DOPPELTES LOTTCHEN


 Lotte Köhler war eine offene und moderne Frau. Sie liebte Kunst und sammelte unter anderem Werken von Max Peiffer Watenphul und Oskar Moll. Aus dem Nachlass der am 1. Januar 2022 verstorbenen Psychoanalytikerin und Unternehmerin stammen wunderbare Arbeiten dieser Maler sowie trendige skandinavische Möbel (siehe Seite 122/123), die bei der Juni-Auktion aufgerufen werden. Diese Arbeiten begeistern, ebenso wie die Lebensleistung eines außergewöhnlichen Menschen.

 

Lotte Köhler wird am 19. August 1925 als Tochter des Unternehmers Wilhelm Köhler und dessen Frau Irma in Darmstadt geboren. Sie wächst wohlbehütet in materiell abgesicherten Verhältnissen als Einzelkind auf. Der Vater, ein überzeugter Nazigegner, prägt ihren Lebensweg. Er ist es, der dafür sorgt, dass seine Tochter trotz anderer Neigungen erst Unternehmerin wird und dann seine Firma führt: die Maschinenfabrik Goebel, in der es der Vater durch Fleiß und Geschick zum Vorstand und Inhaber der Aktienmehrheit gebracht hat. Für den Patron kommt materielle Sicherheit vor allem anderen, und diese Maxime schreibt er 1942 für seine Tochter auf: „Alles wirklich Wertvolle liegt nicht im Materiellen, aber materielle Not engt den Geist ein, zwingt Dich, über tausend kleinliche Nöte die große Linie aufzugeben oder überhaupt unsichtbar werden zu lassen. Darum strebe stets nach einer gesicherten materiellen Basis – nicht als Selbstzweck, aber als Voraussetzung für das Leben im Geistigen.“

 

Und so beginnt Lotte Köhlers Spagat zwischen Notwendigkeiten und Neigungen. Von 1943 bis 1949 studiert sie Medizin und Chemie an den Universitäten Frankfurt am Main und Heidelberg und schließt das Studium mit dem Dr. med. ab. Im Alter von 26 Jahren entscheidet sie sich dann jedoch, nicht als Ärztin zu arbeiten, sondern erhält – durch ihren Vater – die Stelle der Generalbevollmächtigten der Gesellschafterversammlung einer Verpackungsdruckerei mit 120 Beschäftigten. Für Lotte Köhler ein Sprung ins kalte Wasser, denn sie hat keine Ahnung von diesem Geschäft, lernt sich aber alles an – während die wissenschaftliche Karriere zwangsläufig stockt. Enttäuschungen muss sie auch im Privatleben hinnehmen. Ihre erste Ehe mit einem Chirurgen hält nur zwei Jahre, die zweite scheitert schon nach wenigen Monaten.

Parallel zu ihrer verantwortlichen Tätigkeit im Unternehmen, wendet sich Lotte Köhler Ende der 1950er-Jahre der Psychoanalyse zu. Ende 1957 geht sie – nach der zweiten gescheiterten Ehe tief deprimiert – nach München und beginnt dort am Institut für Psychologische Forschung und Psychotherapie e.V. eine psychoanalytische Ausbildung, die sie 1962 abschließt.

 

Nach dem Tod ihres geliebten Vaters im Januar 1962 stellt Lotte Köhler ihre eigenen Wünsche nach Selbstverwirklichung einmal mehr zurück und übernimmt – vor allem aus Pflichtbewusstsein – leitende Funktionen in dessen Firma, die sie bis 1986 innehaben wird. Sie arbeitet „verdammt viel“ und bezeichnet ihr Leben für die Fabrik als „Fron“. „Ein Recht auf ein eigenes Leben hatte ich eigentlich nicht“, schreibt sie. Aber stolz ist Lotte Köhler dann doch darauf, das Werk des Vaters fortgesetzt, diese Lebensaufgabe gemeistert und sich als Unternehmerin in einer Männerwelt behauptet zu haben: „Trotz allem habe ich den Job gut gemacht!“

Als „doppeltes Lottchen“ bezeichnet Lotte Köhler ihren Spagat zwischen Psychoanalyse und Fabrik. Aber trotz der beruflichen Belastung als Geschäftsführerin des Maschinenbauunternehmens schafft sie es – auch mithilfe ihres Lebensgefährten Hans Kilian, den sie 1960 kennengelernt hatte – sich in Analytikerkreisen international einen Namen zu machen. Bekannt wird sie insbesondere durch ihre Arbeiten zur Erforschung des Gedächtnisses von Kleinkindern und zur Bindungstheorie

1986, nach dem Tod ihrer Mutter, zieht sich Lotte Köhler aus sämtlichen beruflichen Verpflichtungen zurück. Sie beendet ihre leitende Tätigkeit in der Gesellschafterversammlung und im Aufsichtsrat der Goebel GmbH und verkauft ihre Anteile. Jetzt endlich kann sie ihre Neigungen voll ausleben und sich der Psychoanalyse zuwenden: „Eigentlich hat mein eigenes Leben erst im Alter von 61 Jahren begonnen.“ Allerdings relativiert sie auch: „Psychoanalyse und Fabrik zu meistern war ein ganz schöner Spagat. Trotzdem haben sich beide auch ergänzt. Durch die Analyse konnte ich spannungsfreier mit Menschen und Problemen umgehen. Durch die Fabrik habe ich eine starke Realitätsbezogenheit und Sachlichkeit erfahren, wie ich sie von psychoanalytischen Gruppen nicht kenne.“

Befreit von der beruflichen Verantwortung widmet sich Lotte Köhler nun voll und ganz der Psychoanalyse und gründet 1987 ihre Stiftung, deren Grundkapital aus Anteilen ihres Firmenbesitzes besteht. Der weitgefasste Zweck der Stiftung ist die Erforschung der „Wissenschaft vom Menschen“. Und das begründet Lotte Köhler so: „Auf Grund meiner intensiven Beschäftigung mit der Frühentwicklung neige ich der Auffassung zu, dass der Mensch ein auf Gegenseitigkeit angelegtes Wesen ist, und dass es zu triebhaft erscheinenden Durch- oder Ausbrüchen nur dann kommt, wenn ihm die Gegenseitigkeit verweigert wird. Um zu einer menschenwürdigen Selbstentwicklung des Menschen und der Menschheit zu kommen, müssen wir die Anlagen und Möglichkeiten des Menschen kennen und die Bedingungen, unter denen sie im jeweiligen historischen Kontext am besten verwirklicht werden können.“

Lotte Köhler widmet sich der Förderarbeit ihrer Stiftung bis ins hohe Alter mit großer Freude und ganzer Kraft, immer offen und immer bereit Wagnisse einzugehen. Mit großem persönlichen Engagement von Lotte Köhler fördert die Stiftung viele Forschungsvorhaben. Dabei hat man insbesondere Bereiche im Fokus, die fortschrittsträchtig sind, aber von der eher konservativen Psychoanalyse abgelehnt werden, wie die Bindungstheorie. 

Auf Wunsch von Dr. Lotte Köhler richtet die Stiftung von 2011 bis 2019 den mit 80.000 Euro dotierten und alle zwei Jahre vergebenen HansKilian-Preis aus. Er würdigt exzellente Leistungen von Personen, die neue Einsichten in die geschichtliche und kulturelle Existenz des Menschen und seine veränderliche Psyche vermitteln. Zahlreiche Nachwuchswissenschaftler erhielten durch die Köhler-Stiftung eine substanzielle Hilfe, vor allem am Beginn ihrer Forschungslaufbahn. Ganz im Sinne Lotte Köhlers, die es als ihre Altersaufgabe ansah, „dieser Stiftung noch ein gewisses Gesicht zu geben“.

AL

 

OSKAR MOLL
1875 Brieg in Schlesien – 1947 Berlin

 

STILLEBEN MIT ROTEM MOHN UND TRÄNENDEM HERZ. 1946

 

Rechts unten signiert und mit Widmung.
Aquarell mit Leimfarben auf bräunlichem Packpapier, auf Karton.
47 × 54,2 cm

AUKTION 409 // LOT 608
ERGEBNIS € 5.200 (inkl. 30 % Käuferaufgeld)