Moritz von Schwind - Gretchens Gebet

auction 366, Lot 602

ALTE KUNST 366 on 3 December 2014

Moritz von Schwind

Gretchens Gebet

estimate:
€ 8.000 to € 12.000

result:
€ 27.940 (incl. 27 % buyer's premium)

description:

Schwind, Moritz von

1804 Wien - 1871 Pöcking

 

Gretchens Gebet

 

(aus Goethes Faust I, "Zwinger"). Gretchen, in einem Kirchhof vor einer Statue der Muttergottes betend. Öl auf Lwd. 33,2 x 26 cm. Doubliert. Rest. Rahmen min. besch.

 

Johann Wolfgang von Goethes Drama "Faust - Der Tragödie erster Teil" erschien im Jahre 1808. Mit nur geringer zeitlicher Verzögerung begannen Künstler, dieses Werk zu rezipieren. So wurden dem Dichter bereits 1810 Moritz Retzschs Vorzeichnungen zu seinen 1816 erstmals im Druck erschienenen Illustrationen nach Faust vorgelegt. Auch Peter von Cornelius beschäftigte sich mit diesem Meisterwerk der deutschen Literatur, ebenfalls 1816 wurden seine "Bilder zu Goethes Faust" publiziert.

Im Kreis der Wiener Freunde Moritz von Schwinds scheint nicht nur Goethes Schöpfung, sonderns auch Cornelius Zyklus Diskussionsgegenstand gewesen zu sein. In einem Brief an seinen langjährigen Freund Franz von Schober vom April 1825 äußert sich Moritz von Schwind zum "Faust" begeistert: "O hohes, göttergleiches Altertum! Einiges ist da, was ihm gleichkommt; in der neuen Malerei aber nichts als der Faust, was ich kenne." (zitiert nach Giesen, Sebastian, Moritz von Schwinds Illustrationen zu Ludwig Bechsteins "Faustus", in Ausst.-Kat. Schwind 1996/97, s. u., S. 85-89, hier S. 89, Anm. 18).

 

Moritz von Schwinds Beschäftigung mit dem literarischen Vorbild "Faust" begann bereits deutlich vor Erscheinen seiner Illustrationen zu Bechsteins "Faustus" im Jahre 1833. Siegmar Holsten bestätigt in einer Stellungnahme an den Vorbesitzer nicht nur die Autorschaft Moritz von Schwinds an vorliegendem Gemälde, sondern er datiert dieses aus stilistischen Gründen in die Zeit um 1825/26. Zum Vergleich bezieht er sich auf Schwinds Gemälde "Engel befreien eine Gefangene", um 1824/25 (Auust.-Kat. Schwind 1996/97. s. u., Kat.-Nr. 40, mit Farbabb.) und "Das Käthchen von Heilbronn" aus dem Jahre 1826 (ebda., Kat.-Nr. 64, mit Farbabb.).

 

Die oben erwähnten Interpretationen Moritz Retzschs und Peter von Cornelius scheinen Moritz von Schwind bekannt gewesen zu sein. Vor allem die Kenntnis der Darstellung Retzschs ist vorauszusetzen (Ausgabe J. G. Cotta, Stuttgart/Tübingen 1820, Blatt 16). Bei vorliegendem Gemälde Schwinds wird dessen "Gretchen" in den Grundzügen der Komposition spiegelbildlich wiedergegeben, in Details jedoch z. T. entscheidend variiert. Gretchens Anflehen der Mater Dolorosa in emotionaler Aufwallung ersetzt Schwind durch eine stille Andacht vor der Statue der Muttergottes. Mit Infrarotlicht zu erkennende Pentimenti zeugen vom Ringen des Künstlers um die Wiedergabe der gotischen Kirchenarchitektur im Hintergrund.

 

Vgl. Moritz von Schwind - Meister der Spätromantik. Ausst.-Kat. Staatliche Kunsthalle Karlsruhe, 12. Oktober 1996 bis 6. Januar 1997 u. a. Ostfildern-Ruit 1996.

 

Stellungnahme (in Fotokopie) Dr. Siegmar Holsten, Karlsruhe, 15. Oktober 2001.