Lucas Cranach d. Ä. und Werkstatt - Philipp Melanchthon

Auktion 407, Kat.-Nr. 425

WINTERAUKTION

am 7. Dezember 2022 bis 8. Dezember 2022

Lucas Cranach d. Ä. und Werkstatt

1472 Kronach - 1553 Weimar

Philipp Melanchthon

Schätzpreis:
€ 100.000 bis € 120.000

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noch erhältlich

Beschreibung:
Lucas Cranach d. Ä. und Werkstatt

1472 Kronach - 1553 Weimar

Philipp Melanchthon

(1497-1560). M. r. Schlangensignum mit angelegten Vogelschwingen und 1543 datiert. Rücks. Klebezettel mit Wappen Lucas Cranachs. Öl auf Holz. 20,6 x 15,1 cm. Rest. Besch. Rahmen besch.

Wittenberg im heutigen Sachsen-Anhalt war um 1500 ein Ort größter Gelehrsamkeit. 1502 gründete Kurfürst Friedrich III. von Sachsen (Friedrich der Weise) dort eine Universität, die sich in den folgenden Jahren zu einer der bedeutendsten Universitäten der damaligen Zeit entwickelte. An dieser Universität promovierte Martin Luther 1512 in Theologie und erhielt 1513/14 die Professur für Bibelauslegung. 1518 wurde dann Philipp Melanchthon auf Empfehlung von Johannes Reuchlin auf den neu gegründeten Lehrstuhl für Altgriechisch berufen, zu diesem Zeitpunkt gerade einmal 21 Jahre alt. Luther war begeistert von dem jungen Professor: "In meinem ganzen Lehramt achte ich nichts höher als den Rat Philipps". In langjähriger Freundschaft und Zusammenarbeit sind nun zwei eigenständige, große Geister verbunden, die sich in vielen Themen gegenseitig unterstützten. Melanchthon trug beispielweise mit seinen Sprach-Kenntnissen entscheidend zur Bibelübersetzung Luthers bei. Neben seinem Lehrauftrag war Philipp Melanchthon Vertreter der Wittenbergischen Positionen auf Reichstagen und reichsübergreifenden Religionsgesprächen, sicherlich am bedeutendsten seine Verhandlungen auf dem Reichstag in Augsburg 1530. Melanchthon war aber nicht nur Unterstützer und Vermittler der Reformation, er war ein Universalgelehrter. Neben den Sprachen beschäftigte er sich umfassend mit Theologie, Mathematik, Astronomie, Rechtswissenschaften, Geschichtsschreibung, medizinischen Erkenntnissen und Philosophie. Auch gründete er Lateinschulen und entwickelte Reformen für Schulen wie Universitäten, womit er als "Praeceptor Germaniae" ("Lehrer Deutschlands") in die Geschichte einging. Die Bildnisse Melanchthons von Lucas Cranach d. Ä. und seiner Werkstatt sind in der Regel als Bildnispaar mit Martin Luther angelegt. 1532 entstehen die ersten dieser Doppelbildnisse, Melanchthon hier gekleidet in schwarzer Schaube, der Tracht der Universitätslehrer (ein solches Bildnis beispielsweise in den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen, Inv.-Nr. 713 B). In der Serie an Bildnispaaren, die 1543 entstanden und in die auch vorliegendes Bildnis einzuordnen ist, trägt Melanchthon neben der universitären Kleidung noch ein Barett, die Reformatorenkappe, und der kurze Spitzbart ist zu einem Vollbart geworden. Dieser Typus fand 1544 sogar Eingang in die Buchmalerei und findet sich auf dem Vorsatzblatt der Prachtbibel Georg III. von Anhalt. Und auch im 17. Jahrhundert noch inspirierte diese Darstellung die Künstler. So findet sich in der Deutschen Barockgalerie im Schaezlerpalais, Augsburg, ein Stillleben des Künstlers Sebastian Stoßkopff (1597 Straßburg - 1657 Idstein/Taunus), das den Melanchthon-Typus unseres Gemäldes, gerahmt von Büchern, Schriften und Blumen zeigt. Lucas Cranach der Ältere wurde 1505 von Kurfürst Friedrich III. von Sachsen (Friedrich der Weise) als Hofmaler nach Wittenberg berufen. 1508 verlieh ihm der Kurfürst den Wappenbrief und die Familie Cranach trug seither das Wappen, das uns noch heute als das Signum der Cranachschen Werke bekannt ist: die geflügelte Schlange mit einem Rubinring im Maul. Als Hofmaler unterlag Cranach nicht den städtischen Zunftordnungen und konnte eine große Werkstatt mit zahlreichen Mitarbeitern führen. Die Größe dieser Werkstatt erlaubte ihm auch bei seinen durch seine höfische Position bedingten, oft längeren Abwesenheiten von Wittenberg, einen reibungslosen Betrieb der Werkstatt. Für das konstant qualitative Niveau der Werke, reichte jedoch allein eine hohe Zahl an Mitarbeitern nicht aus. Cranach entwickelte einen Werkstattstil, der eine rationale und strenge Arbeitsteilung voraussetzte. Entgegen anderen Künstlern wie seinem Zeitgenossen Albrecht Dürer oder später Peter Paul Rubens, deren ebenfalls große Werkstätten bekannt sind, nahm Lucas Cranach d. Ä. seinen Individualstil gegenüber dem Werkstattstil zurück. Eine Unterscheidung der Hände Cranachs d. Ä., seiner Söhne und seiner Werkstatt ist daher heute kaum möglich. Nicht nur die qualitative Arbeit der Werkstatt ist heute erstaunlich, auch die quantitative. Aktuell werden im Cranach Digital Archive 2.360 Gemälde gelistet (Stand Oktober 2022). Wiederholungen eines Motivs erfolgten bei Cranach marktorientiert, er reagierte damit auf ein verändertes Verhältnis zwischen Künstler und Auftraggeber. Um der Nachfrage vermögender Kunden, die ein Werk in Öl gegenüber der Druckgraphik bevorzugten, gerecht zu werden, wurden gefragte Darstellungen, wie beispielsweise die Bildnisse des Reformators Martin Luthers, auch auf Vorrat gefertigt. Und doch ist jede Wiederholung für sich ein Unikat, immer lassen sich feine Unterschiede erkennen. Werkverzeichnis: Corpus Cranach, WVZ-Nr. CC-POR-530-027. Provenienz: Lt. Überlieferungen der Einlieferer Geschenk des Kronprinzen Maximilian von Bayern an Friedrich Wilhelm Joseph von Schelling zum 70. Geburtstag. - Seither im Besitz der Nachfahren Schellings. Ausstellung: Kunstmuseum Basel, 15. Juni - 8. September 1974, Nr. 639. Wir danken Dr. Michael Hofbauer, Heidelberg, für die Unterstützung im Rahmen der Katalogisierung und Untersuchung des Gemäldes mittels Infrarotreflektographie.


Titel-Zusatz:
(1497-1560)


Signatur-Bez-Vorne:
M. r. Schlangensignum mit angelegten Vogelschwingen und 1543 datiert
Signatur-Bez-Recto:
Rücks. Klebezettel mit Wappen Lucas Cranachs
Technik:
Öl
Träger:
auf Holz
Maße:
20,6 x 15,1 cm
Zustand:
Rest. Besch
Rahmen:
Rahmen besch
Werkverzeichnis:
Corpus Cranach, WVZ-Nr. CC-POR-530-027.
Provenienz:
Lt. Überlieferungen der Einlieferer Geschenk des Kronprinzen Maximilian von Bayern an Friedrich Wilhelm Joseph von Schelling zum 70. Geburtstag. - Seither im Besitz der Nachfahren Schellings.
Ausstellung:
Kunstmuseum Basel, 15. Juni - 8. September 1974, Nr. 639.
Danksagung:
Wir danken Dr. Michael Hofbauer, Heidelberg, für die Unterstützung im Rahmen der Katalogisierung und Untersuchung des Gemäldes mittels Infrarotreflektographie.