Die Predigt des Hl. Paulus auf dem Areopag in Athen

Auktion 384, Kat.-Nr. 179

ALTE KUNST UND SONDERAUKTION DER SAMMLUNG MELETTA ART & INTERIEURS am 3. Juli 2019

Die Predigt des Hl. Paulus auf dem Areopag in Athen

Schätzpreis:
€ 120.000 bis € 150.000

Differenzbesteuerung    

noch erhältlich

Beschreibung:
Tisi, Benvenuto
(Il Garofalo)
um 1476 Ferrara - 1559 ebenda

Die Predigt des Hl. Paulus auf dem Areopag in Athen


Öl auf Holz. 160 x 144 cm. Parkettiert. Rest. Min. besch. Rahmen.

"Denn als ich umherging und mir eure Heiligtümer ansah, fand ich auch einen Altar mit der Aufschrift: EINEM UNBEKANNTEN GOTT. Was ihr verehrt, ohne es zu kennen, das verkünde ich euch." (Apostelgeschichte 17, 16-34, hier 23). Mit diesen Worten leitet der Hl. Paulus auf dem Areopag zu Athen seine Rede zu den Philosophen ein. Diese hatten ihn, nachdem er in der Synagoge und auf dem Markt mit den Bewohnern über die Unzahl von "Götzenbildern" diskutiert hatte, die er bei seinen Gängen durch die Stadt gesehen hatte, gebeten, ihnen auf dem Areopag seine Ansichten mitzuteilen. In einer ruinenhaften Arena, einer Bühne gleich, auf einem hohen Sockel stehend, findet sich der Hl. Paulus auf dem vorliegenden Gemälde inmitten der ihm zuhörenden, aber auch untereinander diskutierenden Mitglieder des Areopags, des höchsten Rates Athens, wieder. Im Predigtgestus hat er seine rechte Hand erhoben. Auf dem Sockel ist schwach eine Darstellung zu erkennen, wie er selbst an seinen Episteln schreibt. Im Hintergrund ist auf einem Berg eine Stadt mit einem Kastell wiedergegeben. Garofalo wiederholt hier ein Werk, das er bereits 1523 geschaffen hatte. Damals malte er im Augustinerkloster SantAndrea seiner Geburtsstadt ein großformatiges Fresko, das aus vielen einzelnen Szenen besteht und das Alte und Neue Testament einander gegenüberstellt. Im Zentrum steht Christus am Kreuz, links von ihm sitzt eine Personifikation des Neuen Testaments, während rechts von ihm der "Alte Glaube", die "Synagoge" in Gestalt einer alten Frau mit verbundenen Augen, die auf einem Esel reitet, in der Hand ein zerbrochenes Szepter haltend, die Szene verlässt. Die Predigt des Hl. Paulus auf dem Areopag ist in der linken oberen Ecke des Freskos wiedergegeben. Im Jahre 1841 wurde dieses auf Leinwand übertragen und befindet sich heute in der Pinacoteca Nazionale in Ferrara. Der Auftrag an Garofalo zu diesem Fresko erging in einer Zeit, in welcher die katholische Kirche, und mit ihr der Augustinerorden, sich auch in Ferrara mit den neuen reformatorischen Gedanken eines Martin Luther auseinanderzusetzen hatte. Zugleich sah man sich offenbar in der Situation, gegen den "Alten Glauben", vertreten durch eine nicht kleine jüdische Gemeinde in Ferrara, ein Zeichen setzen zu wollen (vgl. Prosperi, s. u., S. 60). In diesem Zusammenhang kommt der Areopagrede des Hl. Paulus besonderes inhaltliches Gewicht zu, da er vor dem Hintergrund der in ganz Athen aufgestellten "Götzenbilder" versucht, den neuen, christlichen Glauben zu verkündigen. Der lokale Bezug der Darstellung Garofalos zu Ferrara selbst wird überdeutlich bei der Phantasiewiedergabe einer Stadt im Hintergrund: Bei dem diese dominierenden Kastell handelt es sich um nichts anderes als eine Allusion auf das Castello Estense, den Sitz der Este in Ferrara. Michele Danieli hebt in seiner Stellungnahme hervor, dass es im Schaffen Garofalos häufiger zu Wiederholungen der eigenen Bilderfindungen kommt. Aus stilistischen Gründen datiert Danieli das Gemälde in die Zeit um 1535-40. Benvenuto Tisi, Il Garofalo, begegnete dem Schaffen Pinturicchios, Peruginos und vor allem Raffaels erstmals auf seiner Romreise im Jahre 1500. Die Kunst Roms sollte ihn maßgeblich prägen, von großem Einfluss war jedoch auch das Werk Giorgiones, dem er freundschaftlich verbunden war. 1512 unternahm er seine zweite Romreise, es sollte nun seine "raffaeleske" Schaffenszeit anbrechen. Auch bei dem vorliegenden Gemälde ist der Einfluss Raffaels hinsichtlich der Komposition nicht zu übersehen (man vergleiche dessen "Schule von Athen", entstanden 1510/11). Zu Unrecht wurde Garofalo über lange Jahre von der Wissenschaft als Epigone Raffaels eingeordnet, erst in jüngerer Zeit wird seine künstlerische Individualität, die zwischen dem klassischen Ideal der Kunst Raffaels und der lebhaften und markanten venezianischen Farbigkeit changiert, gewürdigt. Garofalo setzte sich Zeit seines Lebens mit den Arbeiten seiner Zeitgenossen auseinander und fand in ihnen Inspiration zu einer eigenen, unverwechselbaren Kunst. Literatur: Fioravanti Baraldi, Anna Maria, Il Garofalo. Benvenuto Tisi - Pittore (c. 1476-1559). Catalogo generale. Ferrara 1993, S. 163 ff., WVZ-Nr. 99 "LAntico e il Nuovo Testamento": das Fresko in der Pinacoteca Nazionale, Ferrara. - Prosperi, Adriano, Justice Blindfolded - The Historical Course of an Image. Leiden 2018, S.60.

Gutachten Prof. Michele Danieli, Bologna, 28. Januar 2019.

Wir danken Prof.ssa Anna Maria Fioravanti Baraldi, Ferrara, für Ihre freundliche Unterstützung . Sie schließt sich der Meinung Michele Danielis auf Basis von Photographien an.


Technik:
Öl
Träger:
auf Holz
Maße:
160 x 144 cm
Zustand:
Parkettiert. Rest. Min. besch
Rahmen:
Rahmen
Echtheit:
Gutachten Prof. Michele Danieli, Bologna, 28. Januar 2019.
Danksagung:
Wir danken Prof.ssa Anna Maria Fioravanti Baraldi, Ferrara, für Ihre freundliche Unterstützung . Sie schließt sich der Meinung Michele Danielis auf Basis von Photographien an.
Kommentar:
"Denn als ich umherging und mir eure Heiligtümer ansah, fand ich auch einen Altar mit der Aufschrift: EINEM UNBEKANNTEN GOTT. Was ihr verehrt, ohne es zu kennen, das verkünde ich euch." (Apostelgeschichte 17, 16-34, hier 23). Mit diesen Worten leitet der Hl. Paulus auf dem Areopag zu Athen seine Rede zu den Philosophen ein. Diese hatten ihn, nachdem er in der Synagoge und auf dem Markt mit den Bewohnern über die Unzahl von "Götzenbildern" diskutiert hatte, die er bei seinen Gängen durch die Stadt gesehen hatte, gebeten, ihnen auf dem Areopag seine Ansichten mitzuteilen. In einer ruinenhaften Arena, einer Bühne gleich, auf einem hohen Sockel stehend, findet sich der Hl. Paulus auf dem vorliegenden Gemälde inmitten der ihm zuhörenden, aber auch untereinander diskutierenden Mitglieder des Areopags, des höchsten Rates Athens, wieder. Im Predigtgestus hat er seine rechte Hand erhoben. Auf dem Sockel ist schwach eine Darstellung zu erkennen, wie er selbst an seinen Episteln schreibt. Im Hintergrund ist auf einem Berg eine Stadt mit einem Kastell wiedergegeben. Garofalo wiederholt hier ein Werk, das er bereits 1523 geschaffen hatte. Damals malte er im Augustinerkloster SantAndrea seiner Geburtsstadt ein großformatiges Fresko, das aus vielen einzelnen Szenen besteht und das Alte und Neue Testament einander gegenüberstellt. Im Zentrum steht Christus am Kreuz, links von ihm sitzt eine Personifikation des Neuen Testaments, während rechts von ihm der "Alte Glaube", die "Synagoge" in Gestalt einer alten Frau mit verbundenen Augen, die auf einem Esel reitet, in der Hand ein zerbrochenes Szepter haltend, die Szene verlässt. Die Predigt des Hl. Paulus auf dem Areopag ist in der linken oberen Ecke des Freskos wiedergegeben. Im Jahre 1841 wurde dieses auf Leinwand übertragen und befindet sich heute in der Pinacoteca Nazionale in Ferrara. Der Auftrag an Garofalo zu diesem Fresko erging in einer Zeit, in welcher die katholische Kirche, und mit ihr der Augustinerorden, sich auch in Ferrara mit den neuen reformatorischen Gedanken eines Martin Luther auseinanderzusetzen hatte. Zugleich sah man sich offenbar in der Situation, gegen den "Alten Glauben", vertreten durch eine nicht kleine jüdische Gemeinde in Ferrara, ein Zeichen setzen zu wollen (vgl. Prosperi, s. u., S. 60). In diesem Zusammenhang kommt der Areopagrede des Hl. Paulus besonderes inhaltliches Gewicht zu, da er vor dem Hintergrund der in ganz Athen aufgestellten "Götzenbilder" versucht, den neuen, christlichen Glauben zu verkündigen. Der lokale Bezug der Darstellung Garofalos zu Ferrara selbst wird überdeutlich bei der Phantasiewiedergabe einer Stadt im Hintergrund: Bei dem diese dominierenden Kastell handelt es sich um nichts anderes als eine Allusion auf das Castello Estense, den Sitz der Este in Ferrara. Michele Danieli hebt in seiner Stellungnahme hervor, dass es im Schaffen Garofalos häufiger zu Wiederholungen der eigenen Bilderfindungen kommt. Aus stilistischen Gründen datiert Danieli das Gemälde in die Zeit um 1535-40. Benvenuto Tisi, Il Garofalo, begegnete dem Schaffen Pinturicchios, Peruginos und vor allem Raffaels erstmals auf seiner Romreise im Jahre 1500. Die Kunst Roms sollte ihn maßgeblich prägen, von großem Einfluss war jedoch auch das Werk Giorgiones, dem er freundschaftlich verbunden war. 1512 unternahm er seine zweite Romreise, es sollte nun seine "raffaeleske" Schaffenszeit anbrechen. Auch bei dem vorliegenden Gemälde ist der Einfluss Raffaels hinsichtlich der Komposition nicht zu übersehen (man vergleiche dessen "Schule von Athen", entstanden 1510/11). Zu Unrecht wurde Garofalo über lange Jahre von der Wissenschaft als Epigone Raffaels eingeordnet, erst in jüngerer Zeit wird seine künstlerische Individualität, die zwischen dem klassischen Ideal der Kunst Raffaels und der lebhaften und markanten venezianischen Farbigkeit changiert, gewürdigt. Garofalo setzte sich Zeit seines Lebens mit den Arbeiten seiner Zeitgenossen auseinander und fand in ihnen Inspiration zu einer eigenen, unverwechselbaren Kunst. Literatur: Fioravanti Baraldi, Anna Maria, Il Garofalo. Benvenuto Tisi - Pittore (c. 1476-1559). Catalogo generale. Ferrara 1993, S. 163 ff., WVZ-Nr. 99 "LAntico e il Nuovo Testamento": das Fresko in der Pinacoteca Nazionale, Ferrara. - Prosperi, Adriano, Justice Blindfolded - The Historical Course of an Image. Leiden 2018, S.60.