(CHIEMGAUER) KUNST UND NATIONALSOZIALISMUS


 

 

Zahlreiche Künstlerinnen und Künstler, deren Werke Hans Constantin Faußner in seine Sammlung aufnahm, haben nicht nur gemein, dass sie im bayerischen Voralpenland und dabei insbesondere in der Region rund um dem Chiemsee lebten und arbeiteten. Sie verbindet auch, dass sie die Zeit der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland erlebten, zu der sie eine Haltung entwickeln mussten. Einige von ihnen, wie Constantin Gerhardinger, Thomas Baumgartner und Paul Mathias Padua, konnten ihre künstlerische Karriere nach dem politischen Umbruch unvermindert fortsetzen und aus ihrer motivischen Konformität Profit schlagen. Sie beteiligten sich mit ihren Arbeiten sehr rege am nationalsozialistischen Kunstbetrieb und gehörten schlussendlich mit Verkaufssummen von mehreren Hundertausenden Reichsmark zu den Nutznießern ihrer Berufsgruppe im „Dritten Reich“. Für andere, wie Karl Caspar oder auch Arnold Balwé, stellte die „Machtübernahme“ der Nationalsozialisten eine existentielle Bedrohung dar. Von ihnen wurden in jenen Jahren zahlreiche Werke als „entartet“ diffamiert, aus Museen entfernt und teilweise vernichtet.

In seinem vor wenigen Wochen abgeschlossenen Dissertationsmanuskript untersuchte Felix Steffan, welche Rolle den Protagonistinnen und Protagonisten der Chiemgauer Künstlerschaft im nationalsozialistischen Kunstbetrieb zuzuschreiben ist. Offengelegt wird dabei zum einen, welche Bedeutung einzelne Künstlerindividuen wie Gerhardinger oder Baumgartner der aktiven Teilnahme an den Kunstausstellungen des „Dritten Reiches“ beimaßen und inwieweit sie ihre Verkaufsaussichten und finanziellen Profite durch geschickte Netzwerkarbeit und den engen Kontakt zur Regimeelite zu steigern verstanden. Zum anderen wird ersichtlich, dass eine bipolare Einteilung der Künstlerschaft in explizite Befürworter und Gegner beziehungsweise Verfolgte des Machtregimes kein ausreichend nuanciertes Beschreibungsmodell darstellt. Schließlich beteiligten sich auch einige derjenigen, deren Werke in jenen Jahren zur „entarteten“ Kunst erklärt worden waren, bis kurz vor Kriegsende an provinzialen Kunstausstellungen im Chiemgauer Voralpenland.

Auch die am 8. Mai 2024 bei NEUMEISTER zum Verkauf stehenden Werke der Kunstsammlung Faußner bedürfen vor diesem Hintergrund einer kritischen Beleuchtung und Einordnung. Die ausstehende Publikation der Dissertationsschrift wird hierzu einen wichtigen Beitrag leisten.

Felix Steffans Dissertation ist ein Beispiel dafür, dass die Aufarbeitung des Wirkens von Künstlern wie Constantin Gerhardinger, Thomas Baumgartner und Paul Mathias Padua in der NS-Zeit zusehends in den Fokus der Forschung gerät. In diesen Kontext passt, dass Felix Steffan 2015 ein interdisziplinäres Forschungsprojekt zwischen der Ludwig-Maximilians-Universität München, der Städtischen Galerie Rosenheim und dem Münchner Zentralinstitut für Kunstgeschichte angeregt hat, das 2017 umgesetzt wurde: Unter der Leitung von Prof. Dr. Christian Fuhrmeister fand von 4. September bis 19. November 2017 die Ausstellung „vermacht. verfallen. verdrängt. Kunst und Nationalsozialismus“ in der Städtischen Galerie Rosenheim statt – wozu eine gleichnamige Publikation erschienen ist, in der auch einige Künstler der Faußner Sammlung besprochen werden.


„Eine notwendige Enttabuisierung oder Entmythisierung von NS-Kunst wird nur im kritischen Diskurs vor dem Original erfolgen können.“

Dr. Oliver Kase, Stellvertretender Generaldirektor der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen


 NEUMEISTER beteiligt sich seit jeher meinungsfreudig an solchen kunst- und zeitgeschichtlichen Diskursen. Und auch die Aufbereitung und Konzeption der Faußner-Sonderauktion zeigt einmal mehr, dass der Kunsthandel nicht (nur) mit Aktien handelt, sondern auch Kunstgeschichte schreibt – mit allem gebührenden Respekt gegenüber Künstlern und ihren Werken. Bei der Bearbeitung des bemerkenswerten Sammlungskomplexes Faußner, mit dem wir während mehrerer Jahre vertraut wurden, fand ich beispielsweise bei Constantin Gerhardinger Referenzen zu einigen Gemälden von Édouard Manet – interessant auch, dass Gerhardinger im Mai 1927 in Paris war und dort 1937 auf der Weltausstellung für das 1928 gemalte und damals im Glaspalast ausgestellte Kleinformat „Die Hände“ die Goldmedaille erhielt. Überdies beschäftigt mich eine gewisse stilistisch wie motivisch und zeitgleiche Analogie europäischer Kulturrezeption wie beispielsweise bei der 1898 in Preußisch Holland im ostpreußischen Oberland geborenen, großartigen Künstlerin Lotte (Meta Ida) Laserstein (gestorben 1993 in Kalmar, Schweden) oder der nicht minder herausragenden schottischen Künstlerin Anna Zinkeisen (1901 Kilcreggan – 1976 London). Hierin findet sich Potential, einige der in der Faußner Sammlung vertretenen Künstler doch auch noch einer erweiterten Betrachtung zu unterwerfen. Es bleibt spannend! KS

 

Die Kunst im Nationalsozialismus ist kein Gegenstandsbereich oder gar eine Stilepoche wie das Rokoko oder das Biedermeier – schon deshalb nicht, weil in den 1930er und 1940er Jahren sowohl traditionell figürliche Kunst (ob konservativ oder spätimpressionistisch) entstand wie unterschiedlich progressive, die Tendenzen von Moderne und Avantgarde fortführende Werke. (…)“ und: „(…) Das erste Grundproblem der Beschäftigung mit der Kunst im Nationalsozialismus ist, dass diese bipolare Zurichtung der nationalsozialistischen Kunstpolitik nach 1945 beibehalten wurde – nur mit umgekehrten Vorzeichen. Alles, was bis 1945 als ehren- und weihevoll gegolten hatte, galt nun – bis heute – entweder als „Kitsch“ oder als gefährlich (weil subkutan indoktrinierend), während alles, was abgelehnt und diffamiert worden war, eben deswegen nun als wahr, echt und aufrichtig galt.“ – „Weil das Fach Kunstgeschichte an dieser Konstellation nicht nur beteiligt, sondern ursächlich damit verbunden ist, muss diese Disziplin auch die größtmögliche Anstrengung aufbringen, um die historischen Entwicklungs- und Verdrängungsprozesse so präzise wie irgend möglich zu analysieren. Sie sollte also der Kunst im Nationalsozialismus nicht mehr oder nicht weniger Aufmerksamkeit zukommen lassen als der Kunst der Aufklärung oder der Präsenz mexikanischer Federmosaiken in fürstlichen Sammlungen der Hochrenaissance und anderen frühneuzeitlichen Transferprozessen. Die Disziplin Kunstgeschichte kann auf die nationalsozialistische Kunst nicht mit Reflexionsverweigerung oder gar Arroganz reagieren, sie kann sie nicht, wie mit dem Diktum ,Unkunst‘ geschehen – aus dem Gegenstandsbereich des Faches ausgrenzen. (…)“

Christian Fuhrmeister, Was anders werden muss, in: Christian Fuhrmeister/Monika Hauser-Mair/Felix Steffan (Hrsg.), Vermacht – Verfallen – Verdrängt. Kunst und Nationalsozialismus, Die Sammlung der Städtischen Galerie Rosenheim in der Zeit des Nationalsozialismus und in den Nachkriegsjahren, Michael Imhof Verlag


 

 

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