Paul (Hippolyte) Delaroche - Figuren-, Kopf- und Handstudien zur Ausmalung der Kirche "La Madeleine" in Paris

Auktion 390, Kat.-Nr. 623

Gemälde und Graphiken 15. – 20. Jh. am 3. Dezember 2020

Paul (Hippolyte) Delaroche

Figuren-, Kopf- und Handstudien zur Ausmalung der Kirche "La Madeleine" in Paris

Schätzpreis:
€ 40.000 bis € 60.000

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noch erhältlich
Beschreibung:
Paul (Hippolyte) Delaroche
1797 Paris - 1856 ebenda

Figuren-, Kopf- und Handstudien zur Ausmalung der Kirche "La Madeleine" in Paris


Zwei Gemälde. Rücks. jew. Leinwandstempel "Vallé & Bourniche / Seuls Elèves es succ. de / Belot / Rue de lArbre Sec °3". Öl auf Lwd. Je 66 x 55 cm. Rest. Rahmen besch.

Studien eines sitzenden Mannes, verschiedener Männerköpfe und der Figur der büßenden Magdalena.

Paul Delaroche gilt als der wichtigste Vertreter der Historien-Genremalerei in Frankreich und hat maßgeblich dazu beigetragen, diese als anerkannte Form der Salonmalerei zu etablieren. Seit ungefähr 1830 stand er in engem Kontakt mit der Maison Goupil und hatte so die Möglichkeit, seine Hauptwerke von den besten Reproduktionsstechern umsetzen zu lassen und sie in Form der Druckgraphiken verbreiten zu lassen. Goupil beauftragte schließlich auch Robert Jefferson Bingham, das Werk Delaroches zu fotografieren. Dies bedeutete die erste umfangreiche Dokumentation des Schaffen eines zeitgenössischen Künstlers, die sich an die posthume Retrospektive des Oeuvres Delaroches in der École des Beaux-Arts (1857) anschließen sollte.

Bereits früh (ab 1822) hatte Paul Delaroche begonnen, seine Werke im Pariser Salon auszustellen. Mit meist dramatischen, emotionsbetonten biblischen und historischen Themen begeisterte er die Zeitgenossen, auch bereits etablierte Künstler wie z. B. Théodore Géricault waren voll des Lobes. In den Zeiten der Revolution von 1830 kommen Delaroche seine guten Beziehungen zum Haus Orléans sehr zustatten, mit den danach folgenden Ausstellungen im Salon kann er seine Bekanntheit und Anerkennung weiter steigern, 1832 wird er in einem ungewöhnlich jungen Alter in die Académie des Beaux-Arts aufgenommen. Seit 1833 leitet er an der École des Beaux-Arts eines der gefragtesten Ateliers seiner Zeit.

Ein Jahr darauf, 1834, erhält er seinen bis dahin prominentesten Auftrag: Er soll einen Freskenzyklus für die neu gebaute Église de la Madeleine schaffen. Kurz darauf begibt er sich mit Künstlerfreunden auf eine Studienreise nach Italien, 1835 heiratet er Louise, die Tochter des berühmten Malers Horace Vernet. Noch in Rom wird ihm mitgeteilt, dass der zentrale Teil seines Auftrages für La Madeleine, die Gestaltung der Apsis, an Jules-Claude Ziegler vergeben wurde. Paul Delaroche zieht sich schließlich von diesem Projekt zurück.

Delaroches künstlerischer Erfolg dauert jedoch an, zu seinen - mittlerweile auch internationalen - Auftraggebern gehören u. a. der Thronfolger, Henri duc dOrléans sowie einer der berühmtesten Sammler seiner Zeit, Athanasius Raczynski. Sein berühmtestes, bis heute erhaltenes Werk entsteht ab 1837. In diesem Jahr erhält er den Auftrag, den "Hémicycle" im neu gebauten Palais der École des Beaux Arts auszumalen, sein monumentalstes Werk: Er stellt am Ort der Preisverleihungen der École die Künstler aller Zeiten dar und orientiert sich dabei selbstbewusst an berühmten Vorbildern wie Raffaels "Schule von Athen" und Ingres "Apothéose dHomer".

Die beiden vorliegenden Gemälde mit Studien zur Gestaltung der sechs, hoch im Kirchenschiff anzubringenden Lünetten von La Madeleine gehen auf einen Auftrag vom 12. November 1833 zurück. Nach seiner Rückkehr aus Italien arbeitete er für kurze Zeit weiter an diesem Auftrag. Nachdem er den zuständigen Minister Adolphe Thiers jedoch nicht überzeugen konnte, den Auftrag für die Gestaltung der Apsis an Jules-Claude Ziegler zu widerrufen, zog er sich von diesem Projekt komplett zurück und erstattete dem Minister auch den beachtlichen Vorschuss von 20.000 Francs zurück.

Im Pariser Louvre wird eine Serie undatierter Zeichnungen und Aquarelle aufbewahrt, die vom Künstler im Rahmen des ursprünglichen Projekts angefertigt worden waren. Die beiden vorliegenden Leinwandgemälde scheinen von tragender Bedeutung für das Projekt gewesen zu sein. Die individuellen Studien bärtiger Männer stehen in deutlichem Kontext mit den Zeichnungen des Louvre. Die überaus präzise Ausarbeitung der Studien erklärt Stephen Bann in einem für den Vorbesitzer erstellten Exposé mit der Tatsache, dass Paul Delaroche für das Projekt ausgesprochen skrupulös und detailversessen recherchierte. Der Künstler war sich seiner Verantwortung bezüglich des Auftrages für La Madeleine mehr als bewusst und wollte diesem bestmöglich gerecht werden. Im Projekt für den "Hémicycle" des Palais der Ècole des Beaux-Arts konnte Delaroche schließlich nur wenige Jahre nach seinem Ausstieg aus dem Madeleine-Projekt seine Vorliebe für authentische Kostüme und die Wiedergabe kleinster physiognomischer Details in sein bedeutendstes Werk einfliessen lassen.

Vgl. zum Projekt der Ausgestaltung von La Madeleine: Bann, Stephen, Paul Delaroche - History Painted. London 1997, S. 13, 174-78. - Brunel, Georges, "Delaroche et le projet de la Madeleine" in Ausst.-Kat. Paul Delaroche - Un peintre dans lhistoire. Nantes, Musée des Beaux-Arts, 22. Oktober 1999 - 17. Januar 2000 u. a. Paris 1999, S. 87-103.

Provenienz: 2015 aus französischem Privatbesitz erworben. - Privatsammlung.


Titel-Zusatz:
Zwei Gemälde


Signatur-Bez-Recto:
Rücks. jew. Leinwandstempel "Vallé & Bourniche / Seuls Elèves es succ. de / Belot / Rue de lArbre Sec °3"
Technik:
Öl
Träger:
auf Lwd
Zustand:
Rest
Rahmen:
Rahmen besch
Provenienz:
2015 aus französischem Privatbesitz erworben. - Privatsammlung.
Kommentar:
Paul Delaroche gilt als der wichtigste Vertreter der Historien-Genremalerei in Frankreich und hat maßgeblich dazu beigetragen, diese als anerkannte Form der Salonmalerei zu etablieren. Seit ungefähr 1830 stand er in engem Kontakt mit der Maison Goupil und hatte so die Möglichkeit, seine Hauptwerke von den besten Reproduktionsstechern umsetzen zu lassen und sie in Form der Druckgraphiken verbreiten zu lassen. Goupil beauftragte schließlich auch Robert Jefferson Bingham, das Werk Delaroches zu fotografieren. Dies bedeutete die erste umfangreiche Dokumentation des Schaffen eines zeitgenössischen Künstlers, die sich an die posthume Retrospektive des Oeuvres Delaroches in der École des Beaux-Arts (1857) anschließen sollte. Bereits früh (ab 1822) hatte Paul Delaroche begonnen, seine Werke im Pariser Salon auszustellen. Mit meist dramatischen, emotionsbetonten biblischen und historischen Themen begeisterte er die Zeitgenossen, auch bereits etablierte Künstler wie z. B. Théodore Géricault waren voll des Lobes. In den Zeiten der Revolution von 1830 kommen Delaroche seine guten Beziehungen zum Haus Orléans sehr zustatten, mit den danach folgenden Ausstellungen im Salon kann er seine Bekanntheit und Anerkennung weiter steigern, 1832 wird er in einem ungewöhnlich jungen Alter in die Académie des Beaux-Arts aufgenommen. Seit 1833 leitet er an der École des Beaux-Arts eines der gefragtesten Ateliers seiner Zeit. Ein Jahr darauf, 1834, erhält er seinen bis dahin prominentesten Auftrag: Er soll einen Freskenzyklus für die neu gebaute Église de la Madeleine schaffen. Kurz darauf begibt er sich mit Künstlerfreunden auf eine Studienreise nach Italien, 1835 heiratet er Louise, die Tochter des berühmten Malers Horace Vernet. Noch in Rom wird ihm mitgeteilt, dass der zentrale Teil seines Auftrages für La Madeleine, die Gestaltung der Apsis, an Jules-Claude Ziegler vergeben wurde. Paul Delaroche zieht sich schließlich von diesem Projekt zurück. Delaroches künstlerischer Erfolg dauert jedoch an, zu seinen - mittlerweile auch internationalen - Auftraggebern gehören u. a. der Thronfolger, Henri duc dOrléans sowie einer der berühmtesten Sammler seiner Zeit, Athanasius Raczynski. Sein berühmtestes, bis heute erhaltenes Werk entsteht ab 1837. In diesem Jahr erhält er den Auftrag, den "Hémicycle" im neu gebauten Palais der École des Beaux Arts auszumalen, sein monumentalstes Werk: Er stellt am Ort der Preisverleihungen der École die Künstler aller Zeiten dar und orientiert sich dabei selbstbewusst an berühmten Vorbildern wie Raffaels "Schule von Athen" und Ingres "Apothéose dHomer". Die beiden vorliegenden Gemälde mit Studien zur Gestaltung der sechs, hoch im Kirchenschiff anzubringenden Lünetten von La Madeleine gehen auf einen Auftrag vom 12. November 1833 zurück. Nach seiner Rückkehr aus Italien arbeitete er für kurze Zeit weiter an diesem Auftrag. Nachdem er den zuständigen Minister Adolphe Thiers jedoch nicht überzeugen konnte, den Auftrag für die Gestaltung der Apsis an Jules-Claude Ziegler zu widerrufen, zog er sich von diesem Projekt komplett zurück und erstattete dem Minister auch den beachtlichen Vorschuss von 20.000 Francs zurück. Im Pariser Louvre wird eine Serie undatierter Zeichnungen und Aquarelle aufbewahrt, die vom Künstler im Rahmen des ursprünglichen Projekts angefertigt worden waren. Die beiden vorliegenden Leinwandgemälde scheinen von tragender Bedeutung für das Projekt gewesen zu sein. Die individuellen Studien bärtiger Männer stehen in deutlichem Kontext mit den Zeichnungen des Louvre. Die überaus präzise Ausarbeitung der Studien erklärt Stephen Bann in einem für den Vorbesitzer erstellten Exposé mit der Tatsache, dass Paul Delaroche für das Projekt ausgesprochen skrupulös und detailversessen recherchierte. Der Künstler war sich seiner Verantwortung bezüglich des Auftrages für La Madeleine mehr als bewusst und wollte diesem bestmöglich gerecht werden. Im Projekt für den "Hémicycle" des Palais der Ècole des Beaux-Arts konnte Delaroche schließlich nur wenige Jahre nach seinem Ausstieg aus dem Madeleine-Projekt seine Vorliebe für authentische Kostüme und die Wiedergabe kleinster physiognomischer Details in sein bedeutendstes Werk einfliessen lassen. Vgl. zum Projekt der Ausgestaltung von La Madeleine: Bann, Stephen, Paul Delaroche - History Painted. London 1997, S. 13, 174-78. - Brunel, Georges, "Delaroche et le projet de la Madeleine" in Ausst.-Kat. Paul Delaroche - Un peintre dans lhistoire. Nantes, Musée des Beaux-Arts, 22. Oktober 1999 - 17. Januar 2000 u. a. Paris 1999, S. 87-103.