Gutachten Dr. Ulrike von Hase-Schmundt, München, Dezember 2020.
Provenienz: Aus dem Königlichen Haus. - 1924 nach Sárvár verbracht.

WEITERE DETAILS ZU LOS 63

JOSEPH STIELER. EIN VERLÄSSLICHER FREUND DER KÖNIGSFAMILIE

Der königlich-bayerische Hofmaler Joseph Stieler (1781–1858) hat wohl am häufigsten Mitglieder der bayerischen Königsfamilie aus dem Hause Wittelsbach porträtiert. Freilich, es war sein Job als Hofmaler dies zu tun.

Doch die Beziehung zur königlichen und auch zur herzoglichen Familie ging weit über das hinaus, was eine reine Stellenbeschreibung vorschrieb. Halb Europa war verrückt nach dem begnadeten Maler aus Mainz. Die Adeligen und Wohlhabenden, die Reichen und Schönen, kurzum die beste Gesellschaft von Warschau bis Paris, aus Frankfurt, Mailand oder Wien riss sich darum, von ihm auf Leinwand verewigt zu werden. Seine Gemälde von Johann Wolfgang von Goethe, Alexander von Humboldt und Ludwig van Beethoven sind in das kollektive Gedächtnis der Deutschen eingegangen.

Stieler hatte, passend zur Wiener Weltausstellung im Frühjahr 1820, den Komponisten, einen Superstar seiner Zeit, porträtiert. König Max I. Joseph von Bayern ernannte ihn daraufhin zu seinem königlich-bayerischen Hofmaler und holte ihn ganz nach München. Gekannt hatte man sich schon länger.

AM ANFANG STAND BEHÖRDENWILLKÜR

Ärger mit den italienischen Zollbehörden steht am Anfang der Beziehung Stielers zum Wittelsbacher Haus. 1809 macht sich der junge Maler auf den Weg nach Italien. Er führt zu Anschauungszwecken, heute würde man sagen zur Eigen-PR, sein in Warschau gemaltes Selbstporträt siehe oben und wahrscheinlich auch das Bildnis der Tochter von Franz und Antonie von Brentano, Ludovika, mit im Gepäck. Mit dem Selbstporträt soll der Kunde erkennen, wie wirklichkeitsnah und ästhetisch ansprechend er seine Kunst zu gestalten vermag. Stieler präsentiert sich selbst und gibt damit eine Kaufempfehlung.

Offenbar zeigt dieses Vorgehen profitable Wirkung, denn als ihm an der Grenze zu Italien die Gemälde vom Zoll abgenommen werden, setzt er alle Hebel in Bewegung, sie zurückzubekommen. Er selbst notiert: „Der Zufall wollte es, dass der Vorfall am dortigen Hofe (...) Prinz Eugen bekannt wurde und man verlangte das confiszente Gemälde zu sehen. Die Vizekönigin fand dann so großes Wohlgefallen, das sie mich engagierte um die ganze Familie zu malen.“1 Stielers großer Glückskontakt für seine Zukunft! Der italienische Vizekönig Eugène de Beauharnais, ein Adoptivsohn von Napoleon Bonaparte, ist mit der bayerischen Königstochter Prinzessin Auguste Amalie verheiratet, einer Tochter von König Max I. Joseph von Bayern und Stieftochter von Königin Caroline von Bayern. Die Porträts des Königspaares, die nun im Hause NEUMEISTER präsentiert werden, stammen aus den Jahren, als Stieler bereits ordentlich bestallter Hofmaler in München ist.

HERZENSBILDER FÜR DIE FAMILIE
König Max I. Joseph an seinem Schreibtisch sitzend

Auguste Amalie lässt Bildnisse ihrer Kinder von Stieler anfertigen und schickt sie nach München. Die königlichen Großeltern platzen vor Stolz und Glück – und sind begeistert vom Porträtisten. Aber es wird noch drei Jahre dauern, ehe die künstlerisch anspruchsvollen Wittelsbacher ihn an den Münchner Hof rufen. Die Beauharnais selbst geben bei Stieler in den folgenden Jahren weitere Porträts ihrer Familienmitglieder in Auftrag. Diese kostbare Gemäldesammlung erbt Sohn Maximilian von Leuchtenberg, der sie kurz vor seinem Tod 1852 aus München nach Sankt Petersburg transferieren lässt.

König Max I. Joseph erteilt Stieler zwischen 1812 und 1816 diverse Aufträge, die bayerischen Prinzen und Prinzessinnen zu malen. In diesem Zeitraum entsteht das Bild, das König Max I. Joseph, an seinem Schreibtisch sitzend zeigt. Es ist ein Bildnis, das mit politischer Aussage wirkt, denn der König ist nicht wie sonst üblich als Monarch im prunkenden Ornat mit den Insignien der Macht zu sehen, sondern in zivil, im Habitus eines Bürgers. Für damalige Verhältnisse sehr ungewöhnlich. Ein Bürgerkönig! Immerhin, heute fast vergessen, war Bayern das erste Land, das sich eine Verfassung durch den Willen des Königs gab.

Königin Caroline wählt bezeichnenderweise dieses „private“ Porträt für ihr Schlafzimmer. Als sie Schloss Tegernsee nach dem Tod von Max I. Joseph 1825 zu ihrem Witwensitz wählt, nimmt sie es dorthin mit. Und so hängt dieses berühmte Gemälde heute im Bankettsaal des Tegernseer Schlosses. Genau wie noch einige andere Familienbildnisse aus Stielers Hand, „die bis heute die herzogliche Familie erfreuen“. Das äußerte S.K.H. Herzog Max in Bayern im Gespräch: „Ich halte international das Goethe-Bildnis in der Neuen Pinakothek für sein bekanntestes Gemälde. Und bei uns ist er in der Familie natürlich außerordentlich wichtig. (...) Das Verlobungsbildnis von Herzog Max mit der bayerischen Prinzessin Ludovika, das hier in Tegernsee hängt, ist mein Lieblingsbild. Dieses Bild finde ich ein wunderbares Bild.“2

DIE KÖNIGIN – EIN FAMILIENMENSCH

Aus heutiger Sicht kann man wohl annehmen, dass es zunächst die Frauen der Wittelsbacher Königsfamilie sind, die Stielers Arbeit besonders schätzen. Sie wünschen Konterfeis ihrer Kinder und Enkelkinder. Das private Leben hat in der Familie des Regenten üblicherweise hinter dem öffentlichen Leben zurückzustehen, doch Königin Caroline bricht mit dieser Regel. Sie lässt „private“ Bilder im öffentlichen Raum aufstellen. So gibt sie beispielsweise zwei Porträts von ihren sechs Töchtern bei Stieler in Auftrag. Je ein Zwillingspärchen und eine jüngere Schwester sind darauf zu sehen. Diese Bilder werden an prominenter Stelle rechts und links ihres Thrones platziert.3

Im Herbst 1814 reist Königin Caroline mit ihrem Mann und Kronprinz Ludwig zum Wiener Kongress. Familie Beauharnais ist nach Napoleons Sturz aus Italien nach München geflohen, von nun an heißen sie von Leuchtenberg. Offenbar sind die Kinder der Familien in gutem Kontakt. Die Prinzessinnen schreiben fast täglich nach Wien, sie vermissen die Mutter unsäglich. Der Briefwechsel zwischen der Königin und ihren Töchtern zeigt, dass die Arbeit Stielers genau beobachtet wird. So haben die Mädchen Donnerstag nachmittags keinen Unterricht. Dann unternehmen sie mit ihrem Lehrer schon mal einen Ausflug ins Stieler’sche Atelier, das in der Münchner Residenz liegt. Prinzessin Elise, die spätere Königin von Preußen, schreibt, dass sie dort ein Bild der Leuchtenberg-Kinder entstehen sahen. Und merkt an, dass sie schöner seien als in natura …

Ludwig van Beethoven

Nach seiner Rückkehr aus Wien schickt König Max I. Joseph den Maler 1816 an den Habsburger Hof, um dort auch die kaiserliche Verwandtschaft ins Bild zu setzen. Dass Stieler die Zeit in Wien gut nutzt und auch andere Prominenz malt, zeigt nicht zuletzt das berühmte Porträt von Ludwig van Beethoven. Nach diesem Erfolg wird er Ende 1820 zum königlich bayerischen Hofmaler ernannt und nach München zurückgerufen.

AUFRICHTIG VERBUNDEN

Ein Schicksalsschlag in der bayerischen Königsfamilie verbindet Maler und Regent noch enger. Die jüngste Prinzessin, Caroline, in der Familie nur „Ni“ genannt, stirbt 1821 mit nur elf Jahren. Es ist ein furchtbarer Verlust, den Königin Caroline und Max I. Joseph kaum bewältigen. Auguste Amalie von Leuchtenberg notiert in ihrem Tagebuch wie schwer der Vater von dieser Tragödie gebeutelt wird. Königin Caroline sei in Minuten gealtert und nicht mehr zu erkennen gewesen. Als sie, Auguste Amalie, ans Totenbett eilte, „stürzte sie sich in meine Arme und wir weinten sehr“ 4.

Stieler, der königliche Hofmaler, schafft Trostbildnisse für die Königin. Er wird, bei aller hierarchischer Distanz, offenbar zu einem Vertrauten für sie. Stieler ist es auch, der Max I. Joseph am Sterbebett zeichnet. Die beiden Bilder finden Eingang in das sogenannte Totenkabinett der Königin-Witwe, ein Raum mit Gemälden verstorbener Familienmitglieder, den sie in Schloss Tegernsee einrichtet, als sie dieses zu ihrem sommerlichen Witwensitz wählt. Die Königsfamilie hatte 1817 das ehemalige Benediktinerkloster als ihre Sommerresidenz erworben. Noch zu Lebzeiten von Max I. Joseph reist die weitläufige Verwandtschaft an, höchster europäischer Adel, wie der Zar von Russland oder der Kaiser von Österreich. Sie kuren in Bad Kreuth oder verbringen die Sommerfrische im Schloss. Später werden Kinder und Enkel die Königinwitwe hier häufig besuchen. Prinzessin Ludovika, die spätere Mutter der Kaiserin Elisabeth von Österreich, der bis heute allgegenwärtigen Sisi, heiratet in der Tegernseer Kirche ihren Cousin Herzog Max. Das Verlobungsbild malt Stieler.

Dieser zählt auch schon in den frühen Tagen zu den Gästen auf Schloss Tegernsee.5 1829 verfügt König Ludwig I.: „Baue er sich hier ein Sommerhaus.“ Das Stieler-Haus steht bis heute auf der Tegernseer Point. Die Zusammenarbeit des Königshauses mit dem Hofmaler überdauert Jahrzehnte und hält über Generationen.

EINE KÖNIGLICHE FREUNDSCHAFT

Ist Stieler unter König Max I. Joseph im Auftrag für Familienporträts unterwegs, wird er unter König Ludwig I. zum Maler der königlichen Vision: Er soll eine „Schönheitengalerie“ schaffen.

Es ist ein Vertrauensbeweis in harmonischer Übereinstimmung ihrer beider Kunstauffassung. Als Kronprinz unternimmt Ludwig ähnliche klassische Kunststudienreisen – vor allem nach Italien – wie Stieler. Ludwig I. wird sogar höchstpersönlich zum Dichterfürsten Johann Wolfgang von Goethe nach Weimar reisen, um ihn dafür zu gewinnen, seinem Hofmaler Modell zu sitzen.

Für sein Projekt „Schönheitengalerie“ braucht er die Loyalität des Malers. Ludwig I. hätte es mit unterschiedlichen Künstlern umsetzen können, hätte sich mittendrin auch dagegen entscheiden können, denn das Unternehmen ist damals ohne Frage auch ein Wagnis. Nur der König hatte die Autorität, solch eine Galerie mit Frauenbildnissen über alle Hierarchien und Stände hinweg zu erschaffen. Torpediert wird das königliche Vorhaben durch Moralisten von Beginn an. Gerüchte und Klatsch ob der vermeintlich königlichen „Liebchen“ gibt es in vielerlei Varianten, doch von Stieler ist dazu keinerlei Bemerkung erhalten. Nur beim größten Skandal, den um die Tänzerin Lola Montez, der Ludwig I. letztlich den Thron kostet, scheint Stieler sich seinem König zu widersetzen. Ludwig I. muss ihn 1846 mehrmals darum ersuchen, Lola zu porträtieren. Zeitgleich erteilte er auch Wilhelm von Kaulbach dazu einen Auftrag. Dieser persifliert sie in „Lolas Staatsporträt“.6 Stieler stellt sie schließlich im Kostüm einer spanischen Tänzerin dar. Doch König Ludwig I. echauffiert sich auch über dieses Motiv und lässt sie in schwarzem Samtkleid erneut malen. Auch von dem Ergebnis dieser Arbeit Stielers ist der König nicht begeistert. So soll er seinem Hofmaler an den Kopf geworfen haben: „Stieler, Ihr Pinsel wird alt!“ Stielers angebliche Retourkutsche: „Für einen alten Pinsel aber schön genug.“6

PRINZ CARL ÜBERNIMMT DIE FAMILIENTRADITION

Sisi´s Geschwister

In all den Jahren der Zusammenarbeit Stielers mit Ludwig I. werden freilich auch weiterhin Familienmitglieder porträtiert. Zur Doppelhochzeit von Prinzessin Hildegard mit Albrecht Erzherzog von Österreich-Teschen und ihrem Bruder, dem späteren Prinzregenten Luitpold, und seiner Auguste, einer Erzherzogin von Österreich-Toskana, entsteht das Brautbildnis, das nun im Hause NEUMEISTER präsentiert wird. Das andere Brautbild, das von Adelgunde, wird noch mit dem Segen von Königin Caroline bestellt. Die Königin verstirbt 1841, hat aber noch Kenntnis von der Verlobung ihrer Enkelin mit Franz, Erzherzog von Österreich-Este.

Ein letztes großes Bild, „Sisis Geschwister“, gibt Prinz Carl zur Vermählung von Sisi mit Kaiser Franz Joseph von Österreich 1854 in Auftrag. Es scheint wie sein Vermächtnis. Noch einmal entsteht ein Gemälde, das mit den prominenten Kindern die Zukunft des Wittelsbacher Hauses demonstriert. Doch das Gruppenbild mit Sisi vor Alpenkulisse strahlt wenig von der lebendigen, faszinierenden Schönheit aus, die Stieler in jungen Jahren seines Schaffens gelingt. Stieler weiß, dass eine andere Zeit anbricht. Er kennt die gerade neu erfundene Fotografie, er weiß um den nachdrängenden künstlerischen Nachwuchs in München. Er fühlt sich den neuen Herausforderungen der Zeit nicht mehr gewachsen. König Max II. pensioniert ihn auf eigenen Wunsch. „Sein König“, Ludwig I., bittet ihn mehrfach, wieder für ihn zu malen.

Doch Stieler kann nicht mehr, offenbar lähmt ihn die letzten Jahre auch noch eine Nervenkrankheit. 1858, zehn Jahre vor König Ludwig I., stirbt Stieler. Er wird am Alten Südlichen Friedhof in München bestattet. In seinem Werk hat er den Menschen ein zauberhaft-schönes Gesicht gegeben und der bayerischen Königsfamilie einen großen Auftritt.

  • 1 Zitiert nach Hase, Ulrike von: Joseph Stieler 1781–1858. Sein Leben und sein Werk. Kritisches Verzeichnis der Werke, München 1971, S. 16
  • 2 Still, Sonja: Joseph Stieler. Der königlich-bayrische Hofmaler, München 2020, S. 116
  • 3 Sepp, Christian: Ludovika. Sisis Mutter und ihr Jahrhundert, München 2019, S. 91 und S. 99
  • 4 ebd. S. 108 f.
  • 5 Auskunft von Christian Sepp am 14.12.2020, der aktuell an einer Edition von Briefen Königin Carolines arbeitet.
  • 6 Goepfert, Günter: Karl Stieler. Leben und Werk des Hochlanddichters. Pfaffenhofen 1985, S. 7. Er zitiert Gräfin Josephine zu Leiningen-Westerburg. Bilder entnommen aus Still, Sonja: Joseph Stieler. Der königlich-bayrische Hofmaler, München 2020

JOSEPH STIELER 1781 – 1858

Geboren in Mainz als Sohn des kurmainzischen Münzmeisters und Hofgraveurs Christian Stieler erhält er früh Zeichenunterricht von seinem Vater. Doch dieser stirbt, als Stieler noch keine acht Jahre alt ist. Joseph verarbeitet die Trauer mithilfe des Malens und versucht, mit Zeichnungen und kleinen Porträts die Familie mit zu ernähren. Im Alter von 14 Jahren flieht er vor der französischen Besatzung in Mainz nach Aschaffenburg. Dort fördert ihn Carl Reichsfreiherr von Dalberg. Stieler erhält Unterricht bei Christoph Fesel, Hofmaler der Fürstbischöfe von Würzburg. Danach wechselt er nach Wien und studiert bei Heinrich Füger, dem Direktor der Kaiserlich- Königlichen Akademie.

In den folgenden Jahren reist Stieler quer durch Europa. Von Warschau über Wien, München und die Schweiz nach Paris, wo er Unterricht beim berühmten Porträtmaler François Gérard erhält. Am Ende der Ausbildung bricht eine schwere Augenkrankheit bei ihm aus, die ihn sein ganzes Leben lang beeinträchtigen wird. Nach seiner Genesung geht er nach Frankfurt und reist anschließend zu Studien nach Italien. Dem alles prägenden Aufenthalt in Mailand folgen noch viele Reisen, allerdings dann zumeist im Auftrag der Wittelsbacher. Er erschafft ein immenses Oeuvre mit mehr als 350 Gemälden.

SIEBEN WEITERE GEMÄLDE IN DER AUKTION
PORTRÄTS ERZÄHLEN GESCHICHTEN

MAN NEHME: BAYERISCHE UND ÖSTERREICHISCHE HEIRATSPLÄNE, ATTRAKTIVE PRINZESSINNEN UND EHETAUGLICHE ERZHERZÖGE, NACH GESCHMACK LIEBEVOLLE ZUNEIGUNG UND EINE PRISE POLNISCHES SELBSTBEWUSSTSEIN

 

„WITWER, ALLEINERZIEHEND, SUCHT …“
WITTELSBACHISCHE HEIRATSPOLITIK IM 18. JAHRHUNDERT

SELBSTBEWUSSTE KURFÜRSTIN

„Maria Antonia. I. Gemahlin / Max Emanuels, Tochter Kaiser Leopold I.“ So lautet eine spätere Bezeichnung auf der Rückseite des Porträts einer in jugendlicher Schönheit dargestellten Fürstin. In ihrer linken Hand hält sie ein Medaillon mit dem Bildnis eines jungen Herrschers. Vergleiche mit den überlieferten Bildnissen Maria Antonias, einziger überlebender Tochter Kaiser Leopolds I., die 1685 den jungen bayerischen Kurfürsten Maximilian II. Emanuel geheiratet hatte, machen schnell deutlich, dass es sich nicht um jene Kurfürstin handeln kann. Um eine Erzherzogin, deren Ehe ausschließlich aus politischem Kalkül und dynastischen Gründen arrangiert wurde, und die sich – mit dem ersehnten Erbprinzen Joseph Ferdinand schwanger – enttäuscht nach Wien zurückzog und dort zwei Monate nach ihrer Niederkunft an Heiligabend 1692 starb.

 

KURFÜRSTIN THERESE KUNIGUNDE VON BAYERN

Frankreich (Martin Maingaud, 1692-1706 für Kurfürst Max Emanuel in Brüssel und München tätig, ?)
Ende 17. Jh.

(1676 Krakau - 1730 Venedig). Dreiviertelfigur leicht nach links, den Kopf nach rechts gewandt. In der linken Hand ein Miniaturbildnis Kurfürst Max Emanuels haltend. Rücks. spätere Identifizierung der Dargestellten als "Maria Antonia. I. Gemahlin / Max Emanuels, Tochter Kaiser Leopold I.". Öl auf Lwd. 96 x 71 cm. Doubliert. Rest. Rahmen min. besch.

Rücks. auf Leinwand und Keilrahmen Klebetikett Fideikommiss Herzog Clemens Franz de Paula von Bayern mit Nummerierung 117, Inventaretikett "KOEN. BAIER. GEMAELDE SAMMLUNG 1822" mit Inventarnummer 7948 und Inventaretikett "Königl. Bayer. Staats-Gemälde-Sammlung 1855" mit Inventarnummer 3978.

Provenienz: Clementinum. - Königlich Bayerische (Staats-) Gemälde-Sammlung (Inventare 1822 und 1855). - Aus dem Clementinum an die Familie abgegeben.

WEITERE DETAILS ZU LOS 58

Doch um wen handelt es sich nun bei dem Bildnis der attraktiven, grazil das Bildnis ihres Gatten haltenden Fürstin? Vielleicht um eine der Schwestern des bayerischen Kurfürsten – beide vorteilhaft an die Höfe in Florenz und Versailles verheiratet? Das Miniaturbildnis birgt den Schlüssel: Bei aller Abstraktion in der Darstellung der Physiognomie ist darauf in der Tat der junge Kurfürst Maximilian II. Emanuel von Bayern erkennbar, mit markanter Nase, ausnahmsweise dunkler Perücke, auf der Brust das Kleinod des Ordens vom Goldenen Vlies.

Therese Kunigunde! Wir haben eines der frühen Bildnisse jener polnischen Königstochter vor uns, die uns meist – nach mehreren Schwangerschaften – als eher matronenhafte Fürstin mit rundlichem Gesicht und mütterlichstrengem, leicht schmunzelndem Gesichtsausdruck bekannt ist. Ein Bildnis der jungen Therese Kunigunde mit sehr vergleichbarer Physiognomie findet sich übrigens im polnischen Schloss Wilánov, gefertigt von einem unbekannten Künstler französischer Prägung.

Therese Kunigunde (1676 Krakau–1730 Venedig) wurde als Tochter des polnischen Königs Jan III. Sobieski und seiner Gemahlin Maria Kazimiera (Marie Casimire Louise de la Grange d’Arquien) geboren. Sie erhielt eine sehr gute Erziehung, war ausgesprochen polyglott, von moderierendem Temperament und zurückhaltendem Auftreten. Der früh verwitwete bayerische Kurfürst Max Emanuel war mit Jan III. Sobieski seit 1683, als dieser als Kommandant der alliierten Ersatzheere vor Wien militärischen Ruhm erlangte, bekannt. Was lag für die Mutter Therese Kunigundes also näher, als bereits 1693 in Heiratsverhandlungen mit dem bayerischen Kurfürsten einzutreten? Das Haus Bayern galt im Reich als bedeutend, der Kurprinz Joseph Ferdinand hatte gute Aussichten auf das Erbe des kinderlosen Königs Karl II. von Spanien. Auch Kaiser Leopold I. und der spanische König sprachen sich ausdrücklich für diese Verbindung aus.

Nur der angedachte Bräutigam zierte sich, denn er hatte dynastische Bedenken. Die Wittelsbacher waren eine alte Dynastie, die seit 1180 über Bayern herrschte. In Polen regierte dagegen ein Wahlkönig „von Adels Gnaden“. Max Emanuel fürchtete einen Abstieg seines Hauses in der Rangfolge der Reichsfürsten. Die überaus üppige Mitgift Therese Kunigundes in Höhe von 500.000 Reichstalern konnte ihn schließlich von den Vorteilen dieser Verbindung überzeugen. Einziger Wermutstropfen: Eine Rückzahlungsklausel für den Fall der Kinderlosigkeit der künftigen Ehe …

Der Heiratsvertrag datiert vom 19. Mai 1694, am 22. Oktober des Jahres wurde der von Max Emanuel unterschriebene Vertrag – zusammen mit einem Porträt des Bräutigams – in Warschau übergeben. Das Brautpaar begegnete sich dagegen erst am 30. Dezember 1695 in Wesel, Max Emanuel war seiner Braut bei deren „Heimführung“ aus Brüssel entgegen gereist. Am 2. Januar 1696 erfolgte die persönliche Trauung. Über den mit Eisschollen bedeckten Rhein begleitete der Kurfürst seine junge Braut in die Spanischen Niederlande, die er seit 1692 als Generalstatthalter regierte.

Die Brautleute – wenngleich aus rein politischen und dynastischen Gründen verheiratet – fanden bald Gefallen aneinander: „Wie er mich entzückt! Und er ist sehr gut gelaunt …“ oder „Ich sterbe vor Sehnsucht nach meinem Kurfürsten“: So lauten Passagen aus Briefen Therese Kunigundes noch aus dem Jahre 1695 an ihren Bruder1. Max Emanuel hingegen lobte bereits kurz nach der Trauung in einem Brief an seine Schwiegermutter das sichere Urteilsvermögen und den analytischen Verstand seiner jungen Gemahlin.2 Es scheinen glückliche erste Tage gewesen zu sein, wenn nicht … Ja, wenn Therese Kunigunde sich nur nicht so selbstbewusst gezeigt hätte, ihren von Max Emanuel besetzten Hofstaat durch ihr Verhalten brüskiert, nicht bewusst ihre Muttersprache verwendet und sich nicht allzu gerne mit ihren engsten Vertrauten zurückgezogen hätte. Ganz unsäglich und ohne Vorbild: Die Kurfürstin wünschte bei ihren Ausfahrten keine Begleitung durch ihre Hofdamen! Typische Szenen in einer jungen Ehe, möchte man meinen. Aber man verständigte sich in vielerlei Hinsicht schließlich auf einen gemeinsamen Nenner. Der Ehe entstammten zehn Kinder, darunter der spätere Kurfürst und Kaiser Karl Albrecht (Karl VII.).

Nach Ausbruch des Spanischen Erbfolgekrieges (1701) wurde Therese Kunigunde von ihrem im Exil weilenden Gatten zur Regentin Bayerns ernannt. Nach einer Italienreise wurde der Kurfürstin von den österreichischen Besatzern die Rückkehr nach Bayern verwehrt, die vier ältesten Söhne wurden in österreichischen Gewahrsam genommen. Erst 1715 fand die Wiedervereinigung der jahrelang getrennten Familie in Schloss Lichtenberg am Lech statt. Als Witwe zog sich Therese Kunigunde nach Max Emanuels Tod im Jahre 1726 nach Venedig zurück, wo sie 1730 verstarb.

Das vorliegende Gemälde sollte aufgrund der Jugendlichkeit der Fürstin in der Zeit der Eheschließung mit Kurfürst Max Emanuel entstanden sein. Die Tatsache, dass sie ein Miniaturbildnis desselben in der Hand hält, verweist auf einen Entstehungszeitpunkt als beide räumlich getrennt waren – ein Leitthema ihrer Ehe. Als Ursache der Abwesenheit kann eines der militärischen Engagements Max Emanuels an der Seite der Alliierten im Kampf gegen die französischen Truppen vermutet werden (z. B. 1695 die Wiedereroberung von Namur). 1699 schuf Martin Maingaud ein stilistisch verwandtes Porträt Therese Kunigundes als Venus (Bayerische Staatsgemäldesammlungen, Inv.-Nr. 2478), das die Kurfürstin mit sehr vergleichbarer, jedoch etwas reiferer Physiognomie wiedergibt.

EIN TAPFERER SOLDAT

In der Werkstatt des Künstlers Georges Desmarées (1697 Gimo – 1776 München) wiederum entstand ein weiteres Porträt dieser Sonderauktion. Es zeigt Herzog Ferdinand Maria Innozenz von Bayern (1699 Brüssel – 1738 München). Er war einer der Söhne Kurfürst Max Emanuels von Bayern und Therese Kunigundes. Einen Teil seiner Kindheit verbrachte er fern der Heimat und getrennt von seinen Eltern ab 1706 in Klagenfurt, wo er unter kaiserlicher Aufsicht erzogen wurde. 1715 erfolgte das Wiedersehen mit den Eltern und der Familie, 1717 nahm er zusammen mit seinem Bruder, dem Kurprinzen Karl Albrecht, an der Belagerung und Eroberung Belgrads durch Prinz Eugen von Savoyen teil. Ferdinand Maria Innozenz galt als befähigter und tapferer Soldat und war damit seinem Vater nicht unähnlich. Von den Zeitgenossen wurde behauptet, dass er sich von seinen Brüdern am besten zum Militärdienst eignete. In der kaiserlichen Armee stieg Ferdinand Maria Innozenz bis zum Feldmarschall auf.

 

 

 

 

HERZOG FERDINAND MARIA INNOZENZ VON BAYERN

Georges Desmarées
1697 Gimo (Schweden) - 1776 München, Werkstatt
Herzog Ferdinand Maria Innozenz von Bayern

(1699 Brüssel - 1738 München). Halbfigur nach links, in rotem Rock und im Kürass. Mit dem Orden vom Goldenen Vlies und Band und Insignien des Hausritterordens vom Hl. Georg. Öl auf Lwd. 118,5 x 82,5 cm. Doubliert. Rest. Rahmen.

Auf dem Keilrahmen Klebeetikett Fideikommiss Herzog Clemens Franz de Paula von Bayern (Sohn des Dargestellten) mit Nummerierung 98 und Inventaretikett "Königl. Bayer. Staats-Gemälde-Sammlung 1855" mit Inventarnummer 3961.

Provenienz: Clementinum. - Königlich Bayerische Staats-Gemälde-Sammlung (Inventar 1855). - Aus dem Clementinum an die Familie abgegeben. - 1935 nach Sárvár verbracht.

WEITERE DETAILS ZU LOS 59

Die Eheschließung mit Maria Anna Karoline von Pfalz-Neuburg sollte sich für seinen zweitgeborenen Sohn Clemens Franz von Paula und das Haus Wittelsbach grundsätzlich als sehr wichtig erweisen: Der von deren Großvater, dem 1689 verstorbenen letzten Herzog von Sachsen-Lauenburg, ererbte große böhmische Grundbesitz ging 1751 an Clemens Franz de Paula über, der daraus das Clementinische Fideikommiss gründete – eine unveräußerliche Vermögensmasse, die stets dem zweitgeborenen Prinzen des regierenden Kurfürsten oder Königs einen standesgemäßen Lebensunterhalt sicherte. Erst 1930 wurde dieses nach dem Tod des Prinzen Leopold von Bayern aufgelöst und unter den Prinzen des Hauses Wittelsbach aufgeteilt.

VIENNA CALLING …

FERDINAND KARL VON ÖSTERREICH-ESTE

Joseph Hickel
1736 Leipa (Böhmen) - 1807 Wien, zugeschrieben

(1754 Wien - 1806 ebenda). Dreiviertelporträt leicht nach links, den Kopf nach rechts gewandt. Vor Vorhangdraperie. Mit dem Orden vom Goldenen Vlies und Band und Stern des Stephansordens. Öl auf Lwd. 150 x 123 cm. Doubliert. Rest. Rahmen besch.

Provenienz: Schloss Wildenwart (Nachlass Königin Marie Therese von Bayern.) - Prinz Franz von Bayern.
Wir danken Dr. Georg Lechner, Wien, für seine freundliche Unterstützung im Rahmen der Katalogisierung.

WEITERE DETAILS ZU LOS 61

MARIA BEATRICE VON ÖSTERREICH-ESTE

Joseph Hickel
1736 Leipa (Böhmen) - 1807 Wien, zugeschrieben

(1750 Modena - 1829 Wien). Dreiviertelporträt nach rechts, den Kopf leicht nach links gewandt. Vor Vorhangdraperie auf einem Sofa sitzend, in der rechten Hand ein Buch haltend. Öl auf Lwd. 150 x 123 cm. Doubliert. Rest. Besch. Rahmen besch.

Provenienz: Schloss Wildenwart (Nachlass Königin Marie Therese von Bayern). - Prinz Franz von Bayern.
Wir danken Dr. Georg Lechner, Wien, für seine freundlichen Unterstützung im Rahmen der Katalogisierung.

WEITERE DETAILS ZU LOS 62

TATEN STATT SCHÖNER WORTE

Hätte Maria Theresia, Erzherzogin von Österreich und Königin von Ungarn und Böhmen, über moderne Kommunikationstechnik verfügt, hätten sich ihre Kinder mit größter Wahrscheinlichkeit auf ihren Anrufbeantworter verlassen. Die hohe Frau war sehr mitteilsam … Die von allen Seiten stets wohlinformierte „Super-Mum“ in Wien liebte es, ihren Kindern in ausführlicher Weise liebevolle Ratschläge und ernstgemeinte Anweisungen per Brief zu erteilen. Auch deren Ehepartner blieben nicht von ihrem Mitteilungsbedürfnis verschont. Briefe schreiben: ein enormer zeitlicher, in heutigen Augen höchst unwirtschaftlicher Aufwand. Dennoch gelang es der besorgten Mutter, ihre Pflichten als Regentin nicht zu vernachlässigen, im Gegenteil. Auch Erzherzog Ferdinand Karl und seine Frau Maria Beatrice waren häufige Adressaten des (schwieger-)mütterlichen Interesses.

Erzherzog Ferdinand Karl von Habsburg-Lothringen wurde als 14. Kind Maria Theresias und Kaiser Franz I. Stephan 1754 in Wien geboren. Er war Generalgouverneur der Lombardei und Begründer des Hauses Österreich-Este. Als eines der jüngsten Kinder Maria Theresias konnte er eine relativ unbeschwerte Kindheit verleben. Von einer dennoch durchaus geplanten und kontrollierten Erziehung in Hinblick auf seine künftigen Aufgaben zeugen unter anderem die „Institutionis archiducalis Ferdinandae opus pictum in tres tomos divisum“, 1769 für den heranwachsenden Erzherzog verfasst und illustriert. Es handelt sich dabei um zehn Lehrtafeln verschiedener Unterrichtsfächer (Wien, Österreichische Nationalbibliothek, Handschriftensammlung, Cod. min. 33 a). Ebenfalls 1769 gab Maria Theresia ihrem Sohn folgende Lebensmaxime mit auf seinen künftigen Weg: „Schöne Worte und Versicherungen überzeugen nicht, sondern allein die Taten. Ich beobachte Euch aus der Nähe und sehe Schlendrian und Verweichlichung, wenig Ehrfurcht, gar keinen Gehorsam, hingegen Dünkel und Vorurteile, wozu ihr weniger Veranlassung habt als irgend ein anderer in der Familie und was mich für Eure Zukunft bangen läßt. Sehet zu, mich vom Gegenteil zu überzeugen, dann könnt ihr auf meine Zufriedenheit und Liebe rechnen.“3 Und wenig später kritisiert Maria Theresia seine Nachlässigkeit bezüglich seiner Studien, der Heranwachsende scheint jedoch gegen mütterliche Ratschläge resistent gewesen zu sein. Er wird als leichtsinnig, vergnügungssüchtig, willensschwach und arbeitsscheu beschrieben.

Zu dem Zeitpunkt, als seine Mutter mit ihm so deutlich ins Gericht ging, war Erzherzog Ferdinand Karl bereits verlobt: Er sollte die einzige Tochter des Herzogs von Modena, Maria Beatrice d’Este, heiraten. Diese galt als sehr begehrte Partie, war doch das Herzogtum Modena reich und geographisch günstig gelegen. Anders als ihren eigenen Sohn schätzte Maria Theresia ihre spätere Schwiegertochter sehr. Regelmäßig informierte sie Maria Beatrice – bereits deutlich vor der Heirat – über nicht nur familiäre Begebenheiten und bezeichnete sie in ihrer Korrespondenz als „liebe Tochter“.

Die lange vorbereitete Hochzeit fand am 15. Oktober 1771 in Mailand statt. Die Mutter des Bräutigams geizte abermals nicht mit (wohlgemeintem) Rat: „Ich hoffe, daß die Gemahlin, die Gott Euch bestimmt hat, Euch gefällt, wie Ihr ja hier [in Wien] schon ein bißchen in sie verliebt wart. Schämet Euch dieser Schwäche nicht, es ist die einzige, die ich Euch wünsche …“ – gefolgt von der Aufforderung, verbindlicher zu wirken, Abstand zu nehmen von dem „verbissene[n] Gesicht, das ich nicht leiden kann und das Euch gar nicht steht“.4 Liebevoll hingegen die Glückwünsche der Schwiegermutter an die junge Braut in einem separaten Schreiben …

Anlässlich der Eheschließung komponierte der erst 15-jährige Wolfgang Amadeus Mozart (er war lediglich zwei Jahre jünger als der Bräutigam) seine Oper „Ascanio in Alba“, die zwei Tage nach der Hochzeit im Teatro Ducale in Mailand uraufgeführt wurde. Die Hochzeitsfeierlichkeiten dauerten ganze zwei Wochen, es gab zahlreiche Opernaufführungen, Konzerte, einen Korso, Volksfeste sowie Pferde- und Wagenrennen. Ferdinand Karl war von Mozarts Oper derart angetan, dass er ihn in seine Dienste nehmen wollte und bei Maria Theresia dafür um Erlaubnis bat. Umgehend kommt die ernüchternde Reaktion aus Wien: „Ich wüßte nicht warum und glaube nicht, daß Sie einen Komponisten oder solche unnützen Leute brauchen.“5

Residenz des Paares war ab 1776 die Königliche Villa in Monza. Die aus politischem Kalkül geschlossene Ehe sollte glücklich werden. Ferdinand Karl und Maria Beatrice scheinen sich harmonisch ergänzt zu haben. Während der Erzherzog seinen Vorlieben nachging, übernahm die Gattin, die ihn sicherlich an Intelligenz und Klugheit übertraf, nicht nur die Erziehung der Kinder (sie unterrichtete sie bisweilen sogar selbst), sondern auch die organisatorischen Aufgaben der „Hausfrau“. „Beatrix liebt und liest stets gute Bücher. Nehmt sie Euch zum Vorbild und setzet eine Stunde täglich dafür fest …“, musste Ferdinand Karl von seiner Mutter lesen, zumal er seine freie Zeit doch viel lieber mit seinen neu angeschafften Hunden verbrachte.6 Bezeichnend für die Lesefreude Maria Beatrices ist, dass sie auf dem zur Auktion gelangenden Bildnis bei der Lektüre dargestellt ist.

Aus der Verbindung gingen neun Kinder hervor, darunter auch Maria Leopoldine, die mit dem 52 Jahre älteren Kurfürsten Karl Theodor von Pfalz-Bayern vermählt wurde und die nach dessen Tod ein unkonventionelles und ungezwungenes Leben zu führen begann. Noch am Totenbett Karl Theodors konnte die selbstbewusste Habsburgerin verhindern, dass der sterbende Kurfürst seinen lange gehegten Plan in die Tat umsetzte und das von ihm nur wenig geschätzte Kurfürstentum Bayern gegen die Österreichischen Niederlande eintauschte. Die kecke Erzherzogin rettete somit dem Haus Wittelsbach Territorium und Krone. 1780 wurde Erzherzog Ferdinand Karl Statthalter der Lombardei. Aus Wien wurden Reformen in allen Lebensbereichen gesteuert, der politische Einfluss des Statthalters selbst war marginal. Napoleons Marsch auf Mailand erzwang am 9. Mai 1796 die überstürzte Abreise der Familie. Tags darauf zog der Korse mit seinen Truppen in Mailand ein. Für die herzogliche Familie folgten kurze Aufenthalte in Triest und Brünn. Die Erzherzogin ließ sich schließlich mit einem Teil der Kinder in Wiener Neustadt nieder, Ferdinand Karl nahm mit seinen älteren Söhnen Residenz im Schloss Belvedere in Wien. Nach dem Tod seines Schwiegervaters, Ercole III. d’Este, im Jahre 1803 erbte Ferdinand Karl zwar auch für seine Gattin die Ansprüche auf dessen Herzogtümer, es kam jedoch zu keiner rechtlichen Durchsetzung.

Am Weihnachtstag 1806 starb Erzherzog Ferdinand Karl im 52. Lebensjahr an der Brustwassersucht, Maria Beatrice sollte ihn um 23 Jahre überleben. Als ihre jüngste Tochter Maria Ludovica am 6. Januar 1808 Franz II. heiratete, avancierte sie zur Schwiegermutter des österreichischen Kaisers. In Folge des Wiener Kongresses erhielt sie ihr Herzogtum Massa-Carrara zurück, gelegentlich führten sie ihre Reisen in ihre Heimat zurück.

Erzherzog Franz V. von Österreich-Este (1819–1875), der Enkel Ferdinand Karls und Maria Beatrices sollte 1842 Prinzessin Adelgunde von Bayern heiraten. Deren Brautbildnis von der Hand Joseph Stielers wird ebenfalls im Rahmen dieser Auktion angeboten.

KÖNIGSTÖCHTER

„TANTE MODENA“

Im Laufe des 19. Jahrhunderts setzte sich eine inzwischen jahrhundertealte Tradition fort: Mitglieder der Familien der Habsburger und der Wittelsbacher schlossen die Ehe. Zu einer der berühmtesten Liebesheiraten sollte – zumindest in den Augen der Nachwelt – die Hochzeit des österreichischen Kaisers Franz Joseph I. mit Prinzessin Elisabeth in Bayern („Sisi“) werden.

Bereits Elisabeths Tante und Schwiegermutter, Prinzessin Sophie von Bayern, hatte „nach Wien“ geheiratet (Franz Karl Erzherzog von Österreich), Elisabeths Tochter Gisela wiederum sollte sich 1873 mit dem bayerischen Prinzen Leopold vermählen und somit zur Schwägerin König Ludwigs III. von Bayern werden. Die bayerischen Prinzessinnen Adelgunde und Hildegard festigten diese familiären Bande zusätzlich. Im Rahmen unserer Sonderauktion werden Porträts beider Prinzessinnen im Jahr ihrer Heirat zur Versteigerung gelangen. Wie auch die Bildnisse ihres Großvaters und ihrer Großmutter aus dem Jahre 1823 wurden sie vom bayerischen Hofmaler Joseph Stieler geschaffen. Dieser Künstler war der Familie als Porträtmaler durch drei Generationen verbunden und schuf von den Mitgliedern der königlichen Familie in ihrer künstlerischen Qualität einzigartige Bildnisse. Aber nicht der Singuläre ästhetisch Wert der beiden Prinzessinnenbildnisse soll im Folgenden besprochen, vielmehr versucht werden, die hinter den Bildnissen sich verbergenden Biographien herauszustellen.

 

ADELGUNDE
PRINZESSIN VON BAYERN ALS BRAUT 1842

Joseph Stieler
1781 Mainz - 1858 München

(1823 Würzburg - 1914 München). Hüftbild frontal, den Kopf nach links gewandt. Vor Vorhangdraperie. Öl auf Lwd. 72,5 x 58,5 cm. Doubliert. Rest. Rahmen.

Gutachten Dr. Ulrike von Hase-Schmundt, Dezember 2020.
Provenienz: Nachlass Adelgunde Herzogin von Modena (1914). - Königliches Haus. - 1924 nach Sárvár verbracht.

 

WEITERE DETAILS ZU LOS 65

Das 19. Jahrhundert gilt als wichtigste Epoche der Entwicklung der Presse, zahlreiche Tageszeitungen, vor allem auch lokale Blätter, wurden neu gegründet.

Und in deren Nachrichten wurde auch immer das Neueste „vom Hof“ mitgeteilt, seien es nur der Aufbruch der hohen Herrschaften zu Reisen ins Ausland oder die glückliche Rückkehr von einer solchen. Nicht anders als in der Gegenwart war bereits damals berichtenswert und von der Leserschaft als Information offenbar gewünscht, mit welcher Menge von Gepäck und welcher Entourage man zu reisen beabsichtigte ... Wichtigen Ereignissen im Leben der königlichen Familie wurden selbstverständlich ausführlichere Beiträge gewidmet – und Ausschnitte aus diesen geben im Folgenden Einblick in die Biographien der beiden Prinzessinnen. Adelgunde Auguste Charlotte Prinzessin von Bayern (1823 Würzburg–1914 München) war das sechste Kind König Ludwigs I. von Bayern und seiner Gemahlin Therese, geb. Prinzessin von Sachsen-Hildburghausen. 1842 wurde sie mit dem Erbprinzen Franz von Modena verheiratet, sie war damit eine Tante von Königin Marie Therese von Bayern, der Gemahlin König Ludwigs III. von Bayern. Prinzessin Adelgunde („Duni“ ) wurde streng katholisch erzogen. Sie scheint eine vorbildliche Schülerin gewesen zu sein: „Die kleine Prinzessin Adelgunde (jetzige Herzogin-Wittwe von Modena) liebte ihre Puppen besonders zärtlich. Eines Tages, so erzählte uns der sel. Professor H., war sie eben wieder beschäftigt, die eine Puppe zu frisiren, indeß die andere gewickelt auf ihren Knien lag, vermuthlich um in die Wiege gebracht zu werden, als der Professor in das Zimmer der Prinzessinen trat. So angelegentlich aber auch ihr Spiel scheinen, so sehr beschäftigt das königliche Kind sein mochte, – ihren lieben Lehrer sehen, die Puppen weglegen, ihm mit offenen Armen und freundlichem Gruße entgegen eilen, war das Werk eine Augenblicks und im nächsten Momente schon sah man die wohlerzogene Königstochter ernst und fleißig bei ihren Büchern und Heften, mit Aufmerksamkeit dem Vortrage ihres geliebten Lehrers lauschen.“ (Katholische Schulzeitung [Bayerische Schulzeitung] – Monika. Nr. 28. Donauwörth 12.7.1876, S. 110).

Im heiratsfähigen Alter angekommen, gab es für Prinzessin Adelgunde Ehekandidaten aus Frankreich, Coburg und Nassau. Die Entscheidung fiel jedoch zugunsten des Erbprinzen Franz von Modena, Neffe der Witwe des bayerischen Kurfürsten Karl Theodor, Maria Leopoldine. Die Hochzeit im Jahre 1842 war ein glänzendes gesellschaftliches Ereignis. Der Erbprinz folgte seinem Vater 1846 als Franz V. Herzog von Modena nach, musste jedoch bereits 1859 im Zuge der italienischen Einigung seine Herrschaft abgeben. Mit seinem Tod im Jahre 1875 starb die Linie Modena-Este aus.

Die Aufteilung des Erbes nach Herzog Franz V. wurde in mehreren Tageszeitungen bekanntgegeben. „[…] Die Wittwe des Herzogs Franz, Herzogin Adelgunde, Tochter Königs Ludwig I. von Bayern [= Marie Therese], erhält außer den ihr im Ehevertrag zugesicherten Einkünften noch 250.000 fl. baar. Des Herzogs Nichte I. K. H. Prinzessin Ludwig von Bayern, erhält die Güter ihres am 15. Dez. 1849 verstorbenen Vaters.“ (Freisinger Tagblatt. 4. Dezember 1875, S. 2) Unter die erwähnten Güter, welche die spätere bayerische Königin Marie Therese erbte, fiel auch das Schloss Nádasdy in Sárvár, das sich zu einem Schicksalsort der Wittelsbacher entwickeln sollte.

Herzogin Adelgunde lebte abwechselnd im Palais Modena in Wien, in der Münchner Residenz und in Schloss Wildenwart im Chiemgau. 1886 übernahm ihr Bruder Prinz Luitpold die Regentschaft in Bayern. Beide waren unzertrennlich, „Tante Modena“ unterstützte ihren Bruder bei familiären und gesellschaftlichen Verpflichtungen, galt als eine der wichtigsten – und gefürchtetsten – Personen der konservativ-kirchlichen Hofpartei und verkörperte den Einfluss des Wiener Hofes in München.

Dem Leben und vor allem dem offenbar bis in hohe Alter vorbildlichen Charakter der Herzogin widmete der „Rosenheimer Anzeiger“ am 19. März 1903, dem 80. Geburtstag Adelgundes, wohlwollendste Ausführungen: „Die edle, hohe Jubilarin, die herzensgütige Frau Herzogin, welche abwechselnd in München oder auf Schloß Wildenwart bei Prien-Aschau bzw. Schloß Berchtesgaden lebt, verknüpft ein tiefinniges Freundschaftsverhältnis mit ihrem königlichen Bruder, „Ihrem Poltl“, wie die hohe Frau in intimem Kreise zu sagen pflegt, dem vielgeliebten Prinz-Regenten, dessen vollste Vertraute und treueste Gefährtin die um zwei Jahre jüngere Herzogin, „Seine Gundel“, ist. […] Es ist keine Schmeichelei, wenn man behauptet, daß die Herzogin Adelgunde von Modena eine der edelsten und bedeutendsten Fürstinnen ist, von denen die Geschichte der Wittelsbacher zu erzählen weiß. / Ein vornehm- freier, allen menschlichen Bestrebungen lebhaft zugewandter Sinn, eine reiche, edle Bildung, ein hohes, stolzes, jedoch mit einer seltenen Tiefe des Gemütes gepaartes Selbstbewußtsein zeichnet die Herzogin Adelgunde von Modena vor den meisten Frauen auf Fürstenthronen aus. Ihr ganzes Leben gibt ein Bild unzerstörbarer segensreicher Wirksamkeit. Not zu lindern, Hilfe und Trost den Leidenden, Schwachen und Armen zu bringen, das bildet eine Lebensaufgabe der hohen Frau, welche die „vertraute, liebevolle Tante“ des ganzen königlichen Hauses, das Vorbild weiblicher Tugenden für das ganze Land ist. […] Mit ihrem Lieblingsbruder bringt sie den Rest des irdischen Daseins in vollster Schwestertreue zu und außerdem obliegt die Herzogin ausschließlich dem Edlen Samriterdienste. / Ihr Wahlspruch „Adel sitzt im Gemüte, nicht im Geblüte“ hat durch die große Barmherzigkeitsausübung in ganz Bayern und Österreich zur innigen Dankbarkeit verpflichtet.“ Wer wünschte sich nicht, von den Zeitgenossen solche Kränze gewunden zu bekommen?

DOPPELHOCHZEIT IM HAUSE WITTELSBACH!

Am 15. April 1844 heiraten in Florenz Prinz Luitpold von Bayern, späterer Prinzregent, und Erzherzogin Auguste Ferdinande von Österreich. Und am 1. Mai des Jahres folgt in München die Vermählung von Prinzessin Hildegard von Bayern, Luitpolds Schwester, mit Erzherzog Albrecht von Österreich. In München finden gemeinsame Feierlichkeiten zu Ehren der beiden Brautpaare statt. „Der Bayerische Eilbote“ veröffentlicht in seiner Ausgabe vom 1. Mai 1844 ein Gedicht anlässlich der Doppelhochzeit:

 

HILDEGARD
PRINZESSIN VON BAYERN. 1844

Joseph Stieler
1781 Mainz - 1858 München

(1825 Würzburg - 1864 Wien). Hüftbild nach rechts, den Blick zum Betrachter gewandt. In mit Efeu-Motiven besticktem Kleid. Vor Wolkenfond. Öl auf Lwd. 70,5 x 59,5 cm. Doubliert. Rest. Rahmen.

Gutachten Dr. Ulrike von Hase-Schmundt, München, Dezember 2020.
Provenienz: Nachlass Adelgunde Herzogin von Modena (1914). - Königliches Haus. - 1924 nach Sárvár verbracht.

WEITERE DETAILS ZU LOS 66

„In der Schyren großem Ahnenreiche

Blüthenvoll und dichtbelaubt

Hebt die alte Wittelsbacher Eiche

Stolz empor ihr grünes Haupt.

Ihres Stammes Zweige sich verschlingen

In Europas Thronen Glanz,

Und die Donau und der Arno bringen

Einen frischen Myrthenkranz;

Und ein lauter Freudenjubel waltet

Im entzückten Bayerland,

Weil ein Doppelbund sich hat gestaltet,

Den der Liebe Fügung band.

Jauchze Bayern! Hildegard beglücket, –

Die an Geisteszierden reich –

Ihren Albert, der uns hoch entzücket,

Seinem großen Vater gleich;

Jenem teutschen Helden, der im Kriege

Frankreichs Horden widerstand;

Ehrend dankt für jene Siege

Ihm das teutsche Vaterland [...]“

 

Diese Zeilen beinhalten die wichtigsten Elemente fürstlicher Heiratspolitik auch noch im 19. Jahrhundert. Im glücklichsten Falle aus Liebe wird die Verbindung zweier alter Fürstenhäuser erneuert und gestärkt. Der Stammbaum und Liebreiz der Braut ist nicht zu vernachlässigen, gloriose Taten in der Familie des mindestens ebenbürtigen Ehepartners sind willkommen ... Die bayerische Prinzessin Hildegard überzeugte offenbar nicht nur ihren Bräutigam: Es wird berichtet, dass der spätere Kaiser Franz Joseph I. in seinem Tagebuch notiert habe: „Sie gefiel mir gut, sie ist hübsch, hat zu dicke Wangen, eine sehr hübsche Gestalt, ist recht aimable [...]“ – eine klare Stellungnahme des gerade einmal 14-jährigen Erzherzogs, der 1854 Hildegards Cousine Elisabeth, die wegen ihrer Schönheit gerühmte, jedoch nicht minder komplizierte, „Sisi“ heiraten sollte.

Joseph Stielers Bildnis Prinzessin Hildegards, das Porträt „mit Locken“, entstand zu Beginn des Jahres 1844, dem Jahr der Vermählung mit Albrecht Friedrich Rudolf Erzherzog von Österreich (1817 Wien–1895 Schloss Arco / Italien). Hildegard Louise Charlotte Prinzessin von Bayern war das siebte Kind König Ludwigs I. von Bayern und seiner Gemahlin Therese, geb. Prinzessin von Sachsen-Hildburghausen. Mit nur 39 Jahren starb Erzherzogin Hildegard an den Folgen einer Rippenfellentzündung, die sie sich während einer anstrengenden Reise an das Sterbebett ihres Bruders, des bayerischen Königs Maximilian II., zugezogen hatte. Noch einmal soll die damalige Tagespresse zitiert werden:

„Die Frauenwelt hat eine ihrer schönsten Zierden verloren. Eine im hohen Grade sympathische Individualität, vereint mit Einfachheit, Wohlthätigkeitssinn und unvergleichlichen Tugenden als Hausfrau und Mutter haben der erhabenen Hingeschiedenen stets das Herz der Bevölkerung gewonnen [...]“
(Die Neue Zeit – Olmüzer Zeitung, 6. April 1864).

 

  • 1 Aus Briefen Therese Kunigundes an Alexander Sobieski, 17.2.1695 bzw. 20.6.1695. Zitiert nach: Kruedener, Claudia, Kurfürstin Therese Kunigunde von Bayern (1676–1730) und ihre Friedenspolitik in europäischen Dimensionen zwischen Papst und Kaiser. Regensburg 2020, S. 98, Anm. 495 und 496.
  • 2 Ebda., S. 103, Anm. 519. Brief Max Emanuels an seine Schwiegermutter Maria Casimira, 27.1.1696.
  • 3 Zitiert nach Weissensteiner, Friedrich, Die Söhne Maria Theresias. Wien 2004, S. 169.
  • 4 Zitiert nach Weissensteiner, op. cit., S. 173–175.
  • 5 Zitiert nach Weissensteiner, op.cit., S. 176.
  • 6 Zitiert nach Weissensteiner, op.cit., S. 187.
"STILE AMIGONI"

 

 

ECCE HOMO

Jacopo Amigoni
1682 Neapel - 1752 Madrid

Pontius Pilatus präsentiert dem Volk den gefolterten, in Purpur gekleideten und dornengekrönten Jesus von Nazaret. Auf dem Keilrahmen Klebeetikett Fideikommiss Herzog Clemens Franz de Paula von Bayern mit Nummerierung 7. Öl auf Lwd. 138 x 110,5 cm. Doubliert. Rest. Rahmen besch.

Jacopo Amigoni erweist sich bereits mit seinen frühen, in Bayern entstandenen Arbeiten als einer der ersten "reinen" Vertreter des venezianischen Rokoko und zugleich als einer der Schöpfer des europaweit geschätzten Rokokos. In Süddeutschland wurde seine künstlerische Handschrift als "stile Amigoni" geadelt.

Annalisa Scarpa erkennt auf Basis von Fotografien im vorliegenden Gemälde typische künstlerische Merkmale der Schaffenszeit Amigonis in Bayern, seinen "anni bavaresi".

Dott.ssa Annalisa Scarpa, Venedig, bestätigte auf Basis von Fotografien am 1. Februar 2021 die Authentizität des Gemäldes. Sie vermutet eine Entstehung kurz vor Amigonis Abreise nach England (1729).

Provenienz: Clementinum. - 1932 aus dem Depot der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen an Prinz Franz von Bayern abgegeben.

WEITERE DETAILS ZU LOS 60

Jacopo Amigoni (im Spanischen auch als "Santiago Amiconi" bezeichnet) zählt zu den bedeutendsten Künstlern der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Seine erste Ausbildung erhielt er im Umkreis des Luca Giordano, Francesco Solimena und die "Römische Schule" als solche beeinflussten seine künstlerischen Anfänge. 1711 wird seine Name erstmals in der "Fraglia" der Maler in Venedig genannt. Die Arbeiten der in Venedig führenden Künstler Antonio Bellucci, Sebastiano Ricci, Antonio Balestra und Giovanni Antonio Pellegrini wie auch der berühmten (Pastell-) Künstlerin Rosalba Carriera beeindrucken und prägen ihn in dieser Zeit.

Seit 1717 ist Jacopo Amigoni in Bayern und Oberschwaben tätig, zunächst in Schloss Nymphenburg, seit 1719 mit Arbeiten für Schloss Schleißheim beauftragt, später dann in der Benediktinerabtei Ottobeuren tätig. Sein weiterer Lebensweg führt ihn über England (1729) und Frankreich zurück in seine italienische Heimat. 1747 verlässt er diese dann endgültig, um nach Madrid zu gehen. Der nunmehr königliche Hofmaler war dort bis zu seinem Tod auch erster Direktor der neu gegründeten Real Academia de Bellas Artes de San Fernando.

Jacopo Amigoni erweist sich bereits mit seinen frühen, in Bayern entstandenen Arbeiten als einer der ersten "reinen" Vertreter des venezianischen Rokoko und zugleich als einer der Schöpfer des europaweit geschätzten Rokokos. In Süddeutschland wurde seine künstlerische Handschrift als "stile Amigoni" geadelt.

Annalisa Scarpa erkennt auf Basis von Fotografien im vorliegenden Gemälde typische künstlerische Merkmale der Schaffenszeit Amigonis in Bayern, seinen "anni bavaresi".

 
BILDBETRACHTUNG: TURNIER IN ANTWERPEN

„hie kam der durchleuchtig un[d] hochgebor[n] first hertzog vilib[us] ertzhertzog czu esterreich un[d] hertzog czu burgundi: etc. bracht seine diener auff / mit namen den hochgebornen fyrsten margraff bernhart zu badaw selb XV wol vorwapnet czu schimpf [?] und ernst buten sich czu / schlahen wer da kem nach lautt der geschrift daruber bogriffenn was - / bald darnach kam der durchleichtig hochgeborne first un[d] herr hertzog erich von braunschweig selb XV den / vorgenanten firsten und herren zu beston nach seinem bogeren das geschach in der stat andorff die da leit / in braffant am sontag nach sant lauxtag do man czalt : 1.4.9.4.“.

Diese Bezeichnung auf einem am oberen Rand des Bildes später angebrachten Leinwandstreifen benennt die Hauptbeteiligten des Geschehens, historisch fassbare Personen. Einigen der Teilnehmer am Turnier sind in der Darstellung ihre Namen zugeordnet. Trotz der authentischen Wirkung dieser Benennungen lässt sich das erwähnte Turnier in den uns bekannten Quellen und in der Literatur nicht belegen. Turnierdarstellungen in gemalter Form sind sehr selten. Man vermutet, dass diese großformatigen Gemälde als Ersatz für nur unter größtem zeitlichen und finanziellen Aufwand herzustellende Wandteppiche gefertigt wurden. Turniere wurden in der Regel in sog. Turnierbüchern, auch in illustrierten Chroniken oder in Form von Buchillustrationen dargestellt – also in kleinem Format.

Die deutsche Bezeichnung des Gemäldes nimmt Bezug auf Erzherzog Philipp „den Schönen“ (1478 Brügge – 1506 Burgos). Dieser war der älteste Sohn Kaiser Maximilians I., des „letzten Ritters“, und seiner Gemahlin Maria von Burgund. In politisch unruhigen Zeiten zeigte sich Philipps Talent als Moderator, dessen Ratschläge jedoch vorerst ungehört blieben. 1493 baten die Generalstaaten Kaiser Maximilian I., seinem 15-jährigen Sohn die Herrschaft über die Niederlande zu gewähren. Die entsprechenden Huldigungsfeiern fanden 1494 in den einzelnen Fürstentümern statt. Seit seiner Jugend mit den Menschen und den Institutionen vertraut, gelang es Philipp, die Sympathie und das Vertrauen seiner Untertanen zu erlangen, er suchte friedliche Beziehungen zu Frankreich. Die Niederlande erlebten während seiner Regentschaft eine Wiederherstellung der inneren Ruhe und wirtschaftliches Wachstum.

1495 (per procuram) bzw. effektiv persönlich 1496 heiratete der Erzherzog Johanna von Kastilien-Aragón, während seine Schwester Margarete mit Don Juan von Kastilien-Aragón vermählt wurde. Johanna wurde schließlich Erbin der Königreiche Kastilien, Leon, Aragón und Granada. Die Habsburger standen fortan an der Spitze Spaniens und Süditaliens und der Kolonien. Philipps und Johannas Sohn Karl sollte als Kaiser Karl V. über ein Reich regieren, in dem sprichwörtlich „die Sonne nicht unterging“. Die gemeinsame Tochter Maria sollte Königin von Ungarn werden.

Das laut Bezeichnung am 19. Oktober 1494 stattgefundene Turnier steht in Zusammenhang mit den erwähnten Huldigungsfeierlichkeiten dieses Jahres. Anlässlich des Einzugs Philipps in Antwerpen fanden nachweislich zwei Turniere statt. Ein Wettkampf, auf welchem auch Friedrich der Weise von Sachsen und Erich von Braunschweig anwesend waren, ist auf einem Wandteppich im Musée des Beaux Arts in Valenciennes dargestellt. „Unser“ Turnier ist in den Quellen jedoch nicht nachweisbar. Die Gesichtszüge so manch prominenten, durch die Wappen eigentlich zu identifizierenden Teilnehmers bzw. Gastes lassen sich nicht zuordnen. Möglicherweise ist dieser Umstand durch die Tatsache zu erklären, dass das Gemälde in einem größeren zeitlichen Abstand zum Geschehen angefertigt wurde.

Dargestellt sind die verschiedenen Phasen eines Turniers: Der Einzug der Kombattanten auf dem Turnierplatz, die Wahl des Gegners, das Anlegen von Rüstung, Lanze und Schwert, der Wettstreit als solcher und das Versorgen von zu Boden gegangenen Mitstreitern. Eine der wenigen eindeutig zu identifizierenden Figuren ist übrigens Erich von Braunschweig, der rechts voranreitet und durch seine markante Helmzier gekennzeichnet ist.

In der Literatur wird vermutet, dass das vorliegende Gemälde nach einer älteren Darstellung geschaffen wurde. Vergleichsmöglichkeiten in der Kunst um 1500 gibt es zahlreiche: Auf Druckgraphiken dieser Zeit sind immer wieder Turniere dargestellt: Der um 1500 tätige „Meister MZ“ schuf einen Kupferstich, der dem unbekannten Künstler unseres Gemäldes oder ggf. der Vorlage zu diesem bekannt gewesen sein könnte. Lucas Cranachs d. Ä. Holzschnitte mit Turnierdarstellungen (1506), Hans Burgkmairs Illustrationen im „Freydal“ (um 1513) oder Jost Ammans Darstellungen für Georg Rüxners „ThurnierBuch“ (erstmals 1530 erschienen) können ebenfalls zum Vergleich herangezogen werden.

Ein interessanter Aspekt der Verwendung gemalter Turnierdarstellungen in höfischem Umfeld blieb in der wissenschaftlichen Diskussion des vorliegenden Gemäldes bislang unbehandelt: So schuf z. B. Heinrich Göding d. Ä. (1531 Braunschweig – 1606 Dresden) für die Dresdener „Stallgalerie" (die Galerie des Langen Ganges des Dresdener Stallhofes) 1589/90 u. a. 29 Turnierbilder, darstellend die „Scharfrennen" des sächsischen Kurfürsten August in den Jahren 1543 bis 1566. Kombiniert waren diese Gemälde mit 47 überlebensgroßen, ganzfigurigen Darstellungen sächsischer Herrscher. Diese Dekoration ist also im Sinne des „Herrscherlobs" zu interpretieren. Von Gödings Turnierbildern haben sich neun erhalten. Möglicherweise ist auch das vorliegende großformatige Werk für einen ähnlichen Kontext geschaffen worden.

 

 

GLANZVOLLE TELLER UND PLATTEN AUS DEM BERÜHMTEN „BAMBERGER SERVICE“, MOKKA- UND TEEKÄNNCHEN, WASSERKESSEL, TERRINEN, FLASCHENKÜHLER, ZUCKERDOSEN, TISCHGLOCKEN UND ALLERLEI BESTECK.

DAS VON NEUMEISTER PRÄSENTIERTE TAFELSILBER AUS SÁRVÁR ZEUGT VON GESELLIGEN TISCHRUNDEN AUF SCHLOSS NÁDASDY. MAN ERHÄLT EINE AHNUNG FRÜHERER TAFELFREUDEN, DIE DURCH TEILS MONOGRAMMIERTE LEUCHTER UND – EIN BESONDERS AUSGESUCHTES

STÜCK KUNSTHANDWERK – EIN PAAR DREIFLAMMIGER GIRANDOLEN MIT ÄGYPTISIERENDEN FRAUENKÖPFEN STIMMUNGSVOLL IN SZENE GESETZT WURDEN. AUCH TOILETTESPIEGEL, VISITENKARTENETUIS, ZIGARRENSCHATULLE UND WEITERE GEBRAUCHSGEGENSTÄNDE ZEUGEN VON DEN MODISCHEN VORLIEBEN DER ZEIT – UND SIND, JEDES FÜR SICH, EIN TEIL DER BAYERISCHEN GESCHICHTE.

 

BEI DEN ZUR VERSTEIGERUNG KOMMENDEN PLATTEN UND SERVICETEILEN HANDELT ES SICH UM TEILE DES BAMBERGER SERVICES, DES TAFELSILBERS DER BAMBERGER FÜRSTBISCHÖFE, DAS 1803 IM ZUGE DER SÄKULARISATION IN DIE MÜNCHENER RESIDENZ VERBRACHT WURDE. DABEI WURDEN DIE BESITZERMONOGRAMME DURCH DAS NACHTRÄGLICH AUFGEBRACHTEKÖNIGLICH- BAYERISCHEN WAPPEN ÜBERDECKT.

 

ACHTUNG: AUFRUFZEITPUNKT DER LOSE 3 - 6 
ERFOLGT NACH LOS 67 

 

ALS TEIL DES UNGARN-KONVOLUTS PRÄSENTIERT NEUMEISTER FEINES KUNSTHANDWERK AUS PORZELLAN. AUFGERUFEN WERDEN UNTER ANDEREM PRÄCHTIGE ZIERVASEN, DIE SEINERZEIT ALS SOUVENIRS UND GESCHENKE FÜR FÜRSTLICHE VERWANDTE BELIEBT WAREN UND AUCH ALS STAATSPRÄSENTE DIENTEN.

BESONDERE AUFMERKSAMKEIT VERDIENT EINE WERTVOLLE PANORAMAVASE DER KÖNIGLICHEN PORZELLANMANUFAKTUR, DIE IHREN WEG VON BERLIN NACH BAYERN FAND. AUS DEM BESITZ DER WITTELSBACHER FAMILIE STAMMEN ZUDEM MEHRERE IN NYMPHENBURG ODER MEISSEN ERSTELLTE ZIERVASEN SOWIE PRETIOSEN AUF PORZELLAN UND GLAS.

EIN STAATSBILD AUF PORZELLAN

VON BERLIN NACH BAYERN: IN DER SONDERAUKTION WIRD AUCH EINE PANORAMAVASE AUS WITTELSBACHER-BESITZ AUFGERUFEN. SIE ZEIGT EIN BUNTES STRASSENPROSPEKT BERLINS MIT ANSICHTEN DER WICHTIGSTEN GEBÄUDE DER STADT UND VERMITTELT DIE SELBSTBEWUSSTE BOTSCHAFT:

SEHT HER, DIES IST EIN IDEALES STAATSBILD!

 

 

PANORAMAVASE MIT BERLINER STRAßENPROSPEKT "UNTER DEN LINDEN"
KPM Berlin, um 1831/1834

 

Porzellan. Reiche, teils radierte Goldstaffage an Fuß, Schulter und Mündung. Vergoldeter Metallsockel. Sog. "Münchner Vase" Nr. 2 (ohne Henkel). Auf der Wandung umlaufend über einem radiertem Akanthusblattfries vor mattiertem dunkelblauem Fond buntes Straßenprospekt Berlins mit Ansicht der wichtigsten Gebäude der Stadt. Blaue Szeptermarke, rote Malereimarke. Kleiner Kratzer. H. 63 cm.

Vgl. Wittwer, Samuel, Raffinesse & Eleganz. Königliche Porzellane des frühen 19. Jahrhunderts aus der Twinight Collection New York. München 2007, Nr. 112.

 

WEITERE DETAILS ZU LOS 51

Man kann die aus Wittelsbacher Besitz stammende Panorama-Vase mit dem Straßenpanorama – nicht eigentlich einem bloßen Prospekt – als eine Reiseeinladung verstehen, als Verführung in das sogenannte Spree-Athen, in dem man alles hatte: Geschichte und Gegenwart, Baukunst und Stadtordnung, Bürgertum und Hof, Gelehrte und Mächtige. Die Stadt, ihr Hof und ihr Bürgertum stellen sich dar und vor, zeigen Pracht, Potenz und Potenzial. Es ist ein Blick in ein Goldenes Zeitalter, auch wenn dieses als Biedermeier bezeichnet wird und oft als eng gilt, weil Zensur herrschte, Patriotismus in Regionalismus verfiel und das geteilte, zersplitterte Deutschland keine Weltoder Handelsmacht war. Doch im Kleinen lag die Größe. Die Vase mit gut einer Elle Höhe (im damaligen Maß) stellt ihren Besitzer in die Mitte von Macht und Geist: Das ist ein enormer Anspruch, eine ideale Botschaft. Berlin, Hauptstadt des seit Friedrich dem Großen sich durch einen Schwenk vom Militärischen zum Aufklärerischen wandelnden Preußen, in dem selbst Voltaire eine Zeitlang lebte, wurde Weltstadt. Gewiss bedurfte es dafür etlicher Schritte, aber die Vase dokumentiert das grandiose Ergebnis dieser Metamorphose.

Seit 1820 war für alle, die Berlin kennenlerne wollten, die „Lindenrolle“ käuflich verfügbar, ein acht Meter langes Streifenpanorama mit allen Fassaden der Bauten vom Berliner Stadtschloss bis zum Brandenburger Tor. Darauf konnte man – im Fauteuil sitzend – den Boulevard „abschreiten“, an sich vorbeirollen lassen wie aus einem Gefährt heraus, und dieser koloriert erhältliche Druck wurde sogar mit einer Kapsel verkauft: Das filmische Element war vor der Erfindung des Films in den Dienst des Tourismus getreten. Die Vase aus dem Besitz der Wittelsbacher hingegen bewegt nicht den Menschen an den Fassaden entlang, sondern bietet, wenn man sie auf einem drehbaren Sockel aufstellt oder sich um sie herum begibt, einen Rundumblick von einem Ort aus. Dieser Rundumblick ist der Liebe zum Panorama geschuldet, das in jenen Jahrzehnten als Unterhaltungs- und Bildungselement florierte und für das es in Berlin sogar ein eigenes, von einem Mitglied der Familie Gropius errichtetes Gebäude gab.

Der panoramatische Blick auf dem Bauch der Vase ist mit perspektivischem Kalkül auf die gekrümmte Fläche projiziert. Der Betrachter steht, wo er oder sie heute nicht mehr stehen sollte, wenn die Freude an der Vase nicht gar zu kurz werden soll und man nicht überrollt werden will, nämlich auf der Straßenmitte Unter den Linden in Berlin. Rechts und links fluchtet der Blick in die Tiefe der Querachsen, vor und zurück geht er auf das östliche gelegene Stadtschloss und in die Tiefe der Straße Unter den Linden bis zum westwärts stehenden Brandenburger Tor.

Die Vase ist besonders, wenngleich kein Einzelstück. Eine vergleichbare, fast gleich hohe Vase aus den Jahren 1829/32 mit ebenfalls radiertem Golddekor ist beispielsweise nicht auf rundem Fuß, sondern auf quadratischer Plinthe montiert. Derartige Ziervasen sind häufiger mit einem kleineren Bildfeld und überdies mit unterschiedlichem Dekor nachweisbar, das aus umfangreicher Vergoldung oder – wie hier – in Kombination mit Farbflächen bestehen kann. Als Dekor findet man Ranken, Blattwerk, Palmetten, also das ganze Sortiment des Klassizismus. Auch die Kombination mit einem satten Blauton ist nachweisbar, ferner die Blaumarke des Szepters in Kombination mit weiteren Marken.

Bemerkenswert erscheint die ausgewogene Form des Vasenkörpers, die Eleganz des Dekors,  erfektion des Handwerklichen von der Vergoldung bis zur Porzellanmalerei. Meist sind solche Vasen aus Fuß und Korpus montiert; sie waren ja als versandfähige Souvenirs gedacht, als Geschenke für die Verwandten des Hofes, als Staatspräsent. Da man noch alles mit der Kutsche transportieren musste und für die auf Schienen rollende Eisenbahn erst in den nächsten Jahren erste Streckenabschnitte gebaut wurden, brauchte man maximale Bruchsicherheit. Da war die Möglichkeit einer Trennung von Korpus und Fuß naheliegend. In Kisten mit Holzwolle oder Sägespänen ließ sich eine solche Vase auch an die entfernten Verwandten versenden. Etwa so kann man sich vorstellen, dass das kostbare Stück aus Berlin von der Königlichen Porzellanmanufaktur an den Bestimmungsort im Süden gelangte.

Stelle man sich vor, diese Vase wurde ausgepackt und aufgestellt, so ließ sich zunächst für die Mitglieder der Wittelsbacher Familie, aus deren Besitz sie kommt, an ihre Verwandte denken, etwa an Elisabeth von Bayern, die in Berlin lebte und den preußischen Prinz Friedrich Wilhelm (IV.) geheiratet hatte. Beide führten im Berliner Schloss einen Salon, der im sogenannten Teesalon – einem von Karl Friedrich Schinkel gestalteten Raum – abgehalten wurde. Alle Berühmtheiten kamen hierher, nicht nur die Humboldts, sondern auch Künstler wie Christian Daniel Rauch, Karl Friedrich Schinkel und Christian Friedrich Tieck.

Geht man nun die Darstellung flanierend durch, so beginnt man sinnvollerweise am Sitz der Macht, am Schloss, dessen opulente Fassade noch ohne die später auf der Westseite errichtete Kuppel sichtbar ist. Der Blick passiert ein schmales Haus rechts davon, das zur sogenannten Schlossfreiheit gehört und aus zwei Vollgeschossen und einem darüberliegenden niedrigeren Obergeschoss besteht. Hieran schließt sich die Kommandantur an, das erste Haus diesseits der Brücke über den Kupfergraben. Mit großer Auffahrt versehen ist dann das noch höhere, skulptural verzierte und mit zwei Schilderhäuschen versehene Kronprinzenpalais, das im 18. Jahrhundert erbaute barocke Stadtpalais, in dem Friedrich Wilhelm zu logieren pflegte. Ein Jahrhundert später war hier die erste Filiale der Nationalgalerie, ein Ort der konsequentesten öffentlichen Zugänglichmachung moderner Kunst, dessen Direktor Ludwig Justi war und dessen Ausstrahlung nicht zuletzt die Gründung und Bestückung des Museums of Modern Art inspirierte: Nach 1919 etablierte sich hier – moderner als etwa in Paris – die Kunst der Moderne; hier hingen die Bilder Max Beckmanns und vieler anderer Künstler der Avantgarde.

Doch kehrt man in die Entstehungszeit der Vase zurück, so flaniert man weiter Unter den Linden. Das mit vier straßenseitigen Fensterachsen bescheiden erscheinende, weit in die Tiefe gestreckte Prinzessinnenpalais schließt sich an. Der kleine, verlockende Prinzessinnengarten folgt, hinter dem vor dem lichten Himmel zwei rötliche Backsteintürme mit je vier Fialen winken. Hierbei handelt es sich um die Friedrichswerdersche Kirche, einen von Schinkel entworfenen neogotischen Kirchenbau, der seit 1823 errichtet wurde. Die Kirche war 1830 vollendet; somit lässt sich die Vasenmalerei datieren. Sie entstand gewiss nicht vor 1830, vermutlich erst ab 1831, denn alles deutet auf ein vollendetes Bauwerk hin; selbst die Gerüste sind entfernt. Eine Datierung der Vase ab 1830 ist damit gesichert.

Rechts des Gärtchens findet sich die rote Kuppel der Kirche St. Hedwig, die architektonisch an das römische Pantheon erinnert und als nordalpiner Folgebau – rund und überkuppelt – zu verstehen ist. Links davon, nahe an der Prachtstraße der „Linden“, erhebt sich Christian Daniel Rauchs 1826 enthülltes bronzenes Denkmal des Fürsten Blücher, der den Fuß auf ein Kanonenrohr setzt und mit patriotischem Stolz die preußische Stadt beherrscht. Ein Umfassungsgitter schafft Distanz und einen würdigen Hoheitsraum; all diese damals üblichen Denkmaleinfassungen fielen den Metallspenden der beiden Weltkriege zum Opfer und veränderten die Wahrnehmung von Statuen, die fortan unvermittelt in urbanen Räumen aufschienen.

Nebenbei bemerkt, das Bild der Vase gibt ein Bild der Gesellschaft. Zwei Damen mit großen Hüten stehen auf der Straße; ein Halbwüchsiger hält ihnen seinen Hut bettelnd vor, was ein motivisches Wagnis in der Porzellanmalerei wäre, oder zieht er ihn vor den arrivierten Frauen? Weiter rechts stehen andere Mitglieder der Berliner Biedermeiergesellschaft, und natürlich darf auch das Militär nicht fehlen.

Wichtig ist das Königliche Opernhaus, das Georg Wenzeslaus von Knobelsdorff bis 1743 errichtet hatte, das 1843 ausbrannte und heute als Nachnachfolgebau steht. Mit dem ebenerdigen Portal lädt es ein. Mit dem Portikus zeigt es Offizialität. Als nächstes sieht man beim westwärts fortgesetzten Spaziergang die Königliche Bibliothek, ein Gebäude mit barock schwingender Fassade, und dann unter dem rötlichen Abendhimmel das damals noch zweigeschossige Palais des Prinzen Wilhelm vor dem Umbau dieses stadtbildprägenden

Hauses. Der hier noch sichtbare Altbau wich ab 1834 einem schon 1837 vollendeten Neubau für den Prinzen und späteren König und Kaiser Wilhelm I., den der Architekt Karl Ferdinand Langhans errichtete. Somit hat man einen Terminus ante quem: Das Vasenbild muss spätestens 1834 entstanden sein, da in jenem Jahr der Abbruch begann. So ergibt sich die wahrscheinliche Datierung zwischen 1831 und 1834.

Dann fluchten die Bäume gen Westen; die Straße Unter den Linden mündet in den fernen Punkt des Brandenburger Tores. Davor die Flaniermeile – von Menschen besiedelt, nicht vom modernen Tourismus. Und was auch noch fehlt, ist Rauchs kolossales bronzenes Reiterdenkmal des preußischen Königs Friedrich II. Stattdessen reitet hier auf braunem Pferd ein Militär; die Stadt ist im Alltag. Der Hund hingegen erweist sich als Requisit der Vedutenmalerei; er darf nicht fehlen, denn er vermittelt maßstäblich zwischen Gebäuden und Mensch, er ist ein kleines, niedliches Drittes, der künstlerische Überraschungsschlag, wie man das seit Canaletto kennt.

Das alte Akademiegebäude auf der rechten, der nördlichen Straßenseite sowie das hufeisenförmig zur Straße geöffnete Palais des Prinzen Heinrich, damals schon Universität, und die in perspektivischer Ferne liegende Singakademie schließen sich an. Es folgt, von den zwei weißen, in den frühen 1820ern enthüllten Marmorstatuen Bülows und Scharnhorsts – wiederum von Rauch geschaffen – flankiert, die Neue oder Königswache, die schon 1818 errichtet worden war. (Am Giebel fehlt die erst nach 1842 realisierte Skulptur.) Andreas Schlüters Zeughaus liegt wie ein erratischer Block vor der Brücke, fern gefolgt vom alten Boumannschen Dom, Bewuchs und dem rechts folgenden Apothekenflügel des Stadtschlosses. Fern im Osten winkt der spitze Turm in der Altstadt, der Marienkirchturm.

Die Berliner Gesellschaft ist durch zahlreiche gut gekleidete Bürger präsent. Dieses urbane Berlin erhebt einen Anspruch: Es will ein Spree-Athen sein, eine Stadt voller staatspolitischer Aussagen. Das Schloss als Sitz der Macht ist der Ausgangspunkt für die heranrollende Staatskarosse und die Stadt. Zeughaus und Kommandantur zeugen in der Nähe des Schlosses von Wehrhaftigkeit des Staates, die Schlossfreiheit zeugt vom wohlhabenden Bürgertum. Kronprinzen- und Prinzessinnenpalais sind Echoräume der Hohenzollernmacht, gefolgt von Singakademie, Universität und Akademie auf der nördlichen sowie von Opernhaus und Bibliothek auf der südlichen Straßenseite: Hohenzollernresidenz, Militärmacht und Geisteseinrichtungen formen ein ideales Staatsgebilde: Somit gibt diese Vase nicht weniger als ein Staatsprogramm, das auf der Harmonie von Feudalmacht und Bürgertum, von Macht und Geist beruht und sich mit jüngsten Bauten als eine Stadt voller harmonischer Entwicklungspotenziale erweist.