Carl Spitzweg - Scharwache (Nächtliche Runde)

Auktion 389, Kat.-Nr. 648

Gemälde und Graphiken 15. – 20. Jh. am 24. September 2020

Carl Spitzweg

Scharwache (Nächtliche Runde)

Schätzpreis:
€ 80.000 bis € 100.000

Differenzbesteuerung    

Ergebnis:
€ 101.600 (inkl. 27 % Käuferaufgeld)

Beschreibung:
Carl Spitzweg
1808 München - 1885 ebenda

Scharwache (Nächtliche Runde)


L. u. mit S im Rhombus bezeichnet. Öl auf Lwd. 53,5 x 31,5 cm. Doubliert. Rest. Rahmen.

Dabei: Zweiter Rahmen

Das vorliegende Gemälde ist offenbar identisch mit Nr. 111 des eigenhändigen Verkaufsverzeichnisses des Künstlers: "Scharwache (ca. 14 1/2 Zoll 18 Zoll) / 25 Juli 53 Cöln p. Pichler 14 Carolins / Motto: So ist, wenigstens für die heutige Nacht, die / Ruhe gesichert - der Staat gerettet (altes Schauspiel) / (NB 10% Rabatt nimmt d. Cöln Verein!) 6 ... 6 Sp / f 107. 6 x / erhalten dch. Anweisung / per AE v. Eichthal (vom 13. Mai 54 ..."

"Der Arme Poet" und das Gemälde "Spanisches Ständchen (Serenade)": Würde man unter Kunstfreunden im Jahr 2020 erfragen, welche Bildmotive sie mit dem Schaffen Carl Spitzwegs in Verbindung bringen, würden diese beiden Werke mit Sicherheit mit am häufigsten genannt. Während der "Arme Poet" als Ikone künstlerischer Selbstreflexion in die Kunstgeschichte eingegangen ist, zählen Spitzwegs Nachtbilder grundsätzlich zu den populärsten Werken des Künstlers. Und das "Spanische Ständchen" zeigt diesen von seiner von den Sammlern besonders geschätzten Seite: Mit vielen humorvollen Untertönen versehen, stellt er die redlich bemühten Musiker, die nachts einer jungen, angebeteten Dame ein Ständchen bringen, dar. In nicht wenigen Haushalten hängen noch heute Reproduktionen oder sogar Kopien dieser im besten Sinne "romantischen", herzerwärmenden Schöpfung des nimmermüden Malers.

Nachtszenerien finden sich in Carl Spitzwegs Schaffen vermehrt ab den 1860er Jahren. Das blaugrüne Mondlicht zog das besondere Interesse des Künstlers auf sich, mit seiner nur ihm eigenen Art, dieses Licht auf Dächern, Fassaden und Straßen sich widerspiegeln zu lassen, malte er sich in die Herzen der Sammler.

Das Gemälde gibt jedoch nicht nur die "nächtliche Runde" der Scharwache als solche wieder. Nicht zum ersten Mal nimmt Carl Spitzweg - wenn auch in äußerst atmosphärischer, stimmungsvoller Weise - auf die Lebensumstände seiner Zeit Bezug: Im nachrevolutionären Deutschland war es üblich, Scharwachen, also Mitglieder der Bürgerwehr, für Ruhe und Ordnung sorgen zu lassen. Dies war begründet nicht nur durch die Sorge um die Sicherheit der Bevölkerung, sondern auch in der Angst vor Unruhen, die von der Obrigkeit unbedingt vermieden werden wollten. Die Mitglieder der Bürgerwehr trugen meist ihre alten Uniformen aus Zeiten des aktiven militärischen Dienstes auf, nicht selten kombiniert mit neueren "Accessoires". Auch die Männer unserer Scharwache sind in deutlich aus der Mode gekommenen Uniformröcken unterwegs, auf dem Kopf den noch aus napoleonischen Zeiten stammenden Zweispitz. Nur der Mond ist Zeuge ihres nächtlichen "Treibens" in der schlafenden und verschlafenen Stadt des deutschen "risorgimento" ...


Literatur: Roennefahrt, Günther, Carl Spitzweg. Beschreibendes Verzeichnis seiner Gemälde, Ölstudien und Aquarelle. München 1960, S. 214, WVZ-Nr. 761 (ohne Abb.): mit Maßangabe 54 x 32 cm. - Vgl. Wichmann, Siegfried, Carl Spitzweg. Verzeichnis der Werke - Gemälde und Aquarelle. Stuttgart 2002, S. 572, WVZ-Nr. 1585 (mit Abb.).

Provenienz: Kunstverein Köln (1853). - Rheinischer Privatbesitz (1938). - Sammlung Walter Franz, Köln (bis 1984). - Sonderauktion Sammlung Walter Franz, Lempertz, Köln, 2. und 4. Juni 1984, Kat.-Nr. 204 (mit Farbtafel XVI);: dort weitere Provenienzangaben Sammlung Julius Böhler München und Kunsthaus Lempertz, Köln. - Sammlung Friedrich Wilhelm Waffenschmidt, Köln. - Van Ham, Köln, Auktion 401, 17. Mai 2018, Kat.-Nr. 991. - Privatbesitz.


Provenienz: Stellungnahme Detlef Rosenberger, Oberostendorf, 22. August 2020.

Ausstellung: Kunstverein für die Rheinlande und Westfalen, Düsseldorf, "Meisterwerke deutscher Malerei des 19. Jahrhunderts aus rheinischem Privatbesitz", Januar bis 13. Februar 1938, Kat.-Nr. 46.


Signatur-Bez-Vorne:
L. u. mit S im Rhombus bezeichnet
Technik:
Öl
Träger:
auf Lwd
Maße:
53,5 x 31,5 cm
Zustand:
Doubliert. Rest
Rahmen:
Rahmen
Dabei:
Zweiter Rahmen
Provenienz:
Stellungnahme Detlef Rosenberger, Oberostendorf, 22. August 2020.
Ausstellung:
Kunstverein für die Rheinlande und Westfalen, Düsseldorf, "Meisterwerke deutscher Malerei des 19. Jahrhunderts aus rheinischem Privatbesitz", Januar bis 13. Februar 1938, Kat.-Nr. 46.
Kommentar:
Das vorliegende Gemälde ist offenbar identisch mit Nr. 111 des eigenhändigen Verkaufsverzeichnisses des Künstlers: "Scharwache (ca. 14 1/2 Zoll 18 Zoll) / 25 Juli 53 Cöln p. Pichler 14 Carolins / Motto: So ist, wenigstens für die heutige Nacht, die / Ruhe gesichert - der Staat gerettet (altes Schauspiel) / (NB 10% Rabatt nimmt d. Cöln Verein!) 6 ... 6 Sp / f 107. 6 x / erhalten dch. Anweisung / per AE v. Eichthal (vom 13. Mai 54 ..." "Der Arme Poet" und das Gemälde "Spanisches Ständchen (Serenade)": Würde man unter Kunstfreunden im Jahr 2020 erfragen, welche Bildmotive sie mit dem Schaffen Carl Spitzwegs in Verbindung bringen, würden diese beiden Werke mit Sicherheit mit am häufigsten genannt. Während der "Arme Poet" als Ikone künstlerischer Selbstreflexion in die Kunstgeschichte eingegangen ist, zählen Spitzwegs Nachtbilder grundsätzlich zu den populärsten Werken des Künstlers. Und das "Spanische Ständchen" zeigt diesen von seiner von den Sammlern besonders geschätzten Seite: Mit vielen humorvollen Untertönen versehen, stellt er die redlich bemühten Musiker, die nachts einer jungen, angebeteten Dame ein Ständchen bringen, dar. In nicht wenigen Haushalten hängen noch heute Reproduktionen oder sogar Kopien dieser im besten Sinne "romantischen", herzerwärmenden Schöpfung des nimmermüden Malers. Nachtszenerien finden sich in Carl Spitzwegs Schaffen vermehrt ab den 1860er Jahren. Das blaugrüne Mondlicht zog das besondere Interesse des Künstlers auf sich, mit seiner nur ihm eigenen Art, dieses Licht auf Dächern, Fassaden und Straßen sich widerspiegeln zu lassen, malte er sich in die Herzen der Sammler. Das Gemälde gibt jedoch nicht nur die "nächtliche Runde" der Scharwache als solche wieder. Nicht zum ersten Mal nimmt Carl Spitzweg - wenn auch in äußerst atmosphärischer, stimmungsvoller Weise - auf die Lebensumstände seiner Zeit Bezug: Im nachrevolutionären Deutschland war es üblich, Scharwachen, also Mitglieder der Bürgerwehr, für Ruhe und Ordnung sorgen zu lassen. Dies war begründet nicht nur durch die Sorge um die Sicherheit der Bevölkerung, sondern auch in der Angst vor Unruhen, die von der Obrigkeit unbedingt vermieden werden wollten. Die Mitglieder der Bürgerwehr trugen meist ihre alten Uniformen aus Zeiten des aktiven militärischen Dienstes auf, nicht selten kombiniert mit neueren "Accessoires". Auch die Männer unserer Scharwache sind in deutlich aus der Mode gekommenen Uniformröcken unterwegs, auf dem Kopf den noch aus napoleonischen Zeiten stammenden Zweispitz. Nur der Mond ist Zeuge ihres nächtlichen "Treibens" in der schlafenden und verschlafenen Stadt des deutschen "risorgimento" ... Literatur: Roennefahrt, Günther, Carl Spitzweg. Beschreibendes Verzeichnis seiner Gemälde, Ölstudien und Aquarelle. München 1960, S. 214, WVZ-Nr. 761 (ohne Abb.): mit Maßangabe 54 x 32 cm. - Vgl. Wichmann, Siegfried, Carl Spitzweg. Verzeichnis der Werke - Gemälde und Aquarelle. Stuttgart 2002, S. 572, WVZ-Nr. 1585 (mit Abb.). Provenienz: Kunstverein Köln (1853). - Rheinischer Privatbesitz (1938). - Sammlung Walter Franz, Köln (bis 1984). - Sonderauktion Sammlung Walter Franz, Lempertz, Köln, 2. und 4. Juni 1984, Kat.-Nr. 204 (mit Farbtafel XVI);: dort weitere Provenienzangaben Sammlung Julius Böhler München und Kunsthaus Lempertz, Köln. - Sammlung Friedrich Wilhelm Waffenschmidt, Köln. - Van Ham, Köln, Auktion 401, 17. Mai 2018, Kat.-Nr. 991. - Privatbesitz.