Jacob Adriaensz. Backer - Der Traum des Paris

Auktion 401, Kat.-Nr. 330

SOMMERAUKTION am 23. Juni 2021

Jacob Adriaensz. Backer

Der Traum des Paris

Schätzpreis:
€ 20.000 bis € 30.000

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noch erhältlich
Beschreibung:

Jacob Adriaensz. Backer

1608 Harlingen - 1651 Amsterdam, Umkreis

 

Der Traum des Paris

 

 

Auf dem Berg Ida liegt an einer Quelle der schlafende junge Hirte Paris. Auf Wolken nähern sich ihm Athene, Hera und Aphrodite mit Eros. Öl auf Lwd. 193,5 x 212 cm. Doubliert. Rest. Besch. Rahmen besch.

 

Paris war der Sohn des trojanischen Königs Priamos und seiner Gattin Hekabe. Während ihrer Schwangerschaft hatte diese den Traum, eine Fackel zu gebären, die Troja einäschern werde. Der neugeborene Paris wurde daraufhin auf dem Berg Ida ausgesetzt, wo er von einer Bärin gesäugt, danach bei den Hirten aufgewachsen sein soll. Eine andere Überlieferung glaubt zu wissen, dass Priamos seinen Sohn selbst als Aufseher zu den Herden auf Ida geschickt haben soll (zu den literarischen Quellen vgl. grundlegend Kopp, s. u.). Als Hirte und Jäger scheint sich der junge Prinz durchaus bewährt zu haben, er führte ein ruhiges Leben im erzwungenen Exil. Bis zu einem entscheidenden Ereignis in der Götterwelt: Bei der Hochzeit von Peleus und Thetis - die olympische Götterwelt war nahezu komplett zugegen - fehlte eine Göttin: Eris, die Göttin der Zwietracht. Erbost erscheint sie uneingeladen bei der Feier und erregt einen Wettstreit unter Hera, Athene und Aphrodite: "Wer ist die Schönste im Olymp?". Eine wahrhaft essentielle und dringliche Entscheidung, die einer Lösung harrt ... Zeus sieht sich nicht imstande, sie zu treffen. Stattdessen überträgt er sie dem Hirten auf dem Berg Ida und lässt die drei Göttinnen durch Hermes zu ihm bringen. Die unterschiedlichen Traditionen teilen sich nun in verschiedene Überlieferungsstränge. In das Allgemeinwissen eingeprägt hat sich jene Darstellung, bei der die drei Göttinnen in profaner Entblößung, nackt, vor Paris stehen und diesen nicht nur mit ihrer Schönheit, sondern auch mit Versprechungen für sich zu gewinnen versuchen.

 

Eine andere Überlieferung will, dass Paris von den drei Kontrahentinnen lediglich träumte: "Denn im Wald des Ida habe zu ihm, als er zum Jagen weggegangen war, im Traum Hermes die Hera, Aphrodite und Athene hingeführt, damit er entscheide, wer unter ihnen die schönste sei. Und damals habe ihm Aphrodite versprochen, wenn er urteile, ihr Aussehen sei schöner, werde sie ihm die Frau geben, die in Griechenland für die größte Schönheit gelte. Als er das so gehört habe, habe er entschieden, daß Aphrodite die schönste sei." (Dares Phrygius, "De excidio Troiae", zitiert nach Kopp, s. u. , S. 37). Eine Vorstellung, die das "Urteil des Paris" vor allem im Mittelalter prägte und bis in das 16. Jahrhundert hinein auch in der nordalpinen Kunst als Bildthema immer wieder aufgegriffen wurde.

 

Die Bestechungsversuche der drei Olympierinnen sind aber die gleichen, sie versprechen ihm attraktive Gaben: Hera die Königsherrschaft über alle, Athene den Sieg im Krieg. Und Venus? Sie verspricht ihm die Heirat mit Helena, der schönen Frau des Menelaos. Was erwartet man von einem attraktiven jungen (!) Mann, der erschöpft von der einsamen und ungeselligen Hirten- und Jagdarbeit seinen Träumen nachhängt? Natürlich entscheidet er sich für die versprochene schöne Helena und damit für Aphrodite als schönste Göttin des Olymps. Mit katastrophalen Folgen: Als er Helena entführt, um sie ihrem Gatten zu entreißen, entflammt der Trojanische Krieg, welcher der Stadt Troja schließlich die der Hekabe im Traum angedeutete Zerstörung bringen sollte.

 

Das "Paris-Urteil" zählt zu den beliebtesten Themen in der Kunst des niederländischen 17. Jahrhunderts, des sog. gouden eeuw. Es kam ihm seitens der Auftraggeber und der Künstler ein bislang in diesem Ausmaß nicht gekanntes Interesse entgegen, das aber gegen Ende des Jahrhunderts wieder deutlich nachlassen sollte. Ein Grund für die Beliebtheit des Themas in den deutlich religiös geprägten Niederlanden war sicherlich, dass - unter dem Mantel einer Darstellung aus der Mythologie - die Darstellung menschlicher und hier vor allem weiblicher Nacktheit "sanktioniert" war, "denn je stärker Prüderie und Moral gepredigt werden, umso stärker ist der Drang der Menschen nach Freiheit" (Kopp, s. u., S. 3). Dies mag sicherlich zutreffen, wenn die drei Göttinnen unbekleidet gezeigt werden, was dem jungen Hirten die Wahl sicherlich nicht leichter gemacht hat.

 

Anders verhält es sich jedoch dann, wenn man vom "bekleideten" Darstellungstypus - wie in unserem Fall - zu sprechen hat. Athene nähert sich in voller Montur mit Helm, Schild und Lanze. Hera ist in königlicher Pracht und Würde dargestellt, in kostbar gearbeiteter Robe. Einzig Aphrodite ist bereits halb entblößt, geizt nicht mit ihren weiblichen Reizen, Eros bekommt von ihr Instruktionen, wie er sich zu verhalten habe. Und Paris? Er schläft tief, die Bergquelle hinter ihm plätschert beruhigend vor sich hin, seine Wangen sind gerötet, und er träumt. Und er entscheidet!

 

Die Persönlichkeit des Paris wird seit der Antike eher abwertend, geringschätzig bewertet: Durch eine falsche Entscheidung für die pure weibliche Schönheit, also für rein fleischliche Lust, löste er letztlich einen der größten Kriege der antiken Geschichte aus. Was lag näher, das Thema des Paris-Urteils in moralisierendem Sinn zu interpretieren? Schon Sophokles unterscheidet in seinem Drama "Krisis" die beiden Konkurrentinnen Athene und Aphrodite folgendermaßen: "Aphrodite als eine Gottheit der Lust [...], die sich mit Öl salbt und im Spiegel betrachtet, Athene hingegen als Vernunft, Einsicht und auch Tugend, die sich mit Olivenöl einreibt und Sport treibt." (Andrea Harbach, zitiert nach Kopp, s. u., S. 22). Wenn sich Paris also für die - nach dieser Interpretation - zwar schöne, jedoch mit weniger intellektuellen Gaben versehene Aphrodite entscheidet, weil sie ihm die Heirat mit Helena versprochen hat, macht er sich zu einem bestechlichen, nicht mehr unparteiischen Richter, der nur seinem (jugendlichen) Trieb folgt.

 

Letztlich erkennen wir bei Sophokles (s. o. ) eine deutliche charakterliche Differenzierung zwischen zweien der am Paris-Urteil Beteiligten, die sich bei Fulgentius, einem spätantiken Autor des 6. Jahrhunderts, auf alle drei Göttinnen übertragen findet: Er setzt Athene, Hera und Aphrodite mit den drei Arten gleich, ein Leben zu führen, der "vita triplex". Dieser Gedanke geht letztlich auf Plutarch und Platon zurück. Für die "vita contemplativa", die ideale Lebensform, steht hierbei Athene: Ursprünglich Kriegs- und Siegesgöttin, wird sie bei Fulgentius zur Göttin der Weisheit umgedeutet. Und diese versucht, mit Argumenten zu überzeugen, auf unserem Gemälde deutlich an ihrer Handhaltung zu erkennen: Mit ihrem altüberlieferten Redegestus (am berühmtesten wohl dessen Darstellung auf Albrecht Dürers "Christus unter den Schriftgelehrten", als Jesus diese argumentierend zu überzeugen versucht) blickt sie uns als Betrachter als einzige der Figuren direkt an und kommuniziert somit mit uns, möchte UNS - und nicht nur Paris - von der Richtigkeit ihrer Lebensweise überzeugen.

 

 

Eine weitere Lebensform ist die "vita activa", verkörpert durch Hera: Von Aristoteles wird diese zwar als höchste Form der Tugend erachtet, schließlich widmet der Mensch hier sein Leben der Verteidigung von Stadt und Staat (vgl. Kopp, s. u., S. 34). Bei Platon und letztlich auch Fulgentius scheinen aber auch die negativen Seiten der "vita activa" auf: Ehr- und Schmucksucht, das Streben nach dem eigenen Vorteil. Auf unserem Gemälde kommt Hera zusätzlich dieser eher undankbare Aspekt ihrer Rolle zu, ihr auch durch Gesten betont selbstbewusstes Auftreten als Gattin des Göttervaters, mit glänzender Krone und kostbarem Gewand, unterstreicht den geschilderten Charakter.

Und dann wäre da noch die "vita voluptuosa", das sinnliche Leben, zu nennen: Deren Gleichsetzung mit Aphrodite erklärt sich von selbst ...

 

Der Auftraggeber des vorliegenden Gemäldes muss sich ebenso wie der Künstler dieser Interpretationsmöglichkeit des "Traums des Paris" sehr bewusst gewesen sein. Die moralisierenden Tendenzen in den Niederlanden des 17. Jahrhunderts verlangten geradezu nach einer solchen Darstellung: Die Freude am Betrachten der reinen Handlung wollte nicht als einziges Ziel erreicht werden, Kunst sollte auch belehren, nachdenklich stimmen und letztlich den Betrachter der idealen Lebensform näherbringen.

 

Der ausführende Künstler des vorliegenden Gemäldes ist noch nicht abschließend eingegrenzt. Der aktuelle Erhaltungszustand lässt stilkritische Untersuchungen nur bedingt zu. Fest steht, dass es sich um ein Werk von hoher künstlerischer Qualität handelt, das vorerst in den Umkreis des Jacob Adriaensz. Backer einzuordnen ist. Dieser stammte aus einem mennonitisch geprägten friesischen Milieu, seine Familie suchte in Amsterdam Anschluss an die "Waterlanders", eine mennonitische Gemeinde. Backer sollte später in seine alte Heimat zurückkehren, kurz vor seinem Tod wurde er in die Remonstrantengemeinde aufgenommen.

 

Jacob Adriaensz. Backer fertigte in Amsterdam vorwiegend Porträts und Historienbilder. Künstlerisch steht der Friese unter dem Einfluss der Utrechter Caravaggisten und des Rubenskreises. Auch die Inspiration durch die Kunst Rembrandts ist vor allem bei seinen Porträts der 30er Jahre unverkennbar. Seine Historienbilder der 40er Jahre mit literarischem oder allegorischem Inhalt zeigen Backers Individualstil sehr deutlich: Die Kompositionen erscheinen additiv, streng aufgebaut. Die Figurenstaffage ist meist hellfarbig isoliert, dem Hintergrund wird nicht allzu große Bedeutung beigemessen. Eine gewisse "Bühnenhaftigkeit" eignet auch dem vorliegenden Gemälde.

 

Jacob Adriaensz. Backer sollte zu einem der Wegbereiter des Klassizismus werden, der in der Amsterdamer Historienmalerei in der Mitte des 17. Jahrhunderts zunehmend an Bedeutung gewann. Backers Kunst war von großem Einfluss, so z. B. auf Jan van Noordt, Jacob van Loo, Abraham van den Tempel aber auch Govert Flinck und Karel Dujardin.

 

Es liegt eine Stellungnahme von Nadja Garthoff, Rijksbureau voor kunsthistorische Documentatie, Den Haag, 19. Mai 2021 vor: Das RKD hält es für begründet, die Entstehung des vorliegenden Gemäldes im Umkreis des Jakob Adriaensz. Backer zu lokalisieren.

Vgl. auch Stefes, Annemarie, A new Backer drawing in Bremen, in "Delineavit et sculpsit", Bd. 48 (April 2021), S. 2-9: zu Backers Zeichnung einer "Minerva" ("Allegory of the Republic") der Kunsthalle Bremen (Inv.-Nr. 73 Z), die - auch bezüglich der Details ihrer Attribute (Schild, Lanze) - eine Verortung unseres Gemäldes im Umkreis dieses Künstlers rechtfertigt.

 

Provenienz: Sammlung des Künstlers Anton Seitz (1829 Roth - 1900 München). - Seitdem in Familienbesitz.

 

Literatur: Kopp, Laura, Das Urteil des Paris. Eine ikonologische Untersuchung des Paris-Mythos in den Niederlanden des 17. Jahrhunderts. Diss. phil. Karlsruhe 2015 (Scientific Publishing, Karlsruhe 2017).



Titel-Zusatz:
Auf dem Berg Ida liegt an einer Quelle der schlafende junge Hirte Paris. Auf Wolken nähern sich ihm Athene, Hera und Aphrodite mit Eros


Technik:
Öl
Träger:
auf Lwd
Maße:
193,5 x 212 cm
Zustand:
Doubliert. Rest. Besch
Rahmen:
Rahmen besch
Provenienz:
Sammlung des Künstlers Anton Seitz (1829 Roth - 1900 München). - Seitdem in Familienbesitz.
Literatur:
Kopp, Laura, Das Urteil des Paris. Eine ikonologische Untersuchung des Paris-Mythos in den Niederlanden des 17. Jahrhunderts. Diss. phil. Karlsruhe 2015 (Scientific Publishing, Karlsruhe 2017).
Kommentar:
Eine weitere Lebensform ist die "vita activa", verkörpert durch Hera: Von Aristoteles wird diese zwar als höchste Form der Tugend erachtet, schließlich widmet der Mensch hier sein Leben der Verteidigung von Stadt und Staat (vgl. Kopp, s. u., S. 34). Bei Platon und letztlich auch Fulgentius scheinen aber auch die negativen Seiten der "vita activa" auf: Ehr- und Schmucksucht, das Streben nach dem eigenen Vorteil. Auf unserem Gemälde kommt Hera zusätzlich dieser eher undankbare Aspekt ihrer Rolle zu, ihr auch durch Gesten betont selbstbewusstes Auftreten als Gattin des Göttervaters, mit glänzender Krone und kostbarem Gewand, unterstreicht den geschilderten Charakter. Und dann wäre da noch die "vita voluptuosa", das sinnliche Leben, zu nennen: Deren Gleichsetzung mit Aphrodite erklärt sich von selbst ... Der Auftraggeber des vorliegenden Gemäldes muss sich ebenso wie der Künstler dieser Interpretationsmöglichkeit des "Traums des Paris" sehr bewusst gewesen sein. Die moralisierenden Tendenzen in den Niederlanden des 17. Jahrhunderts verlangten geradezu nach einer solchen Darstellung: Die Freude am Betrachten der reinen Handlung wollte nicht als einziges Ziel erreicht werden, Kunst sollte auch belehren, nachdenklich stimmen und letztlich den Betrachter der idealen Lebensform näherbringen. Der ausführende Künstler des vorliegenden Gemäldes ist noch nicht abschließend eingegrenzt. Der aktuelle Erhaltungszustand lässt stilkritische Untersuchungen nur bedingt zu. Fest steht, dass es sich um ein Werk von hoher künstlerischer Qualität handelt, das vorerst in den Umkreis des Jacob Adriaensz. Backer einzuordnen ist. Dieser stammte aus einem mennonitisch geprägten friesischen Milieu, seine Familie suchte in Amsterdam Anschluss an die "Waterlanders", eine mennonitische Gemeinde. Backer sollte später in seine alte Heimat zurückkehren, kurz vor seinem Tod wurde er in die Remonstrantengemeinde aufgenommen. Jacob Adriaensz. Backer fertigte in Amsterdam vorwiegend Porträts und Historienbilder. Künstlerisch steht der Friese unter dem Einfluss der Utrechter Caravaggisten und des Rubenskreises. Auch die Inspiration durch die Kunst Rembrandts ist vor allem bei seinen Porträts der 30er Jahre unverkennbar. Seine Historienbilder der 40er Jahre mit literarischem oder allegorischem Inhalt zeigen Backers Individualstil sehr deutlich: Die Kompositionen erscheinen additiv, streng aufgebaut. Die Figurenstaffage ist meist hellfarbig isoliert, dem Hintergrund wird nicht allzu große Bedeutung beigemessen. Eine gewisse "Bühnenhaftigkeit" eignet auch dem vorliegenden Gemälde. Jacob Adriaensz. Backer sollte zu einem der Wegbereiter des Klassizismus werden, der in der Amsterdamer Historienmalerei in der Mitte des 17. Jahrhunderts zunehmend an Bedeutung gewann. Backers Kunst war von großem Einfluss, so z. B. auf Jan van Noordt, Jacob van Loo, Abraham van den Tempel aber auch Govert Flinck und Karel Dujardin. Es liegt eine Stellungnahme von Nadja Garthoff, Rijksbureau voor kunsthistorische Documentatie, Den Haag, 19. Mai 2021 vor: Das RKD hält es für begründet, die Entstehung des vorliegenden Gemäldes im Umkreis des Jakob Adriaensz. Backer zu lokalisieren. Vgl. auch Stefes, Annemarie, A new Backer drawing in Bremen, in "Delineavit et sculpsit", Bd. 48 (April 2021), S. 2-9: zu Backers Zeichnung einer "Minerva" ("Allegory of the Republic") der Kunsthalle Bremen (Inv.-Nr. 73 Z), die - auch bezüglich der Details ihrer Attribute (Schild, Lanze) - eine Verortung unseres Gemäldes im Umkreis dieses Künstlers rechtfertigt.