LEIPZIGER ALLERLEI


Laut Auskunft des Vorbesitzers diente der vorliegende Schrank in der Justiz des kurfürstlichen Sachsen als Aktenschrank. Und für jeden, der in Schubladen denkt, muss es eine wahre Wonne gewesen sein, Papiere in diesem edlen Möbel abzulegen. Auf den ersten Blick wirkt der Schrank unscheinbar, denn sein Innenleben verbirgt er hinter vier mächtigen Türen, die eine Front mit reizvoll geometrischen Wellendekor bildet. Auch das Schlüsselloch muss man erst suchen, dreht man dann aber den großen Schlüssel um (selbst ein Sammlerstück), so erscheinen 33 Schubladen, die in graziler Ahorn-Marketerie durchnummeriert sind. Bemerkenswert ist der authentische Erhaltungszustand mit originalen Beschlägen. Giebelform und die charakteristischen bogenförmigen Wellenprofile sprechen für eine Fertigung durch einen Leipziger Tischler.

 


WELLENSCHRANK
LEIPZIG, DAT. 1707

Furnier Nussbaum.
Einlagen in Ahorn.
227 × 167 × 69 cm

AUKTION 409 // LOT 131
ERGEBNIS 
€ 143.000 (inkl. 30 % Käuferaufgeld)

 Provenienz: Ehemals sächsischer Adelsbesitz

Der Typus des Schrankes mit Dekor durch Wellenprofile wird meist assoziiert mit Frankfurter Kunsttischlerei, findet sich jedoch – jeweils mit regionalen Besonderheiten – aufgrund der zünftigen Gesellenwanderung auch in Nürnberg, Zürich, Straßburg und Sachsen. Zentrum der Herstellung von Wellenschränken in Sachsen scheint dabei nicht die Residenzstadt Dresden, sondern die Handelsstadt Leipzig gewesen zu sein.

Charakteristika Leipziger Wellenschränke sind – wie hier – bogenförmige Türflügel und Giebel sowie der Verzicht auf Schlüsselschilder. An sächsischen Barockschränken häufiger findet sich zudem zwickelförmig floraler Marketeriedekor – hier in den Giebelflächen zwischen Bogenprofilen und Kranzverkröpfungen. Der reiche Dekor mit Wellenprofilen und sogenannten Nasen, die der Front durch Licht-und Schatteneffekte Bewegung verleihen, erfordert besonderes schreinerisches Können und ist an vorliegendem Möbel meisterhaft umgesetzt.

Typologisch bedeutsam ist außerdem die (seltene) eingelegte Datierung „1707“, die einen Anhaltspunkt für die zeitliche Einordnung von Vergleichsobjekten bieten kann und außerdem koinzidiert mit einer ebenfalls 1707 veröffentlichten Publikation Johann Christian Senckeisens, des Obermeisters der Leipziger Tischlerinnung: In dessen „Leipziger Architektur- Kunst- und Seulen-Buch“ bildet er in Figur 31 einen Riss für einen Schrank ab, dessen Türen mit „halbrundten Stäbgen“ dekoriert sind. Solche Risse – also Entwurfszeichnungen – dienten als Muster für Kunsthandwerker.

Riss für einen Schrank aus dem „Leipziger Architektur- Kunstund Seulen-Buch“ von Johann Christian Senckeisen (1707)

 

Grassi-Museum Ein Wellenschrank findet sich auch im Grassi Museum für Angewandte Kunst in Leipzig. Einen Besuch sollte man sich nicht entgehen lassen. Die Ständige Ausstellung des Hauses zeigt Kunsthandwerk und Design von der Antike bis zur Gegenwart. Ein Rundgang reflektiert, dass die Grundbedürfnisse des Menschen, sich zu kleiden und zu schmücken, seine Behausung und seine Umwelt zu gestalten über die Jahrtausende hinweg – in unterschiedlichen Ausprägungen – stets gleich geblieben sind. Die Entdeckungstour führt zu Gefäßen aus der griechischen und römischen Antike, zu chinesischen Gewändern und Teeschalen aus der QingDynastie bis hin zu Klassikern der Moderne, wie Bauhaus-Gebrauchsdesign oder Designerstühlen der Pop-Ära.

www.grassimuseum.de

 

 


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Dr. Bettina Schwick M.A.

Möbel, Skulpturen, Textilien


Frau Dr. Schwicks Schwerpunkte bilden zum einen die Möbelkunst des 18. Jhs., insbesondere der französischen Ebenisterie, die sie seit der Publikation eines Bestandskataloges über historisches Mobiliar in Schloss Ludwigsburg bis heute fasziniert, sowie die süddeutsche Sepulkral-Plastik des Mittelalters und der Barockzeit, mit der sie sich im Rahmen von Magisterarbeit und Promotion eingehend befasste. Nach ihrem Studium der Kunstgeschichte in Würzburg und München absolvierte Frau Dr. Schwick ein wissenschaftliches Volontariat bei der Verwaltung der Staatlichen Schlösser und Gärten Baden-Württemberg in Stuttgart. Diese intensive Beschäftigung mit historischem Mobiliar führte sie bald darauf nach London, Zürich und Amsterdam, wo sie als Junior Cataloguer der Abteilung French and Continental Furniture für Sotheby’s u.a. auch in der Auktion „Of Royal and Noble Descent“ mitwirkte. Seit Ende 2001 wieder in München, verantwortet Frau Dr. Schwick heute im Hause NEUMEISTER unser Kernsegment ALTE KUNST. Sie ist Ihre kompetente Expertin für historische Möbel, Skulpturen, Einrichtung und Textilien.