Paolo Caliari, gen. Veronese, Werkstatt - Die Auffindung des Mosesknaben (Exodus 2, 3-10)

Auktion 405, Kat.-Nr. 276

SOMMERAUKTION am 29. Juni 2022

Paolo Caliari, gen. Veronese, Werkstatt

Die Auffindung des Mosesknaben (Exodus 2, 3-10)

Schätzpreis:
€ 20.000 bis € 30.000

Differenzbesteuerung    

Ergebnis:
€ 26.000 (inkl. 30 % Käuferaufgeld)

Beschreibung:

Paolo Caliari, gen. Veronese, Werkstatt

1528 Verona - 1588 Venedig

 

Die Auffindung des Mosesknaben (Exodus 2, 3-10)

 

 

Öl auf Lwd. 56,4 x 43,4 cm. Doubliert. Rest. Rahmen (81 x 67,5 cm).

 

Moses wurde als Kleinkind von seiner Mutter am Ufer des Nils in einem Korb ausgesetzt. Seine Schwester blieb in der Nähe. Die Tochter des Pharao kam mit ihren Dienerinnen an den Fluss, um dort zu baden. Sie entdeckte den Korb und ließ ihn von einer Magd holen. Moses Schwester, welche die Auffindung beobachtet hatte, bot sich an, eine Amme für das Kind zu holen, seine leibliche Mutter. Auf Befehl der Tochter des Pharaos nahm die Mutter ihr Kind wieder an sich, stillte es, später nahm die Tochter des Pharao den Knaben an Sohnes Statt an. Mehrmals befasste sich der große venezianische Künstler Veronese zusammen mit seiner Werkstatt mit der Darstellung des Themas. Die meist querformatigen Fassungen, von größerem Format, befinden sich heute in bedeutenden Museen, so in der Gemäldegalerie in Dresden, in den Musées des Beaux Arts in Lyon und Dijon und in der Galleria Sabauda in Turin. Im Prado zu Madrid wird dagegen eine hochformatige, kleinere Fassung (57 x 43 cm) des Themas aufbewahrt, die in engstem Zusammenhang mit einer Version in der National Gallery of Art in Washington steht (Andrew W. Mellon Collection 1937.1.38. 58 x 44,5). An letztgenannter Fassung (entstanden um 1582 und als Arbeit von Veronese unter Beteiligung seiner Werkstatt gesehen) orientiert sich das vorliegende Gemälde am stärksten. Die "Auffindung des Mosesknaben" scheint bei Veroneses Auftraggebern besonders nachgefragt gewesen zu sein. 11 verschiedene Fassungen im Hoch- und Querformat sind heute noch nachweisbar, zudem werden 14 (heute verschollene) Gemälde des Themas in historischen Quellen erwähnt. Eine weitere ist durch einen Holzschnitt von Johann Baptist Jackson bzw. eine Kopie von Sebastiano Ricci überliefert.

 

Eine Erstellung einer Chronologie der Entstehung der verschiedenen Fassungen der "Auffindung des Mosesknaben" gestaltet sich schwierig. Auch die zeitliche Abfolge der beiden Versionen in Madrid und Washington wird diskutiert. Remigio Martini vermutete, dass die Washingtoner Fassung in der Werkstatt Veroneses verblieb, um als Vorbild für künftige Varianten zu dienen (vgl. Martini, Remigio, Tutta la pittura di Paolo Veronese. Mailand 1968, S. 119). Die Gemälde der Veronese-Werkstatt wurden von Anfang an auf "kollaborative Weise hergestellt" (Stellungnahme H. D. Huber, 2022). Für unterschiedliche Partien ein und desselben Gemäldes waren oft verschiedene Mitarbeiter zuständig. Bei Fertigstellung erfolgte dann eine Endkorrektur durch den Meister selbst. Hans Dieter Huber sieht im vorliegenden Gemälde somit auch stilistische Parallelen zum Schaffen des Francesco Montemazzaro (Gesicht der Prinzessin und Kopf der Dienerin rechts), die ältere Frau (wohl Moses leibliche Mutter) und der neben ihr stehende Diener werden von Huber mit dem Stil von Veroneses Bruder Benedetto Caliari verglichen. Hans Dieter Huber formuliert die Hypothese, dass das vorliegende Gemälde ein "Übungsstück" in der Werkstatt Veroneses war, bei dessen Entstehung erfahrene Gesellen die Hauptfiguren malten und Veroneses Söhne Gabriele und Carletto kleinere Aufgaben übernommen haben. Diese lernten ab ca. 1580 in der Werkstatt des Vaters. Durch intensiven Detailvergleich kommt Huber zudem zu dem Schluss, dass bei der Entstehung des vorliegenden Gemäldes die im Prado und in Washington aufbewahrten Gemälde zur Anschauung und Inspiration wohl im Original bekannt gewesen sein sollten. Er datiert das vorliegende Gemälde in die Jahre zwischen 1582 und 1584. Wir danken Prof. Peter Humfrey, Emeritus der University of St. Andrews / School of Art History, für seine freundliche Unterstützung im Rahmen der Katalogisierung. Peter Humfrey sieht auf Basis von Fotografien im vorliegenden Gemälde ein Werk aus der engen Nachfolge Veroneses, schließt eine Entstehung in der Werkstatt des Meisters nicht aus. Als möglichen Urheber bringt Humfrey Alvise de Friso, den Neffen des Künstlers, in die Diskussion ein. Prof. Diana Gisolfi, The Pratt Institute, New York, der wir ebenfalls für ihre Unterstützung danken, schließt Alvise de Friso als ausführenden Künstler jedoch aus. Vgl. Peter Humfreys grundlegenden Text zur Washingtoner Fassung: "Veronese/The Finding of Moses/c. 1581/1582," Italian Paintings of the Sixteenth Century, NGA Online Editions, purl.org/nga/collection/artobject/45. - Huber, Hans Dieter, Paolo Veronese. Kunst als soziales System. München 2005, besonders S. 161-164: zum Arbeitsschema der Veronese-Werkstatt.

 

Stellungnahme Prof. Dr. Hans Dieter Huber, Berlin, 10. Mai 2022 (auf Basis von Fotografien).

 

Provenienz: In den 1980er Jahren im Londoner Kunsthandel erworben. - Privatbesitz Süddeutschland.



Technik:
Öl
Träger:
auf Lwd
Maße:
56,4 x 43,4 cm
Zustand:
Doubliert. Rest
Rahmen:
Rahmen (81 x 67,5 cm)
Echtheit:
Stellungnahme Prof. Dr. Hans Dieter Huber, Berlin, 10. Mai 2022 (auf Basis von Fotografien).
Provenienz:
In den 1980er Jahren im Londoner Kunsthandel erworben. - Privatbesitz Süddeutschland.
Kommentar:
Eine Erstellung einer Chronologie der Entstehung der verschiedenen Fassungen der "Auffindung des Mosesknaben" gestaltet sich schwierig. Auch die zeitliche Abfolge der beiden Versionen in Madrid und Washington wird diskutiert. Remigio Martini vermutete, dass die Washingtoner Fassung in der Werkstatt Veroneses verblieb, um als Vorbild für künftige Varianten zu dienen (vgl. Martini, Remigio, Tutta la pittura di Paolo Veronese. Mailand 1968, S. 119). Die Gemälde der Veronese-Werkstatt wurden von Anfang an auf "kollaborative Weise hergestellt" (Stellungnahme H. D. Huber, 2022). Für unterschiedliche Partien ein und desselben Gemäldes waren oft verschiedene Mitarbeiter zuständig. Bei Fertigstellung erfolgte dann eine Endkorrektur durch den Meister selbst. Hans Dieter Huber sieht im vorliegenden Gemälde somit auch stilistische Parallelen zum Schaffen des Francesco Montemazzaro (Gesicht der Prinzessin und Kopf der Dienerin rechts), die ältere Frau (wohl Moses leibliche Mutter) und der neben ihr stehende Diener werden von Huber mit dem Stil von Veroneses Bruder Benedetto Caliari verglichen. Hans Dieter Huber formuliert die Hypothese, dass das vorliegende Gemälde ein "Übungsstück" in der Werkstatt Veroneses war, bei dessen Entstehung erfahrene Gesellen die Hauptfiguren malten und Veroneses Söhne Gabriele und Carletto kleinere Aufgaben übernommen haben. Diese lernten ab ca. 1580 in der Werkstatt des Vaters. Durch intensiven Detailvergleich kommt Huber zudem zu dem Schluss, dass bei der Entstehung des vorliegenden Gemäldes die im Prado und in Washington aufbewahrten Gemälde zur Anschauung und Inspiration wohl im Original bekannt gewesen sein sollten. Er datiert das vorliegende Gemälde in die Jahre zwischen 1582 und 1584. Wir danken Prof. Peter Humfrey, Emeritus der University of St. Andrews / School of Art History, für seine freundliche Unterstützung im Rahmen der Katalogisierung. Peter Humfrey sieht auf Basis von Fotografien im vorliegenden Gemälde ein Werk aus der engen Nachfolge Veroneses, schließt eine Entstehung in der Werkstatt des Meisters nicht aus. Als möglichen Urheber bringt Humfrey Alvise de Friso, den Neffen des Künstlers, in die Diskussion ein. Prof. Diana Gisolfi, The Pratt Institute, New York, der wir ebenfalls für ihre Unterstützung danken, schließt Alvise de Friso als ausführenden Künstler jedoch aus. Vgl. Peter Humfreys grundlegenden Text zur Washingtoner Fassung: "Veronese/The Finding of Moses/c. 1581/1582," Italian Paintings of the Sixteenth Century, NGA Online Editions, https://purl.org/nga/collection/artobject/45. - Huber, Hans Dieter, Paolo Veronese. Kunst als soziales System. München 2005, besonders S. 161-164: zum Arbeitsschema der Veronese-Werkstatt.