Franz von Stuck - Studie eines stehenden Mannes mit erhobenen Armen (Entwurf zum "Engel des Gerichts")

Auktion 407, Kat.-Nr. 414

WINTERAUKTION

am 7. Dezember 2022 bis 8. Dezember 2022

Franz von Stuck

1863 Tettenweis - 1928 München

Studie eines stehenden Mannes mit erhobenen Armen (Entwurf zum "Engel des Gerichts")

Schätzpreis:
€ 6.000 bis € 8.000

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noch erhältlich

Beschreibung:
Franz von Stuck

1863 Tettenweis - 1928 München

Studie eines stehenden Mannes mit erhobenen Armen (Entwurf zum "Engel des Gerichts")

R. u. signiert. Rötelkreide auf Bütten. 44,5 x 27 cm. Papier wellig. Gwbräunt, etwas fleckig.

Wz "Drey Könige". Die Studie, die durch ihre Körperlichkeit und Frontalität beeindruckt, bereitet ein Gemälde aus Franz von Stucks reifem Spätwerk vor: "Der Engel des Gerichts" entstand um 1922. Inhaltlich steht das Gemälde "Der Engel des Gerichts" einem der berühmtesten Werke Stucks sehr nahe: "Der Wächter des Paradieses" (1889; Museum Villa Stuck, München) verwehrt Adam und Eva den Weg zurück in den verlorenen Garten Eden. Als "Engel des Gerichts" erscheint er als Richter über die Seelen der Verstorbenen wieder. Im vollendeten Gemälde, das sich in Privatbesitz befindet, tritt der Engel als jünglingshafte Gestalt auf, angetan mit einer goldenen Rüstung und darin den spätgotischen Figuren des Hl. Georg aber auch des Erzengels Michael verwandt. Der Engel kommt direkt auf die Betrachtenden zu, seine Flügel sind gewaltig, die Arme weit ausgebreitet. Seine Augen spiegeln den Schrecken der Apokalypse wieder. Mit der vorliegenden Studie erarbeitet sich Franz von Stuck diese Darstellung. Im Atelier entsteht dabei die Zeichnung eines kraftstrotzenden männlichen Aktes, in entschlossenem Schritt verharrend, die Arme nach oben angewinkelt. Während im Gemälde die Schrittposition beibehalten wird, senken sich aber die Arme: Der Künstler nimmt dem "Engel" damit die deutlich abwehrende und gleichzeitig bedrohliche Wirkung der erhobenen Hände und ersetzt diese durch eine Armhaltung, die einerseits eine gewisse Hilf- oder Ratlosigkeit dem Geschehen gegenüber ausdrückt, andererseits - als Geste der Gott- bzw. Schicksalsergebenheit interpretiert - den armen Seelen auch Trost spenden kann. Mit welcher Sorgfalt Franz von Stuck an der Gestik des Engels arbeitete, erschließt sich durch das Studium eines Skizzenblattes in Privatbesitz (Abb. 42 bei Feiler, s. u., S. 154): Dominierend auf diesem Blatt ist ein in Tusche gezeichneter Engel, mit gespreizten Beinen stehend, einer der riesigen Flügel umspielt sein rechtes Bein. Der rechte Arm ist wie auf unserem Blatt angewinkelt, während der ausgestreckte linke Arm die Posaune des Letzten Gerichts hält. Daneben befinden sich aber weitere Skizzen auf diesem Blatt, wobei eine unsere besondere Aufmerksamkeit verdient: Dort steht der Engel in Schrittposition, seine gefederten Arme sind noch im rechten Winkel nach oben angehoben: ein direkter Reflex auf die vorbereitende Aktzeichnung, die nun zur Versteigerung gelangt. Vgl. Voss, Heinrich, Franz von Stuck 1863-1928. Werkkatalog der Gemälde mit einer Einführung in seinen Symbolismus. München 1973, S. 309, WVZ-Nr. 551/303 (mit Abb.): "Der Engel des Gerichts". - Feiler, Bernd, Der Blaue Reiter und der Erzbischof. Religiöse Tendenzen, christlicher Glaube und kirchliches Bekenntnis in der Malerei Münchens von 1911 bis 1925. Diss. phil. München 2002 (online abrufbar unter: https://edoc.ub.uni-muenchen.de/3968/1/Feiler_Bernd.pdf), v. a. S. 151-154: zum "Engel des Gerichts".


Signatur-Bez-Vorne:
R. u. signiert
Technik:
Rötelkreide
Träger:
auf Bütten
Maße:
44,5 x 27 cm
Zustand:
Papier wellig. Gwbräunt, etwas fleckig
Kommentar:
Die Studie, die durch ihre Körperlichkeit und Frontalität beeindruckt, bereitet ein Gemälde aus Franz von Stucks reifem Spätwerk vor: "Der Engel des Gerichts" entstand um 1922. Inhaltlich steht das Gemälde "Der Engel des Gerichts" einem der berühmtesten Werke Stucks sehr nahe: "Der Wächter des Paradieses" (1889; Museum Villa Stuck, München) verwehrt Adam und Eva den Weg zurück in den verlorenen Garten Eden. Als "Engel des Gerichts" erscheint er als Richter über die Seelen der Verstorbenen wieder. Im vollendeten Gemälde, das sich in Privatbesitz befindet, tritt der Engel als jünglingshafte Gestalt auf, angetan mit einer goldenen Rüstung und darin den spätgotischen Figuren des Hl. Georg aber auch des Erzengels Michael verwandt. Der Engel kommt direkt auf die Betrachtenden zu, seine Flügel sind gewaltig, die Arme weit ausgebreitet. Seine Augen spiegeln den Schrecken der Apokalypse wieder. Mit der vorliegenden Studie erarbeitet sich Franz von Stuck diese Darstellung. Im Atelier entsteht dabei die Zeichnung eines kraftstrotzenden männlichen Aktes, in entschlossenem Schritt verharrend, die Arme nach oben angewinkelt. Während im Gemälde die Schrittposition beibehalten wird, senken sich aber die Arme: Der Künstler nimmt dem "Engel" damit die deutlich abwehrende und gleichzeitig bedrohliche Wirkung der erhobenen Hände und ersetzt diese durch eine Armhaltung, die einerseits eine gewisse Hilf- oder Ratlosigkeit dem Geschehen gegenüber ausdrückt, andererseits - als Geste der Gott- bzw. Schicksalsergebenheit interpretiert - den armen Seelen auch Trost spenden kann. Mit welcher Sorgfalt Franz von Stuck an der Gestik des Engels arbeitete, erschließt sich durch das Studium eines Skizzenblattes in Privatbesitz (Abb. 42 bei Feiler, s. u., S. 154): Dominierend auf diesem Blatt ist ein in Tusche gezeichneter Engel, mit gespreizten Beinen stehend, einer der riesigen Flügel umspielt sein rechtes Bein. Der rechte Arm ist wie auf unserem Blatt angewinkelt, während der ausgestreckte linke Arm die Posaune des Letzten Gerichts hält. Daneben befinden sich aber weitere Skizzen auf diesem Blatt, wobei eine unsere besondere Aufmerksamkeit verdient: Dort steht der Engel in Schrittposition, seine gefederten Arme sind noch im rechten Winkel nach oben angehoben: ein direkter Reflex auf die vorbereitende Aktzeichnung, die nun zur Versteigerung gelangt. Vgl. Voss, Heinrich, Franz von Stuck 1863-1928. Werkkatalog der Gemälde mit einer Einführung in seinen Symbolismus. München 1973, S. 309, WVZ-Nr. 551/303 (mit Abb.): "Der Engel des Gerichts". - Feiler, Bernd, Der Blaue Reiter und der Erzbischof. Religiöse Tendenzen, christlicher Glaube und kirchliches Bekenntnis in der Malerei Münchens von 1911 bis 1925. Diss. phil. München 2002 (online abrufbar unter: https://edoc.ub.uni-muenchen.de/3968/1/Feiler_Bernd.pdf), v. a. S. 151-154: zum "Engel des Gerichts".